14.07.2007

Sag mir, wo die Frauen sind - wo sind sie geblieben?

Wo die Frauen sind? Bei FemBio. Hier werden keine Frauen ausgeblendet, weil sie nicht ins Bild passen.

Im Mai feierten wir den 100. Geburtstag zweier großer US-Amerikanerinnen, Katharine Hepburn und Rachel Carson. Im Juni wäre Katharine Graham (“Mrs Watergate”) 90 geworden. Natürlich wurden und werden sie alle auf FemBio ausführlich gewürdigt. 

Auch in der Männerpresse erschienen Porträts. Freundinnen haben mir schon des öfteren dieStandard.at, die feministische Ablegerin der österreichischen Tageszeitung Der Standard ans Herz gelegt. Dort fand ich die Porträts, um die es im folgenden geht. Sie waren aus Der Standard übernommen und von Männern geschrieben (Klaus Taschwer über Rachel Carson, Michael Freund über Katharine Graham; bei Hepburn wird als Quelle APA/dpa angegeben). Die Links sind etwas inkonsistent - aber Sie werden die Porträts schon finden, zur Not in der rechten Spalte.

Die Porträts in der Männerpresse unterschieden sich von den FemBiografien in einem entscheidenden Punkt. Die intensiven Beziehungen, die Carson und Hepburn mit Frauen hatten, werden nicht erwähnt. Bei Carson stehen ihre epochalen Leistungen im Vordergrund, menschliche Beziehungen scheint sie keine gehabt zu haben. Bei Hepburn wird außer ihren Leistungen ihre Beziehung zu Spencer Tracy gewürdigt, nicht die zu Laura Harding (“Wieviel Kraft hat sie mir gegeben. Ihr verdanke ich meinen Sinn für Feinheiten. Ich fand sie hinreißend, und sie überzeugte mich, daß ich es sei.”) oder Phyllis Wilbourn, Gefährtin ihrer zweiten Lebenshälfte: “Immer da, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Für alle Zeiten.” (K. Hepburn)

Auch bei Katharine Graham wird der Mann in ihrem Leben, Philip Graham, mit erwähnt, nicht aber, was er ihr mit seiner Arroganz antat: „Während er mich einerseits stützte und stärkte, machte er mich andererseits nieder … Allmählich hörte ich ganz auf zu sprechen, wenn wir zusammen waren.“ (K. Graham in ihrem Memoiren).

In Pakulas Film über die Watergate-Affäre, Die Unbestechlichen (All the President’s Men) (1976), mit Dustin Hoffman und Robert Redford, kommt “Mrs Watergate”, die die Aufdeckung erst ermöglichte, nicht vor. Nachdem ich Anfang 2006 Kay Grahams Memoiren gelesen hatte, sah ich mir den Film voll gespannter Vorfreude noch einmal an, um zu sehen, wie ihr Part wohl behandelt würde in dem berühmten Film. Vergebliche Hoffnung, mann fand sie nicht der Rede wert.

FrauenbildIch gebe seit 20 Jahren den frauenbiografischen Kalender Berühmte Frauen heraus. Auf dem Titel des neuen Kalenders sehen Sie die Schriftstellerin und Kritikerin Susan Sonntag - sie wäre im nächsten Jahr 75 Jahre alt geworden. Ihre langjährige Partnerin, die Fotografin Annie Leibovitz, wird in dem Kalender-Porträt natürlich nicht übergangen.

Manchmal haben auch Männer am Kalender mitgewirkt. Ein auffälliger Unterschied zwischen den Biografien, die Frauen schrieben und denen, die Männer ablieferten, war die ausschließliche Konzentration auf das Werk bei den Männern. Ich bekam den Eindruck, daß männliche Biografen das Standardmodell der Biografie großer Männer auf Frauenbiografien übertragen: Die Frau als Partnerin ist nicht der Rede wert, weder als Partnerin des Mannes noch der Frau.

Hingegen der Mann als Partner einer bedeutenden Frau - seine Erwähnung ist unerläßlich (Tracy, Philip Graham). Und wenn er der Frau geschadet hat, so bleibt das unter dem Teppich.

Das Perfide bei dieser Art Geschichtsschreibung ist, daß frau bereits bescheid wissen muß, um festzustellen, was alles unterschlagen wird. Ich habe die Briefe und Autobiografien von Graham, Hepburn und Carson gelesen und merkte sofort, daß die “Standardbiografien” in typischer, ja vorhersagbarer Weise unvollständig waren: Lesbische Beziehungen und männliche Grausamkeit gibt es nicht; Freundinschaft zwischen Frauen wird kaum je ihrer lebenswichtigen Bedeutung entsprechend gewürdigt.

Künstlich am Leben erhalten wird auf breiter Front, standardmäßig, ein Idealbild des Mannes: Er ist stark und ohne Fehl, und schon deshalb hat die Frau keine Götter neben ihm - von Göttinnen ganz zu schweigen.

Da halten wir Frauen uns doch lieber an den klugen Rat Schleiermachers:

Du sollst nicht falsch Zeugniß ablegen für die Männer; du sollst ihre Barbarey nicht beschönigen mit Worten und Werken.

Zu ergänzen wäre noch:

Du sollst auch den naheliegenden Ausweg aus der Misere nicht verschweigen, den schon viele kluge Frauen gefunden haben.

Luise F. Pusch am 14.07.2007 um 10:16 PM