Sonntag, April 30, 2006

Carné: Kinder des Olymp

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Kinder des Olymp
(französischer Originaltitel: Les enfants du paradis;
englisch: Children of Paradise)

DarstellerInnen: Arletty, Jean-Louis Barrault, Pierre Brasseur, Maria Casarès, Marcel Herrand)
Regie: Marcel Carné
Musik: Maurice Thiriet, Joseph Kosma

Video-Erscheinungstermin: Oktober 1989
Produktion: 1945

Mein Kommentar:

Neulich wurde der Film Casablanca (1942) vom American Film Institute AFI zum besten amerikanischen Liebesfilm aller Zeiten gekürt.
  Nichts gegen Casablanca, aber der beste Liebesfilm aller Zeiten ist natürlich Marcel Carnés Kinder des Olymp (Les enfants du paradis), der in der Liste nicht auftauchen konnte, weil er aus Frankreich stammt. Viele Menschen, ob CinéastInnen oder einfache GenießerInnen wie ich, stimmen mit dieser Wertung überein. Davon können Sie sich überzeugen, wenn Sie die enthusiastischen Publikumskritiken bei amazon.de und amazon.com oder die Profi-Rezensionen in der International Movie Database lesen.
  Nicht nur “bester Liebesfilm aller Zeiten”, sondern schlicht und einfach “bester Film aller Zeiten” – so urteilen viele über diesen Film, der kurz nach Casablanca im von den Nazis besetzten Frankreich gedreht wurde und 1945 herauskam. Cannes jedenfalls erklärte den Film zum besten französischen Film. Und Truffaut soll gesagt haben: “Ich habe 23 Filme gedreht – und ich gäbe sie alle dafür hin, Les enfants du paradis gemacht zu haben.”
  Während Casablanca durch seine schlichte, überschaubare Handlung (eine Frau zwischen zwei Männern) fesselt und befriedigt, geht es in Kinder des Olymp schon etwas komplizierter zu. Der Film entwirft ein breites Panorama der Theaterwelt im Paris der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts (mit Olymp bzw. paradis sind die obersten, billigen Ränge im Theater gemeint). Am ehesten vergleichbar ist Carnés über dreistündiges Meisterwerk mit dem wunderbar tiefgründigen und opulenten Molière-Film von Ariane Mnouchkine, die uns die Welt des Theaters im Frankreich des 17. Jahrhunderts plastisch vor Augen führt.
  Aus dem Inhalt: Die betörende Kurtisane Garance (gespielt von Arletty, die zur Drehzeit bereits Mitte vierzig war, knapp zwanzig Jahre älter als Ingrid Bergman in Casablanca) – steht zwischen vier Männern, der eine hält sie aus, der andere flirtet mit ihr und verliebt sich dabei, der dritte verzehrt sich nach ihr, usw. Sie liebt einzig und allein den Pantomimen Baptiste, der mit Nathalie verheiratet ist (wunderbar gespielt von der knapp über zwanzigjährigen Maria Casarés, die sich zu einer der gefeiertsten Theaterschauspielerinnen Frankreichs entwickelte). Nathalie verzehrt sich nach Baptiste, er liebt sie auch, aber er ist Garance verfallen, seit er sie gesehen hat.
  Eine Figur wie Nathalie fehlt in Casablanca – oder, bei genauerer Analyse, sie fehlt eigentlich doch nicht: Vielmehr entspricht Victor Laszlos Part dem der Nathalie. So gesehen, wäre Kinder des Olymp nicht so sehr die Geschichte einer Frau zwischen vier Männern als vielmehr im Kern doch ein Dreieck: nur diesmal die Geschichte eines Mannes zwischen zwei Frauen – Barrault/Baptiste zwischen Garance, die er liebt, und Nathalie, die er achtet und mit der er verheiratet ist. Barrault entspricht Ingrid Bergman und Arletty entspricht Humphrey Bogart – an der Oberfläche zynisch, doch “tief drinnen” selbstlos und tief liebend.
  Barrault ist wie Bergman hin- und hergerissen zwischen Pflicht und amour fou; er kann sich nicht entscheiden, und so entscheidet Garance/Rick für ihn/sie.
  Dieses Dreieck nimmt die Filmkritik normalerweise gar nicht wahr, weil sie Nathalie in der Regel auch nicht wichtignimmt und unter “lästige Klette” einordnet. Die Filmkritik konzentriert sich lieber auf das typische und klassische Dreieck “Frau zwischen zwei Männern”: Garance-Baptiste-Frederick. Frederick (herrlich: Pierre Brasseur) ist der Freund und Gegenspieler Baptistes im Leben wie in der Theaterwelt: Hier der stille, scheue, geniale Pantomime, dort der selbstbewußte, großzügige Vollblutkomödiant.
  Weshalb ich Kinder des Olymp lieber mag als Casablanca?
  In Casablanca gibt es zwei grandiose SchauspielerInnen, in Kinder des Olymp mindestens fünf (Arletty, Barrault, Brasseur, Casarès und Herrand, der mit unnachahmlicher Eleganz den Bösewicht spielt).
  Die Figuren in Casablanca sind vorhersagbar, entsprechen dem Klischee von weiblich und männlich, wenn sie auch charakterlich ungewöhnlich edel sind, allen voran der vermeintliche Zyniker Rick.
  Garance und Barrault hingegen sind hochmoderne androgyne Figuren, sie eine Powerfrau, die ihre Macht genießt, er ein “schwacher” Mann von weiblicher Anmut der Bewegung und der Gesinnung, der es nicht über sich bringt, seine Frau wegen seiner Geliebten zu verlassen.
  Ich möchte das Loblied, das ich noch lange fortführen könnte, mit einem Satz abkürzen: Casablanca ist ein wunderbarer, bewegender Film – aber Kinder des Olymp erschüttert und ergreift mich in ganz anderen Tiefen. Und das liegt vor allem an dem einzigartigen Barrault.

***

Neben dem oben angezeigten preiswerten Video gibt es inzwischen auch eine DVD der renommierten Firma Criterion, die auf die Restaurierung klassischer Werke der Filmkunst spezialisiert ist. Die DVD enthält allerdings das Werk “nur” im französischen Original mit engl. Untertiteln. Eine (im doppelten Sinne) glänzende Kritik der DVD (von Debi Lee Mandel) findet sich hier.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006 | Filmtipps • | Permalink

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Hedwig Dohm