FemBio-Special: Europäische Jüdinnen

Carry Brachvogel

(Karoline Hellmann [Geburtsname])

geboren am 16. Juni 1864 in München
gestorben am 20. November 1942 im KZ Theresienstadt

deutsche Schriftstellerin und Feuilletonistin; Frauenrechtlerin
70. Todestag am 20. November 2012


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Bis in die zwanziger Jahre gehört Carry Brachvogel neben Franziska zu Reventlow, Ricarda Huch und Annette Kolb zu den bekanntesten Münchner Schriftstellerinnen. 40 eigene Werke und fünf Übersetzungen verfasst sie im Verlauf ihres Lebens. Wegen ihrer gescheiten, schlagfertigen und spitzzüngigen Art ist ihr Salon „Teetisch am Siegestor“ Anziehungspunkt der gehobenen Gesellschaft. Zu ihrem 60. Geburtstag empfängt Carry Brachvogel eine Delegation des Stadtrats; der Oberbürgermeister gratuliert persönlich. Achtzehn Jahre später wird sie nach Theresienstadt deportiert. Nach Kriegsende gerät sie vollkommen in Vergessenheit, keines ihrer Werke wird je neu aufgelegt.

Carry wächst in einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Mit den Eltern Zerlina und Heinrich Hellmann und ihrem jüngeren Bruder Siegmund lebt sie zunächst in der vornehmen Residenzstraße, später in der nicht minder vornehmen Brienner Straße. 1887 heiratet sie den katholischen Schriftsteller und Redakteur Wolfgang Brachvogel ohne selbst zum Christentum zu konvertieren. Die beiden haben zwei Kinder, die 1888 und 1889 geboren werden. Nach dem frühen Tod ihres Ehemanns 1892 beginnt Carry Brachvogel zu schreiben, um den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern. Gleich in ihren ersten Romanen „Alltagsmenschen“ und „Der Erntetag“ prangert Brachvogel die Scheinheiligkeit und Verlogenheit der Werte an, die den Frauen noch immer vermittelt werden. Vor allem schreibt sie gegen das überkommene realitätsferne Frauenbild an, das sie der deutschen Klassik anlastet und in deutschen Familienblättern à la „Die Gartenlaube“ weiterhin kultiviert sieht.

Es folgen mehrere Romane, Jugendbücher, Bühnenstücke, Zeitschriftenbeiträge und Novellen, häufig mit Protagonistinnen aus dem Theater- oder bürgerlichen Milieu sowie Monografien über bedeutende Frauen, z.B. die Marquise de Pompadour (1905), Katharina II. von Rußland (1906) und Maria Theresia (1911). Sie beschäftigt sich aber auch mit dem Leben einfacher Frauen, z.B. mit den Münchner Kellnerinnen und Trambahnschienenputzerinnen. Im Sammelband „Im Weiß-Blauen Land“ veröffentlicht die heimatverbundene Carry Brachvogel Feuilletons über Oberbayern, München und deren BewohnerInnen. Aufgrund ihrer schriftstellerischen Erfolge gehört sie bald zu den bekanntesten Frauen Münchens.

FrauenbildNeben ihrer Schriftstellerinnentätigkeit engagiert sich Carry Brachvogel im konservativen Flügel der Frauenbewegung. Ab 1903 arbeitet sie in dem von Ika Freudenberg gegründeten „Verein für Fraueninteressen“ mit. In Vorträgen zeigt sie anhand historischer Beispiele, dass es schon immer starke, unabhängige Frauen gegeben hat. Gleichberechtigung für Frauen bedeutet für sie nicht nur das Wahlrecht oder das Recht auf akademische Ausbildung und einen Beruf, sondern vor allem das Recht auf Selbstbestimmung. Zusammen mit Emma Haushofer-Merk gründet sie 1913 den „Verein Münchner Schriftstellerinnen“, dessen Mitfrauen sich verpflichten, ihre Arbeiten nicht unter Wert oder gar kostenlos anzubieten. Den Redakteuren und Verlegern soll deutlich gemacht werden, dass Frauenarbeit nicht billiger als Männerarbeit zu haben ist. Ab 1925 ist sie Vorsitzende des Vereins.

Ab Anfang der dreißiger Jahre beginnt für Carry Brachvogel eine Zeit zunehmender Isolation. Im Mai 1933 beschließen die Frauen des Schriftstellerinnenvereins in ihrer Abwesenheit ihren Rücktritt wegen ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit. In ihrer Wohnung in der Herzogstraße lebt Carry Brachvogel zuletzt gemeinsam mit ihrem Bruder, der als Universitätsprofessor entlassen worden ist. Am 22. Juli 1942 werden beide aus „rassischen“ Gründen ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Carry Brachvogel stirbt dort vier Monate später.

Um sie dem Vergessen zu entreißen, wurde auf Betreiben des Arbeitskreises „Frauenleben in Bayern“ 1992 im BürgerInnenhaus in der Schwabinger Seidl-Villa der „Carry-Brachvogel-Salon“ eingeweiht.

Christine Schmidt

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Literatur & Quellen

Zitate

„Mein Leben ist äußerlich so einfach gewesen, daß es kaum verlohnt, darüber zu berichten. Es hat sich ganz und gar in meiner Geburtsstadt München abgespielt, in dieser farbigen, von Kunst überfluteten Stadt, deren Humor voll Anmut ist und die es versteht, Gegensätze lächelnd zu versöhnen.“
(Aus dem Vorwort ihres Buches „Das Grammophon“, 1920)

Aus „Eva in der Politik. Ein Buch über die politische Tätigkeit der Frau“, 1920:
„Als nun die Männer dem Apostelwort [Anm.: „Das Weib schweige in der Gemeinde“] noch ernsthaft hinzufügten: „die Politik verdirbt den Charakter“, konnten etliche weibliche Spottvögel ein kleines Lächeln nicht unterdrücken und meinten, an ihrem, der Frauen Charakter, sei doch nichts mehr zu verderben, da sie ohnehin schon als die Wurzel alles Übels betrachtet würden…“

„Voll Mißachtung und Haß münzten die Männer das Wort und bedachten nicht, daß ihr eigener Wille es war, der von der Frau jede politische Verantwortlichkeit genommen hatte. Oder hatten sie im Ernst geglaubt, daß die eine Hälfte des Menschengeschlechts kraft eines Gesetzes die andere Hälfte von den großen Rechten des Erdballs ausschließen könne? Haben sie im Ernst geglaubt, daß mit der Aussperrung der Frauen auch die Ausmerzung politischen Instinktes, politischen Ehrgeizes vollzogen sei?!“

„Sollte, solange die Welt steht, die Frau in der Politik immer nur falsch und böse, niemals aber richtig und gut beraten haben? Haben nicht vielmehr die Männer mit hundert schadenfrohen Zungen es laut verkündet, wenn die Politik einer Unverantwortlichen Schiffbruch erlitt, während sie beim Erfolg ihrer Politik taub, stumm und blind, ganz besonders aber stumm wurden?“

Literatur:

ARBEITSKREIS „FRAUENLEBEN IN BAYERN“: Carry Brachvogel. In: Landeshauptstadt München (Hg.): Frauenleben in München (= Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags, Geschichtswettbewerb 1992). München 1993, S. 233–240

ARCHIV BIBLIOGRAPHIA JUDAICA e.V. (Hg.): Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Bd. 3. München 1994

BRACHVOGEL, Carry: Gesammelte Feuilletons. München/Leipzig 1913

BRACHVOGEL, Carry: Eva in der Politik. Ein Buch über die politische Tätigkeit der Frau. Leipzig 1920

BRACHVOGEL, Carry: Im Weiss-Blauen Land. Bayerische Bilder. München 1923

FEILCHENFELDT, Konrad (Hg.): Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert, Bd. 3. München 2001

HEUER, Renate: Carry Brachvogel (1864–1942), Schriftstellerin. In: TREML, M. & WEIGAND, W. (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern – Lebensläufe (= Veröff. Bayer. Geschichte u. Kultur, Nr. 18). München 1988, S. 211–216

KARL, Michaela: Carry Brachvogel: Die Frauenrechtlerin. In: Bayerische Amazonen. 12 Porträts. Regensburg 2004, S. 17–31

Links:

Wikipedia
Carry Brachvogel in der Deutschen Nationalbibliothek
Eintrag zu Carry Brachvogel im Theresienstadt-Lexikon

 

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Hedwig Dohm