FemBio-Special: Berühmte Malerinnen
Elfriede Lohse-Wächtler
Deutsche Malerin
geboren am 4. Dez. 1899 in Dresden-Löbtau
gestorben am 31. Juli 1940, ermordet, Heil-und Pflegeanstalt Sonnenstein in Pirna
Die Tragik des Lebens dieser großen Künstlerin ist kaum vorstellbar.
Sie wird in ein beengtes bürgerliches Milieu geboren, die Eltern sind mit der Genialität und Exzentrik der Tochter schlichtweg überfordert, versuchen sie an einer Laufbahn als Malerin zu hindern, was ihnen aber nicht gelingt. Elfriede besucht die Kunstakademie in Dresden, zieht im Alter von sechzehn Jahren aus der elterlichen Wohnung aus und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Batikarbeiten. Sie verkehrt in der Dresdner Boheme, ist Anhängerin von Dada, besucht auch Veranstaltungen des Spartakusbundes und bildet sich politisch und sozial wie viele von den Greueln des ersten Weltkrieges aufgeschreckte sensible junge Menschen.
Zum großen Erstaunen ihrer FreundInnen heiratet sie einen nicht zu ihr passenden Mann, den rücksichtslosen und verschwenderischen Gelegenheitskünstler Kurt Lohse, der nicht nur sein Geld sondern auch das ihre hinauswirft. Grenzenlose Armut ist das Kennzeichen ihres Lebens.
Das Paar trennt sich, Lohse zieht nach Hamburg und erkrankt. Elfriede Wächtler hat Erbarmen mit ihm, will ihn pflegen und zieht zu ihm. Bald hat Lohse eine andere Frau. Elfriede Wächtler lebt und arbeitet nun in Hamburg unter jämmerlichen emotionalen und finanziellen Bedingungen, bis es zu einem Nervenzusammenbruch kommt. Die Ruhe und die regelmäßigen Mahlzeiten in einer Nervenheilanstalt bringen ihr Erholung. In diesem mehrwöchigen Aufenthalt in der Anstalt entsteht die von der Kunstkritik enthusiastisch gepriesene Porträtserie “Friedrichsberger Köpfe”, Porträts ihrer Mitpatientinnen. Elfriede Wächtler wird jetzt zwar berühmt, doch bleibt sie weiterhin arm.
Es ist erstaunlich, welch großartiges Werk Elfriede Wächtler, trotz brennender Alltagssorgen, emotionaler Vereinsamung und zeitweiliger Obdachlosigkeit geschaffen hat. Hauptthema ihrer Bilder sind Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, soziale AußenseiterInnen, Geächtete und Minderheiten. Sie entlarvt, doch moralisiert sie nicht. Die Kunstkritik stellt sie in eine Reihe mit Otto Dix, Oskar Kokoschka, Jeanne Mammen und Egon Schiele.
Nach den künstlerisch sehr fruchtbaren, doch menschlich fast vernichtenden Jahren in Hamburg flüchtet sie zu ihren Eltern zurück nach Dresden, die nun wieder aus ihrer bürgerlichen Ruhe aufgeschreckt werden. Der Vater läßt seine Tochter 1932 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf bei Dresden einweisen, sicherlich nicht in böswilliger Absicht. Überforderung, Ratlosigkeit und Gedankenlosigkeit, natürlich auch eigene finanzielle Not, lassen ihn einen “Aufbewahrungsort” für seine ihm so fremdartige Tochter finden.
Jetzt ist das Schicksal Elfriede Wächtlers endgültig besiegelt. Sie bekommt das Etikett “Schizophrenie” , Lohse läßt sich 1935 von ihr wegen “unheilbarer Geisteskrankheit” scheiden; seine Lebensgefährtin hatte inzwischen mehrere Kinder geboren. Schließlich wird das nationalsozialistische “Erbgesundheitsgesetz” der Anlaß für eine 1935 durchgeführte Zwangssterilisation.
Elfriede Wächtlers Schaffenskraft erlischt nach dieser unmenschlichen Demütigung nahezu vollständig. Vorher hatte sie immer noch gemalt und gezeichnet, ihren Überlebens- und Schaffenswillen in die Kunst gerettet. In ihrem einundvierzigsten Lebensjahr wird Elfriede Wächtler schließlich Opfer der “Aktion T 4”, dem nationalsozialistischen Massenvernichtungsprogramm “lebensunwerten Lebens”.
Sibylle Duda
Bock, Gisela. 1985. Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen. Westdeutscher Verlag.
Böhm, Boris. Hg. 2003. “Ich allein weiß, wer ich bin”: Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940): Ein biografisches Porträt. Begleitband zur Gemeinschaftsausstellung des Stadtmuseums Pirna und der Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein; Stadtmuseum Pirna, 25. Januar – 21. April 2003. Pirna. Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein.
Duda, Sibylle. 1999. “Elfriede Lohse-Wächtler”, in: Duda, Sibylle & Luise F. Pusch. Hg. 1999. WahnsinnsFrauen. Dritter Band. Frankfurt/M. suhrkamp TB 2493. S. 139-171.
Klee, Ernst. 1995. “Euthanasie" im NS-Staat. Die “Vernichtung lebensunwerten Lebens”. Frankfurt/M. Fischer.
Küster, Bernd. Hg. 1995. Malerinnen des XX. Jahrhunderts: Dora Bromberger, Maria von Heider–Schweinitz, Elfriede Lohse–Wächtler, Erna Schmidt–Caroli, Ursula Schuh, Rose Sommer–Leypold. Bremen. Donat.
Peters, Anne & Adolf Smitmans. Hg. 1996. Paula Lauenstein, Elfriede Lohse-Wächtler, Alice Sommer: Drei Dresdener Künstlerinnen in den zwanziger Jahren. Städtische Galerie Albstadt, 24. November 1996 bis 19. Januar 1997. Albstadt. Städtische Galerie.
Lohse-Wächtler, Elfriede. 2000. “… das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins”: Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien von Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932 - 1940). Hg. von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer Politischer Gewaltherrschaft. Dresden. Verlag der Kunst.
Diese FemBiographie wurde gesponsert von Dr. Sibylle Duda.









