Sibylle Plogstedt: Frauenbetriebe - Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin
Sibylle Plogstedt:
Frauenbetriebe - Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin.
Ulrike Helmer Verlag 2006
Rezension von Helke Sander
Das Sein verstimmt das Bewusstsein
Man kann Plogstedts Buch mindestens unter zwei Gesichtspunkten lesen.
Zum einen ist es das, was auch der Titel sagt: eine soziologische Untersuchung über verschiedene von Frauen geleitete Betriebe. Anders als der Titel vermuten lässt, meint Sibylle Plogstedt damit allerdings ausdrücklich nur solche Betriebe, die sich durch innerhalb der neuen Frauenbewegung entstandene Bedürfnisse gebildet haben und deren Gründerinnen sich als frauenbewegt verstanden. Sie meint nicht solche Unternehmen - durchaus aus den gleichen Branchen - die schon immer von Frauen gegründet und erfolgreich geleitet wurden und werden, wie Verlage, Buchhandlungen, Kneipen, Hotels, alle möglichen Läden u.a. (durchaus auch von Feministinnen).
Genaue Zahlen liegen nicht vor, aber die mit oder durch die Frauenbewegung entstandenen Arbeitsplätze dürften nicht unter 10.000 liegen, manche vermuten höhere Zahlen. Allerdings erreichen sie nicht die Zahl der durch die Ökologiebewegung geschaffenen Arbeitsplätze, die entstanden sind aus Debatten über Naturschutz, Artenschutz, über die Endlichkeit der Ressourcen und daraus folgend die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderung. Nicht dass ähnlich gewichtige Debatten nicht auch von Frauen angestossen worden wären. Sie finden aber praktisch keinen oder nur einen „privaten“ Niederschlag in diesen Betriebsgründungen. Dennoch waren diese Unternehmen in der Öffentlichkeit präsent, bildeten überregionale und bisweilen auch übernationale Netzwerke und fungierten zumindest eine zeitlang (wichtig: mit Einschränkungen! Siehe 2.Teil) als Multiplikatoren und Stützpunkte für andere aus der Frauenbewegung hervorgegangene Projekte.
Die seit Anfang der neuen Frauenbewegung aktive, ja diese sogar konstituierende Diskussion über „Das Private ist politisch“ bezog sich ursprünglich auf eine notwendige Veränderung der ganzen Gesellschaft, u.a. um Kinder und Beruf miteinander vereinbaren zu können und Frauen gesellschaftliche Definitionsmacht zu geben. Diese Überlegungen spielen aber weder bei Plogstedt noch bei den interviewten Unternehmerinnen eine Rolle. Viele, vielleicht sogar die meisten der geschilderten Betriebe entstanden nach Plogstedt spontan: lesbisches Paar + unklare Vorstellung von Kollektivarbeit und Ablehnung von Macht + mangelnde Professionalität + gleiche Bezahlung + Gleichheitsanspruch trotz unterschiedlicher Fähigkeiten + Männerausschluss. Es ist klar, dass solche Einrichtungen bei so viel vorhersehbaren Konflikten und Realitätsferne nur von sehr jungen Frauen gegründet werden konnten, die mit viel Optimismus und wenig Sachkenntnis an die Verwirklichung herangehen konnten, weil die Frauenbewegung und später die Alternativbewegungen stark waren, viele Projekte öffentliche Zuschüsse erhielten und so zumindest eine Zeitlang die Grunddefizite der Gründungen überdecken konnten. Für eine gewisse Klientel bildeten diese Gründungen über etliche Jahre eine Bereicherung der gross- wie kleinstädtischen Infrastruktur, und manche Einrichtungen waren und sind auch für alle Frauen und nicht nur für den engsten ideologischen Kreis nutzbar und brauchbar.
Sibylle Plogstedt schildert ausführlich die sich aus den oben genannten Arbeitsvoraussetzungen ergebenden Konflikte, die in den meisten Fällen die ursprünglichen Kollektive sprengten. Das hatte zur Folge, dass viele der Gründerinnen in andere Berufe abwanderten und nicht mehr auftauchten. Diejenigen aber, die blieben und aus den Erfahrungen lernten, standen vor Zeiten harter Prüfungen und Umdenkprozesse.
Interessant ist dabei, über wieviel Irrtümer und Neuanfänge wenige Frauen mit Visionen die in der Betriebsgründungsphase nur idealistische Idee einer gerechten, nicht hierarchischen und einigermassen gleich bezahlten Arbeitswelt zu retten versuchten, wie z.B. die Geschichte vom Handwerkerinnenhaus zeigt. Dass gewisse Vorstellungen von „Grundwerten“ nicht von allen aufgegeben wurden, sondern mit mehr Vernunft und Sachkenntnis heute weiter verfolgt werden, das beschreibt S. Plogstedt sehr ausführlich. Allerdings gehen von den Einzelunternehmerinnen kaum neue Impulse aus, wie denn im grossen Stil Arbeit veränderbar sei. Insofern stellt sich auch immer wieder die Frage, warum diese Betriebe überhaupt sowohl „feministisch“ wie „politisch“ genannt werden. Möglicherweise liegt das eben auch daran, dass die meisten Betriebsgründungen nach Plogstedt von kinderlosen Lesben gemacht wurden, deren Ausgangspunkt die Frauenbewegung war. Nur einmal taucht in einer Rede die Grundsituation von Frauen auf, dass die meisten Frauen nämlich Kinder kriegen. Eine „gewandelte“ Unternehmerin spricht davon, dass sie keine Frauen einstelle, „denn die werden schwanger“ und verursachen Betriebskosten. Man könnte auch sagen, Plogstedt zeigt, wie die Frauen die Entwicklung hin zur Unternehmerin im Kapitalismus mal mehr, mal weniger gut vollziehen. Plogstedt beschreibt aber auch den Mief, die Abschottung, die intellektuelle Bescheidenheit mancher dieser Betriebe, was deutlicher wurde, als die Frauen nicht mehr frisch und jung waren, die Matratzen in den Zentren nicht mehr neu und die Kundinnen mehr Service und Kompetenz verlangten. Es wird gewissermassen zwischen den Zeilen deutlich, wovon sich jüngere Frauen absetzten, wenn sie die Frauenbewegung ablehnten, denn sie trat ihnen oft nur noch extrem muffig, unattraktiv und dogmatisch entgegen.
Andererseits aber erzählt die Geschichte dieser Frauenbetriebe auch etwas über die schwierige Demokratisierung der Bundesrepublik, über die Geburtsschmerzen sich emanzipierender Frauen, mit Hass, Misserfolgen und Enttäuschungen, aber auch Freuden beim Selbständigwerden. Und das ist in dieser Ausführlichkeit, soweit ich weiss, noch nie geschehen.
Der zweite Gesichtspunkt, unter dem das Buch auch gelesen werden kann und der sich wie unbeabsichtigt als Subtext hindurchzieht, ist für mich eigentlich noch interessanter. Tatsächlich erzählt das Buch etwas über das Schicksal der Richtung der neuen Frauenbewegung, die sich öffentlich durchgesetzt hat und weitgehend unter dem Begriff “autonome Frauenbewegung” zuammengefasst wird. Andere Richtungen kommen nicht vor, und so verstärkt Plogstedt mit diesem Buch den sowieso schon herrschenden Eindruck, als habe es sie nicht gegeben.
Ich muss hierzu etwas genauer ausholen, weil es mir wichtig erscheint, will man eine soziale Bewegung, ihre Erfolge und Misserfolge und geistige Entwicklung, begreifen.
Offenbar ist das allgemeine Harmoniestreben von Frauen so gross und eine Störung so bedrohlich, dass sie auf jeden Fall verleugnet werden muss.
Das hat dem Bewusstsein von der eigenen Geschichte schon beträchtlichen Schaden zugefügt , weil man sich so selber der Erkenntnis verschliesst, welche Mechanismen ablaufen, wenn sich Menschen zusammenfinden, um gemeinsam etwas gesellschaftlich zu verändern. In von Männern dominierten Bewegungen sind Abweichungen selbstverständlich, und sie werden benannt und je nach Zivilisationsgrad mit Argumenten oder mit Waffen bekämpft oder einverleibt. Im „Mainstream-Feminismus“ aber wird so getan, als sei „DIE“ Frauenbewegung eine einheitliche, starke, in die gleiche Richtung treibende Kraft gewesen, die nur ab und zu an nebensächlichen dogmatischen Verirrungen litt, über die Plogstedt auch durchaus schreibt - also Diskussionen darüber, wie jung männliche Kinder höchstens sein dürfen, um überhaupt in eine Fraueneinrichtung mitgenommen werden zu können u.ä. Sie erwähnt allerdings nicht, dass Ausschlüsse sich durch viele Projekte zogen und beispielsweise viele Zeitschriften, Bücher, Denkanstösse, an denen in irgendeiner Form auch Männer beteiligt waren, nicht Zugang zu den Frauenbuchläden und anderen Einrichtungen hatten. Das hatte gewaltige Konsequenzen für die ganze Bewegung, aber sie wurden lange nicht zur Kenntnis genommen. (*)
Leider arbeitet Plogstedt auch mit Pauschalisierungen, obwohl sie es besser wissen müsste, denn sie war sogar dabei, als in Frankfurt 1968 die zweite Phase der neuen Frauenbewegung mit der sogenannten Tomatenrede (**) begann. Wie falsch das alles wird, wenn es so wie bei Plogstedt zusammengefasst wird, soll hier an einem Beispiel demonstriert werden.
Sie schreibt: „Der erste Ausbruch des Frauenprotestes hatte die Versorgung der Kinder (Kinderläden) und die sexuelle Dominanz der Männer zum Thema“.
Das ist nicht nur vollkommen nichtssagend sondern auch falsch.
Eine Debatte über Kinderversorgung wie sie auch damals schon seit Jahrzehnten immer wieder geführt wurde, hätte die Frauen nicht zusammengetrieben und daraus eine Massenbewegung gemacht, auch keine Meckerei über Männer. Es ging den Frauen im ersten Aktionsrat Anfang 1968 sofort und für alle begreifbar um nichts anderes als um die Veränderung dieser Gesellschaft, d.h. um Macht und um die Wege dazu (wie naiv diese Vorstellungen auch gewesen sein mögen).
Die Kinderläden waren sozusagen ein Nebenprodukt dieses Wunsches, als Frau und Mutter aktiv gesellschaftlich tätig zu sein. Um diese Hauptsache zu verwirklichen, mussten sie sich selber helfen, weil von aussen keine Unterstützung zu erwarten war.
Was immer wieder vergessen wird: am Anfang waren im Aktionsrat junge intellektuelle Frauen - nur sehr wenige aus dem SDS - viele Mütter, deren grösster Wunsch es war, sich gemeinsam über bestimmte sich aufdrängende Fragen gedanklich zu verständigen. Sie wollten gemeinsam nachdenken. Es gab einen Hunger nach Sinn. Wenn man das nicht begreift, begreift man nicht den Anfang der neuen Frauenbewegung.
Warum haben Frauen keine Definitionsmacht? Was stört uns an den politischen Veranstaltungen der Linken, obwohl wir durch sie viel lernen? Wo gibt es Denkverbote? Warum sind Frauen oft reaktionär?
Die Kinderläden waren ein Ergebnis der Frage nach der Definitionsmacht: (Wir sollen zwar Kinder bekommen, haben aber keinen Einfluss auf die Gesellschaft, in die wir sie gebären). Das ist etwas anderes als der Schrei nach mehr Kindergärten. Die Frauen klinkten sich ein in die Diskussionen um eine veränderbare Gesellschaft und wollten daran mitwirken. Mit Zusammenschluss, mit MACHT, mit Witz, mit neuen Vorstellungen über eine Gesellschaft, die von Frauen mitdefiniert wird. Männer waren als Liebhaber gefragt, nicht aber mehr selbstverständlich als intellektuelle Vordenker. Selber denken war die neue und entscheidende Erfahrung.
Es ist für jede Bewegungsgeschichte falsch, wenn man nicht die Phasen sieht, in denen sie abläuft und in denen sich die Schwerpunkte vollkommen umkehren können. Die erste Phase war abgeschlossen mit der Tomatenrede. Die Gruppen, die sich daraufhin gründeten, waren links, standen dem SDS nahe oder kamen aus ihm, aber die Frauen waren nun jünger, kinderlos und hatten neue Interessen. Viele wollten z.B. den SDS „retten“, ihm eine neue Perspektive geben, in denen Frauen nicht als „Nebenwiderspruch“ vorkamen.
Nach wie vor wollten diese Frauen die Welt VERSTEHEN, hatten das Bedürfnis nach theoretischer Arbeit. Sie waren theoretisch anspruchsvoll, aber praktisch unterfordert. In Berlin gab es bald neben der „Mütterfraktion“ des Aktionsrats noch den Sozialistischen Frauenbund. Ausserdem bildeten sich bundesweit unzählige Gruppen mit verschiedenartigen Schwerpunkten in den Unis, die sich mit ihren vielfältigen Aktivitäten und Interessen z.T. auch gegenseitig lähmten. Die zweite Phase war zu Ende mit der 218-Kampagne, die 1971 begann und die dritte Phase einleitete.
Die 218-Kampagne gab der Frauenbewegung einen ungeheuren Schub, hatte sie doch ein praktisches, naheliegendes und begrenztes Ziel.
Der Widerstand gegen die geplante Gesetzgebung gab lange Kraft, die als gemeinsame zusammenbrach nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Diejenigen, die an den durch den 218 aufgeworfenen Fragen weiter arbeiteten, taten das als einzelne oder einzelne Gruppen, sie sprachen aber nicht mehr einheitlich für die „Bewegung“, die in vielfältige „autonome“Gruppen zerfiel und bis auf Ausnahmen einen höheren Organisationsgrad aus ideologischen Gründen ablehnte. Die stärkste Strömung ist normalerweise auch die faulste und die war gegen „Macht“, gegen „Strukturen“ – und akzeptierte damit gleichzeitig, ohne das allerdings zu thematisieren, dass man sich im Bestehenden als Frauenbewegung, als Subkultur, in Nischen einzurichten gedachte. (***)
In dieser vierten Phase der noch wachsenden Frauenbewegung, die nun schon in den einzelnen Projekten zusammenkam und für die die gemeinsamen Treffen in Frauenzentren immer weniger wichtig wurden, verliessen darum auch erhebliche Teile der „alten“ Frauengruppen die Bewegung leise aber unaufhörlich als ständiger Strom. Zunächst waren es hauptsächlich die Linken (trotz aller Kritik auch an linken Theorien und Organisationsformen). Das war bis gegen 1974 abgeschlossen und wird bis heute aus der Bewegungsgeschichte ausgeklammert.
Diejenigen, die gingen, gingen mit neuem Selbstbewusstsein, aber ohne feministische Konzepte sowohl in die neu entstehenden dogmatischen linken Parteien, in die Raf oder auch in die etablierten Parteien. Auf jeden Fall war das ein jeweils individueller Protest gegen die Strukturlosigkeit, zunehmende theoretische Enge und damit Perspektivlosigkeit der Frauenbewegung. Innerhalb der Frauenbewegung gab es über lange Jahre jedoch einige kontinuierlich arbeitende oder auch neu entstehende Gruppen, die sich – mit wieder eigenen Defiziten – gegen die Organisationsfeindlichkeit und Machtablehnung wehrten, (besonders das Frauenforum München), die sich aber langfristig nicht durchsetzen konnten, sondern einfach ausgeklammert wurden und heute normalerweise nicht einmal mehr erwähnt werden. Und wieder andere Frauen verliessen die ihnen diffus erscheinende Frauenbewegung, indem sie in ihren eigenen Berufen an speziellen Frauenfragen arbeiteten. Es ging ihnen nicht um Männer, es ging um patriarchale Politik und die Entwicklung des Widerstands dagegen mit unterschiedlichen Konzepten.
In den „autonomen“, die Bewegung immer noch nach Aussen repräsentierenden Resten breitete sich –Ausnahmen immer mitzudenken – eine zunehmende Theoriefeindlichkeit aus. So stimmt es z.B. nicht, dass, wie Plogstedt schreibt, „DIE“ Frauen mit heissen Ohren Beauvoir oder Firestone lasen. Es gab durchaus vehemente Kritik an beiden.
Die Theoriefeindlichkeit hatte z.B. das Ergebnis, dass schon zehn Jahre später die frauenbewegten Frauen ihre eigene kurze Geschichte nicht mehr kannten.
Als Christina Thürmer-Rohr mit ihrer Mittätertheorie wieder Bewegung in die Bewegung brachte, war weder ihr noch ihrem Publikum bewusst, dass sie damit an etwas anknüpfte, was schon im Aktionsrat und später im Sozialistischen Frauenbund ein wesentlicher Diskussionsstoff war: nämlich die Tendenz zu reaktionären Haltungen bei Frauen.
Diese lange Ausführung über die Selbstdarstellung der Frauenbewegung zeigt aber auch, dass dieses Buch eine Fundgrube ist für alle diejenigen, die jenseits akademischer Fragestellungen wissen wollen, mit welchen konkreten Visionen, Problemstellungen, Schwierigkeiten, Unzulänglichkeiten sich die neue Frauenbewegung herumschlug und noch schlägt, um auf vielen Umwegen sich doch immer wieder dem Ziel anzunähern, in dieser Welt gleichberechtigt den eigenen Ton zu finden. Wie verstimmt er sich auch bisweilen anhören mag. (****)
August 2006
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* Z.B. frauen und film wurde in vielen Frauenbuchläden nicht verkauft, weil die Zeitschrift – 1974 gegründet und immer noch existierend – bei Rotbuch erschien, also in einem „Männerverlag“. Der Zeitschrift Der Feminist, ging es ebenso, wegen des Namens, der Programm war, weil das Frauenforum München ausdrücklich eine feministische Politik propagierte, die auch Männer zu ihrer eigenen machen sollten.
** Die Rede auf der 23. Delegiertentagung des SDS in Frankfurt/M. Sept. 68 habe ich gehalten. Sie war die Auslöserin zur Gründung vieler Frauengruppen in allen Universitäts- und vielen anderen Städten.
*** So gab es z.B. keine unterstützenden Demonstrationen mehr für die von den Mullahs im Iran massenhaft verfolgten und hingerichteten Frauen 1978/79, die gegen ihre Entrechtung kämpften, es waren nur einzelne Frauen, wie z.B. Alice Schwarzer, die in der BRD den Protest aufrechterhielten.
**** Von Richtungskämpfen mit Konzentration auf die Kinderfrage handelt auch mein Film Mitten im Malestream – Richtungskämpfe in der neuen Frauenbewegung. www.neuevisionen.de
# | Luise F. Pusch am 28.08.2006
Bettina Röhl: So macht Kommunismus Spass
So macht Kommunismus Spass. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret
von Bettiina Röhl.
Deutsche Verlagsanstalt 2006.
677 Seiten, EUR 29,90
Vorgeschichten und Mutationen
Rezension von Helke Sander
Wenn die Mutter Ulrike Meinhof hiess, der Vater Klaus Röhl ist, SIE lange Chefredakteurin, ER Herausgeber der Zeitschrift Konkret war, für die das Geld aus der DDR kam, wenn beide sowohl Mitglieder der Kommunistischen Partei (Meinhof bis zu ihrem Tod) als auch Teil der Hamburger Mediengesellschaft waren, bis die Mutter die Kinder zugunsten eines Lebens im Untergrund verliess und sich mit spätpubertierenden und grössenwahnsinnigen und in ihren Geschlechterrollen sehr verunsicherten jungen Männern und Frauen zusammentat, die den Umsturz der bundesrepublikanischen Gesellschaft planten, um sie besser zu machen und am Ende eine Spur von Leichen hinter sich liessen sowie verschärfte Gesetze für alle, wenn also eins der Kinder dieses Paares ein Buch schreibt über die eigenen Eltern, dann greift man mit einer gewissen Furcht danach. Weil man selber zur Elterngeneration gehört, ein paar Hintergründe und einige der Protagonisten des Buches kennt oder kannte. Wird die Tochter die Eltern verherrlichen oder verdammen, wird sie von Anekdote zu Anekdote eilen, wird nur das verletzte, sich endlich rächende Kind sprechen, will sie auch noch ihren Schnitt beim Thema RAF machen, wenn schon andere Spiel-und Dokumentarfilme darüber machen? Nichts war vorher ausgeschlossen, alles war zu befürchten und für alles wäre sogar Verständnis da gewesen.
Aber Bettina Röhl hat etwas Erstaunliches geleistet: Sie hat ein überaus materialreiches Buch über deutsche, hauptsächlich Hamburger Intellektuelle in den fünfziger und sechziger Jahren geschrieben, indem sie die Geschichte des Entstehens und Werdens der Zeitschrift KONKRET verfolgt, alte noch lebende Mitarbeiter aufsucht und befragt und dabei fast zwangsläufig DIE Intellektuellen dieser Zeit beschreibt. Dabei entsteht für mich ein noch gut erinnertes aber selten beschriebenes Nachkriegsbild. Bettina Röhl ist eine besessene Rechercheurin, mit vielleicht ein bisschen zuviel Hinwendung zum Hamburger Prominentenklüngel. Anderseits gehören diese Namen zum Inhalt des Buches. Ob sie nun Heinemann oder Enzensberger oder Rau oder Rühmkorf hiessen; Wenn sie berühmt waren, berühmt werden wollten, Männer waren, etwas zu sagen hatten oder dies von sich glaubten, dann sagten sie das seinerzeit in KONKRET oder sie wurden wenigstens dort das Objekt von Kritik. Die einzige Königin im Bau war Ulrike Meinhof und offenbar duldete sie auch keine andere Frau neben sich.
Das Buch beschreibt den Hintergrund zum späteren Vordergrund:
Die Familien Meinhof und Röhl, die Kindheiten der Eltern, beider Jugend und Engagement. Ulrike Meinhof erlebt ihre ersten Erfolge als Aktivistin bei den Ostermärschen, wo sie als kommende Rosa Luxemburg gefeiert wird bis hin zur Glanzzeit von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl in der Hamburger Gesellschaft, zu der sich beide bald zählen durften mit Geld, Ruhm, Sylt-Urlauben an der richtigen Buhne (16), bei gleichzeitiger, heimlich genossener Wichtigkeit über ihre Untergrundarbeit, sich auf der richtigen Seite wissend, weil ausgehalten durch die DDR, das Schillernde, Anrüchige auch geniessend.
Die vielen Leute in Hamburg haben Namen, die später in Berlin wichtigen dann kaum mehr. Sie bleiben merkwürdig blass. Die Berliner setzten sich ganz anders zusammen: bis auf die späteren RAF-Leute waren es normale, nicht berühmte, eher arme, oft sehr junge WG-Mitglieder, Kinderladenleute, Politstudenten- und Studentinnen, (mit denen Meinhof bei Vorträgen z.B. die Kasse klaute), unter ihnen immerhin einige, die das Leben für die Meinhof-Kinder erträglich machten, als die Mutter schon im Untergrund war. Diese Leute sind offenbar nicht im Bewusstsein der Autorin, was ich nur feststelle und nicht bewerte. Das Fehlen dieser Namen schafft aber doch ein Problem, wie mir scheint. Nämlich das Problem, diese Zeit zu erfassen und jenseits der berechtigten Röhl-Kritik an der Anfälligkeit für den Maoismus beispielsweise und an allen Auswüchsen und Blödsinnigkeiten, die sich auch mit der Studentenbewegung verknüpfen lassen, die kurze Zeit zu begreifen, in der radikales Fragen erlaubt war und sich gegenseitig förderte. Die sektiererischen späteren fundamentalistischen Gruppen, seien sie nun RAF, KPD/AO, ML oder was immer, waren ja der unglückliche Versuch, die aufgebrochenen Fragen einzuschränken und zu einfachen Lösungen zu finden.
Auch heute noch haben die Zeitschrift und der Name Meinhof einen solchen Klang, dass es Bettina Röhl offenbar ohne Schwierigkeiten gelang, auf allen offiziellen Ebenen, sei es beim früheren Bundespräsidenten oder bei Kommunistenführern Zugang zu bekommen und lange Gespräche führen zu können. Dabei fällt dann auf, dass es über Leute wie Jan Carl Raspe, Holger Meins oder Horst Mahler, Männer also, die auch am Anfang der RAF standen, praktisch keine ernsthaften Bücher gibt, über Ulrike Meinhof, die ja schon ein Star war, als sie dazu stiess, aber massenhaft. Es ist hier offenbar noch etwas anderes am Werk, das Patty-Hearst-Syndrom, die Faszination der Prinzessin, die zum Aschenputtel wird, wobei sich Patty Hearst wieder rückverwandelt hat in die Prinzessin, die Dollar-Millionärin, während ihre Kampfgenossen z.T. noch heute im Gefängnis sitzen, wenn sie nicht schon dort gestorben sind. Das Drama von Ulrike Meinhof war, dass sie nicht mehr zurück konnte, es vielleicht nicht wagte, sich mit den Scherben ihres Lebens und ihres Irrtums zu konfrontieren.
Bettina Röhl interpretiert wenig, sie sammelt Fakten. Das ist sehr wohltuend und muss für die schreibende Tochter schwer gewesen sein, aber auch ein Anreiz. Sie hat eine Mutter, die sie nur als kleines Mädchen kannte, die aber gewissermassen bei jedem ihrer Gegenüber präsent ist. Das lässt sich fast nicht vermeiden und ist eine Bürde. Am Schluss bleibt jedenfalls die Erkenntnis, dass die Tochter ihren eigenen Ton singt und sich nicht mehr an der Mutter abstrampeln oder messen muss. Sie ist für sich genommen einfach eine interessante Autorin.
© Helke Sander Juni 2006
# | Luise F. Pusch am 25.06.2006
Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten
Hannelore Schröder
Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten
ein-Fach-verlag, Aachen 2001.
Gastkommentar von Birgit Rühe
Das Manuskript von Hannelore Schröders Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten lag 20 Jahre in der Schublade, bis es im Jahr 2001 veröffentlicht wurde. Der schonungslose Text, der ursprünglich ein Projekt der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung gewesen war, fand wegen seiner frauenpolitischen Brisanz damals keine Veröffentlichung.
Hannelore Schröder, Philosophin und eine der ersten feministischen Politikwissenschaftlerinnen, gehört zu den Frauen, die Ende der siebziger Jahre an den Männerbünden der Universitäten (in ihrem Fall Göttingen) scheiterten.
Auch an der Universität Amsterdam, wo sie als erste Dozentin Frauenstudien-Sozialphilosophie lehrte, arbeitete sie unter so unzumutbaren Bedingungen, dass sie in Hungerstreik trat (Foto am Ende des Buches), um ihre Rechte einzuklagen.
Ihr scharfer analytischer Blick spiegelt auch die Verbitterung über das eigene wissenschaftliche Schicksal. Die Passagen über den Aufbruch der Frauen in England (1969 -1979) und in Deutschland (1970-1980) sind polemisch scharf formuliert.
Hannelore Schröder war selbst Aktivistin der Frauenbewegung. Sie hält es für tragisch, dass es nicht gelang, eine Frauenpartei als wirkungsvolle Gegenmacht aufzubauen, um Fraueninteressen durchzusetzen.
Durchweg spannend und informativ - und da werden die intellektuellen Möglichkeiten dieser Wissenschaftlerin deutlich - ist die Geschichte des Aufbruchs seit 1792 in England und seit 1843 in Deutschland. Die Pankhursts in England, Louise Otto in Deutschland… Damals waren selbst die Töchter von Göttinger Professoren Analphabetinnen. Und von Marianne Friederike Bürger (Tochter des Dichters) sagt ihre Freundin: “Ich glaube,...dass es Dein Hauptfehler ist, dass du zu viel Verstand hast.”
Wie wichtig ist es für Frauen, um ihre Wurzeln zu wissen!
Hier Inhaltsangabe und Auszüge
# | Luise F. Pusch am 13.06.2006
Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn
Martin Doerry (Hg.):
Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 -1944.
dtv. München 2004 (Erstausgabe 2002) EUR 10
Gastkommentar von Birgit Rühe
Von all den Veröffentlichungen zum Holocaust sind die Briefe zwischen Lilli Jahn und ihren Kindern wohl eines der ergreifendsten Zeitdokumente.
Lilli Schüchterer, aus wohlhabender jüdischer Familie stammend, wurde Ärztin. Sie heiratete ihre große Liebe, den protestantischen Studienkollegen Ernst Jahn und gründete mit ihm eine erfolgreiche Praxis in Immenhausen bei Kassel.
Mit dieser Lebensentscheidung legte sie den Grundstein für ihr tragisches Schicksal. Ihr Mann ließ sich 1942 von ihr scheiden und heiratete eine ‘arische’ Kollegin, obwohl das Paar fünf gemeinsame Kinder hatte. Lilli wurde am 30. August 1943 durch die Gestapo verhaftet und in das Arbeitserziehungslager Breitenau bei Kassel gebracht. Im Juni 1944 starb sie im Konzentrationslager Auschwitz.
Es waren die Kinder, vor allem ihre Töchter Ilse, Johanna und Eva, die in liebevollen, hilflosen, erschütternden Briefen den Kontakt zu ihrer Mutter aufrecht erhielten und ihr das Leben im Lager auf alle nur erdenkliche Weise zu erleichtern suchten.
Dagegen stand die Gleichgültigkeit der Erwachsenen.
Lilli Jahn gelang es, vor ihrer Deportation nach Auschwitz die Briefe aus dem Lager zu schmuggeln, wahrscheinlich durch eine Aufseherin, die ihr diesen letzten Gefallen tat.
1999 fanden sich die Briefe dann im Nachlaß ihres ältesten Sohnes Gerhard Jahn (Bundesjustizminister im Kabinett Willly Brandt). Er hatte zeitlebens eine Veröffentlichung der Briefe scharf angelehnt und auch unterbunden.
Martin Doerry, ein Enkel Lillis, (Sohn ihrer ältestenTochter Ilse, heute stellvertretender Chefredakteur beim ‘Spiegel’) hat das Leben der Lilli Jahn rekonstruiert und ihren Briefwechsel mit den Kindern aufgezeichnet: ‘Aber die Zeit scheint reif für eine Rekonstruktion dieser - nur auf den ersten Blick - privaten Katastrophe.’ (Martin Doerry). Entstanden ist ein Dokument, das neben dem Tagebuch der Anne Frank seinen Platz hat.
# | Luise F. Pusch am 28.05.2006
Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn (2 CDs)
Mein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944.
Hg. Martin Doerry. 2 CDs.
Gesprochen von Martin Doerry, Sunnyi Melles und Beate Jensen
Der Audio Verlag, Dav (2003).
EUR 19,95
Alle, die nicht genug Zeit (und vielleicht auch nicht die seelische Kraft) haben, die 350 Seiten des Buches Mein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944 zu lesen, können es mittels dieser Hörfassung wenigstens kennenlernen. Und kennenlernen sollten es alle.
Die beiden Sprecherinnen Sunnyi Melles und Beate Jensen und der Sprecher (und Herausgeber und Enkel von Lilli Jahn) Martin Doerry leisten Außerordentliches. Doerry nimmt sich völlig zurück; er läßt die Fakten sprechen - wohl die einzig mögliche Art der Vermittlung bei so einem Stoff: Doerrys Großvater, der Arzt Ernst Jahn, lieferte Doerrys Großmutter, die Ärztin Lilli Jahn, den Nazis aus. Doerrys Mutter, die Tochter Ilse Jahn, ging daran fast zugrunde.
Sunnyi Melles als Lilli Jahn und Beate Jensen als ihre Tochter Ilse vermitteln die Angst, Verzweiflung und Zärtlichkeit dieser Briefdokumente mit beklemmender Intensität. Ich konnte mich nicht entziehen und habe beide CDs ohne Pause bis zum Ende angehört.
Es gibt inzwischen viele Erinnerungsbücher über die Nazizeit. Dokumente wie diese, die unmittelbar aus der Zeit des Terrors stammen, sind seltener. Wir haben das Tagebuch der Anne Frank, die Aufzeichnungen von Viktor Klemperer. Einen Briefwechsel wie diesen, der neben dem Leid Lilli Jahns auch das Leid ihrer Kinder zur Sprache bringt, die tödliche Angst um die Mutter haben und den Krieg ohne sie überstehen müssen, was wiederum die Mutter schier in den Wahnsinn treibt, kenne ich nicht.
Diese beiden CDs gehören zum Besten, was ich in den letzten Jahren gehört habe. Und ich höre sehr viele Hörbücher.
# | Luise F. Pusch am 28.05.2006









