09.11.2008
Von Männern, die auch Frauen sein können
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar: Fünfundzwanzigste Lektion.
“Der amerikanische Präsident wird nicht vom Volk, sondern von Wahlmännern gewählt” - hörten wir in der vergangenen Woche wieder und wieder in den Medien. Nur ganz wenige sprachen von Wahlmännern und -frauen - oder gar Wahlfrauen und -männern.
Auf Englisch heißen die Wahlfrauen und -männer electors (geschlechtsneutral); sie bilden das electoral college, das Wahlkollegium. Weitere technische Einzelheiten zum Wahlsystem der USA erfahren Sie hier.
Solange in den USA nur Männer wählen durften (bis 1920), war die Übersetzung “Wahlmänner” korrekt. Seither aber hätte mann die obsolete Bezeichnung gern schon mal korrigieren dürfen, aber diese Mühe macht mann sich hier nicht, geht es doch nur um die Interessen von Frauen. Und so fragt das Volk ein übers andere Mal verwundert nach: “Wahlmänner - sind das wirklich nur Männer?” Und wird mit flapsigen bis übel frauenfeindlichen Antworten abgefertigt:
Diese Menschen heißen Wahlmänner. Früher waren das wirklich nur Männer. Heute sind es auch Frauen.
Jeder Bundesstaat bekommt eine gewisse Anzahl von Wahlmännern - (Bevor ein Emma-Einsatzkommando hier die Tür eintritt: Natürlich können das inzwischen auch Frauen sein. Der englische Begriff elector ist geschlechtsneutral, aber anscheinend hat man sich im Deutschen auf “Wahlmänner” festgelegt, warum auch immer. Wer will, kann das Wort im Geiste durch etwas politisch korrektes wie “Wahlmännerinnen” ersetzen.) (Scot W. Stevenson in seinem Blog “Usa erklärt”)
Für solche mannhafte Rede gibt es im Englischen eine treffende Bezeichnung, nämlich “to add insult to injury”: Es genügt nicht, die Wahlfrauen zu übergehen und so zu schädigen. Bevor wir Frauen uns auch nur beschweren, werden wir für eine solche Unverschämtheit schon mal vorsorglich als brutales türeintretendes “Emma-Einsatzkommando” verunglimpft, und mann stellt uns frei, uns mit der Ekelbezeichnung “Wahlmännerinnen” zu “trösten”.
Putzmänner und Hausmänner gibt es noch nicht lange - aber seit es sie gibt, werden diese Männer korrekt bezeichnet und nicht als “Putzfrauen” und “Hausfrauen” lächerlich gemacht. Denn Feminisierung ist in unserer Herrenkultur für einen Mann unzumutbar, die letzte Erniedrigung. Die Liste der Neuschöpfungen speziell für den Mann, der in weibliche Berufsfelder eindringt, ist lang und wohlbekannt:
Krankenschwester > Krankenpfleger; Hebamme > Geburtspfleger; Stewardess > Flugbegleiter; Kindergärtnerin > Erzieher. Usw. usf.
Maskulinisierung der Frau ist im Deutschen hingegen die Norm: Nicht nur sind 99 Sängerinnen und 1 Sänger auf Deutsch zusammen 100 Sänger - auch Wahlfrauen kann mann ruhig 90 Jahre lang unter “Wahlmänner” subsumieren, kräht doch kein Hahn danach.
Die “Wahlmänner” erinnern an die “Buschmänner” aus Afrika. Auch die Buschmänner sind eine typisch männerdeutsche Fehlübersetzung aus dem Englischen, wo sie bushmen heißen, also Buschmenschen oder Buschleute. In ihrer eigenen Sprache heißen sie San oder Khoi.
Auch das Volk der Buschleute oder San besteht mehrheitlich aus Frauen - das ist aber kein Grund, auf die schöne Bezeichnung Buschmänner zu verzichten. Und wenn mann schon von den Frauen reden muß, ja dann heißen sie eben - nein, nicht Buschmännerinnen, aber so ähnlich: Buschmannfrauen.
Ich schlage vor, statt “Mann” demnächst “Weibling” zu sagen, also “Wahlweiblinge”, “Buschweiblinge”, “Feuerwehrweiblinge” undsofort. Das Wort erinnert bildhaft an ihren Ursprung und hilft vielleicht dem verkümmerten männlichen Einfühlungsvermögen ein wenig auf die Sprünge.
Luise F. Pusch am 09.11.2008 um 02:29 PM
