17.10.2009

Müller, Schmidt & Co: Frauen räumen ab

“Herta hat gewonnen”, verkündete der Sprecher am 8. Oktober in den TV-Nachrichten. “Nicht Hertha BSC, aber Herta Müller, auch aus Berlin. Sie bekommt den Literatur-Nobelpreis.”

Und dann wurde weiter geflapst in den Medien. Elke Heidenreich (stern.de) rühmte die Autorin vorbehaltlos, empfahl ihr aber nachdrücklich eine andere Frisur, etwa in der Art wie ihre eigene. Ob das nun wieder so günstig wäre? Ich erinnere mich nicht, anlässlich des Nobelpreises für Günter Grass gelesen zu haben, er solle sich nun aber gefälligst von seinem missfarbenen Schnauzbart trennen.

Harald Schmidt hatte es auch mit Herta Müllers derzeitiger Frisur, ließ ihr letztes Buch Atemschaukel zersägen und erklärte, die Schriftstellerin erinnere ihn auffällig an Max Schreck, den Titelhelden aus Murnaus Vampir-Film Nosferatu. Und Bild titelte dazu: “Harald Schmidt zersägt Herta Müller (ihr Buch)”. Die Präzisierung scheint tatsächlich notwendig.

Ja, die scheue Nobelpreisträgerin ist endgültig in den Medien angekommen. Früher gab es wunderschöne Lieder auf “Die schöne Müllerin”. Diese Zeiten sind vorbei. Als Kathrin Schmidt am vergangenen Montag den Deutschen Buchpreis bekam, sah Bild das wie folgt: “Kathrin Schmidt schlägt Nobelpreisträgerin Herta Müller”.

Am Freitag schauten wir zum Spätstück mal auf das “Blaue Sofa” zur Frankfurter Buchmesse (ZDF-Dokukanal). Rüdiger Safranski verbreitete sich über Schiller und Goethe. Das Publikum war mehr als zahlreich, es quetschte sich bis in die hintersten Ecken. “Der hat aber viel Publikum!” wunderte sich Joey. Des Rätsels Lösung kam bald: Nach Safranskis Abgang nahm Herta Müller auf dem Sofa Platz, die Leute waren ihretwegen gekommen und hatten, um sich einen guten Platz zu ersitzen, Safranski in Kauf genommen.

Den Nobelpreis ließen Herta Müller und ihre Interviewerin links liegen und kamen gleich zur Sache, ihrem neuen Roman Atemschaukel über das Schicksal rumäniendeutscher ZwangsarbeiterInnen in sowjetischen Lagern nach dem zweiten Weltkrieg. Müller zog das zunächst noch unruhige Publikum mühelos in ihren Bann, gerade weil das nicht ihre Absicht schien. Sie hatte eben etwas zu sagen, und das Publikum dankte es ihr. In all dem Messetrubel brachte Herta Müller uns in Erinnerung, was die Aufgabe der Literatur eigentlich ist.

Der Spiegel betitelte seine Übersicht über Kommentare der Internationalen Presse mit “Die Feministinnen freuen sich”. Ich denke, jede Frau, die sich über die unsinnige Verteilung der Ressourcen und Preise auch nur ein wenig Gedanken macht, freut sich über die Entscheidung des Nobel-Komitees. Mit dem Reizwort “Feministinnen” soll diese Freude gedämpft werden - denn “richtige Frauen” sehen das nicht so verbissen, sondern wollen nur, dass die oder der Beste den Preis bekommt. Nur die Feministinnen sind so engstirnig, dass sie den Männern den Preis nicht gönnen. Dabei hätte doch Philip Roth den Preis nun wirklich endlich mal verdient.

Aber nicht nur die Feministinnen sind begeistert. Es freuen sich außerdem
- die Deutschen: “Zum ersten Mal seit 1999 (Grass) geht der Preis wieder nach Deutschland” lesen wir überall.
- die Vertriebenen
- die Menschen, die in einer Diktatur leben
- ganz Berlin (laut Wowi)
- die Rumäniendeutschen und die RumänInnen
- die EinwohnerInnen von Nitzkydorf im Banat, Herta Müllers Geburtsort

Und die Frauen wie gesagt, die dies Jahr überhaupt satt abgeräumt haben: Von den 6 Nobelpreisen gingen vier an Frauen: ⅔ des Medizinpreises (Greider und Blackburn), ⅓ des Chemiepreises (Yonath), 1/2 des Wirtschaftspreises (Ostrom) und der Literaturpreis.

Wahrscheinlich freut sich auch Hertha BSC nicht schlecht. Und bestimmt auch alle anderen, die Herta heißen. Insofern ist es schon recht, dass weder Joeys Favoritin (Christa Wolf) noch meine (Swetlana Alexijewitsch) diesmal den Preis bekommen hat. Denn so ist die Fräude schließlich viel größer, können sich doch auch alle freuen, die Müller heißen.

Luise F. Pusch am 17.10.2009 um 07:35 PM