FemBio-Special: Frauen aus Potsdam

Anne Marie Baral

(geborene Laval)

geboren am 22. April 1728 in Berlin
gestorben am 20. Juni 1805 in Potsdam

preußische Hasplerin, Seidenkultivateurin, Ausbilderin
285. Geburtstag am 22. April 2013


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Wenig ist über das Leben einfacher Handwerkerfamilien im 18. Jahrhundert in Potsdam – und nicht nur dort – bekannt. Meist erfahren wir nur indirekt etwas über sie, denn sie greifen selten zu Papier und Feder. Das gilt insbesondere für das Leben der Ehefrauen. Gewöhnlich übt die Frau denselben Beruf aus wie ihr Mann und führt in dessen Abwesenheit die Geschäfte selbstständig weiter. Die Geschichtsforschung hat hierfür den Begriff des „Arbeitsehepaares“ geprägt. Die Erwerbskraft der Frau ist häufig unverzichtbar für das Familieneinkommen. Hierin ist auch Anne Marie Baral keine Ausnahme. Ungewöhnlich ist jedoch, wie detailliert sich ihr beruflicher Werdegang anhand von Verwaltungsakten nachzeichnen lässt. So wird an ihrem Schicksal das vieler Potsdamer Handwerkerinnen in dieser Zeit deutlich. Dennoch erreichen jene Frauen selten den Grad der Selbstständigkeit, wie ihn Anne Marie Baral für sich erringt.

Anne Marie Laval ist die Tochter des Bäckermeisters Jean Laval aus Metz und seiner Ehefrau Marguerite Devaise aus Mannheim, die in Berlin leben. 1746 heiratet sie, neunzehnjährig, in Potsdam den vierzehn Jahre älteren, aus Kassel stammenden Beuteltuchmacher Jean Pierre Baral. Das Paar bekommt sieben Kinder, doch versterben alle Jungen im Alter von vier bis achtzehn Monaten. Nur die beiden Mädchen Sophie Dorothée und Susanne erreichen das Erwachsenenalter. Anne Marie und Jean Pierre Baral gehören zur dritten Generation französischer Glaubensflüchtlinge, die sich gemäß den Privilegien des 1685 erlassenen „Edikts von Potsdam“ in Brandenburg-Preußen niederlassen.

Anne Marie Baral unterstützt nicht nur die Arbeit ihres Mannes als Textilhandwerkerin und später als Malerin im Baugewerbe, sie ist auch selbstständig im Seidenbau tätig. Hierbei hilft ihr die hohe Kompetenz, die den Einwanderern aus Frankreich und ihren Nachfahren damals im Seidenbau beigemessen wurde. Unterstützt Anne Marie Baral zunächst durch ihre Arbeit auf der Plantage des Potsdamer Waisenhauses oder durch das Haspeln der Seidenkokons zu Rohseide das Familieneinkommen, steigt sie allmählich zu einer der gefragtesten AusbilderInnen im Seidenbau weit über die Grenzen der Stadt hinaus auf. Neben einer Vielzahl von Lehrjungen, die sie ausbildet, unterweist sie auch Bürgersfrauen im Haspeln. Vor allem Frauen der französischen Kolonien sind gefragte Ausbilderinnen, da man ihnen verfeinerte Sitten nachsagt, die den Lehrlingen gleich mit vermittelt werden. Der Seidenbau eröffnet diesen Frauen Perspektiven der Eigenständigkeit. Diese Arbeit, die neben Ausdauer auch den häufigen Aufenthalt in der Seidenkammer erfordert, kommt ihrem eher auf die häusliche Sphäre und die Versorgung von Mensch und Tier zugeschnittenen Lebensbereich entgegen. Dennoch gehen im 18. Jahrhundert nur wenige Frauen dem Seidenbau nach. Dass eine Frau wie Anne Marie Baral den Seidenbau auch außer Haus betreibt, ihm hauptberuflich nachgeht und später sogar Lehrlinge ausbildet, ist ungewöhnlich und für Potsdam im 18. Jahrhundert einmalig.

1789, wenige Jahre nach dem Tod ihres Mannes, bietet ihr die königliche Seidenbaukommission eine Stelle auf Lebenszeit auf dem Jägerhof an. In den Räumen dieser Mitte des 18. Jahrhunderts zum Seidenbau umgebauten kurfürstlichen Fasanerie im Norden Potsdams stehen damals Dutzende von Holzregalen, auf deren Böden die Maulbeerbaumblätter ausgebreitet werden, um sie von Mai bis Anfang Juli an die Raupen des Seidenspinners zu verfüttern. Hierfür erhält sie ein mit dem eines Textilhandwerkers vergleichbares jährliches Einkommen von 144, später 150 Reichstalern und freie Wohnung auf dem Jägerhof. Während der Saison ist die Arbeitsbelastung auf dem Jägerhof sehr hoch. Mehrmals täglich treffen Lieferungen von Maulbeerbaumblättern ein, die Anne Marie Barals Vorstellungen hinsichtlich Qualität und Quantität selten entsprechen. Mehrmals täglich muss das Futterlaub für die Seidenraupen gewechselt werden. Hierbei gehen Anne Marie Baral neben ihrer Tochter Susanne ihre Lehrjungen sowie Zöglinge des Potsdamer Militärwaisenhauses zur Hand. In Brandenburg, wo das Frühjahr oftmals feucht und kalt ist, erleidet der Seidenbau häufige Rückschläge. Doch gelingt es Anne Marie Baral, auch auf diesem Gebiet die Erwartungen zu übertreffen und zu einer der wichtigsten SeidenproduzentInnen in Potsdam im späten 18. Jahrhundert zu werden. 1793 gibt sie diese Arbeit aus Altersgründen auf. Im Jahr darauf verstirbt ihre Tochter Susanne, die den Seidenbau auf dem Jägerhof zusammen mit ihrem Ehemann übernehmen sollte, im Wochenbett.

 

 

Silke Kamp

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Literatur & Quellen

Silke Kamp. 2009. “Anne Marie Baral”, in: Toussaint, Jeanette: Zwischen Tradition und Eigensinn. Lebenswege Potsdamer Frauen vom 18. bis 20. Jahrhundert. Hg. vom Autonomen Frauenzentrum Potsdam e.V. Potsdam 2009, S. 17-28.

Dies. 2007:” Die verspätete Kolonie – Hugenotten in Potsdam 1685-1809”, in: Mitteilungen der Studiengemeinschaft Sanssouci e.V. (2/2007), S. 35-45.

Frauenbild

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Hedwig Dohm