FemBio-Special: Frauen aus Heidelberg

Anna Seghers

(geb. Netty Reiling)

geboren am 19. November 1900 in Mainz
gestorben am 1. Juni 1983 in Berlin

deutsche Schriftstellerin
30. Todestag am 1. Juni 2013


BiografieZitateWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

Anna Seghers“Man hat uns nun einmal von klein auf angewöhnt, statt uns der Zeit demütig zu ergeben, sie auf irgendeine Weise zu bewältigen.” Diese Worte aus Anna Seghers’ einziger offen autobiographischer Erzählung “Der Ausflug der toten Mädchen” weisen auf den Grundimpuls, der Leben und Schreiben dieser bedeutenden Autorin bestimmte. Seghers wollte sich ihrer Zeit nie demütig ergeben, sondern sie als politisch engagierte Schriftstellerin gestalten. Die Rolle, die die erste Hälfte ihres Jahrhunderts für sie als Frau und deutsche Jüdin bereithielt, nämlich stilles Opfer der Geschichte zu werden, lehnte sie konsequent ab. Ihr Engagement führte sie aber auch dazu, daß sie im Dienst der sozialen Gerechtigkeit, der sie sich verschrieb, Unrecht zumindest duldete, um ihrer Sache, der kommunistischen Idee, zum Sieg zu verhelfen. Die kommunistische Partei bedeutete für Anna Seghers, die sich als Frau und Jüdin im deutschen Bürgertum sowohl eingesperrt als fremd fühlte, das Aufgehen in einen radikal neuen Lebenssinn, der aber die strenge Verbindlichkeit der väterlichen Religion beibehielt.

Anna Seghers

Netty Reiling stammte vom Rhein, aus einer alteingesessenen jüdischen Familie. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Sinologie in Heidelberg heiratete sie 1925 den ungarischen Komponisten Laszlo Radvanyi. Trotz schnell einsetzender “Mutterpflichten” (sie gebar 1926 einen Sohn und 1928 eine Tochter), hielt sie zäh fest an ihrem Ziel, sich als Schriftstellerin zu etablieren. Das gelang ihr rasch und überzeugend.

1933 floh die Familie über Frankreich nach Mexiko. Als Seghers 1947 zurückkehrte, hoffte sie noch auf ein vereintes Deutschland, wählte aber den östlichen Teil, weil sie meinte, nur hier finde ein wirklicher Neuanfang statt. Ganz wollte und konnte sie diese Hoffnung trotz zunehmender Desillusionierung nicht aufgeben.
Obwohl es Seghers in dem von Männern bestimmten Kulturleben der Kommunisten zu hohem Ansehen brachte – sie war u.a. von 1953 bis 1978 Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR – hatte sie keinen wirklichen Einfluß, sie fungierte als “Aushängeschild”.

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Zitate:

Anna kann rührend hilflos sein, manchmal gezielt, manchmal gespielt und manchmal echt… Am hilflosesten aber sah ich Anna im Schweinestall ihrer Genossenschaft. Man erklärte ihr die Qualitäten der Sauen und die Gewichtigkeit des Ebers. Anna wandte sich hilfeheischend mir zu: “Allweil diese Mengen Schweine, findest nit auch? Immer diese Mäuler und diese Wackelei mit dene Schnäbel oder dene Rüssel da, gell?” (Erwin Strittmatter in “Anna und ich”, 1975)

Alle Beobachtungen sprechen dafür, daß Anna Seghers, selbst zur Kampfgeneration für den Sozialismus gehörend, sich ganz auf den Einsatz für die neue Gesellschaft konzentriert, an der ebenfalls ausstehenden Veränderung des überkommenen Frauenbildes jedoch kein primäres Interesse zeigt. Das heißt, sie begnügt sich mit jener Fremdbestimmung der Frau, die dieser allenfalls den Platz an der Seite des Mannes einräumt. (Erika Haas)

Erzählen bedeutet für sie strikt das, was es seinem Wesen und Ursprung nach ist: Geschichtenerzählen. (Kurt Batt)

Sie zaubert. Bezaubert. Wie geht das zu: Zaubern in nüchterner Zeit? Indem sie sich selbst nicht gestattet, zu wissen, was sie da tut. Eine Ahnung davon sorgfältig vor sich versteckt. So weiß sie also und weiß nicht und wacht streng über alles: über die Dauer des Zaubers, seine Zusammensetzung und seine Wirkung, über Wissen und Nichtwissen und darüber, daß dies alles immer in der richtigen Mischung vorhanden, der Vorrat immer aufgefüllt ist, die Anstrengung hinter dem schwebenden Gleichgewicht unbemerkt bleibt und wir also getrost und zu unserem Glück daran glauben können. (Christa Wolf)

Christiane Zehl Romero

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Zitate

Bei der Anna mußt wissen, wenn du denkst, sie redet mit dir, strickt sie an einem Roman, den sie grad unter hat, und ganz hinten, da, wo schon niemand mehr denkt, daß noch was ist, da arbeit’s’ an etwas Theoretischem, die Anna. (Bert Brecht, 1952. Berichtet von Erwin Strittmatter in “Anna und ich”, 1975)

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Links

www.anna-seghers.de

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Literatur & Quellen

Batt, Kurt. 1980. Anna Seghers. Leipzig. Philipp Reclam jun.

Seghers, Anna. 1977-80. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. 14 Bde. Berlin; Weimar. Aufbau.

Seghers, Anna. 2003. Und ich brauch doch so schrecklich Freude [Tagebuch 1924/1925]. Hg. Christiane Zehl Romero. Berlin. Aufbau.

Zehl Romero, Christiane. 1992. Anna Seghers. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg. rororo monographien 464.

Zehl Romero, Christiane. 2000. Anna Seghers: Eine Biographie 1900-1947. Berlin. Aufbau.

Zehl Romero, Christiane. 2003. Anna Seghers: Eine Biographie 1947-1983. Berlin. Aufbau.

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Hedwig Dohm