22.05.2006

The L-Word / Das L-Wort

Ab 30. Mai will ProSieben auch das deutsche Fernsehpublikum mit der “L-Word-Serie” beglücken, höre ich. Sie handelt von Liebeslust und -leid einer Gruppe von schicken jungen Lesben in L.A. und Hollywood. Ein paar hetero- oder bisexuell verstörte, aber ebenfalls betörend schöne junge Menschen komplettieren das Geschehen. War schon “Sex and the City” ein Superhit, wie umwerfend wird dann erst “Lesbian Sex and the City” sein, mögen die Produzenten gedacht haben. Oder sind es Produzentinnen? Egal.

Sex sells, lesbian sex natürlich erst recht, aber so direkt darf mann das noch immer nicht sagen, deshalb wurde “lesbian” als “L-Word” kodiert, Abkürzung für jenes schrecklich-schöne, unaussprechbare Wort eben, das mit “L” anfängt.

Und “Sex” konnte man sich auch sparen, denn “lesbisch” ist ja sowieso der Inbegriff von Sex, wie jedermann weiß.

Anfang der 80er Jahre kam das Buch L. Liebe von Sonja Lasserre im Berliner Sudelbuchverlag heraus – eine frühe, allerdings eher europäisch-morbide Vorläuferin der strikt lebensfrohen “L-Word"-Serie: Auch bei diesem Titel hatte das Wort “lesbisch” es noch nicht bis zur Deutlichkeit geschafft, sondern verharrte verschämt in der L-Andeutung.

Apropos Andeutung: Ursprünglich dachte in den USA bei “L-Word” niemand an “lesbian”, es bezog sich vielmehr auf “liberal”, die amerikanische Variante von “politisch links”. Es ist so anrüchig, links/liberal zu sein, daß man das Wort gar nicht mehr ausspricht, sondern nur noch andeutet.

So ist der Titel “The L-Word” eine Anspielung auf beides: Die MacherInnen nehmen die Makelnamen “liberal” und “lesbisch” in einem Aufwasch auf sich und kehren sie um gegen die SpießerInnen im Bushland, bekennen sich als pro-lesbisch, pro-liberal, freisinnig, modern.

So hatten Joey und ich es von jüngeren Lesben und L-Word-Fans auch vernommen, vor etwa zwei Jahren in Boston. Da unser Kabelprogramm nur mini ist (was sollen wir auch mit dem ganzen Schrott), konnten wir die Serie nicht direkt empfangen. Also haben wir uns die erste Staffel auf DVD ausgeliehen. Wir schafften aber nur die Pilotsendung, den Rest haben wir uns geschenkt.

Eindeutig war das ein Softporno. Die Handlung war nur ein Vorwand, um schöne junge Menschen im permanenten Vorspiel, Liebesspiel und gelegentlichen Liebesrausch zu zeigen. Oder ging es mehr darum, ihre hochelegante Reizwäsche (L wie Lingerie?) vorzuführen?

Nachzuempfinden sind diese unsere Eindrücke auch mittels der Webseite www.thelwordonline.com. Die jungen Schauspielerinnen, alle irgendwie gleich aussehend, tragen alle ihre L-Uniform: schöne fließende Satinunterwäsche in dezenten Schattierungen, alles mehr oder weniger hautfarben. Die paar Männer dagegen meist im Smoking, aber das Hemd ist schon mal aufgeknöpft bis fast auf den Bauchnabel, außerdem hängt es teilweise schon aus der verrutschten Hose. Also gleich geht’s weiter, signalisieren sie, gleich geht’s wirklich zur Sache, nicht weggehen, nicht rumzappen hier!

Wir hatten die DVD wieder entsorgt, da ereilte uns “The L-Word” noch einmal, diesmal auf fünf oder noch mehr DVDs. Joeys Schwester hatte sie von ihrem Trip nach Asien mitgebracht. In Singapur oder Hongkong hatte sie Hunderte von DVDs eingekauft, Raubkopien für einen Dollar pro Stück. Ein unwiderstehlicher Preis. Und wir hatten nun sämtliche Folgen von “The L-Word” als Mitbringsel abbekommen. Susie ist zwar selbst stockhetero, aber sehr “supportive”, unterstützend. Sie nimmt ihre L-Schwester samt ihrer deutschen L-Schwägerin ganz locker, das konnte sie mit diesem massiven L-Geschenk auch mal wieder unter Beweis stellen.

Das einzige, was wir behalten hatten vom Erstkontakt mit der Serie war eben ihr Softporno-Charakter. Das sagten wir aber Susie natürlich nicht, sondern bedankten uns begeistert und versprachen, uns alles bald reinzuziehen und Bericht zu erstatten. Um nun unserem Versprechen nachzukommen, schauten wir uns die Pilotsendung noch einmal an. Sie wurde beim zweiten Mal nicht besser. Ich zog mich nach einer halben Stunde zurück, um weiter an meinem neuen L-Buch “Die Venus wird immer dicker” zu arbeiten. Darin geht es um das aufregende Leben von Lesben ab 60. Sex und andere Leibesübungen kommen auch vor, immerhin geht es um die ewige Frage “Wie hält frau sich selbst bei Laune?” Aber die Unterwäsche ist klassische Baumwolle im fröhlichen Blümchenmuster aus der Fünferpackung von Woolworth.

Nach zwei Stunden emsigen L-Dichtens schaute ich nach meiner L-Gefährtin, die vor dem Fernseher eingeschlafen war. Auf dem Bildschirm kopulierten wieder zwei sehr schicke, hauchdünne Lesben, wild und sinnlich.

FrauenbildJoey sah auch sehr sinnlich aus mit ihren rosigen Bäckchen. Aber statt mich nun gleich gierig auf sie zu stürzen, ließ ich sie schlummern und nahm nach Retro-Lesbenart ein gutes Buch zur Hand, vielleicht die L-iebesbriefe zwischen Rachel Carson und Dorothy Freeman aus den prüden fünfziger Jahren. Über ihre Unterwäsche verlieren sie kein einziges Wort, auch treten sie nur im korrekten Schneiderkostüm auf. Trotzdem: Sehr anregend.

Luise F. Pusch am 22.05.2006 um 11:14 AM