30.05.2009
Pfingsten: Ausgießung der heiligen Geistkraft oder Verzückte Zungen
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Zweiunddreißigste Lektion.
Heute meldete die dpa:
Nur etwas mehr als die Hälfte der Deutschen kennt die Bedeutung des Pfingstfestes. Das ist das Ergebnis einer Umfrage für die «Bild am Sonntag». Demnach wissen 49 Prozent nicht, dass an den beiden Feiertagen der «Ausgießung des Heiligen Geistes» und der Gründung der Kirche gedacht wird.
Was hingegen die dpa und “Bild am Sonntag” nicht wissen: “Der Heilige Geist” ist aus der Mode, heute reden wir stattdessen von der “Heiligen Geistkraft” (Bibel in gerechter Sprache). Andere sagen wohl auch “Heilige Geistin”. Gemeinsam ist den Neufassungen, dass sie die Weiblichkeit des Originals, des hebräischen (ruach) wie des griechischen (sophia), in der deutschen Übersetzung wiedergeben wollen. Schließlich ist eine rein männliche Hl. Dreifaltigkeit nicht mehr zeitgemäß; außerdem wird die Heilige Geistkraft durch eine Taube symbolisiert und nicht durch einen Täuberich!
Das eigentümliche Wort Pfingsten leitet sich von griech. πεντηκοστή [ἡμέρα] (pentekostē [hēmera]) her und bedeutet „der fünfzigste Tag“. Am 50. Tag nach Pessach / Christi Auferstehung waren die Jünger und Jüngerinnen versammelt - und erlebten also die “Ausgießung der heiligen Geistkraft”: Flammen züngelten über ihren Häuptern, und plötzlich konnten sie “in Zungen reden”, so dass auch Anderssprachige sie verstehen konnten. Bei Luther liest sich “das Pfingstwunder” so (Apostelgeschichte 2, 1-6):
Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an “einem” Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
Frauen gab es damals anscheinend noch nicht. Und das Wunder hielt auch nicht lange an, sonst bräuchten wir nicht so viele Bibelübersetzungen. Auf bibleserver.com gibt es allein acht (!) verschiedene Bibelübersetzungen in deutscher Sprache, 4 in englischer, außerdem Übersetzungen in 30 andere Sprachen.
All diesen Übersetzungen gemeinsam ist das eifrige Bemühen, die Frauen auszumerzen.
Und so fehlt denn auch bei bibleserver.com die schöne neue Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, in der der obige Passus wie folgt aussieht:
Als der 50. Tag, der Tag des Wochenfestes, gekommen war, waren sie alle beisammen. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Tosen wie von einem Wind, der heftig daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus. Unter den Jüdinnen und Juden, die in Jerusalem wohnten, gab es fromme Menschen aus jedem Volk unter dem Himmel. Als nun dieses Geräusch aufkam, lief die Bevölkerung zusammen und geriet in Verwirrung, denn sie alle hörten sie in der eigenen Landessprache reden.
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Was fällt der frauenbewegten Frau sonst noch zu Pfingsten ein? Das Lesbenpfingsttreffen, eine ehrwürdige Einrichtung, die es schon in den 20er Jahren gab. 1992 wurde sie der nichtchristlichen Mehrheit zuliebe in Lesbenfrühlingstreffen (LFT) umbenannt. Vom Pfingstwunder des Zungenredens können trotzdem die meisten Lesben auch beim LFT schöne gefühlvolle Lieder singen.
Luise F. Pusch am 30.05.2009 um 08:21 PM
