17.01.2011

Mutter-Witze

Vor ein paar Tagen schrieb mir meine Freundin Marlis:

Ich hab heute meinen Augen nicht getraut - Feuilleton ZEIT Nr.3, 13.1.11, S.37; ein Artikel von Peter Kümmel über die Witzkultur der Jugendlichen (=Bürschlein, wie sich am Ende herausstellt). Es geht um die sog. Mutter-Witze, über deren extreme Frauenfeindlichkeit der Autor kein einziges Wort verliert.

Ich wollte mich ihrem Protest gleich anschließen und einen erbosten Leserinnenbrief an die ZEIT schreiben, fand aber hier in Boston auf die Schnelle kein Print-Exemplar, und online fand ich den Artikel (noch?) nicht. [Nachtrag am 27.1.: seit heute gibt’s den Artikel hier online.]

Deshalb schreibe ich heute eine Glosse über diese Mutter-Witze (von denen ich bis dahin noch nichts wußte), damit Leserinnen in Deutschland die ZEIT mit massivem Protest bewerfen.

Die „Witzkultur“ der Bürschchen tobt sich im Internet auf vielen Mutterwitze-Seiten aus, mindestens schon seit 2008. Gründlich habe ich das nicht recherchiert, weil die Beschäftigung mit diesen extrem frauenfeindlichen Zoten nicht nur die gute Laune verdirbt, sondern auch ungesund für die weibliche Galle ist, die bei der Lektüre dauernd hochkommt.

Jede, die mag, kann im Internet sofort fündig werden. Hier nur drei Beispiele von Tausenden, zum Abgewöhnen:

Deine Mutter ist wie eine Flinte, sie wird immer von hinten geladen!
Deine Mutter kackt vorn Aldi, weil aufer Tür “Drücken” steht!
Deine Mutter ist so fett die benutzt ne Matratze als Tampon!

Inhaltlich drehen sich diese pubertären Sprüche überwiegend um Sexualität, Fäkalien oder Fettleibigkeit - die drei großen Tabus unserer Kultur also. Da die Sprüche kurz sind, eignen sie sich prächtig zur Verbreitung auf Twitter und per SMS. Das ist wohl auch das einzig Neue an ihnen, die rasante Verbreitung „dank“ der neuen Medien.

Aufschlussreich ist, dass es immer „deine Mutter“ heißt, nie „meine Mutter“. Durch die Beleidigung der Mutter des Angesprochenen soll dieser selbst getroffen werden. Anscheinend trifft die Beleidigung der Mutter des Gegners in dieser „Kultur“ noch empfindlicher als die Beleidigung des Gegners selbst.
Das ist innerhalb der Machokultur keineswegs neu. Frühere Generationen haben diese brisante Gefühlslage kodifiziert in Schimpfwörtern wie „Hurensohn“, „son of a bitch“ und „motherfucker“.

Daraus folgt, dass die extreme Frauenfeindlichkeit der Sprüche letztlich auf einer tiefen Verehrung der Mutter gründet. Die eigene Mutter ist unantastbar, mit ihrer Ehre steht und fällt die Ehre ihres Sohnes, und wer sie verleumdet, verletzt damit seine Ehre und trifft wirklich. Das tröstet uns allerdings kaum, zumal die kulturtypische Verachtung aller Frauen außer der eigenen Mutter sich in den “Deine-Mutter”-Zoten hemmungslos austobt. Dass es keine entsprechenden “dein-Vater-Witze” gibt, die das männliche Geschlecht als solches heruntermachen, zeigt, dass die Mutter-Zoten von Männern stammen. Jede Untersuchung der Schimpfwörter einer Sprache bringt dasselbe Ergebnis: Da die Zahl der Schimpfwörter gegen Frauen so viel höher ist als die der Schimpfwörter gegen Männer, ist es nicht schwer, die Verantwortlichen für den Verbalschmutz auszumachen.

Der Mann spaltet die Frau auf in die „Heilige“ (Mutter) und die „Hure“, findet sich in der selbstgebastelten Wirklichkeit nicht zurecht, schmiert manisch-sinnlos herum und macht - im Vergleich zur Frau, die keine „Dein-Vater-Witze“ produziert - wieder mal eine sehr schlechte Figur als Primitivling par excellence.

Luise F. Pusch am 17.01.2011 um 12:45 AM