08.09.2009

Romantische Korsage

Am Samstag gerade frisch aus Boston zurück, ging ich zu Aldi, um meinen Kühlschrank wieder aufzufüllen. Ich kaufte, nachdem ich mir im Sommer wieder zu viele Gin & Tonics und Kartoffelchips gegönnt habe, allerlei Gesundes, Äpfel, Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Gurken und Zucchini.

Zum Schluss kam ich am Wühltisch mit Schwerverkäuflichem vorbei und blieb an einem kleinen würfelförmigen Pappkarton hängen. Er war schon ziemlich zerknautscht und abgegriffen, ein rosa Kleidungsstück hing heraus. Es handelte sich um eine “romantische Korsage”, erfuhr ich durch den Karton-Aufdruck. Neugierig geworden, las ich weiter:

Verspielte Korsage im trendigen Romantik-Look. 3-fach verstellbarer Haken-Ösen-Verschluß im Rückenteil.

FrauenbildIrgendwo habe ich neulich gelesen, dass die Leute die angeblichen Eigenschaften einer Sache, die ihnen suggeriert werden, auch zuverlässig an der Sache entdecken.

Einen “seidigen Schokoladenpudding” oder ein “saftiges Steak” fanden die Testpersonen eindeutig seidiger bzw. saftiger und wohlschmeckender als einen bloßen “Schokoladenpudding” oder ein schlichtes “Steak”, obwohl die Speisen identisch waren. Also passen Sie gut auf sich auf! Sonst kommen Sie am Ende demnächst von Aldi mit einer blöden Korsage nach Hause, nur weil Ihnen verspielt oder romantisch zumute war. Wirkliche Probleme könnten Sie kriegen, wenn Sie Ihre Liebste oder Ihren Liebsten bitten, verspielt an den Haken und Ösen herumzunesteln und Ihnen romantisch aus der Schnürbrust herauszuhelfen. Die werden sich ja kaum wieder einkriegen können.

Nachdem nun der Pornoschick schon bei Aldi angekommen ist und auch uns biedere Hausfrauen erfassen soll, ist es Zeit, sich über Sinn und Zweck solcher Damenoberbekleidung mal wieder Gedanken zu machen.

Mit Haken und Ösen im Rückenteil wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Taillen der Damen der guten Gesellschaft eingeschnürt, ähnlich wie zur gleichen Zeit die Füße der Chinesinnen aus gutem Hause eingebunden wurden. Die Füße verfaulten dabei, die Frauen konnten nur noch mühsam humpeln. Und die westlichen Frauen mit den Wespentaillen konnten nicht mehr richtig atmen, wurden bleichsüchtig und fielen reihenweise in Ohnmacht. Ihre Organe verschoben sich und wurden widernatürlich nach oben oder nach unten gepresst. Manche starben, weil sich die eingeschnürten Rippen in ihre Lungen bohrten.

Die Frauenbewegung machte Schluss mit dem mörderischen Schnür-Unsinn und befreite in einem jahrzehntelangen Kampf die Frauen aus ihren Korsetten und Korsagen. Dafür handelte sie sich den Ruf ein, sie sei “lustfeindlich” und modemuffelig, um noch die freundlicheren Bezeichnungen zu wählen.

In einer Welt, die uns Wörter wie “Lustmord” beschert, ist “lustfeindlich” wohl ein Synonym für gesunden Frauenverstand.

Seit Madonnas SM-inspirierten öffentlichen Auftritten im BH und Korsett ist es Mode geworden, die Unterwäsche außen zu tragen. Die Grenzen zwischen Mode, Pornographie und Prostitution verwischen sich (mehr dazu bei Sheila Jeffreys, Beauty and Misogyny). Das geht bis hin zu Aldi, wer hätte das gedacht.

Aber die Frauen haben offenbar ihren gesunden Frauenverstand noch gut beisammen und machen nicht mit. Als ich heute, drei Tage später, wieder bei Aldi war, lag das Teil (ein Ladenhüter vom Juli) noch immer unverkäuflich da, zusammen mit fünf weiteren unverkäuflichen “romantischen Korsagen”.

Luise F. Pusch am 08.09.2009 um 05:17 PM