FemBio-Special: Berühmte Frauen berühmter Männer
Hedwig Dohm
Deutsche Schriftstellerin und feministische Theoretikerin
geboren am 20. September 1831 in Berlin
gestorben am 1. Juni 1919 in Berlin
175. Geburtstag am 20. September 2006
Hedwig Dohm ist eine der klügsten und witzigsten Frauenrechtlerinnen der letzten 100 Jahre. Ihre Forderungen zur Frauenemanzipation sind zum Teil noch heute nicht verwirklicht. Verblüffend hellsichtig und humorvoll sind ihre ideologiekritischen Analysen von Werken zeitgenössischer patriarchalischer Denker, wundervoll respektlos entlarvt sie deren dümmliche Machtansprüche und Unterdrückungstheorien.
Dohm war eine sehr moderne Denkerin. Sie sah, daß der sogenannte weibliche Sozialcharakter auf erziehungsbedingte Einflüsse zurückzuführen und nicht biologischen Ursprungs ist. Sie forderte gleiche Bildung und Ausbildung für beide Geschlechter und kämpfte für Frauenstudium und Frauenstimmrecht. Hausarbeit und Kindererziehung könnten von Institutionen übernommen werden, um auch der Frau die Möglichkeit zu geben, ihrem Beruf nachzugehen. Ökonomische Selbständigkeit der Frau würde die Ehe “ethisieren”, da keine Frau mehr aus Versorgungsgründen zur Heirat gezwungen sei. Die Mutterliebe ist laut Dohm kein Naturtrieb: “Der Mütterlichkiet muß die Speckschicht der Idealität, die man ihr angeredet hat, genommen werden.”
Hedwig war das vierte Kind der aus einer armen Familie stammenden Henriette Wilhelmine Jülich und des jüdischen Tabakfabrikanten Gustav Adolph Schlesinger. Die Eltern heirateten erst 1838 nach dem zehnten von insgesamt achtzehn Kindern. 1851 ließ Schlesinger, der sich schon 1817 evangelisch hatte taufen lassen, den jüdisch klingenden Familiennamen zu Schleh abändern.
Das empfindsame und wissendurstige Mädchen hatte keine leichte Kindheit und Jugend: “Ich fürchtete mich vor meiner Mutter, vor ihren Gewaltsamkeiten. Herzhaft und mit gutem Gewissen wurde damals geprügelt. … Prügel und Erziehung waren beinahe identisch.” “Warum mußte ich heimlich, als wär’s ein Verbrechen, lesen? Warum durfte ich nichts lernen? Meine Brüder wollten und mochten nichts lernen und wurden dazu gezwungen.”
Als Fünfzehnjährige mußte Hedwig die Schule verlassen und sich in das Schicksal der “höheren Tochter” fügen, im Haushalt helfen und bei sinnlosen Handarbeiten auf einen Ehemann warten. Sie erkämpfte immerhin den Besuch eines Lehrerinnenseminars, über das sie gut zwanzig Jahre später in ihrer ersten feministischen Streitschrift folgendes mitteilt: “Ich kann die positivste Versicherung geben, daß … mein Wissen das Maß gewöhnlicher Elementarkenntnisse kaum überstieg und schwerlich den Bildungsstand eines Quartaners … erreichte. Trotzdem war auf meinem Zeugnis zu lesen, daß ich zum Unterricht wohl befähigt sei.”
1853 heiratete sie Ernst Dohm, den Chefredakteur des satirischen Wochenblattes Kladderadatsch. Zwischen 1854 und 1860 gebar Hedwig Dohm fünf Kinder, einen Jungen und vier Mädchen. Ihr Haus wurde zum Treffpunkt der Berliner KünstlerInnen und Intellektuellen. Die vier Töchter (darunter Hedwig Pringsheim, Mutter von Katia Mann und Schwiegermutter von Thomas) erhielten alle eine Berufsausbildung. Sie sollten ein “selbstbestimmtes Leben” führen.
Der Sohn starb im Alter von elf Jahren. Hedwig Dohms erste Publikation, eine wissenschaftliche Arbeit von 600 Seiten, fällt in diese Zeit: Die spanische Nationalliteratur in ihrer geschichtlichen Entwicklung (1865-1867) - für eine Frau ohne höhere Schulbildung eine unglaubliche Leistung.
Die “erste Ladung” ihrer ebenso kühnen wie witzigen feministischen Streitschriften, für die sie heute so berühmt ist, feuerte sie in den ersten Jahren nach Gründung des Deutschen Reichs ab:
1872 Was die Pastoren von den Frauen denken
1873 Der Jesuitismus im Hausstande
1874 Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau
1876 Der Frauen Natur und Recht (die zweite Ladung, gegen Die Antifeministen, kam ein Vierteljahrhundert später, 1902).
Dohm war mit ihren Forderungen nach gleichen Rechten für Frauen und Männer auf allen Gebieten einschließlich des Stimmrechts ihrer Zeit zu weit voraus. Da die erwünschte Resonanz ausblieb, versuchte sie sich als Lustspielautorin – mit mehr Erfolg.
In den 80er Jahren veröffentlichte Hedwig Dohm gar nichts. Woran mag das liegen? Ihr Mann starb 1883, nachdem er ein Jahr zuvor bereits einen Schlaganfall erlitten hatte. Die 80er Jahre sind die Inkubationszeit für die Erzählerin Hedwig Dohm, die zwischen 1890 und 1910, also zwischen ihrem 60. und 80. Lebensjahr, einen steten Strom von Romanen und Erzählungen veröffentlichen wird – eine Spätberufene ähnlich wie Theodor Fontane, der Hedwig Dohm sehr schätzte. Außerdem: Dohm war in den 80er Jahren keine einsame Ruferin in der Wüste mehr - eine neue Frauengeneration war herangewachsen, die aus Dohms Schriften gelernt hatte. Die Frauenbewegung wurde immer stärker, und die öffentlichkeitsscheue Hedwig Dohm machte mit: 1888 war sie sogar Mitgründerin des Vereins “Reform”.
Die alte Hedwig Dohm lebte, bis zuletzt hellwach und schreibend, bei ihrer zweiten Tochter Elsbeth, die den wohlhabenden Bankier Rosenberg geheiratet hatte. Den Hurrapatriotismus ihrer Landsleute während des ersten Weltkriegs erlebte die Pazifistin mit Entsetzen. Daß 1918 die deutschen Frauen endlich das Wahlrecht bekamen, für das sich Hedwig Dohm als eine der ersten eingesetzt hatte, freute sie. Doch aus ihren wahrscheinlich letzten Worten, die sie wenige Tage vor ihrem Tod verfaßte, spricht tiefste Verzweiflung über den Wahnsinn des Krieges: “Hatte denn das Menschenleben überhaupt einen Sinn? Nein, nein, tausendmal nein. Ein grotesker Plunder ist’s oder ein Wille zum Selbstmord. Lächerlich auch die zwecklosen Umstände, die sich der Kosmos mit der Erschaffung von uns überflüssigen Zweibeinern gemacht hat. Könnte man sich doch zutode lachen. Und da lachte sie schon ... gellend, überlaut, und an ihrem Lachen erstickte sie.”
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Zitate von Hedwig Dohm
Glaube nicht, es muß so sein, weil es so ist und immer so war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte steriler Gehirne. Schaffe Möglichkeiten.
Wenn ich eine Broschüre lese, wie die des Herrn von Bischof, nehme ich ein Klopfen an den Schläfen wahr, nicht in Folge der geistigen Anstrengung, das kann ich versichern, sondern vor Grimm.
Untätigkeit ist der Schlaftrunk den man dir, alte Frau, reicht. Trink ihn nicht! Sei etwas! Schaffen ist Freude! Und Freude ist fast Jugend.
Man kommt sich auf dem Gebiete der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor.
Es gibt keine Freiheit der Männer, wenn es nicht eine Freiheit der Frauen gibt. Wenn eine Frau ihren Willen nicht zur Geltung bringen darf, warum soll es der Mann dürfen? Hat jede Frau gesetzmäßig einen Tyrannen, so läßt mich die Tyrannei kalt, die Männer von ihresgleichen erfahren. Einen Tyrannen für den andern.
Meine Feder ist …mein Schild zur Abwehr der tödlichen Streiche, die man gegen mich als Weib führt.
Alles, was ich schreibe, steht im Dienste der Frauen.
Zitate über Hedwig Dohm
Einer ihrer letzten großen Schmerzen war die scheußliche Ermordung Rosa Luxemburgs. Sie hat lange und bitterlich darüber geweint. (Hedwig Pringsheim-Dohm)
Sie war so verbogen wie ein Bumerang und schien kaum noch einen Meter hoch. …Sie sprachen davon, daß … dieser kleine, sagenhafte Mensch da nicht im Einst, nicht im Heute, sondern nur im Übermorgen mit Generationen, die noch kommen werden, lebte. (Georg Hermann)
Sibylle Duda und Luise F. Pusch
Hedwig Dohm in der Deutschen Nationalbibliothek
Brandt, Heike. 1989. “Die Menschenrechte haben kein Geschlecht”: Die Lebensgeschichte der Hedwig Dohm. Weinheim; Basel. Beltz.
Dick, Jutta & Marina Sassenberg. Hg. 1993. Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert: Lexikon zu Leben und Werk. Reinbek bei Hamburg. rororo Handbuch 6344.
Dohm, Hedwig. 2006. Ausgewählte Texte: Ein Lesebuch zum Jubiläum des 175. Geburtstages mit Essays und Feuilletons, Novellen und Dialogen, Aphorismen und Briefen. Hg. Nikola Müller & Isabel Rohner. Berlin. trafo.
Dohm, Hedwig. 1865-7. Die spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Berlin. Hempel.
Dohm, Hedwig. 1977 [1872]. Was die Pastoren von den Frauen denken. Zürich [Berlin]. Ala [Schlingmann].
Dohm, Hedwig. 1977 [1873]. Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau. Zürich [Berlin]. Ala [Wedekind & Schwieger].
Dohm, Hedwig. 1873. Der Jesuitismus im Hausstande. Berlin. Wedekind & Schwieger.
Dohm, Hedwig. 1982 [1876]. Der Frauen Natur und Recht. Zürich [Berlin]. Ala [Wedekind & Schwieger].
Dohm, Hedwig. 1976 [1902]. Die Antifeministen. Reprint m. Anm. Frankfurt/M. [Berlin]. A. Widmann [Dümmler].
Dohm, Hedwig. 1977 [1894]. Wie Frauen werden - Werde, die du bist. Novellen. Reprint m. Anm. Frankfurt/M. [Breslau]. A. Widmann [Schottländer].
Dohm, Hedwig. 1980. Hedwig Dohm: Erinnerungen und weitere Schriften von und über Hedwig Dohm. Ges. u. Vorwort Berta Rahm. Zürich. Ala.
Dohm, Hedwig. 1988 [1899]. Schicksale einer Seele. Roman (autobiographisch). München. Frauenoffensive [S. Fischer]
Dohm, Hedwig. 2006 [1909]. Sommerlieben: Freiluftnovelle. Mit einem Nachw. von Heike Brandt. Berlin. Ed. Ebersbach.
Korsch, Hedda. 1980. “Erinnerungen an Hedwig Dohm”, in: Dohm, Hedwig. 1980. S. 11-38.
Meißner, Julia. 1987. Mehr Stolz, Ihr Frauen! - Hedwig Dohm - eine Biographie. Düsseldorf. Schwann.
Müller, Nikola. 2000. Hedwig Dohm (1831 - 1919): Eine kommentierte Bibliografie. Berlin. trafo.
Singer, Sandra L. 1995. Free soul, free woman? A study of selected fictional works by Hedwig Dohm, Isolde Kurz, and Helene Böhlau. New York. Lang.
Thors, Gundula. 2008. Literarische Strategien Hedwig Dohms: “In meinen Geschichten schrak ich vor nichts zurück”. Berlin. trafo.










