15.11.2009
Robert Enke und die Fußballweltmeisterinnen
Das Thema in der vergangenen Woche war der Selbstmord des Nationaltorwarts Robert Enke von Hannover 96. Wir erfuhren, dass er seit sechs Jahren an Depressionen litt, aber den Verlust seines Jobs, der lukrativen Werbeeinnahmen und vielleicht sogar seiner Adoptivtochter fürchtete, wenn seine Krankheit publik würde. Aus diesem Grund begab er sich auch nicht in klinische Behandlung. Ein Teufelskreis.
Das Volk war erschüttert und ging zu Tausenden auf die Straße, um seine Betroffenheit zu bekunden. Abends gab es eine Trauerandacht in der Marktkirche, mit viel Fußball- und Kirchenprominenz von Ballack bis Käßmann.
Obwohl ich seit 25 Jahren in Hannover wohne, hatte ich von Robert Enke noch nie etwas gehört. Anscheinend lebe ich in einem fußballmuffeligen Parallel-Universum, in dem frau nur dann mal hinschaut, wenn unsere Fußballerinen aufspielen.
Nun ich aber aus so traurigem Anlass auf Enke gestoßen wurde, sah ich zwischen ihm und den Spielerinnen viele Parallelen. Vielleicht sollten wir uns um sie Sorgen machen. Enke versuchte seinem Publikum den makellosen Helden vorzuspielen, den es haben wollte. Aber es ist sehr anstrengend und manchmal tödlich, ständig eine Scheinwirklichkeit darzustellen.
Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Männer 2006 auf den dritten Platz kam, bereiteten die Fans den Spielern und ihren Frauen oder Freundinnen einen grandiosen Empfang auf dem Frankfurter Römer. Drei Jahre zuvor waren die deutschen Fußballfrauen Weltmeisterin geworden, waren auch frenetisch auf dem Römer gefeiert worden, allerdings ganz ohne Anhang. Kein Ehemann oder Freund war zu sehen. Auch keine Ehefrau oder Freundin. 2007 wurden sie wieder Weltmeisterin, und das Feiern ohne Anhang wiederholte sich. Ob sie alle lesbisch sind und die Freundin hier nicht vorzeigen wollen, schon wegen der gefährdeten Werbeverträge, fragte ich mich beide Male. Nicht mal als Weltmeisterinnen können sie sich das leisten? Vielleicht sind sie nicht alle lesbisch, haben aber solidarisch beschlossen, dass der Anhang zu Hause bleibt, weil die Lesben unter ihnen die Partnerin nicht öffentlich vorzeigen können.
In den neunziger Jahren sah ich das Weltmeisterschafts-Endspiel zwischen den US-Amerikanerinnen und den deutschen Spielerinnen im Fernsehen. Die Deutschen sahen sportlich-herb aus, kurze Haare, stramme Beine. Die Amerikanerinnen dagegen alle so “feminin” wie möglich, die obligatorischen langen Haare hatten sie zu einem feschen Pferdeschwanz gebunden. Der Unterschied in der Aufmachung lag wohl wieder an den Werbeverträgen. Für die Deutschen gab es damals noch keine nennenswerten, während die Amerikanerinnen schon voll im Geschäft waren. Und die Voraussetzung des Geschäfts ist: feminines Aussehen. Der Verdacht des Lesbischseins muss mit überzeugenden Signalen fortlaufend abgewehrt werden.
Die Fußball-Oberen und der Sportjournalismus sind angesichts des Falles Enke in reuiges Nachdenken verfallen. Es muss sich etwas ändern in der Fußballwelt und im Profisport ganz allgemein, fordern sie nun mit Nachdruck. Die Idole der Nation sollen ab sofort auch mal menschliche Schwächen zeigen dürfen.
Oder menschliche Stärken wie das Lesbischsein, wäre da noch zu ergänzen.
Luise F. Pusch am 15.11.2009 um 03:19 PM
