FemBio-Special: Europäische Jüdinnen

Friederike Kempner

geboren am 25. Juni 1828 in Opatow, preuß. Provinz Posen
gestorben am 23. Februar 1904 auf Gut Friederikenhof bei Reichthal, Schlesien

deutsche Dichterin
110. Todestag am 23. Februar 2014


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Von der Decke bis zur Diele
Muß der Schweiß herunter rinnen
Willst gelangen du zum Ziele
Wohlverdienten Preis gewinnen.

Die Schöpferin dieser und ähnlich eigenwilliger Verse ist Friederike Kempner, auch genannt “Die schlesische Nachtigall” und bis heute weithin verehrt als “Genie der unfreiwilligen Komik”. Ihren wohlverdienten Preis verdankt sie einerseits dem unwiderstehlichen Reiz ihrer Dichtung, andererseits einer 1880 in der Wochenzeitschrift Die Gegenwart veröffentlichten begeisterten Rezension des Literaten Paul Lindau, der die Dichterin schlagartig weit über ihre schlesische Heimat hinaus bekannt machte. Viele versuchten fortan ihren Stil nachzuahmen; es entstanden zahllose Parodien und ihrem Geiste nachempfundene Werke. Sie wehrte sich und dichtete u.a.:

Dumme Jungen, Pamphletisten,
Schlechte Juden, schlechte Christen
Legten Dynamit und Gift,
Keins von beiden je mich trifft.

Anonyme Flüche blitzen,
Zünden, treffen und erhitzen
Nur den Fluchenden allein.
Armer Flucher, urgemein!

Es half nichts: Seit über hundert Jahren lacht ganz Deutschland über Friederike Kempner.

Sie war eines von fünf Kindern des jüdischen Gutsverwalterehepaars Marie und Joachim Kempner. Die Mutter unterrichtete die Kinder selbst. 1844 zog die Familie nach Droschkau in Schlesien; der Vater hatte dort ein Rittergut gekauft. 1868 starben beide Eltern; besonders der Tod der Mutter machte Kempner schwer zu schaffen. In den 60er Jahren hatte sie außer der Tragödie Berenice schon etliche Novellen veröffentlicht – nun schweigt sie fast ein Jahrzehnt. Die wichtigste Publikation nach dem Tod der Eltern sind die Gedichte (1873), die ab 1880 in immer neuen, erweiterten Auflagen erscheinen. Ob die Familie tatsächlich jede neue Auflage aufgekauft hat, um sich nicht immer neuem Spott ausgesetzt zu sehen, ist nicht verbürgt.

Neben der Dichtkunst hatte Friederike Kempner noch eine Reihe anderer Anliegen: Nimmermüde setzte sie sich - aus Angst vor dem Scheintod und dem Lebendig-Begrabenwerden (die zu ihrer Zeit weit verbreitet war) - für die Einrichtung von Leichenhäusern und für die Einäscherung ein. Außerdem kämpfte sie vehement gegen die Vivisektion, die Einzelhaft und den Antisemitismus.

Ihre zweite Lebenshälfte verbrachte Friederike Kempner auf ihrem Gut Friederikenhof, das sie nur selten verließ. Am 2. März 1904 wurde sie in Gotha eingeäschert. Lebendig (nicht lebendig begraben) bleibt ihre Dichtung.

1989 wurde in Freiburg die Friederike-Kempner-Gesellschaft gegründet, auf deren Website sich ausführliche Informationen zu Leben und Werk der Dichterin finden, u.a. auch folgende ausgewogene Würdigung: “Zweifellos … gelang es Friederike Kempner, mit ihrem schriftstellerischen Talent dem Leser [sic] gute Laune und Seelenfrieden zu bereiten, obwohl dies vielleicht nicht ihr Hauptanliegen war. Zeitgenössische Literaten erzielen oft die gegenteilige Wirkung!”

 

Luise F. Pusch

Seitenanfang



Literatur & Quellen

Online-Ausgabe der Gedichte von Friederike Kempner nach der Ausgabe letzter Hand von 1903.

Website der Friederike-Kempner-Gesellschaft, Freiburg/Br., mit biographischen Informationen

Kempner, Friederike. 1980 [1953]. Friederike Kempner, der schlesische Schwan: Das Genie der unfreiwilligen Komik. Hg. Gerhart Herrmann Mostar. München. dtv.

Kempner, Friederike. 1989. Dichterleben, Himmelsgabe: Sämtliche Gedichte. Hg. Nick Barkow & Peter Hacks. Berlin. Rütten & Loening.

Kempner, Friederike. 1995 [1903]. Gedichte: Ausgabe letzter Hand. Vorwort von Hartmut Lange. München. Matthes & Seitz.

Letzte Linkprüfung am 22.6.2008

Seitenanfang

Sollten Sie RechteinhaberIn eines Bildes und mit der Verwendung auf dieser Seite nicht einverstanden sein, setzen Sie sich bitte mit Fembio in Verbindung.

Share Tweet Mail Druck

Seitenanfang

Hedwig Dohm