27.06.2009
Sel’ge Base
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiunddreißigste Lektion.
Eine Base ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Ännchens berühmte Arie aus dem Freischütz beginnt mit den Worten:
Einst träumte meiner sel’gen Base…
Das ist noch nichtmal 200 Jahre her, und schon sind fast alle Wörter Ännchens nicht mehr in Gebrauch. Heute müsste sie stattdessen singen:
Meine verstorbene Tante hat mal geträumt …
Früher bedeutete Base “Schwester des Vaters” (Muhme war die Schwester der Mutter, so genau nahm man das damals). Dann übernahm Muhme auch die Funktion der “Base”, und die “Base” verjüngte sich zu “Tochter eines Geschwisters der Eltern”. Dann kam die Base aus der Mode und musste der Cousine weichen.
Es träumt uns auch nichts mehr, sondern wir träumen selber, und die Seligen sind für uns nur noch Verstorbene.
Noch in den 50-er Jahren wurde ich von meiner Tante angehalten, ich sollte statt der “undeutschen” Bezeichnungen “Cousin” und “Cousine” besser “Vetter” und “Base” sagen. Zum Glück verlangte sie nicht, mit “Muhme” angeredet zu werden. “Vetter” wäre ja noch angegangen, aber “Base”, das klang mir doch furchtbar verschroben. In ihrer Familie hatte ich neben den fünf Vettern nur eine “Base”, und so kam das Problem nicht so oft in den Blick…
Heute sehe ich den Rat meiner seligen Tante wieder mit anderen, eher feministischen Augen. “Base” hat gegenüber “Cousine” den Vorzug, dass es ein eigenständiges Wort ist, nicht aus einem Maskulinum (Cousin) abgeleitet. Eine Tante möchte ja auch nicht Onkelin genannt werden, und schon gar nicht will der Onkel Tanterich heißen. Und weshalb ein “Vetter” akzeptabler sein soll als eine “Base” ist auch nicht einzusehen.
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Die verachtete und längst vergessene Base begegnet mir plötzlich auf Schritt und Tritt, überall sind Reklametafeln aufgestellt, in denen für sie geworben wird:

Base ist eine Marke des deutschen Mobilfunknetzbetreibers E-Plus, die zur Zeit so aggressiv beworben wird, dass sie sogar mir auffiel.
Die 5 Männer, die als Geschäftsführer von Base firmieren, werden vermutlich an alles andere gedacht haben als ausgerechnet an Base wie Cousine. Die Base alten Stils ist ihnen vermutlich so fremd, dass ihnen die Übereinstimmung nichtmal eingefallen ist. Auf ihrer Webseite jedenfalls befindet sich eine Schaltfläche, auf der steht “Mein Base”.
Warum haben sie ihre Firma nicht Tante genannt? Da es sich um ein Telekommunikationsunternehmen handelt, wäre doch “Klatschtante” genau so stimmig gewesen wie “Klatschbase”.
Nein - genau wie die Flat-Rate, auf die Base so stolz ist, orientiert sich auch Base am Englischen und soll vermutlich englisch ausgesprochen werden und nicht treudeutsch - treudoof. Base wie Database und Basics undsoweiter.
Und was ist mit den Raketenbasen und Militärbasen? Am besten abschaffen, mögen auch sie schleunigst zu sel’gen Basen werden. Solange das nicht geplant ist, sollten wir Klatschbasen uns diesen Missbrauch einer altehrwürdigen weiblichen Verwandtschaftsbezeichnung verbitten. Ab sofort heißt es “Raketen-” und “Militärvettern”.
Luise F. Pusch am 27.06.2009 um 11:13 PM
