Dienstag, März 15, 2016

Pittner, Ulrike und Ursa Krattiger. 2016. AVE DEA - 13 Göttinnen neu begegnen

Mit didaktischen Materialien.

Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2015, 356 S., ca. 160 farb. Abb.
29,90 EUR, ISBN:978-3-939623-58-8.

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Rezension von Dr. Christa Mulack

FrauenbildDieses Buch ist ein Traum! Es lässt wohl nicht nur das Herz einer Lehrerin, Dozentin und Autorin höherschlagen, sondern erfreut sicherlich auch das Gemüt all jener, die sich schon einmal mit den vielfältigen Ausdrucksformen des Weiblichen in matriarchalen und patriarchalen Kulturräumen befasst haben.

Es enthält eine Zusammenschau an Wissen und Weisheit, an Information und Beurteilung, an Hinweisen und Richtigstellungen aus verschiedenen symbolischen Welten, die aus dem Dunkel der Vergangenheit immer klarer zutage treten. Untermauert werden die zahlreichen Texte durch eine Fülle von Bildern, die ich mir allerdings hin und wieder etwas größer gewünscht hätte.

In dreizehn Kapiteln breiten Ursa Krattiger und Ulrike Pittner die Geschichte jeweils einer Göttin vor uns aus, und zwar aus patriarchaler und matriarchaler Perspektive. Beginnend mit einer Selbstdarstellung der jeweiligen Göttin, die sich unmittelbar an die LeserInnen wendet.

So lesen wir im Kapitel der Erdgöttin Gaia die einleitenden Worte: “Wenn du katholisch erzogen worden bist, ist dir sicher erzählt worden, dass Maria zwar den christlichen Gott geboren haben soll, dass sie selbst aber mit ihrer Potenz des Gebärens nicht in den Rang einer Göttin gelangt ist. Es ist an der Zeit, dir zu sagen, dass du in Maria eine letzte Spur von mir findest, die ich zu Beginn der Menschheitsgeschichte als Große Göttin und Weltgebärerin verehrt worden bin. Die Menschen kannten mich als die Eine, die unter verschiedensten Namen angerufen wurde. Und nun offenbare ich auch dir meine All-Mächtigkeit…”

Hier wird die religiöse Erziehung von Anfang an eingebunden in das Verständnis matriarchaler Mythologien, die in jedem Kapitel von neuem entfaltet werden.
Dabei ist es immer wieder faszinierend, anhand einer mythischen Gestalt der patriarchalen Gegenwart zugleich unserer matriarchalen Vergangenheit zu begegnen.

Wurde das Weibliche auch einerseits aufgespalten, so fügte es sich doch auf eigenartige Weise auch immer wieder zusammen. Es wurde vereinnahmt, verdrängt, entfremdet - und doch auch wieder bewahrt und veranschaulicht. Die christliche Maria als Prototyp und letzte Ausprägung einer Vielzahl von Göttinnen, die in ihr zusammenfließen. Wenn auch gezähmt, so doch zugleich erhöht und geheiligt.

In dieser Hinsicht verstehe ich AVE DEA als eine gelungene Fortführung meines Buches “Maria - die geheime Göttin im Christentum”, das vor genau dreißig Jahren erschien. Den Autorinnen gelang ein weiteres Stück Aufklärung über die Hintergründe jener Wandlungen des Weiblichen, die noch einmal zeigen, dass SIE immer nur DIE EINE ist, war und sein wird, die seit Jahrtausenden fest im weiblichen und männlichen Seelengrund verankert ist. - Verschüttet zwar, aber dennoch jederzeit bereit, sich in ihrer ganzen Vielfalt neu zu erheben.

Eine weitere Form der Aufklärung birgt das Kapitel über die Göttin Europa, in dem sich die Autorinnen an ihre LeserInnen mit der Frage wenden: “Was macht es eigentlich mit uns Europäerinnen, dass der Name unseres Kontinents auf eine Geschichte von Raub und Entführung unter Überrumpelung des weiblichen Eigenwillens zurückgeht?” (281f) - Eine wichtige Frage, mit der sie auf “die patriarchale Deformierung” verweisen, “die als peinliche Schmach für Europäerinnen daherkommt”, um sie dann in eine durchaus erfreuliche Geschichte zu lenken, auf die sich Europäerinnen mit Stolz und Freude berufen können. (282)

In einem Buch wie diesem dürfen selbstverständlich die weisen Priesterinnen nicht fehlen, von denen sich Männer weltweit einst belehren ließen. Sie treten hier in Gestalt der Pythia auf, bekannt als weissagende Priesterin am Orakel zu Delphi. Dort wurde in einer Erdspalte der Mutterschoß der Erdgöttin Gaia verehrt, dem nur eine weibliche Stimme Ausdruck verleihen konnte. Ihre grundlegende Botschaft lautete: Erkenne dich selbst, auf dass du das Göttliche erkennst. Männliche Philosophien kamen und gingen. Diese weise Botschaft der Gaia aber ist von zeitloser Gültigkeit.

Ihren Niederschlag fand sie offenbar auch bei den Verfassern des “Manifesto For Conscious Men”, dem Manifest für bewusste Männer, mit dem uns die Autorinnen fast en passant auf drei Seiten der didaktischen Handreichungen dieses aufregenden Buches bekanntmachen. Darin bekunden zwei Männer zum einen “tiefe Liebe, großen Respekt und ein wachsendes Gefühl der Verehrung für die Geschenke des Femininen”, zum anderen aber “auch tiefe Traurigkeit über die destruktiven Taten des unbewussten Maskulinen in der Vergangenheit und der Gegenwart.” Es folgt eine Entschuldigung für diese Taten und der Wunsch nach Wiedergutmachung, “um eine neue Ära der Co-Kreation mit dir herbeizuführen.” (97)

Hier handelt es sich nicht etwa um eine simple Anbiederung oder falsche Romantik, sondern um die Einsicht, dass Männer des Patriarchats, wie die Verfasser schreiben: „deine Schönheit in Prostitution und Pornographie ausgenutzt haben”, verbunden mit dem Versprechen, sich “gegen jede Form von erzwungener oder seelenloser Kommerzialisierung des weiblichen Körpers” zu wenden – gefolgt von   der Versicherung, “ich respektiere, dass dein Körper dir gehört.”

Mit Arbeitsanweisungen für den Unterricht versehen, kann dieser Text in der Tat einer Neubesinnung im Geschlechterverhältnis dienen, bietet er doch insbesondere jungen Mädchen für ihren „Zukünftigen“ eine Art Lackmustest, der ihnen tiefsitzende - und folglich unbenannte - Bedürfnisse bewusstmacht. Diese Hoffnung unterstreicht auch der letzte Abschnitt des Manifestes, der mit den Worten beginnt: “An diesem Tag gelobe ich, dein Herz als den heiligen Tempel zu behandeln, der es ist. Ich verpflichte mich, das Feminine in dir und mir und meiner Beziehung zu allem Leben zu ehren. ...”

Mit solchen Worten aus männlicher Feder sind die Weichen gestellt für ein AVE DEA in den Seelen von Frauen und Mädchen sowie Männern und Knaben,  denen solche Worte „im Namen des Herrn“ niemals begegnen werden.


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Hedwig Dohm