FemBio-Special: Europäische Jüdinnen

Anita Augspurg

also available in English

geboren am 22. September 1857 in Verden an der Aller
gestorben am 20. Dezember 1943 im Exil in Zürich

deutsche Frauenrechtlerin und Juristin
70. Todestag am 20. Dezember 2013


BiografieZitateWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

Sie war eine Rebellin in ihrem Denken und Handeln, ihren Gegnerinnen mißfiel sie, ihre Befürworterinnen bewunderten sie, gleichgültig war sie niemandem.

Die Rede ist von Anita Augspurg, einer bedeutenden oder sogar der bedeutendsten Frau des sogenannten radikalen Flügels der ersten Frauenbewegung, der vor allem durch seinen Einsatz für das Frauenstimmrecht Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt wurde.

Anita Augspurg wurde am 22. September 1857 in Verden an der Aller, einer niedersächsischen Kleinstadt geboren. Ihr Vater war Landgerichtsrat und Notar, ihre Mutter kam wie der Vater aus einer Akademikerfamilie. Die Tochter, einen Nachkömmling (vor ihr waren schon zwei Schwestern und zwei Brüder geboren worden) erzogen sie liebevoll und freiheitlich - beste Voraussetzungen, um Selbstbewußtsein und eigenen Willen eines Kindes zu fördern.

Erste Versuche nach Beendigung der Schulzeit, sich als Schauspielerin den Lebensunterhalt zu verdienen, scheiterten; erfolgreich war dann aber die Einrichtung eines Fotoateliers mit der Freundin Sophia Goudstikker in München im Jahre 1887. Beide Frauen durchbrachen mit ihrem Aussehen und Verhalten die Schranken bürgerlich-weiblicher Schicklichkeit. Sie trugen einen kurzen Haarschnitt, Pluderhosen, fuhren Fahrrad und ritten im “Herrensitz” auf ihren Pferden.

Anita Augspurg und Lida G. Heymann
Auf Dauer genügte Anita Augspurg das Geschäfts- und Bohèmienneleben in München nicht. Nach ersten Kontakten mit der Frauenbewegung in München und der Beschäftigung mit der Rechtsstellung von Frauen entschloß sie sich zu einem Jurastudium in Zürich, das sie 1897 mit dem Dr. jur abschloß. Ein Jahr später gründete sie mit der Freundin und späteren Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann in Hamburg einen ersten deutschen Zweigverein der Internationalen Abolitionistischen Föderation (IAF). Diese aus Amerika kommende Organisation kämpfte gegen die Freiheitsbeschränkungen von Prostituierten. Sich in Deutschland für Prostituierte einzusetzen, war damals ein kühnes Unterfangen. Anfang 1902 gründete Anita Augspurg, wiederum gemeinsam mit Lida Gustava Heymann, in Hamburg den ersten deutschen Stimmrechtsverband - Frauen waren von allen Wahlrechten, dem Dreiklassenwahlrecht und dem demokratischen zum Reichstag ausgeschlossen. Das Frauenstimmrecht forderte bis zu diesem Zeitpunkt nur die sozialdemokratische Partei, nicht einmal die bestehenden Frauenorganisationen. Mit der Gründung des Stimmrechtsvereins hatte sich endgültig der radikale Flügel der Frauenbewegung herausgeschält, der mit Aktionen und auch spektakulären Auftritten auf sich aufmerksam machte.

Anita AugspurgIm ersten Weltkrieg gehörte Anita Augspurg zu der kleinen Gruppe von Kriegsgegnerinnen; 1915 nahm sie mutig an der daheim verfemten internationalen Frauenfriedenskonferenz in Den Haag teil.

Erschüttert über das Scheitern einer ersten demokratischen Staatsform nach dem Tod Kurt Eisners, lebten Augspurg und Heymann bis 1933 zurückgezogen in Bayern. Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, kehrten sie von ihrer jährlichen Winterreise nicht mehr nach Deutschland zurück. Mittellos, unterstützt von Freundinnen aus der internationalen Frauenbewegung, zogen sie in den ersten Jahren zwischen den Wohnungen von FreundInnen in der Schweiz und in anderen Ländern hin und her; ab 1937 wohnten sie in einer Dachwohnung in Zürich. Anfang 1943 erkrankte Lida Gustava Heymann an Krebs; am 31. Juli starb sie - es fiel ihr unendlich schwer, Abschied von der hilfsbedürftigen, an Altersdemenz leidenden Freundin zu nehmen. Anita Augspurg starb, knapp fünf Monate später, am 20. Dezember 1943 in Zürich.

Hiltrud Schroeder

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Zitate

Frauen und Mütter Deutschlands, die ihr diesen Weltkrieg mit erlebt habt, müsst ihr nicht alle bereit sein, zu tun, was in euren Kräften steht, die kommenden Geschlechter vor gleichen Katastrophen zu bewahren.
(Anita Augspurgs am Ende des Ersten Weltkriegs in einem Aufruf zusammen mit Lida Gustava Heymann; Quelle)

Die Frauenfrage ist zwar zum großen Teil Nahrungsfrage, aber vielleicht in noch höherem Maße Kulturfrage, (. . .) in allererster Linie aber ist sie Rechtsfrage, weil nur von der Grundlage verbürgter Rechte (. . .) an ihre sichere Lösung überhaupt gedacht werden kann.
(Anita Augsburg, Quelle)

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Links

Anita Augspurg in der Deutschen Nationalbibliothek

Würdigung Augspurgs aus juristischer Sicht

FrauenMediaTurm – Anita AugspurgFrauenMediaTurm: Anita Augspurg. Biografie mit Links und sehenswerten Fotos.

Gronegger – Friede, FreiheitGronegger, Irene: Friede, Freiheit, Frauenrechte. an.schläge. Das feministische Magazin.

Katalog der Deutschen Nationalbibliothek – Anita AugspurgKatalog der Deutschen Nationalbibliothek: Anita Augspurg.

Kätzel – Es waren nur wenigeKätzel, Ute: Es waren nur wenige, doch der Staat fühlte sich bedroht … Die Frauenfriedensbewegung 1899 bis 1933. Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V.

LeMO – BiographieLeMO: Biographie: Anita Augspurg, 1857-1943. Tabellarischer Lebenslauf.

Lessmann – Sie waren mutigLessmann, Ulla: Sie waren mutig. Lebenslustige Feministinnen. Rezension zu „Die Rebellion ist eine Frau“ von Anna Dünnebier und Ursula Scheu. freitag.de.

Ley – Geschichte der Deutschen SektionLey, Anne: Geschichte der Deutschen Sektion der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit.

Löchel – RebellinnenLöchel, Rolf: Rebellinnen - Die Lebensgeschichte zweier Feministinnen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Rezension zu „Die Rebellion ist eine Frau“ von Dünnebier und Scheu. literaturkritik.de.

Löchel – Wirklich radikale FrauenLöchel, Rolf: Wirklich radikale Frauen - Susanne Kinnebrocks ausgezeichnete Biographie zeigt Anita Augspurg als Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik. Rezension. literaturkritik.de.

Löchel 2007 – Ein Leben für die FrauenbewegungLöchel, Rolf (2007): Ein Leben für die Frauenbewegung - Der radikalen Feministin Anita Augspurg zum 150. Geburtstag. literaturkritik.de.
(Link aufrufen)


muenchen.de – Prinzipien & Projektemuenchen.de: Prinzipien & Projekte. Anita-Augspurg-Preis.

Neiseke – Über die „Öffentlichkeitsarbeiterin Anita AugspurgNeiseke, Eric: Über die „Öffentlichkeitsarbeiterin“ Anita Augspurg. Rezension zu Susanne Kinnebrock: Anita Augspurg. Querelles-Net.

Probst – Anita AugspurgProbst, Ernst: Anita Augspurg: Die radikale deutsche Feministin. biografien-news.

Stadelhofer – Frauen im AufbruchStadelhofer, Carmen: Frauen im Aufbruch.

Wikipedia – Anita AugspurgWikipedia: Anita Augspurg.



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Literatur & Quellen


Quellen
Dünnebier, Scheu 2002 – Die Rebellion ist eine Frau


Dünnebier, Anna; Scheu, Ursula (2002): Die Rebellion ist eine Frau. Anita Augspurg und Lida G. Heymann ; das schillerndste Paar der Frauenbewegung. Kreuzlingen: Hugendubel (Sphinx).


Feministische Studien 1/1984: Die Radikalen in der alten Frauenbewegung.

Henke 2000 – Anita Augspurg

Heymann, Augspurg 1992 – Erlebtes


Henke, Christiane (2000): Anita Augspurg. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl. (Rowohlts Monographien, 50423).


Heymann, Lida Gustava; Augspurg, Anita (1972): Erlebtes – Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850 – 1940. Herausgegeben von Margrit Twellmann. Frankfurt am Main: Helmer, 1992.

Kinnebrock 2005 – Anita Augspurg 1857

Pusch, Horsley (Hg.) 2005 – Berühmte Frauenpaare


Kinnebrock, Susanne (2005): Anita Augspurg (1857 - 1943). Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik ; eine kommunikationshistorische Biographie. Herbolzheim: Centaurus-Verl. (Frauen in Geschichte und Gesellschaft, 39).


Schroeder, Hiltrud (2005): „Übermächtig war das Gefühl, daß wir vereint sein müssen“. Anita Ausgspurg (1857 – 1943) und Lida Gustava Heymann (1868 – 1943). In: Pusch, Luise F.; Horsley, Joey (Hg.) (2005): Berühmte Frauenpaare. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch, 3404).

Weiterführende Literatur


Augspurg, Anita (1893): Die ethische Seite der Frauenfrage. Minden: Köhler.


Augspurg, Anita (1898): Ueber die Entstehung und Praxis der Volksvertretung in England. München: Knorr & Hirth. 


Berneike, Christiane (1995): Die Frauenfrage ist Rechtsfrage. Die Juristinnen der deutschen Frauenbewegung und das Bürgerliche Gesetzbuch. Dissertation. Baden-Baden: Nomos Verl.-Ges. (Schriften zur Gleichstellung der Frau, 11).


Bretschneider, Heike: Anita Augspurg – Kämpferin für Frieden, Freiheit und Frauenrechte (Zeitreisen – Geschichte im Bayerischen Fernsehen). Ausgestrahlt am 7. Juli 2003. 


Diemer, Hermine (1900): Die deutsche Frau in der Friedensbewegung. Erwiderung auf die von Frl. Dr. Anita Augspurg und Frau Prof. Selenka 1899 gehaltenen Reden. München: Lehmann. 

Duncker 2003 – Gleichheit und Ungleichheit


Duncker, Arne (2003): Gleichheit und Ungleichheit in der Ehe. Persönliche Stellung von Frau und Mann im Recht der ehelichen Lebensgemeinschaft 1700 – 1914. Köln: Böhlau (Rechtsgeschichte und Geschlechterforschung, 1).


Gelblum, Amira (1992): Feminism and pacifism. The case of Anita Augspurg and Lida Gustava Heymann. In: Volkov, Shulamit; Stern, Frank (Hg.): Neuere Frauengeschichte. Gerlingen: Bleicher (Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 21), S. 207–225.

Gerhard 1992 – Unerhört


Gerhard, Ute (1992): Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (Rororo Sachbuch, 8377).


Gilbert, Anne-Françoise: Frauenfreundschaft und frauenpolitischer Kampf im Kaiserreich : das Beispiel von Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg. In: Parteilichkeiten Ariadne, Ausgabe 40 (2001), S. 26–31. 


Himmelsbach, Christiane (1996): „Verlaß ist nur auf unsere eigne Kraft!“. Lida Gustava Heymann – eine Kämpferin für die Frauenrechte. Oldenburg: Bis Bibliotheks- und Informationssystem der Univ.

Janssen-Jurreit, Augspurg 1986 – Frauen und Sexualmoral


Janssen-Jurreit, Marielouise; Augspurg, Anita (1986): Frauen und Sexualmoral. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl. (Die Frau in der Gesellschaft, 3766).


Mosick, Sonja (1999): Anita Augspurg – Idealistin oder Realistin? Eine Analyse ihrer publizistischen Tätigkeit unter besonderer Berücksichtigung ihrer Sicht auf die Frauenfrage. Diplomarbeit. Hildesheim. Universität. 

Probst 2001 – Feminismus und Familie


Probst, Ernst (2001): Feminismus und Familie. Mainz-Kostheim: Probst (Superfrauen, 11).


Wandel, Elke (1994): Gemeinsam unschlagbar. 40 Jahre lang kämpften und lebten Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg zusammen. In: Emma, H. 2/1994, S. [76]-85. 

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Hedwig Dohm