Donnerstag, November 13, 2014

Obermüller, Barbara: Die weibliche Seite der Ur- und Frühgeschichte. Mit besonderem Blick auf Hessen

Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2014 (400 S. mit ca. 190 farb. Abb.), ISBN: 978-3-939623-46-5.
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Rezension von Dr. Christa Mulack

FrauenbildMit ihrem Buch hat Barbara Obermüller besonders Frauen ein wahres Füllhorn weiblicher Gaben und Fähigkeiten in die Hände gelegt, das angefüllt ist mit kulturellen Schätzen, die weiblicher Hand und weiblichem Geist entstammen.
Die Autorin hat tief gegraben in der archäologischen, anthropologischen, historischen und mythologischen Literatur – um nur einige der Fachgebiete zu nennen, die in dem Buch zusammentreffen. Und das in einer klaren verständlichen Sprache, in der Fachbegriffe immer wieder erklärt und Zusammenhänge erläutert werden.

Ihr Buch bietet einen tiefen Einblick in die weibliche Seite der Kulturgeschichte, die die männliche Vor-Geschichtsschreibung weitgehend – wenn nicht gar vollständig – ausblendet, worauf die Autorin gleich im ersten Satz ihrer Einleitung verweist.
Wir können uns kaum vorstellen, wie folgenreich sich diese „Unterlassungssünden“ männlicher „Wissenschaft“ auf das Leben und Selbstwertgefühl von Frauen ausgewirkt haben. Auf jeden Fall wurde damit unser aller Wirklichkeitsverständnis komplett verfälscht und bedarf daher einer anhaltenden Korrektur, zu der dieses Buch auf jeden Fall einen wichtigen Beitrag leistet.

Während wir in jedem Biologie- und Evolutionsbuch eine rein männliche Darstellung der „Entwicklung des Menschen“ finden, stellt die Verfasserin das Weibliche als Urgrund der Menschwerdung und Kulturbildung wie auch als Ursprung der Sprache heraus. Sie bringt dafür eine Fülle von Belegen, die zeigen, dass zumindest in der Alt- und Jungsteinzeit Frauen im Zentrum der Kultur und Sippengemeinschaften standen und folglich viele Erfindungen auf sie zurückgehen.

Bei der Lektüre des Buches ergab sich für mich folgende Dreiteilung: Der erste und umfassendste Teil enthält rund 250 Seiten und führt uns durch die bekannten Epochen der Frühgeschichte des Menschen: Alt- und Jungsteinzeit, Bronze- und Eisenzeit, hin zu der Zeit der Keltinnen und Kelten, die sehr ausführlich behandelt wird. Es folgt die Zeit der Germaninnen und Germanen sowie die Zeit der römischen Besatzung Europas. Den Abschluss dieses Teils bildet ein Exkurs über „Jüdisch-christliches und matriarchale Inseln“.

Hier verweist sie auf die Umdeutung der Frau als Ursprung des Bösen zunächst in „Griechenland und in Judäa“, wo entsprechende Schöpfungsgeschichten die zuvor dargestellte Wirklichkeit einfach umschrieben: Aus den guten Gaben und Segnungen der Ur-Mutter Erde wurden die schlimmsten Übel, für die allein die Frau verantwortlich gemacht wurde. Gleichzeitig wurden Menstruation und Geburt – Fähigkeiten, die die Frau bereits in der Altsteinzeit als besonders heilig erscheinen ließen – zur Quelle „weiblicher Unreinheit“ erklärt. Diese Verunglimpfungen der Frau setzten sich später im Christentum weiter fort.

Auf der anderen Seite verarbeitete die Kirche aber uralte Göttin-Traditionen und -Darstellungen auch in der eigenen Ikonographie und bot dem Göttinglauben gegen ihren Willen eine Zuflucht – wenn auch in vielfach abgefälschten Formen.
Die weltweite Verehrung Marias ist demnach ein Sieg der Göttin über den Monotheismus – auch wenn kirchliche Mariologen trotz Abgrenzungsversuchen und anderslautender Aussagen dies nicht wahrhaben wollen.

Im zweiten Teil des Buches geht die Autorin auf rund 100 Seiten die bereits genannten Epochen noch einmal durch – diesmal allerdings fokussiert auf ihre Heimat Hessen. Auch wenn sie versucht, die recht trockene Materie durch kleine fiktive Erzählungen über die jeweilige Epoche aufzulockern, erweist sich dieser Teil des Buches für Außenstehende doch als eine literarische Durststrecke. Schlag auf Schlag werden zahlreiche Funde und Orte in knapper Form abgehandelt – wie in einem Reiseführer.
Zu verhindern wäre dies allerdings mit einer Integrierung des dritten Teils, in dem es um Mythen und Sagen aus der Region geht, die das Interesse noch einmal neu entfachen. Neben die mythischen Erzählungen, die matriarchales Erbe vielfach durchschimmern lassen, treten dann auch noch Erläuterungen zu den wohl wichtigsten matriarchalen Symbolen wie: göttlicher Kessel, weibliche „Dreifaltigkeit“, Wasser- und Schlangensymbolik sowie Labyrinthe, mit deren Hilfe sich Frauen vielfach ihre Vergangenheit vergegenwärtigen.

Aus meiner Sicht ist dies der interessanteste Teil des Buches, das Lust auf eine Reise durch Hessen macht.

Die Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend, obwohl ich das Großformat recht zwiespältig erlebt habe. Zum Einen ist es dadurch kein Buch für unterwegs und muss in den eigenen vier Wänden gelesen werden. Auch für das Bücherregal ist es nicht gerade praktisch. Auf der anderen Seite aber empfand ich es auch wieder als wohltuend, da es gestattete, die vielen Abbildungen nicht in einen getrennten Bilderteil zu packen, sondern sie direkt neben den jeweiligen Text zu setzen. Dadurch ließ sich das Verständnis erleichtern und langes Suchen verhindern.

Besonders hervorheben möchte ich noch die Schlussbetrachtung der Autorin, sie ist kurz – komprimiert – und gelungen – wie das ganze Buch, das den Blick in die Vergangenheit weitet und dem Thema „Frau“ seine angemessene Tiefe zurückgibt.
Um dies zu veranschaulichen, würde ich am liebsten diesen Schlusstext zitieren, will aber nicht der eigenen Lektüre der Leserin vorausgreifen. Ich beschränke mich daher auf die ersten Sätze:
„Es ist ein alter Menschheitstraum, in einer Welt zu leben, in der es keine Kriege gibt und keine zerstörerischen Machtstrukturen. Viel zu wenig ist bekannt, dass es eine solche Welt in der Frühzeit schon einmal gegeben hat. Diese friedliche Welt wird erfassbar in den überall auf der Welt verbreiteten Legenden und Mythen von einem ‘Goldenen Zeitalter’. Sie wird sichtbar in zahlreichen frühgeschichtlichen Höhlenbildern, in denen Darstellungen von Kriegen oder Kampfhandlungen völlig fehlen ...“ – Und das Buch endet mit dem Satz: „Aber viele Menschen, vor allem Frauen, sind längst auf dem Weg, sich an den Erkenntnissen dieser Forschungsarbeiten zu orientieren, um einen Weg aus dem Größenwahn und der Zerstörungswut unseres Zeitalters zu finden.“
Mögen es ständig mehr werden ...


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Hedwig Dohm