20.06.2009
Šarka
Sie sind auf der Suche nach einem schönen Namen für Ihre Tochter? Wie wäre es mit Šarka (gesprochen Scharka)?
1names.de meldet: “Šarka ist auf Platz 111 der beliebtesten weiblichen Vornamen von insgesamt 21397 weiblichen Namen. Für den Namen wurden bereits 250 Stimmen abgegeben.”
Und ein Thomas gesteht auf derselben Seite: “Meine Freundin hat diesen Namen. Er gefiel mir vom ersten Augenblick an, es war Liebe auf den ersten Blick.”
So erging es auch dem Helden Ctirad mit Šarka, und er zahlte dafür mit dem Leben. Denn die Šarka der tschechischen Sage vom “Mädchenkrieg” war eine listenreiche und unerbittliche Rächerin.
Aber der Reihe nach:
Im Mai saß ich wegen einer hartnäckigen Erkältung mit einem Tuch über dem Kopf am Tisch und inhalierte die heißen Dämpfe der Kamille. Zur Unterhaltung hatte ich mir Smetanas “Ma Vlast” (deutsch unschön übersetzt mit “Mein Vaterland”) aufgelegt, eine 25 Jahre alte Aufnahme mit Kubelik, mitgeschnitten aus dem TV.
Fernsehen mit einem Tuch überm Kopf? Natürlich - bei so alten Orchester-Aufnahmen gibt es ja nichts Schönes zu sehen, keine einzige Frau spielt da mit!
Smetana ist 1884 gestorben; 1984 brachten sie zum 100. Todestag diese Aufnahme mit dem Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks. 25 Jahre später, zum 125. Todestag am 12. Mai, haben sie sie wieder hervorgekramt.
1984 fühlte man sich noch dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verpflichtet. Der Zyklus “Ma Vlast” ist Programm-Musik, und das Programm wurde jeweils getreulich verlesen. Heute gälte das das wohl als zu “wortlastig”.
Die ersten beiden Sätze, Vyšehrad und Die Moldau, waren schon majestätisch bzw. poetisch vorbeigerauscht, da belehrte mich der Sprecher über den dritten Satz, “Šarka” betitelt. Er benutzte Smetanas eigene Erläuterungen:
In dieser Komposition ist nicht die Gegend festgehalten, sondern die Handlung, die Sage von der Maid Šarka, die in leidenschaftlichem Zorn über die Untreue des Geliebten dem ganzen männlichen Geschlecht bittere Rache schwört. Aus der Ferne dringt Waffenlärm. Ctirad ist mit seinen Knappen im Anmarsch, um die streitbaren Mädchen zu bezwingen und zu bestrafen. Er vernimmt schon von weitem das (nur listig vorgeschützte) Klagen einer Maid, erblickt Šarka an einen Baum gebunden und ist von ihrer Schönheit bezaubert. Er entbrennt in heißer Leidenschaft zu ihr und befreit sie. Šarka versetzt mit einem bereitgehaltenen Trunke Ctirad und die Knappen in Rausch und zuletzt in tiefen Schlaf. Auf ein gegebenes Hornsignal, das die Gefährtinnen Šarkas in der Ferne erwidern, stürzen diese aus dem Wald und richten ein Blutbad an. Ein schauerliches Gemetzel, blindes Wüten der ihre Rache stillenden Šarka beschließt das Stück.
Die Vortragsbezeichnung des Schlusses von “Šarka” lautet “frenetico”.
Nachdem ich das mitreißend komponierte und dirigierte Blutbad überstanden hatte, kam ich mit rot erhitztem Kopf unter meinem Handtuch hervor und musste mich erstmal fassen. Wieso hatte ich denn von dieser Sage und dem Šarka-Satz aus “Ma Vlast” noch nie etwas gehört? Vyšehrad, Die Moldau, Aus Böhmens Hain und Flur, ja sogar Tábor und Blanik kannte ich, die beiden letzten allerdings eher nur dem Namen nach - aber Šarka war mir gänzlich neu. Und das ist sicher kein Zufall, denn es ist ein unverblümt, ja geradezu lustvoll männerfeindliches Stück, das der männliche Kulturbetrieb wohl lieber unter Verschluss hält und unter den Teppich kehrt.
Ich besitze etliche sogenannte Konzertführer. In denen schlug ich nun nach und fand, dass über “Šarka” meist mit tadelndem Unterton berichtet wird:
Die blutrünstige Fabel lag Smetana nicht sonderlich. Die Begebenheiten lassen sich aus der Musik zwar bei gutem Willen “heraushören”, aber man bleibt innerlich unbeteiligt (Reclams Konzertführer, 11. Auflage, 1978).
Mann bleibt sicher nicht so unbeteiligt wie er tut, und frau fräut sich bestimmt, dass die Maid Šarka den Spieß mal umdreht. Und überhaupt habe ich anderswo gelesen, dass Smetana den Stoff sehr wohl mochte und dies Stück ihm sehr am Herzen lag!
… Hornrufe erklingen. Es ist der Ruf Šarkas an die Amazonen. Sie überwältigen die Ritter … und bringen ihnen in ihrem Wahn ein schmähliches Ende. (Harenberg Konzertführer, 1998)
Wieso Wahn? Das lief doch alles präzise nach Plan ab.
Auch Tim Ashley vom Guardian diagnostiziert Wahnsinn bei Šarka, “der psychotischen Amazonenkriegerin”.
Die haben wohl eher Kleists Penthesilea im Sinn, die ihren Geliebten Achill im Wahn zerfleischte.
Übrigens: Wirklich wahnsinnig wurde Smetana, und Kleist, seelisch auch nicht sehr gesund, beging Selbstmord. Ob das etwas zu tun hat mit ihrem untypischen Einsatz für Amazonen? Wie die arg fremdelnde Rezeption beweist, hat die Herrenkultur auf sowas null Bock.
Luise F. Pusch am 20.06.2009 um 04:34 PM
