19.09.2010

Meine Freundin, die Baum

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Einundfünfzigste Lektion.

Gemeint ist nicht Vicki Baum, obwohl wir ihrer in diesen Wochen besonders herzlich gedenken, zum 50. Todestag.

Nein, ich denke an “richtige Bäume”. Sie gehören sicher zu den liebenwertesten Geschöpfen dieser Erde; sie spenden Schatten, binden CO2 und stehen klaglos und ohne viel Worte zu machen ihr ganzes Leben lang aufrecht, wie ein tschechischer Dichter mal bewundernd vermerkte.

Auf ihre ganz eigene Weise illustrieren sie die tiefe Erkenntnis Pascals: “ Ich habe entdeckt, dass alles Unglück der Menschen von einem einzigen herkommt: dass sie es nämlich nicht verstehen, in Ruhe in einem Zimmer zu bleiben.«

Wie sinnig ist es daher, dass die Bäume alle weiblich sind:

Die Akazie, die Birke, die Buche, Eibe, Eiche, die Erle, Esche, Fichte, die Kastanie, Kiefer, Lärche, die Linde, Palme, Tanne, die Ulme, die Weide

Nur der Ahorn tanzt aus der Reihe. Und auch der Baum ist männlich. Das sollten wir ändern. 

Und warum sind die Bäume alle weiblich? Darüber rätseln die Gelehrten schon lange. Die griechische Sage kennt die Dryaden (Baumnymphen); sie bewohnen die Bäume als gute Geister und sterben mit ihnen. Deswegen, meint die klassische Philologie, werden die Bäume z.B. im Lateinischen als “von Natur weiblich” aufgefaßt. Denn obwohl ihr grammatisches Geschlecht oft männlich ist - quercus (Eiche), pinus (Kiefer), malus (Apfelbaum) - erlauben sie Attribute nur in femininer Form: quercus alta (hohe Eiche), pinus bella (schöne Kiefer). Das “männliche Aussehen” dieser Wörter hat später oft zum Geschlechtswandel geführt, weshalb die Kiefer heute zum Beispiel auf Französisch le pin, auf Italienisch il pino und auf Spanisch el pin heißt.

Die deutschen Baumnamen waren widerstandsfähiger und blieben weiblich. Und überhaupt - was haben gute altdeutsche Wörter wie Birke, Buche, Esche, Erle und Linde mit griechisch-römischen Baumnymphen zu schaffen? Da steckt doch sicher mehr dahinter, und ich denke/hoffe, dass meine matriarchats- und göttinnenkundigen Leserinnen uns hier bald aufklären werden.

Von Heine stammt ein Gedicht, das gern herangezogen wird, um die symbolische Bedeutung des grammatischen Geschlechts zu illustrieren:

Ein Fichtenbaum steht einsam
Im Norden auf kahler Höh’;
           
Ihn schläfert; mit weißer Decke
Umhüllen ihn Eis und Schnee.
Er träumt von einer Palme,
Die fern im Morgenland
Einsam und schweigend trauert
Auf brennender Felsenwand.
Aus Lyrisches Intermezzo (1822-23), Nummer 33).

Um eine Hetero-Schnulze zu evozieren, vermännlicht Heine die Fichte zum “Fichtenbaum” - wie schade. Dabei hat doch in Wirklichkeit eine Fichte von einer Palme geträumt! Auch um in Zukunft solche Willkür und Denaturierung gar nicht erst aufkommen zu lassen, sollten wir ab sofort die Baum sagen.

Luise F. Pusch am 19.09.2010 um 07:23 PM