11.08.2011
Slutwalk und Schlampenmarsch
Slutwalks überall, hier im Boston fand schon im Mai einer statt, und übermorgen, am 13. August, geht es mit deutscher Gründlichkeit deutschlandweit los, in Hamburg, Köln, Hannover, Berlin, Leipzig, Frankfurt, Freiburg, München, Passau und im Ruhrgebiet. Mehr Infos hier. Und hier noch ausführlicher, für alle Slutworks morgen, deutschlandweit!
Ich bin begeistert, dass wir Frauen uns wieder bewegen, an die frische Luft kommen und ordentlich Vitamin D machen für den Winter - je weniger wir anhaben, umso mehr! Toll, dass wir endlich mal wieder für ein ureigenes Anliegen auf die Straße gehen, zuhauf, in Scharen: gegen den unerträglichen männlichen Sexualterror. Dass wir dafür eine Methode gefunden haben, die die Medien umso magischer anzieht, je mehr wir uns ausziehen, finde ich genial. Wir schlagen sie mit ihren eigenen Waffen, bzw. fangen sie in ihren eigenen Netzen.
Ich bin dafür, wenn auch nicht dabei, denn ich bin in Boston, und als hier der Slutwalk abging, war ich in Hannover und hatte von Slutwalk noch nie was gehört.
Dabei ist so ein Slutwalk im Sommer genau das Richtige. Joey und ich machten früher unseren täglichen Powerwalk in der Eilenriede (Hannover) oder im Franklin Park (Boston) - jetzt nennen wir es lieber Slutwalk. Ist kürzer und zeitgemäßer und passt besser zu unserem Alter (powerwalken ist zu anstrengend) und zu unserer legeren, um nicht zu sagen schlampigen Kleidung. „Komm, Sluttie“, sagte Joey gestern zu mir, und ich, einst eine stolze Prüde, habe nur gelacht und bin mitgewalkt.
Mit diesem hybriden Ausdruck bin ich bei meinem eigentlichen Thema, denn dies hier ist ja ein Sprachblog. Das Wort Schlampenmarsch ist zwar eine Fehlübersetzung, aber eine wirkungsvolle. Slut wäre wohl besser mit Fotze wiedergegeben. Schlampe ist viel weniger aggressiv als slut. Slut klingt nach slit (Schlitz, aufschlitzen), “Fotze”. Daher auch die widerstrebende Reaktion vieler gestandener Feministinnen in den USA, sich diesen verhassten Ausdruck “anzuziehen”.
Und ein Walk ist nun wirklich kein Marsch, sondern ein Gang. Aber unser Wort Gang ist im Gebrauch sehr eingeschränkt. Zwar kennen wir die Fußgängerin und den Fußgänger - aber keinen Fußgang.
Der Slut Walk ist vermutlich dem Perp Walk nachgebildet, dem vor einiger Zeit Strauss-Kahn unterzogen wurde. Eine Art Spießrutenlauf für den Perp(etrator), den Täter. Aber Schlampenlauf ginge auch nicht, denn es wird ja nicht gerannt, sondern gegangen. Aber nicht spazierengegangen, deshalb fällt auch die gängige Übersetzung Spaziergang für walk aus. Wäre auch viel zu lang.
Widmen wir uns nun den Vorzügen der Fehlübersetzung: Die Verkopplung der unordentlichen Schlampe mit dem militärischen Marsch ist so apart wir attraktiv. Die Schlampe wird dadurch ordentlicher und der Marsch schlampiger - beide Seiten können das gut vertragen.
Wahrscheinlich wird es bei dem Wort Slutwalk auch für die deutschen Ablegerinnen bleiben, und der Schlampenmarsch fristet daneben ein sprachliches Schattendasein.
Aber wenn der Original-Slutwalk immer mehr Varianten hervorbringt, wird sicher auf die Schlampen zurückgegriffen. Z.B. könnte ich mir gut eine Schlampenprozession zu Ehren der Urschlampe Maria Magdalena vorstellen. Oder einen BlumenSchlampenKorso - gibt es Schlampigeres als Blumen, die ihre Geschlechtsteile herausfordernd zur Schau stellen?
Männer dürfen als Schlampi mitmachen (Plural von Schlampus). Und den Schampus nicht vergessen für die durstigen Schlampen. Damit alle gemeinsam schlampampen können.
Und Schlumpi, der Hund mit dem schlumpigen Geschlechts- und Ausscheidungsgebaren, darf auch mitschlumpen. Dann brauchen wir abends nicht mehr mit ihm Gassi zu gehen (engl. slutwalk the dog).
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Dank an Helke Sander für die Erinnerung an FEMEN. Ich hatte die feministische Bewegung/Organisation aus der Ukraine längst vergessen. Die mutigen Frauen aus Kiew waren schon vor drei Jahren überzeugt, feministische Forderungen erführen nur dann Aufmerksamkeit, wenn frau sie barbusig verkündet. Es scheint leider, dass sie recht haben. Hier ein Video über ihren Aktivismus.
Luise F. Pusch am 11.08.2011 um 10:57 PM
