FemBio-Special: Frauen aus Heidelberg

Elisabeth von Thadden

(Elisabeth Adelheid Hildegard von Thadden)

geboren am 29. Juli 1890 in Mohrungen (Ostpreußen)
hingerichtet am 8. September 1944 in Berlin

deutsche Pädagogin, deutscher Widerstand
120. Geburtstag am 29. Juli 2010


BiografieZitateWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

Nach einem zynischen Prozess unter Leitung des berüchtigten Richters Freisler am Volksgerichtshof in Berlin wurde die engagierte Pädagogin neun Monate vor Kriegsende als Verräterin enthauptet. Ihr Verbrechen: Menschlichkeit im unmenschlichen Staat. Ein Spitzel, der ihre Offenheit gegenüber jungen Menschen missbrauchte, denunzierte ihre Kontakte zu Freunden im schweizerischen Exil und zu Kreisen des Widerstandes in Deutschland.

Elisabeth von Thadden wuchs auf dem elterlichen Gut in Pommern auf, um das sie sich nach dem frühen Tod der Mutter kümmerte. Beflügelt von den Ideen Helene Langes, wusste sie, dass ihr mehr zukam als die Enge des bürgerlichen Frauendaseins.

Elisabeth von Thadden

Geprägt von christlicher Ethik und den pädagogischen Vorstellungen Kurt Hahns, gründet sie 1927 ein Internat für Mädchen in der Nähe von Heidelberg. Das Heim gewinnt Anerkennung, die Unternehmung ist erfolgreich. Elisabeth von Thaddens pädagogische Prinzipien »Verantwortlichkeit«, »Vertrauen« und »Gemeinschaft« machten sie zunächst für nationalsozialistische Ideen empfänglich – bis sie erkannte, dass Menschlichkeit damit nicht vereinbar war.

Erste Konflikte treten auf, als sie von einer Schülerin wegen »mangelnder Erziehung im neuen Sinn« denunziert wird (an ihrer Schule gab es noch immer jüdische Schülerinnen). 1941 wird ihr die Leitung der Schule entzogen »da dieses Unterrichtsunternehmen keine ausreichende Gewähr für eine nationalsozialistisch ausgerichtete Erziehung der Jugend bietet« (von der Luhe, S. 49).

Sie hat Kontakt zu Exilantlnnen in der Schweiz, hat weitverzweigte Verbindungen zu kirchlichen Kreisen, die teilweise im Widerstand engagiert sind. Sie geht nach Berlin.
Eine Geburtstagsfeier ihrer Schwester wird zum Verhängnis für fast alle Anwesenden, da die politischen Bemerkungen von einem Spitzel an die Gestapo weitergeleitet werden. Opfer waren: Elisabeth von Thadden, Otto Kiep, Hilger van Scherpenberg, Fanny von Kurowsky, Irmgard Zarden. Elisabeth von Thadden und Otto Kiep werden hingerichtet.

Von den Frauen, zu denen Elisabeth von Thadden Kontakt hatte, seien hier Alice Salomon, Marie Baum und Anna von Gierke genannt.

Text aus dem Kalender »Berühmte Frauen 1990«

Beate Schräpel

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Zitate

Elisabeth von Thadden

Ich lernte Elisabeth von Thadden in Heidelberg bei einer gemeinsamen Freundin kennen und sah der Begegnung etwas zweifelnd entgegen. Die aus Pommern stammende Leiterin eines Erziehungsheims für junge Mädchen, die überwiegend aus Offizierskreisen waren, einer Anstalt von ausdrücklich evangelischem Charakter, hatte für mich, wie ich sie mir vorzustellen versuchte, etwas Ostelbisch-Junkerliches und zugleich Bebrilltes, Betschwesterliches, das mir nicht unangenehm, aber doch fremd war. Kaum war ich eine Viertelstunde mit ihr zusammen, als sie mir lieb und vertraut war. Man vergaß im Umgang mit ihr zunächst Herkunft, Stand, Beruf und empfand sie menschlich und persönlich, obwohl sie den Charakter ihrer Heimat und ihrer Arbeit deutlich darstellte … Von Schulwissen, Pedanterie, Fadengradheit merkte man nichts. Humor und Frohsinn machten sich bald geltend. Daß sie aufrichtig fromm war, wußten ihre Freunde; ihre evangelische Überzeugung war ihr zu selbstverständlich, als daß sie sie hätte betonen wollen. Ich glaube nicht, daß man in ersprießlicher Weise mit ihr hätte theologisieren oder philosophieren können; sie hatte wohl nie eine Periode des Zweifels durchgemacht und sich das überlieferte Glaubensgut unter Kämpfen angeeignet. Gläubigkeit war für sie so selbstverständlich wie die Liebe zum Vaterlande und zum eigenen Volke, etwas, das einem nicht genommen werden kann, womit man lebt und stirbt. Überhaupt hatte sie etwas ausgesprochen Kindliches, das im Verein mit ihrer dazu kontrastierenden Erscheinung besonders anziehend war. Es mochte sich um was immer handeln, sie ging an alles mit der Zutraulichkeit, Neugier und Unbefangenheit eines Kindes heran.

(Ricarda Huch, zitiert nach Oehme 1985, S. 148-149)



Ich wurde im Januar 1944 in Meaux in Frankreich um acht Uhr morgens festgenommen. Im Auto wurde ich von M. nach Paris gebracht, dort verhört von morgens um neun Uhr bis abends um sechs Uhr; nach einer Stunde Abendbrotzeit Fortsetzung des Verhörs während der ganzen Nacht. Im Laufe des nächsten Tages wurde die Verhaftung ausgesprochen. Es bestand mehrfache Fluchtmöglichkeit. Von dieser habe ich bewußt keinen Gebrauch gemacht, um meinen Bruder nicht zu gefährden. Dann wurde ich nach Berlin gebracht und erneut die ganze Nacht verhört. Die Schwere der Inquisition war ganz ungeheuer. Ich wurde gefragt nach der Bekennenden Kirche und nach der Una sancta. Mir ist kein Wort entschlüpft, das andere belastet hätte. Das KZ Ravensbrück war schlimm. Mit der Aktion vom 20.7. habe ich nichts zu tun gehabt, ich kenne keinen dieser Leute. Wir wollten soziale Hilfe leisten, in dem Augenblick, wo diese Hilfe nottat. Daß dieser Augenblick kommen mußte, war klar. Wir wollten barmherzige Samariter sein.

(Elisabeth von Thadden, zitiert nach Oehme 1985, S. 152-153)

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Links


Berlin.de – Stolperstein Carmer Str
Berlin.de: Stolperstein Carmer Str. 12 – Elisabeth von Thadden.
Verlegt am 17.07.2007.
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chrismon.de – Weitere Vorbilder
chrismon.de: Weitere Vorbilder – Elisabeth von Thadden.
Biografie.
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Elisabeth-von-Thadden-Schule Heidelberg
Elisabeth-von-Thadden-Schule Heidelberg.
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Hohmann – Elisabeth von Thadden 1890-1944
Hohmann, Barbara: Elisabeth von Thadden (1890-1944). »… wir wollten barmherzige Samariter sein«. Eine Christin in der Zeit des Nationalsozialismus.
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Wieblinger Bund e.V
Wieblinger Bund e.V.
Verein der ehemaligen Thaddenschüler.
(Link aufrufen)



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Literatur & Quellen

Hinweis: Dies sind keine Literaturempfehlungen, sondern die zum Thema erschienenen Titel – ohne Wertung unsererseits.

Fischer 1998 – Den Menschen ein Wohlgefallen

Keckeis (Hg.) 1953/54 – Lexikon der Frau

Kummerow 1987 – Elisabeth-von-Thadden-Schule Heidelberg-Wieblingen

Fischer, Ulrich (1998): Den Menschen ein Wohlgefallen. Predigten für heute. Darin: Widerstand wider Willen – Elisabeth von Thadden. Stuttgart. Calwer Verlag. ISBN 3-7668-3598-X.
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Hummel, Karl-Joseph (Hg.) (2002): Zeugen einer besseren Welt. Christliche Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Darin: Elisabeth von Thadden (1890-1944) von Gertraud Grünzinger. Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt. ISBN 3-374-01812-2.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Keckeis, Gustav (Hg.) (1953/54): Lexikon der Frau. In zwei Bänden. Zürich. Encyclios.
(Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Kummerow, Walter (1987): Elisabeth-von-Thadden-Schule Heidelberg-Wieblingen. 1927-1987. Annäherung an eine 60jährige Schulgeschichte. Heidelberg. ABC-Druck.
(WorldCat-Suche)

Lühe, Irmgard von der (1980): Eine Frau im Widerstand. Elisabeth von Thadden und das Dritte Reich. Freiburg im Breisgau. Herder (Herderbücherei, 785). ISBN 3-451-07785-X.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Mayr, Hans (Hg.) (1984): Glaubenszeugen der Einen Kirche. 57 Lebensbilder für die Wochen des Kirchenjahres. Darin: Elisabeth von Thadden. 1890-1944 von Reinhard Mumm. S. 114–115. Kassel. Stauda (Kirche zwischen Planen und Hoffen, 30). ISBN 3-7982-0181-1.
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Oehme 1985 – Märtyrer der evangelischen Christenheit

Oehme, Werner (1985): Märtyrer der evangelischen Christenheit. 1933 - 1945. 29 Lebensbilder. Darin: Elisabeth von Thadden [20.7.1890-8.9.1944]. S. 148-154. Berlin. Evangelische Verlagsanstalt.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Riemenschneider, Matthias (Hg.) (2002): Elisabeth von Thadden. Gestalten, Widerstehen, Erleiden. Karlsruhe. Hans-Thoma-Verlag, 2003 (Edition Zeitzeugen). ISBN 3-87297-148-4.
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Stempfle, Anne-Rose (1997): Frauen, die sich trauen. Christinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Beispiel von Corrie ten Boom und Elisabeth von Thadden. Theologische und didaktische Aspekte im Blick auf die Grundschule. Wissenschaftliche Hausarbeit. Weingarten. Pädagogische Hochschule.

Zimmerling (Hg.) 2005 – Evangelische Seelsorgerinnen

Zimmerling, Peter (Hg.) (2005): Evangelische Seelsorgerinnen. Biografische Skizzen, Texte und Programme. Darin: Elisabeth von Thadden (1890-1944). Eine engagierte Pädagogin und Querdenkerin von Marlene Schwöbel. S. 247-263. Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 3-525-62380-1.
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Bildquellen

The Metropolitain State College of Denver
Chrismon.de

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Hedwig Dohm