30.09.2007

Wir sind Weltmeista!

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebte Lektion

Heute nachmittag habe ich mir im Fernsehen das Endspiel der Fußballweltmeistaschaft in Shanghai angesehen - wow! Über die brasilianischen und die deutschen Fußballerinas oder -ballerinen ist nicht viel zu sagen, die waren einfach phänomenal, ja geradezu fembional.
Aber die Leistung des Reporters Norbert Galeske möchte ich hier mal fachfraulich bewerten.
Zuerst aber noch ein Wort über das Absingen des Deutschlandlieds. Die Frauen sangen fröhlich mit, stockten nicht mal bei den unhöflichen Wörtern “brüderlich” und “Vaterland”. Na vielleicht dachten sie an einen schnuckeligen kessen Vater.
Nur Birgit Prinz nahm die Lippen nicht auseinander. Recht hat sie. Da muß sich erst noch einiges tun mit diesem Lied für einen Männergesangverein.

Was hat uns nun der Reporter sprachlich geboten?
A Positiva:
• Seine Haltung war im allgemeinen anerkennend und respektvoll - ein wohltuender Unterschied zu herablassenden Kommentatoren der Vergangenheit, die vor gröbsten Sexismen nicht zurückschreckten.*** Nichts dergleichen bei Galeske.
Genau so positive Noten bekommt unser Innen- und Sportminister Schäuble für seine verbale Leistung nach dem Sieg der deutschen Frauen. Er strahlte vor Glück - auch das haben wir gern.
• Dafür, daß er die Brasilianerinnen beim Vornamen nannte, entschuldigte sich Galeske - das sei halt in Brasilien so üblich, auch bei den Männern, z.B. hieße es doch immer nur Ronaldo und Ronaldinho.
Früher hätte der Reporter auch die deutschen Spielerinnen plump vertraulich beim Vornamen genannt und keinerlei Erklärung für nötig gehalten.
• Fast immer wurde von den Spielerinnen, den Brasilianerinnen, den Norwegerinnen usw. gesprochen, nur selten gab es da Ausrutscher ins vertrautere Maskulinum. “Kapitänin Birgit Prinz” und “Torfrau Nadine Angerer” kam dem Reporter schön geläufig von den Lippen.

B Negativa:
• Das Wort Mannschaft gebrauchten sie alle, die Spielerinnen, ihre Trainerin Silvia Neid und auch der Reporter. Das viel passendere Team kam nur selten zum Einsatz, von dem ausdrucksvollen Frauschaft erst gar nicht zu reden.
• Wir sind jetzt “Frauenfußballweltmeister”. Oder einfach “Wir sind Weltmeister”. Aber gegen diese Verunglimpfung der Frau haben wir ja einen akustischen Selbstschutz entwickelt. Wir hören das einfach als “Wir sind Weltmeista”, wie wir es in den vergangenen Lektionen eingeübt haben. “Wir sind Weltmeisterin” - nein, dafür war ich früher mal. Jetzt sind wir was besseres.
• Mann redet von “Fußball” auf der einen und “Frauenfußball” auf der anderen Seite. Im Skisport und in anderen Sportarten, wo Frauen schon früher Fuß gefaßt haben, gibt es Damen und Herren (“Abfahrtslauf der Herren”, “Damentennis”). Im Fußball gibt es dagegen bisher nur Frauen. Der Männerfußball heißt - noch - “Fußball”. Aber das wird sich ändern, genauso wie die “Frauenfußballmannschaft” (klingt fast wie “Frauenmännerklo”).

Ausblick:
Unsere Kanzlerin teilte bei ihrer ersten Neujahrsansprache dem verdutzen Volk mit: “Die Frauen sind ja schon Weltmeista, und das trauen wir den deutschen Männern auch durchaus zu.” Nun, unsere Männer haben’s nicht ganz geschafft, die deutschen Frauen dagegen gleich zweimal hintereinander, das gab’s hier noch nie. Noch dazu ohne ein einziges Gegentor während der gesamten Weltmeistaschaft.
Von daher glaube ich, daß mit “Fußball” bald nur noch “Frauenfußball” gemeint ist. Was die Männer bieten, ist dagegen - naja, eben Männerfußball.

*** Anne Beck schickte uns den Hinweis auf eine instruktive Webseite zur Geschichte der verschreckten bis haßerfüllten Männerreaktionen auf den Frauenfußball in Deutschland. Die sehenswerten! Abbildungen dort stammen aus dem Buch Verlacht, verboten und gefeiert - Zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland, von Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza, Landpresse Verlag,10 Euro.

Luise F. Pusch am 30.09.2007 um 09:37 PM