FemBio-Special: Frauen aus Hannover
Lucie Höflich
eigentlich Helene Lucie von Holwede
deutsche Schauspielerin, Schauspiellehrerin und Professorin, Leiterin der Staatlichen Schauspielschule in Berlin
geboren am 20. Februar 1883 in Hannover
gestorben am 9. Oktober 1956 in Berlin
125. Geburtstag am 20. Februar 2008
Lebensstationen
Helene Lucie von Holwede, die als Lucie Höflich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf deutschen Theaterbühnen und im Stumm- und Tonfilm große Erfolge feiert, wird 1883 in Hannover geboren. Ihre Mutter Dora von Holwede (1864-1928) entstammt einer alteingesessenen niedersächsischen Beamtenfamilie, und Georg Höflich (1854-1906), ihr Stief- und Adoptivvater, ist Schauspieler und Regisseur am Berliner Schauspielhaus.
Über Höflichs Kindheit und ihre Schulzeit ist nichts bekannt, überhaupt gibt es über ihr Privatleben nur wenig Informationen. Besser ist ihr künstlerischer Werdegang dokumentiert, doch auch da finden sich Ungereimtheiten, die erst eine gründliche Forschung aufklären könnte.
Mit sechzehn Jahren debütiert Lucie Höflich als Schauspielerin am Stadttheater Bromberg in der preußischen Provinz Posen. An diesem Theater bleibt sie für zwei Spielzeiten, und 1901 (1900?) wechselt sie für ein Jahr ans Intime Theater in Nürnberg.
Ein Gastspiel führt sie im Juni 1902 erstmals nach Berlin. Die junge Schauspielerin erregt Aufmerksamkeit, und sie wird für eine Spielzeit am Wiener Raimund-Theater engagiert, wo sie sich bald einen Namen macht. Besonders brilliert sie dort in den Dramen Gerhart Hauptmanns.
1903 holt der berühmte Theaterregisseur und Intendant Max Reinhardt (1873-1943) Lucie Höflich nach Berlin ans Deutsche Theater, wo sie bis 1905 unter Otto Brahm (1856-1912) und von 1905 an unter Max Reinhardt spielt.
1910 heiratet Lucie Höflich den Kunsthistoriker Dr. phil. Georg Anton Mayer (1879-?), ihre gemeinsame Tochter Ursula Mayer (unter dem Namen Ursula Höflich später ebenfalls Schauspielerin) wird 1911 geboren, 1917 scheitert die Ehe.
Auf Gastspielen mit Max Reinhardt kommt Lucie Höflich in viele europäische Länder. So gastiert sie in Budapest, in Wien, 1910 auf der Weltausstellung in Brüssel und 1917 in Dänemark und Schweden. 1913 spielt sie zum ersten Mal in einem Stummfilm mit, in „Gendarm Möbius“. Wechselnde Engagements führen sie an verschiedene Berliner Theaterbühnen, so ans Preußische Staatstheater (1919/20, 1926-28 und 1933) und zurück an die Reinhardt-Bühnen (1925, 1928/29 und 1931/32).
Einige Zeit ist sie in zweiter Ehe mit dem berühmten Schauspieler Emil Jannings (1884-1950) als dessen dritte Ehefrau verheiratet, allerdings finden sich dazu keinerlei weitere Angaben – abgesehen von der Tatsache, dass das nach 1920 gewesen sein muss. Mit Jannings ist Höflich auch im Kino zu sehen, so in den sehr erfolgreichen Filmen Ein Walzertraum und Tartüff (beide 1925) und später in Ohm Krüger.
Einen Skandal verursacht die 1931 von Heinz Hilpert am Deutschen Theater inszenierte Uraufführung des Horvath-Stückes Geschichten aus dem Wiener Wald (u. a. mit Hans Moser, Carola Neher und Lucie Höflich), in dem der Autor das Klischee von der Wiener Gemütlichkeit entlarvt.
Während der Spielzeit 1932/33 arbeitet Lucie Höflich in Hamburg. 1933/34 leitet sie gemeinsam mit Ilka Grüning, die ebenfalls eine bekannte Schauspielerin ist, die Staatliche Schauspielschule in Berlin, ab 1936 dann ein eigenes Studio für Schauspielnachwuchs an der Berliner Volksbühne. 1937 wird sie von den herrschenden Nationalsozialisten zur Staatschauspielerin ernannt, sie beendet jedoch ihre aktive Bühnenlaufbahn (bis nach dem Krieg) und ist bis 1944 an verschiedenen Berliner Theatern tätig (Volksbühne, Schillertheater).
In allen Biografien Lucie Höflichs ist zu lesen, sie habe sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Gewissensgründen bzw. aufgrund ihrer politischen Einstellung geweigert, auf den reichsdeutschen Bühnen aufzutreten. Abgesehen davon, dass sie nach 1933 durchaus noch Theater spielt, wird es Ende der dreißiger Jahre ohnehin schwierig, den Theaterbetrieb aufrecht zu erhalten. Wahrscheinlicher als eine Verweigerung aus Gewissensgründen scheint eine zeitliche Unvereinbarkeit mit ihrem zunehmenden Engagement beim Film zu sein: allein in den Jahren 1934 bis 1943 wirkt Lucie Höflich in achtzehn Filmen mit, darunter sind Filme wie Fridericus (1936), der nach Kriegsende kurzfristig durch die alliierten Militäradministrationen mit Aufführverbot belegt wird, Starke Herzen (1937), der wegen seiner antisowjetischen Tendenzen bereits 1939 durch die Reichsregierung nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt („Hitler-Stalin-Pakt“) und nach 1945 für kurze Zeit ebenfalls durch die alliierten Militäradministrationen verboten wird sowie der NS-Propagandafilm Ohm Krüger (1941).
Nach dem Krieg profitiert das Theater in Schwerin davon, dass es keine Schäden erlitten hat und den Spielbetrieb sofort wieder aufnehmen kann. Es gelingt, die berühmte Lucie Höflich ans Mecklenburgische Staatstheater in Schwerin zu holen. 1945 inszeniert sie, noch als Gast, Frau Warrens Gewerbe von George Bernard Shaw, eine mit großem Beifall aufgenommene Aufführung.
Im gleichen Jahr gründet Lucie Höflich mit dem Schriftsteller Willi Bredel und anderen den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in Mecklenburg-Vorpommern, der es sich zur Aufgabe macht, „über Parteien und Ideologien hinweg eine Begegnungsstätte zu sein für Menschen, die sich als geistige Partner verstehen und am kulturellen Aufbau im Lande mitarbeiten“ (Harald Ringstorff).
Von 1946 bis 1950 ist Höflich Schauspieldirektorin, Schauspielerin, Regisseurin und Leiterin der Schauspielschule am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. SchauspielerInnen wie Gisela May, Margarethe Taudte, Fred Düren, Hans-Peter Minetti, Otto und Eberhard Mellies finden hier für einige Zeit ihre künstlerische Heimat, andere geben Gastspiele (Paul Wegener, Eduard von Winterstein).
1946 wird Lucie Höflich zum Ehrenmitglied des Deutschen Theaters Berlin ernannt,1947 verleiht man ihr in Schwerin den Professorentitel. In der Schauspielschule, die sie leitet, werden geeignete BewerberInnen auf den Besuch staatlicher Schauspielschulen vorbereitet. Der Stundenplan umfasst Sprechtechnik, Schauspiel- und Rollenstudium, Theatergeschichte, Gymnastikübungen und das Einstudieren von Szenen. Viele der dort Unterrichteten arbeiten später an führenden Theatern oder werden bei Film und Fernsehen international bekannt.
Von 1947 an schreibt Lucie Höflich Beiträge für Willi Bredels Zeitschrift Heute und Morgen.
Mit der Inszenierung von Rattigans Oliva gerät Höflich in Konflikt mit der SED. Das Stück wird nach der Premiere vom Spielplan genommen. 1950 verlässt Lucie Höflich Schwerin, offenbar auch wegen zunehmender Schwierigkeiten mit den DDR-Funktionären.
Letzte Lebensstation Lucie Höflichs ist wieder Berlin. 1950 kehrt sie dahin zurück, steht am Hebbel-, Schlosspark- und Schillertheater auf der Bühne, spielt noch einige Rollen und lehrt an der Berliner Schauspielschule. Doch kommt sie mit den veränderten Bedingungen wohl nicht gut zurecht und leidet mittlerweile unter Altersbeschwerden, die ihre Arbeit beeinträchtigen.
Theodor Heuss verleiht ihr 1953 das Bundesverdienstkreuz.
Am 9. Oktober 1956 stirbt die Schauspielerin Lucie Höflich im Alter von 73 Jahren vermutlich an den Folgen eines Herzanfalls, den sie einige Monate zuvor erlitten hat. Sie erhält ein Ehrengrab auf dem Friedhof Dahlem-Dorf im Berliner Stadtbezirk Steglitz-Zehlendorf.
Künstlerische Entwicklung
(Informationen weitgehend entnommen aus Burgmer, 1972)
Lucie Höflich spielt anfangs vor allem naiv-sentimentale Rollen (z. B. Käthchen von Heilbronn, 1905), sie fasst diese aber nicht empfindsam-sentimental, sondern eher derb-kräftig auf. Klassische Figuren wie Gretchen in Faust I und andere löst sie aus der Erstarrung des konventionellen Deklamationsstils, stellt sie natürlich und menschlich dar und zeigt dabei eine tief empfundene Innerlichkeit und Zartheit.
Sie entwickelt sich zu einer großen realistischen Charakterdarstellerin und wird eine wichtige Stütze des Reinhardtschen Theaters. Den Höhepunkt ihres Ruhmes erreicht sie mit realistischen und naturalistischen Charakterrollen (z. B. Hanne Schäl in Fuhrmann Henschel, 1919) und besessenen Figuren (in Weibsteufel, 1915). Ihre große Zeit ist um 1920. Höflichs Schauspielkunst ist gekennzeichnet durch Natürlichkeit und höchste Intensität bei knapper Gestik und eine verhaltene, gestaute Vitalität mit jähen Ausbrüchen.
Ab 1920 verkörpert sie zunehmend böse und besessene Gestalten, und in der letzten Phase ihres Schaffens stellt sie abgestorbene, groteske Figuren (Tod als Bettlerin in Lorcas Bluthochzeit, 1950) oder geistig missgeleitete Gestalten dar. Ihre letzte Bühnenrolle ist 1956 die Äbtissin in Strindbergs Nach Damaskus.
Lucie Höflich spielt außer am Theater in zahlreichen Stumm- und Tonfilmen mit (siehe Filmografie), jedoch bezeichnet Burgmer ihre schauspielerische Tätigkeit im Film als „von nur dokumentarischer Bedeutung“.
(Januar 2007)
Zitate
Lucie Höflich spielt die Rolle der Mutter; ich glaube, ihre Stärke liegt hier im Kontrast zwischen Figur und Ausdruck: es überrascht, wenn die untersetzte, kräftige Frau die oft etwas herb erscheint, plötzlich ihre Resolutheit in eine weiche Geste wandelt, sobald sie den Sohn küsst, oder – als erwachte sie aus der bäuerlichen Schwere – wenn sie wie ein Mädchen aufspringt, um den Mann zu umarmen. (Rezensent p. m. über Seefahrt ist Not)
Und nun geschah eines der Wunder, die man im Leben nie vergisst. Eine alte, körperlich schwerfällige Frau mit strengen, eher männlichen Zügen, mit einer hohen, scharfen Stimme kletterte aus dem Zuschauerraum auf die Bühne, und der Verwandlungsprozess begann. Ohne Hilfsmittel, ohne Maske oder Kostüm, ohne Requisiten wurde der füllige Körper leicht, fast zart, bewegte sich kokett und graziös, ihr Gesicht bekam weiche Linien, ihre Stimme schmolz in girrendem Geplauder davon. Wir standen fassungslos da. War das noch dieselbe, oft missgelaunte, strenge alte Dame, die man von weitem für einen Mann halten konnte? (...) Lucie Höflich ging sparsam mit Maskierung um. Sie brauchte sie nicht. Die Verwandlungen vollzogen sich in ihr und veränderten sie von innen heraus. (Gisela May über Höflichs Regiearbeit in Schwerin)
Wir spielten zusammen in Gerhart Hauptmanns „Ratten“, und es war ein beinahe unheimliches Erlebnis, als diese Frau im letzten Akt mitten in der Szene sich plötzlich von innen heraus aus einer jungen Frau in ein altes verfallenes Weib verwandelte. Das war „schauspielerisch“ im allerhöchsten Sinne.(Eduard von Winterstein)
Almut Nitzsche
Angrick, Dieter W. (14.10.2004): Wer war eigentlich … Lucie Höflich.
Burgmer, Rolf (1972): Höflich (eigtl. von Holwede), Lucie. In: Bayerische Akademie der Wissenschaften. (Hg.): Neue deutsche Biographie. Berlin: Duncker & Humblot (9), S. 316.
Deutsches Filminstitut (DIF) (26.01.2007)
Ehrenkrook, Hans Friedrich von: Die Familie von Holwede. Eine niedersächsische Beamtenfamilie. In: Familiengeschichtliche Blätter, Jg. 29, S. 129–140.
Erinnerung an Lucie Höflich. In: Der Reiter. Wochenzeitung in der Landeshauptstadt Schwerin, Ausgabe 3/1996, S. 11.
Grewolls, Günter: Lucie Höflich. 110. Geburtstag. In: Impuls. Zeitung des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin, Ausgabe 1/1993, S. 8.
Kulturportal Mecklenburg-Vorpommern (Hg.) (26.01.2007): Historische Personen. Lucie Höflich. MVweb GmbH & Co. KG.
May, Gisela (1976): Lucie Höflich. In: May, Gisela: Mit meinen Augen. Begegnungen und Impressionen. Berlin: Buchverlag Der Morgen, S. 34–40.
NDB (1997): Höflich, Lucie. In: Killy, Walther; Engelhardt, Dietrich von; Vierhaus, Rudolf (Hg.): Hesselbach - Kofler. München: Saur (Deutsche biographische Enzyklopädie, Bd. 5), S. 91.
Schellmann, Brigitte. “Lucie Höflich”
Staedeli, Thomas (25.02.2005): Porträt der Schauspielerin Lucie Höflich.
Zänger, Horst (2005): Lucie Höflich gründete eine Schauspielschule. In: Zänger, Horst: 170 Jahre Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin. Aus dem Theaterleben. Schwerin: Selbstverlag, S. 103–109.
SchülerInnen von Lucie Höflich (Auswahl)
Dieter Dorn (*1935), Regisseur
Irmgard Düren (1930 – 2004), Moderatorin des DDR-Fernsehens (Wünsch dir was, Wunschbriefkasten)
Marianne Hoppe (1909 – 2002), Schauspielerin
Claus Jurichs (1935 – 2005), Schauspieler, Synchronsprecher
Evelyn Künneke (1921– 2001), Sängerin, Schauspielerin, Entertainerin
Günter Lamprecht (* 1930), Schauspieler
Gisela May (*1924), Schauspielerin, Diseuse, Brechtinterpretin
Eberhard Mellies (*1929), Schauspieler
Otto Mellies (* 1931), Schauspieler, Synchronsprecher
Inge Meysel (1910 – 2004), Schauspielerin
Lilli Palmer (1914 – 1986), Schauspielerin
Annemarie Wendl (1914 – 2006), Schauspielerin (u. a. Lindenstraße)
Filmografie
1913 Gendarm Möbius
1919 Freie Liebe
1919 Maria Magdalene
1920 Der langsame Tod. Die nach Liebe schmachten
1920 Katharina die Große
1920/1921 Die Bestie im Menschen
1921 Die Erbin von Tordis
1921 Die Ratten
1921 Seefahrt ist Not
1922/1923 Ein Glas Wasser
1922/1923 Nora
1923 Der verlorene Schuh
1923 Die Straße
1923/1924 Der geheime Agent
1923/1924 Kaddisch
1925 Das Haus der Lüge
1925 Ein Walzertraum
1925 Götz von Berlichingen zubenannt mit der eisernen Hand
1925 Tartüff
1926 Bara en danserska
1927 Das gefährliche Alter
1927 Manege
1927/1928 Der Biberpelz
1930 “1914”. Die letzten Tage vor dem Weltbrand
1932 Der weiße Dämon
1932 Kampf
1932 Strafsache van Geldern. Willi Vogel, der Ausbrecherkönig
1932/1933 Brennendes Geheimnis
1934 Peer Gynt
1935 Der Kurier des Zaren
1935/1936 Der Raub der Sabinerinnen
1936 Fridericus
1936 Schatten der Vergangenheit
1937 Der Berg ruft
1937 Die Warschauer Zitadelle
1937 Manege
1937 Starke Herzen
1938 War es der im 3. Stock?
1939 Robert Koch, der Bekämpfer des Todes
1939 Wir tanzen um die Welt
1939/1940 Der Fuchs von Glenarvon
1941 Ohm Krüger
1941/1942 Das große Spiel
1942 Weiße Wäsche
1942/1943 Altes Herz wird wieder jung
1942/1943 Lache Bajazzo
1955 Himmel ohne Sterne
1956/1957 Anastasia, die letzte Zarentochter



