Sonntag, August 27, 2006

Linda Koldau: Frauen - Musik - Kultur: Ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit

Koldau, Linda Maria.
Frauen - Musik - Kultur: Ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit
Köln; Weimar; Wien 2005. Böhlau.
1188 Seiten, 110 EUR.

Rezension von Prof. Dr.Eva Rieger

FrauenbildLinda Koldau hat sich einem Forschungsbrachland angenähert und es nach allen Regeln der Wissenschaft gründlichst bearbeitet. In der musikwissenschaftlichen Frauenforschung bildeten aus verständlichen Gründen das 19. und 20. Jahrhundert einen Schwerpunkt der Untersuchungen; der Frühen Neuzeit näherte man sich nur zögerlich. Wie Koldau schreibt, schienen die Quellen anfangs kaum etwas herzugeben, so daß rasch der Eindruck entstand, es habe nur im engsten Rahmen – wenn überhaupt - eine Musizierpraxis von Frauen gegeben. (Dies bezieht sich auf den deutschen Sprachraum; in Italien sind beispielsweise im 17. Jahrhundert zahlreiche Musikerinnen nachweisbar.) In den 1980er Jahren gab es vereinzelte Veröffentlichungen, z.B. die von Anthony Newcomb über die allmähliche Anerkennung professioneller Musikerinnen in Italien (in Bowers/Tick 1986), sowie einige wenige Studien zu Sänge-rinnen und Instru-mentalistinnen in Italien und Frankreich, die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts musikalisch aktiv waren, während Arbeiten zum deutschen Sprachraum kaum existieren. Mit dem verstärkten Interesse an der Aufführung, dem Studium und der Veröffentlichung auch früher Kompositionen von Frauen entstand 1994 eine erste Bibliographie (B. Garvey Jackson), die bei der Suche nach den Fundorten von Werken von Frauen Hilfe leisten konnte. Sie liefert aber noch keinen Hinweis auf die Musizierpraxis selbst.

Linda Koldau hat einen Perspektivwechsel vollzogen, der sich notwendigerweise aus der Arbeit ergab. Nach wie vor ist es allgemein üblich, der Betätigung von Frauen in der Musikkultur mit der Frage nach möglichen Komponistinnen nachzuforschen (um dann festzustellen, daß es nur wenige gab). Sie hat jedoch entdeckt, daß eine solche Frage wie eine „self-fulfilling prophecy“ wirkt und an der Struktur eines frauenspezifischen Musiklebens völlig vorbeigeht, weil Frauen eine professionelle Ausbildung, beispielsweise zum Kapellmeister damals nicht zugänglich war. Dafür waren Frauen auf dem Gebiet des Mäzenatentums und des Liebhabertums (im besten Sinne, bis hin zu professionellem Niveau) einflußreich und bedeutend. Dieser Perspektivwechsel, der die Opferperspektive verläßt und Frauen als aktive Subjekte thematisiert, trifft sich im übrigen mit entsprechenden Bemühungen auch seitens der Genderforschung.
Durch die Dreiteilung der umfangreichen Studie (Frauen an den Adelshöfen, im Bürgertum und Musik in Frauenklöstern) entsteht eine überzeugende Übersicht mit einer verzweigten Auffächerung einzelner Punkte. Die Dreiteilung ist deswegen sinnvoll, weil jeder der gesell-schaftlichen Bereiche seine beson-dere Problematik in der Entfaltung und Dokumentation der Musikausübung von Frauen aufweist.

Der erste große Block widmet sich den adeligen Frauen und der Musik an Adelshöfen, wobei sich das erste Kapitel chronologisch mit den Höfen der Habsburger befaßt, das zweite Kapitel weitere Fürstenhöfe des Hochadels behandelt, das dritte schließlich in das Lebensumfeld des niederen Adels wechselt und zudem die größtenteils vom Adel geprägten Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts berücksichtigt. Koldau weist zu Recht darauf hin, daß zwar in letzter Zeit zahlreiche Arbeiten zu den Frauen der Habsburger erschienen sind, diese jedoch darin auf ihre politischen Funktionen reduziert werden. Sie belegt dann mit großer Sorgfalt, daß und wie Frauen sich vielfältig und vielseitig musikalisch betätigten, Kontakte zu bedeutenden Komponisten pflegten (so Maria von Bayern zu Orlando di Lasso), aber auch als Mäzeninnen segensreich wirkten oder als Regentinnen Musikkapellen einrichteten. Die Überlappung deutscher und italienischer Einflüsse führte zu einem Kulturtransfer, der zu einem großen Teil Frauen zu verdanken ist (S. 63). Besonders reizvoll ist die Nachzeichnung des Weges, den die Einrichtung von Akademien nahm (S. 74ff.). Der letzte Abschnitt verdeutlicht wiederum mit wissenschaftlicher Akribie, wie allgegenwärtig die Integration der Fürstenfrauen und –töchter in das Musikleben der führenden deutschen Fürstenhöfe war, und zwar in verschiedenen Bereichen. 

Die Quellenlage ist für den zweiten großen Abschnitt der Studie, „Musik im Bürgertum“, ungünstiger als im Fall der Adelshöfe. Ein zunächst sparsames Mosaik verwandelt sich jedoch nach und nach in ein reichhaltiges und vielfältiges Bild des musikalischen Engagements. Koldau geht zunächst auf die schriftlichen Verbote und Ermahnungen ein, die den Frauen die Grenzen der erlaubten Tätigkeiten aufzeigten, um dann ihre Quellen zu nennen, die sie detailliert ausgewertet hat. Frauen sind Zielpublikum von Gesangbüchern und Musiklehren; in Widmungen wird ihre Musikausübung erwähnt, Clavierbücher zeugen von der Verbreitung des Tastenspiels unter den bürgerlichen Töchtern. Weltliche und geistliche Liedersammlungen von und für Frauen bzw. die Gesangspraxis in Gemeinde, Schule und Haushalt sind Schwerpunkte, die Koldau immer wieder mit interessanten und aufschlussreichen Ergebnissen auszuschmücken weiß. Der letzte Teil dieses Abschnitts ist den Frauen im Musikgewerbe gewidmet sowie den Spielfrauen und professionellen Musikerinnen, wobei die „Ausbeute“ zwar noch schmal ausfällt, aber dennoch eine beruflich-professionelle Tätigkeit einzelner Frauen nachgewiesen werden kann. Nach der Rolle der Frauen in Musikerfamilien ist bislang ebenso wenig gefragt worden wie nach der Arbeit und Bedeutung der Musikdruckerinnen und –verlegerinnen. Hier besteht noch ein großer Forschungsbedarf, und es ist Koldaus Verdienst, die ersten Grundlagen gelegt zu haben. (An dieser Stelle sei auf die bemerkenswerte Hypothese der Autorin verwiesen, wonach Erzherzog Ferdinand II. von Tirol möglicherweise in Nachahmung des Ferrareser Ensembles ein eigenes concerto delle dame an seinem Hof in Innsbruck eingerichtet habe. Sollte sich dieses bestätigen, stellte es eine musikhistorische Novität par excellence dar).

Auch der letzte große Abschnitt, der sich mit Musik in Frauenklöstern und religiösen Frauengemeinschaften befaßt, bedeutet für die Fragestellung nach der Rolle von Frauen im Musikleben der Frühen Neuzeit eine wissenschaftliche Herausforderung, weil bislang sowohl in der Musikwissenschaft als auch in der allgemeinen Kirchen- und Ordensgeschichte gezielte Studien zu den Frauenklöstern fehlen.  Da es zu keiner Zeit eine für alle Orden verbindliche Regelung des liturgischen Gesangs in den Frauenklöstern gab, war es schwierig, ein zusammenhängendes Bild der klösterlichen Musizierpraxis zu rekonstruieren, zumal die Zeugnisse so verstreut und versteckt sind. Koldau klärt Termini, gibt eine Einführung in die Geschichte des liturgischen Gesangs und geht dann auf einzelne Orden ein, deren Musikpflege sie rekonstruiert. Dadurch wird ein faszinierendes Panorama entfaltet; besonders hervorzuheben ist dabei die Beschreibung des Leinenschwingenfestes aus dem Klostertagebuch von 1491, das uns zum ersten Mal eine Vorstellung gibt, wie die Frauenliederbücher des 15. Jahrhunderts entstanden sein könnten, oder das scheinbar paradoxe Phänomen, daß ausgerechnet die verschärfte Klausurregelung im 17. Jahrhundert dazu führte, daß die Frauen in den Klöstern musikalisch eigenständig werden mußten, ganze Orchester gründeten und Kapellmeisterinnen und Komponistinnen wurden.

Linda Koldau listet niemals nur die Quellen auf, sondern zeigt stets den sozial- und kulturgeschichtlichen Rahmen der Musikbetätigung auf, was zu einem umfassenden Verständnis der damaligen Situation beiträgt. Das fachübergreifende Vorgehen erweist sich hier als besonders sinnvoll. Sie verweigert sich der herkömmlichen musikwissenschaftlichen Methode, Musikwerke mit den im musikalischen Kanon der Zeit enthaltenen Spitzenwerken zu vergleichen und Kleinmeister den großen Meistern zuzuordnen. Obwohl das Sammeln, Zusammentragen und Bewerten der verschiedenen Quellen einen der wichtigsten Pfeiler ihrer Arbeit bildet, achtet sie stets darauf, die musikalische Betätigung von Frauen in den Einstehungs-, Lebens- und Sozialkontext einzubetten und dadurch verständlich zu machen.  Sie folgt damit einer Maxime der Genderforschung, wonach eine neue Musikgeschichtsschreibung die Berücksichtigung sozialer Implikationen erfordert, und betreibt eine eher kulturgeschichtlich orientierte Forschung, die sich im Sinne des „Cultural Turn“ auf den Bezug zur Handlungspraxis umstellt. Insbesondere die angloamerikanische „New Musicology“ hat sich in den letzten Jahren unter der Ägide von WissenschaftlerInnen entwickelt, die das soziokulturelle Geschlecht (gender) als eine wichtige Analysekategorie anerkennen und anwenden: Musik existiert nicht unabhängig von soziokulturellen Kontexten, sie ist von zahlreichen Differenzen geprägt (Klasse, Ethnie, Geschlecht, sexuelle Präferenz, Religion, Ökonomie usw.) und sollte mit Blick auf die historisch variablen Diskurse erforscht werden. Das erkenntnisleitende Interesse achtet auf andere Schwerpunkte als bisher, beispielsweise auf die Funktion der jeweiligen Musik. Geschlechtsspezifische Konventionen herauszufinden wird sicherlich einer späteren Untersuchung überantwortet sein. Musik als „gendered discourse“ zu begreifen, bedeutet aber auch den erweiterten Blick auf die Musik als „gendered practice“.  Das könnte man beispielsweise bei einer intensiveren Untersuchung des Liedguts an Frauen- und Männerklöstern erkunden. So ist diese Arbeit nicht als Abschluß, sondern als Anfang aufzufassen, von der aus mannigfaltige Impulse ausgehen können.

Linda Koldau hat eine imponierende Studie vorgelegt, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Die Vielfalt der von ihr nachgewiesenen musikalischen Betätigungsfelder ist beeindruckend und auf eine fachübergreifende und minutiöse Forschungsarbeit zurückzuführen. Sie ist allen erdenklichen Spuren nachgegangen, und sie verbindet diese mit den Ergebnissen aus der Sekundärliteratur, die für sich gesehen schon sehr breit gefächert ist. Aufgrund des Umfangs des behandelten Zeitraums und der komplexen Quellenlage kann die Recherche als hervorragend bezeichnet werden, denn das Wissen um die Existenz und Verfügbarkeit historischer Quellen mußte erst geschaffen werden. Obwohl sie sich in dieser Studie nicht explizit mit den Ergebnissen der Genderforschung auseinandersetzt, hat Koldau in deren Sinne gearbeitet. Die Kategorie Geschlecht wird zwar weder theoretisch noch methodisch thematisiert, dafür aber auf der Ebene der Fragestellung. Damit ist eine Darstellung gelungen, von der mit größter Sicherheit behauptet werden kann, daß sie als musikgeschichtliches Standardwerk gelten wird.

Eva Rieger, Vaduz, 7. März 2005
(für FemBio leicht bearbeitet und gekürzt von Luise F. Pusch)

weitere Rezensionen:
Claudia Opitz, Universität Basel
Pressetext zur Verleihung des Cornelia-Goethe-Preises an Linda M. Koldau, 2005
Gerhard R. Koch, FAZ

Seite 1 von 1

Seitenanfang

Hedwig Dohm