FemBio-Special: Berühmte Frauen berühmter Männer

Lotte Ulbricht

geboren am 19. April 1903 in Rixdorf (bei Berlin)
gestorben am 27. März 2002 in Berlin-Pankow

erste „First Lady“ der DDR; deutsche Soziologin
110. Geburtstag am 19. April 2013


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

1971, nach dem Sturz Walter Ulbrichts, des einstigen Staatsratsvorsitzenden der DDR, wurde es still um ihn und seine dritte (und letzte) Ehefrau Lotte. Im Gedächtnis blieben lediglich einige Ulbricht-Witze, in denen Lotte vorkam, sowie Fotos und Filmszenen, die die Ulbrichts beim Tischtennisspiel o.ä. zeigten. Walter Ulbrichts undankbarer Ziehsohn Erich Honecker hatte die Ulbrichts ins politische Aus geschickt und lancierte nach Walters Tod 1973 das Gerücht, Lotte Ulbricht sei in die Schweiz verzogen – ein Gerücht, das als unglaubhaft empfunden wurde: zu sehr widersprach es dem Bild, das man von ihr als einer überzeugten Kommunistin hatte.

Auch nach der politischen Wende in der DDR hörte man so gut wie nichts von Ulbrichts Witwe, sie verweigerte konsequent jede Auskunft, bis sie im März 2002 hochbetagt in ihrer Wohnung in Berlin-Pankow starb.

Charlotte Kühn wurde 1903 als Tochter einer Heimarbeiterin und eines Hilfsarbeiters geboren. Sehr früh schloß sie sich der Arbeiterbewegung an. 1919 trat sie der Freien Sozialistischen Jugend bei, 1921 der KPD.

Lotte erlernte den Beruf einer Kontoristin. Sie arbeitete im Zentralkomitee der KPD in Berlin und Essen als Stenotypistin und 1922 und 1923 bei der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) in Moskau, bevor sie für drei Jahre Mitglied des ZK der KPD und der KPD-Reichstagsfraktion wurde. Von 1926 bis 1927 arbeitete sie erneut bei der KJI in Moskau, als Archivarin. Anschließend war sie bis 1931 Sekretärin in der Handelsvertretung der UdSSR in Berlin.

1931 emigrierte Lotte mit ihrem ersten Ehemann Erich Wendt (1963 wurde er durch die Verhandlungen über das Passierscheinabkommen bekannt) nach Moskau. Wie die meisten kommunistischen ExilantInnen wohnten sie im Hotel Lux, überwacht und beargwöhnt vom sowjetischen Geheimdienst.

Bis 1935 war Lotte Hauptreferentin bei der Kommunistischen Internationale und studierte an der Akademie für Marxismus-Leninismus und an der Kommunistischen Universität in Moskau (Fern-, Abendstudium). 1935 erhielt Lotte den Auftrag, Walter Ulbricht in seiner Tätigkeit in der Auslandsvertretung bzw. der Operativen Leitung der KPD in Paris und Prag als Sekretärin und Dolmetscherin zu unterstützen. Sie kamen sich auch privat nahe. Erst nach der Scheidung von den bisherigen Ehepartnern konnten beide 1951 heiraten. Lotte blieb bis zu Walter Ulbrichts Tod seine wichtigste und engste Vertraute.

Während der Emigration erlebte Lotte schlimme Dinge: Ihr (von ihr bereits getrennt lebender) Mann Erich Wendt wurde 1936 ein Opfer der stalinistischen Säuberungen, er wurde vom Geheimdienst verhaftet, aus der KPD ausgeschlossen, 1941 nach Sibirien deportiert. Auch gegen Lotte lief deshalb ein Verfahren der Kontrollkommission.

Ihr älterer Bruder Bruno Kühn, 1941 als Fallschirmspringer hinter der deutschen Frontlinie abgesetzt, fiel der Gestapo in die Hände und wurde hingerichtet. In den letzten Kriegstagen kehrten die Ulbrichts mit großen Plänen für ein kommunistisches Deutschland nach Berlin zurück. Lotte arbeitete anfangs als Abteilungsleiterin im ZK der KPD, später als Hauptreferentin in der Abteilung “Werbung, Presse, Rundfunk” im ZK der SED.

1946 adoptierten Lotte und Walter ein Mädchen aus einem ukrainischen Waisenhaus, weil ihre Partnerschaft kinderlos blieb. Die am 6. Mai 1944 geborene Beate starb unter ungeklärten Umständen 1991 in Berlin – alkoholabhängig und auf Sozialhilfe angewiesen. Sie hinterließ zwei Kinder, zu denen ihre Großmutter Lotte guten Kontakt hatte.

Lotte Ulbricht beendete ihre ab 1947 ausgeübte Tätigkeit als persönliche Mitarbeiterin ihres Mannes nach parteiinterner Kritik 1953. Sie verzichtete darauf, ihre eigene politische Laufbahn fortzusetzen und begann 1954 – mit 51 Jahren – am Institut für Gesellschaftswissenschaften zu studieren. 1959 schloß sie dieses Studium als Diplom-Gesellschaftswissenschaftlerin ab. Gern hätte sie promoviert, aber das wurde ihr – mit Einverständnis ihres Mannes – verwehrt.

Von 1959 bis 1973 war Lotte Ulbricht als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Marxismus-Leninismus tätig. Sie redigierte u. a. Texte ihres Mannes und erarbeitete die achtbändige Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung mit.

Die Ulbricht war Mitglied der Frauenkommission des Politbüros. Zu Frauenfragen publizierte sie mehrere Artikel. Vehement setzte sie sich für die Gleichberechtigung ein. Ihre Beiträge zur Frauenemanzipation haben nichts an Aktualität verloren. Die Abschaffung des Paragraphen 218 lehnte sie jedoch ab.

Als Chruschtschow begann, gemeinsam mit seiner Frau zu offiziellen Anlässen aufzutreten, erschien auch Lotte Ulbricht häufiger in der Öffentlichkeit – sie wurde zur ersten “First Lady” der DDR.

Pünktlich, ordentlich und unbestechlich war sie, und ihre kommunistischen Ideale bewahrte sie sich bis zum Tode, unbeeinflußt vom Wandel im gesellschaftlichen Umfeld. Als mit der Wende aus der SED die PDS wurde, blieb sie aktives Mitglied. Dem Gesellschaftssystem der BRD hat sie sich konsequent verweigert – und seinen Journalisten. Das war, sieht man sich die in manchen Presseorganen erschienenen Nachrufe an, eine weise Entscheidung.

Almut Nitzsche

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Literatur & Quellen

Quellen

Lotte Ulbricht: Reden und Aufsätze. 1943 – 1967, Dietz Verlag Berlin, 1968

Lotte Ulbricht: Eine unvergeßliche Reise. Verlag für die Frau, Leipzig, 1965

Lotte Ulbricht: Mein Leben. Selbstzeugnisse, Briefe und Dokumente. Verlag Das Neue Berlin, 2003.

Lotte und Walter: Die Ulbrichts in Selbstzeugnissen, Briefen und Dokumenten. Verlag Das Neue Berlin, 2003.

Tagesspiegel, 19. April 2001: Lotte Ulbricht. Die Erste Genossin feiert bescheiden (Lothar Heinke)

Die Welt, 28. März 2002: Witwe Walter Ulbrichts im Alter von 98 Jahren verstorben

Neues Deutschland, 30. März 2002:
Geschichte in der ersten Reihe miterlebt. Zum Tod von Lotte Ulbricht, die in der Nacht zum Mittwoch verstorben ist. (Siegfried Prokop)

Süddeutsche Zeitung, 30. März 2002: Das will ich nicht mehr. Lotte Ulbricht schwieg bis zuletzt, was hätte sie auch sagen sollen. (Marcus Jauer)

Die Welt, 30. März 2002: Die böse Mutter der DDR. Lotte Ulbricht blieb bis zuletzt, was sie seit ihrer Jugend war: eine beinharte Kommunistin (Knut Teske)

Rezension zu: Walter Ulbricht. Eine deutsche Biografie. (Mario Frank)



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