16.07.2011

Wir gratulieren Österreich zur Töchterhymne

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Fünfundfünfzigste Lektion.

Österreich hat ein neues Wort kreiert: die Töchterhymne. In der jetzt noch gültigen österreichischen Nationalhymne heißt es in der vierten Zeile: „Heimat bist du großer Söhne“ - und den großen Töchtern Österreichs missfiel es schon lange gründlich, dass sie in ihrer eigenen Nationalhymne unterschlagen werden. Das soll sich nun ändern. Die Frauensprecherinnen der ÖVP, der SPÖ und der Grünen erklärten am 13. Juli in einer Pressekonferenz, im Herbst solle die Änderung beschlossen werden, und ab 1. Januar könnte die neue Fassung - im Volksmund schon bekannt als die „Töchterhymne“ - gesungen werden. Statt „Heimat bist du großer Söhne“ soll es heißen „Heimat großer Töchter, Söhne“. Sogar die Reihenfolge - Ladies first - kommt hin, wenn auch nur des Reimes wegen: die entpatrifizierte neue Zeile muss sich reimen auf „Volk, begnadet für das Schöne“. Diese Zeile klingt allerdings eher nicht so begnadet.

Umgehend gründeten stramme Maskulinisten auf Facebook Anti-Töchterhymnen-Blogs, in denen wir die großen Söhne Österreichs beim beleidigten Schwadronieren beobachten können: Sie seien keine „Töchtersöhne“, maulen sie. Aber natürlich sind sie das, alle Männer - was denn sonst?

Der Artikel zum Thema, den der Standard veröffentlichte, generierte seither schon 2697 (!) überwiegend gehässige Kommentare der üblichen Art. Nicht einmal der österreichische Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle mochte die Töchter in der Nationalhymne sehen - vielleicht ist er nach endlosen Hänseleien in seiner Jugend gegen Töchter überhaupt allergisch?

Die österreichische Ex-Frauenministerin Rauch-Kallat, die den Antrag im Nationalrat hatte einbringen wollen und von ihren eigenen männlichen Parteigenossen durch absichtliche Bandwurmreden daran gehindert wurde, ließ weitere Taten folgen: Es kam die Pressekonferenz mit den Kolleginnen der anderen Parteien, dann ein vielbeachteter musikalischer Auftritt, in dem die Opernsängerin Ildiko Raimondi den eingeladenen Presseleuten vorsang, wie hübsch die „Töchterhymne“ in Wirklichkeit klingt, und dass selbst ein eingefügtes „und“ („Heimat großer Töchter und Söhne“) die Melodie nicht aus dem Takt bringt, höchstens den Text. Aber mit was für einem Gewinn. Die Facebook-Blogger können ihre Töchtersöhne-Schmollerei einstellen und sich endlich wieder den „wichtigeren Themen“ widmen. (Seltsam übrigens, dass das angeblich so unwichtige Thema „Geschlechtergerechte Sprache“ in sämtlichen Mainstream-Medien regelmäßig bei weitem die meisten Kommentare generiert, kurz: am wichtigsten genommen wird.)

Die österreichische Original-Söhne-Hymne wurde pikanterweise von einer Frau gedichtet. 1946 regte der Ministerrat das Volk mit einem Preisausschreiben zu Textvorschlägen für eine neue Nationalhymne an - das Nazi-Deutschlandlied mochte mann nicht mehr. 1800 österreichische Töchter und Söhne beteiligten sich, und Paula von Preradovic gewann, vielleicht weil sie - typisch weiblich -  sich selbst und alle anderen Frauen übergangen hatte? Die Jury des Preisausschreibens war vermutlich rein männlich und hatte ihre Freude dran. Sie bastelten noch ziemlich robust an Paulas Text herum (Paulas Verlag erklärt heute das Reparatur-Ergebnis für heilig und lehnt nun jede Einarbeitung artfremder Elemente wie bspw. „großer Töchter“ ab).

Es ist des weiteren in der Hymne die Rede von einem Brüderchor - der soll vorerst nicht zu einen Schwestern- oder Frauenchor veredelt werden:

Einig lass in Brüderchören,
Vaterland, dir Treue schwören.
Vielgeliebtes Österreich,
Vielgeliebtes Österreich.

Auch das Vaterland soll vorerst erhalten bleiben.

Dieselben patriarchalischen Relikte finden wir ja auch in unserer Nationalhymne, der dritten Strophe des „Deutschlandlieds“:

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach laßt uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!

Diese feste Verbindung zwischen Nationalstolz und Machismo - die Brüder schließen sich zusammen unter Ausschluss der Frauen - sollte uns zu denken geben. Wollen wir diese Lieder für einen Männergesangverein überhaupt mitsingen? Wollen wir nicht lieber Tomaten werfen, wenn diese Hymnen erklingen? Wäre vielleicht schade um die vielen Tomaten, es wurden während der EHEC-Krise schon genug vernichtet.

Behalten wir also die - passend aufgehübschten -  Hymnen ruhig bei, damit bei gewissen Anlässen (Olympiade, Gaylympics, Fußball-Weltmeistaschaft) das Nationalgefühl sich mit lautem Gesang ausleben kann. Aber sie sollten regelmäßig aktualisiert und den neuen Sensibilitäten angepasst werden, wie die Töchterhymne. Alle zehn Jahre eine Überprüfung, ob der Text noch erträglich ist. Andernfalls ein schönes Preisausschreiben, um die Hymne wieder auf Vorderfrau zu bringen.

(Dank an Heidi Hintner und Gertrude Eigelsreiter-Jashari für den Hinweis auf die schönen Neuheiten aus Österreich.)

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Luise F. Pusch am 16.07.2011 um 10:02 PM