30.05.1998
Viagra: Wer braucht all die Erektionen?
Das zweite Jahrtausend neigt sich müde dem Ende zu, die Verweiblichung des Mannes durch östrogenähnliche Chemikalien in der Umwelt schreitet voran - da erlebt die Männlichkeit einen überraschenden Aufschwung. Im Frühling 1998 kam “die Pille für den Mann” auf den Markt, auf daß auch er endlich an der sexuellen Befreiung teilhaben könne, wie die Medien sich ausdrückten. Daß die sogenannte Pille für den Mann verhütungsmäßig das genaue Gegenteil der “Antibabypille” ist, kann mann vernachlässigen. Verhütung ist schließlich Sache der Frau. Und die wird nun mehr zu verhüten haben denn je, nicht nur Schwangerschaften, sondern auch Aids.
Die neue Pille heißt Viagra. Das läßt sich in den meisten Sprachen gut aussprechen - wichtige Voraussetzung für die globale Vermarktung. Allerdings klingt der Name eher weiblich - wäre nicht sowas wie Victor, Maxim oder Collum mannhafter gewesen? Möglicherweise soll der feminine Name die sexmuffelige Ehefrau einlullen und besänftigen, die schließlich den Großteil der zu erwartenden Spermaspringflut zu verkraften hat. Oder soll sie schon mal eingestimmt werden, die Erektionspille selber zu nehmen? Wie wir hören, wird “Viagra für die Frau” derzeit an 400 Europäerinnen getestet. Schließlich leben wir im Zeitalter der Gleichberechtigung. Und die enormen Entwicklungskosten wollen auch wieder reinverdient werden.
Viagra reimt sich im Englischen auf Niagara ["Naiägra" mit Betonung auf dem ä]. Nun haben die Niagarafälle zwar naturgemäß und wie der Name schon sagt eine eher fallende als steigende Tendenz, aber zweifellos sind sie ein gewaltiges Naturschauspiel tosender Fluten, es schäumt und spritzt, daß es eine Freude ist. Außerdem sind die Niagarafälle beliebt für Hochzeitsfeiern, Flitterwochen und ähnlich erektionsfreudige Seifenopern. Das ist es wohl, was die Namengeber im Sinn hatten.
Die Frauen verhielten sich in all dem Jubelgeschrei merkwürdig, ja geradezu unheimlich still. In den vielen Radio-Talkshows, die ich in den USA zum Thema Viagra gehört habe, redeten fast nur männliche Experten, riefen auch fast nur Männer an. Männer schäumten über vor Begeisterung und produzierten täglich neue TV- und Radio-Talkshows, Artikel, Glossen, Kommentare und wissenschaftliche Betrachtungen. Aber die mutmaßlichen Empfängerinnen [um inhumane Wörter wie Auffangbecken oder Samenklo zu umgehen] all der angestauten und nun ungestüm hervordrängenden Samenflüssigkeit schienen wenig interessiert geschweige denn begeistert. Eine Umfrage unter Ehefrauen brachte das ernüchternde Ergebnis, daß sich nur 15 Prozent für einen eventuellen Viagrakonsum ihrer Männer erwärmen konnten. Gründe für die lustlose Reaktion wurden nicht verraten, auch wurde die Nachricht nur ein einziges Mal gesendet.
Es scheint also, daß hier mal wieder ein Produkt - Sperma - kraß an der Hauptzielgruppe vorbeiproduziert wird. Ich finde es ok, daß schwule, bisexuelle und masturbationsfreudige Männer nun so viele Erektionen haben können wie sie wollen und bezahlen können [US-amerikanische Krankenversicherungen sind bereit, sechs Erektionen pro Monat zu finanzieren]. Aber was ist mit der zu erwartenden gewaltigen Restmenge an Erektionen und Samenflüssigkeit, die der Frau zugedacht sind? Wer braucht denn all diese Erektionen?
Bis zum Auftauchen von Viagra war Impotenz kein Thema. Nun es eine Kur gibt, wird ein Theater gemacht, als sei ein Mittel gegen Krebs gefunden worden. Plötzlich scheint es, daß ganze Heerscharen von Männern an Impotenz gelitten haben - ohne daß es weiteren Kreisen aufgefallen wäre. Die betroffenen Männer haben darüber verschämt geschwiegen, und die Frauen haben offenbar nix vermißt, im Gegenteil. Für diese These spricht auch der Verkaufserfolg von Büchern wie “Suche impotenten Mann fürs Leben” und Songs wie “Sperma ist ekelhaft”, mit dem das gemischte Duo “Herrchens Frauchen” vor ein paar Jahren einen Superhit landete.
Viagra muß eine Stunde “vorher” eingenommen werden. In dieser einstündigen Zwangs-Besinnungspause zwischen Planung und Durchführung der Orgie sehe ich den einzigen wirklichen Vorteil für die Frau. Der Mann muß sich in Stimmung bringen, sonst nützt ihm auch Viagra nichts. Es steht zu befürchten, daß er das mittels Pornos tun wird. Aber es besteht ja - mal rein theoretisch gesehen - auch die Möglichkeit, sich der Partnerin (oder dem Partner) liebevoll-erotisch zuzuwenden, eine ganze Stunde lang, WOW! Genau diese liebevolle Zuwendung ist es ja, was Frauen an Sexualität, wie Männer sie verstehen, gewöhnlich vermissen. Die 85% der Ehefrauen, die nichts von Viagra wissen wollen, haben diesbezüglich ihre Gatten vermutlich schon lange aufgegeben. Sex bedeutet für sie Unlust, und mehr Sex bedeutet noch mehr Unlust - weil es nicht ihr Sex ist, sondern seiner: Rein, umrühren, raus, umdrehen, einschlafen.
Ansonsten heißt es wachsam bleiben. Die Erektionen mehren sich, 6 pro Monat sind genehmigt und vorgesehen. Zugleich werden weltweit die Abtreibungsgesetze verschärft. Kein Wunder, daß Frauen keine Lust haben. Aber weil wir keine Spielverderberinnen sein wollen, protestieren wir weder lautstark, noch rufen wir zum Boykott auf. Noch nicht.
Luise F. Pusch am 30.05.1998 um 05:02 AM
