FemBio-Special: Pionierinnen der Frauenbewegung

Alice Schwarzer

geboren am 3. Dezember 1942 in Wuppertal-Elberfeld

deutsche Journalistin, Schriftstellerin und Feministin; Pionierin und Führungsfigur der zweiten deutschen Frauenbewegung

65. Geburtstag am 3. Dezember 2007


Als Alice Schwarzer im Januar 1977 Emma aus der Taufe hob, verwirklichte sie einen lang gehegten Traum. Ihr war es gelungen, aus eigener Kraft eine unabhängige Zeitschrift zu gründen. Für sie persönlich verknüpfte Emma perfekt den Beruf mit der politischen Überzeugung: den Journalismus mit dem Feminismus.

1942 unehelich geboren, wuchs Alice Schwarzer bei den Großeltern am Rande Wuppertals auf. Als junge Frau, die in Petticoats mit ihren Freundinnen durch die Milchbars zog und zu Hause Sartre las, ging sie zur Handelsschule, lernte Steno und Schreibmaschine schreiben. Ihr erstes Geld verdiente sie als kaufmännische Bürokraft. Gelangweilt von der Eintönigkeit ihres Alltags brach sie auf nach Paris. Sie arbeitete als Au-pair, tippte und putzte, um den Besuch einer Sprachenschule zu finanzieren. Mit einem Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten startete sie ihre journalistische Karriere. 1969 wechselte sie zum linkspolitischen Pardon. Nach einem halben Jahr zog es sie wieder nach Paris und sie berichtete von dort als Korrespondentin für deutsche Medien.

Alice Schwarzer lernte Simone de Beauvoir kennen, die ihre Überzeugung prägte: Es gibt keine Natur der Frau, da alle Menschen gleich sind. Alice Schwarzer schloss sich dem „Mouvement de Libération des Femmes“ (MFL) an und initiierte 1971 in Deutschland die Abtreibungskampagne nach französischem Vorbild. “Ich habe abgetrieben”, bekannten 400 Frauen im Stern, darunter namhafte Schauspielerinnen wie Romy Schneider und Senta Berger.

Alice Schwarzer

Für Alice Schwarzer kristallisierte sich heraus, dass Feminismus in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gehört, um aufrühren und wirken zu können. Ihr Einsatz war von Anfang an einer, der sich durch eine gezielte Nutzung der Medien an die breite Masse wandte, nicht nur an streitbare Emanzen, sondern genauso an bügelnde Hausfrauen. 1975 publizierte sie das Werk, das zum feministischen Klassiker avancierte, Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Das Hetero-Sexualleben sei nicht privat geregelt, sondern sozial und kulturell erzwungen, schrieb die Autorin. Das Buch machte sie in den Medien zum Schlachtopfer: “Frustrierte Tucke” und “Schwanz-ab-Schwarzer” skandierten große deutsche Zeitungen.

Alice Schwarzer ließ sich nicht erschüttern, gründete Emma und sorgte mit den Redaktionskolleginnen publikumswirksam für Aufruhr, etwa 1978 mit der Klage gegen den Stern und seine “sexistischen Titelbilder”. Mit Emma rief sie Kampagnen gegen Pornografie und Diskriminierung von Frauen im Fußball ins Leben. Nebenher schrieb sie Bücher, darunter Biografien über Romy Schneider und Marion Gräfin Dönhoff. Im Herbst 2002 legte sie Alice im Männerland vor, eine Bilanz aus 30 Jahren feministischer Arbeit. Maßgeblich hat sie Anteil daran, dass sich Emanzipation im gesellschaftlichen Bewusstsein verankerte. Bis heute bewegt sich die exponierte Feministin in einem aufreibenden Spannungsfeld aus abgrundtiefer Verachtung und glühender Bewunderung; zuletzt erhitzte sie die Gemüter im Fernsehduell mit Medienstar Verona Feldbusch.

Alice Schwarzer Autobiographie

Auch Feministinnen distanzieren sich von Alice Schwarzer, kritisieren ihre Haltung, werfen ihr Profilisierungssucht vor und einen kommerzialisierten Feminismus. Dagegen stehen weibliche und männliche Fans, die sie zur Galionsfigur emanzipierter Frauen erheben, gestern wie heute. “Um keinen Preis möchte ich die manchmal recht dünne Luft der Konfrontation wieder tauschen gegen die stickige des Sich-Einreihens, des Sich-Beugens”, sagte Alice Schwarzer einmal. Sie bekam etliche Auszeichnungen, u.a. 1996 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Wiebke Eden

Dünnebier, Anna & Gerd von Paczensky. 1998. Das bewegte Leben der Alice Schwarzer: Die Biographie. Köln. Kiepenheuer & Witsch.

Eden, Wiebke. 2000. Im Gespräch: Journalistinnen. Berlin. edition ebersbach.

Schwarzer, Alice. 2002 [1975]. Der kleine Unterschied und seine großen Folgen: Frauen über sich - Beginn einer Befreiung. Frankfurt/M. Fischer TB.

Schwarzer, Alice. 2002 Alice im Männerland: Eine Zwischenbilanz. Köln. Kiepenheuer & Witsch.

Schwarzer, Alice. 2002. Der große Unterschied: Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen. Köln. Kiepenheuer & Witsch.

Schwarzer, Alice. 1996. Marion Dönhoff: Ein widerständiges Leben. Köln. Kiepenheuer & Witsch.

Schwarzer, Alice. 1998. Romy Schneider: Mythos und Leben. Köln. Kiepenheuer & Witsch.

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Hedwig Dohm