FemBio-Special: Pionierinnen der Frauenbewegung
Mary Daly
(Dr. phil. D. theol. Mary Daly, Ph.D.)
geboren am 16. Oktober 1928 in Schenectady, New York
gestorben am 3. Januar 2010 in Gardner, Massachusetts
amerikanische Feministin und Philosophin
Biografie • Zitate • Weblinks • Literatur & Quellen • Bildquellen
Biografie
Erst in den letzten Jahren ist es um Mary Daly etwas stiller geworden. Seit Beginn der neuen Frauenbewegung gehört die radikale und streitbare feministische Denkerin zu den umstrittensten public intellectuals der USA. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde sie hauptsächlich durch zwei Skandale, die die unbequeme und kompromisslose Professorin mit dem Boston College durchstand und umgekehrt.
Die beiden einflussreichsten Werke der dreifachen Doktorin, bedeutenden Philosophin und Kirchenkritikerin erschienen in den siebziger Jahren: In Beyond God the Father (1973) formuliert sie ihre fundamentale Kritik an der katholischen Kirche und fordert die Frauen auf, die Kirche zu verlassen. In Gyn/ecology (1978, deutsch Gyn/ökologie, 1981) benennt und analysiert sie die systematischen, sadistischen Verbrechen des Patriarchats (Daly sagt schlicht: der Männer) – an den Frauen:
Witwenverbrennung in Indien
Füßeeinbinden in China
Genitalverstümmelung in Afrika
Hexenverbrennung in Europa
Gynäkologie in den USA im Gefolge der Nazimedizin
Lange bevor die »unausprechlichen Greuel« (Daly) der weiblichen Genitalverstümmelungen durch Waris Diries Bestseller weltweit zum Thema wurden, hat Mary Daly eine gründlich recherchierte, flammende Anklage gegen sie veröffentlicht, die ihre LeserInnen nicht mehr zur Ruhe kommen ließ und schließlich die weltweiten Protestaktionen auslöste.

Mary Daly wurde 1928 in Schenectady im Staat New York als einziges Kind einer Arbeiterfamilie geboren und wuchs in der Zeit der Wirtschaftsdepression auf. Sie besuchte eine katholische High School und studierte am St. Mary’s College der Notre Dame University. 1954 bekam sie ihr erstes Doktorat in katholischer Religion. Danach unterrichtete sie 5 Jahre am Cardinal Cushing College in Brookline, MA. Von 1959 bis 1966 lehrte sie an der Universität Fribourg in der Schweiz katholische Theologie und Philosophie und erwarb gleichzeitig ihr zweites und drittes Doktorat in beiden Disziplinen.
So gerüstet, ging sie anschließend daran, das Lehrgebäude der christlichen Theologie als von Grund auf frauenfeindlich zu entlarven und leidenschaftlich anzuprangern. Der »Erfolg« bei ihrem Arbeitgeber, dem von Jesuiten geleiteten Boston College, blieb nicht aus. 1969 wollten sie ihr die »tenure« (Festanstellung) verweigern, mussten sie ihr dann aber wegen heftiger Proteste der Studierenden doch gewähren.
Gyn/ökologie, der Titel ihres Hauptwerks, ist eins der zahllosen Wortspiele Mary Dalys – das berühmteste ist wohl the-rapist, mit dem sie den Therapeuten als Vergewaltiger (rapist) identifiziert. Sie hat sich das Ziel gesetzt, eine Sprache für Frauen zu entwickeln, die Frauen hymnisch feiert und frei von Patriarchalismen ist. Diesem Projekt widmet sie sich seit 30 Jahren mit zunehmender Intensität, allerdings können und wollen viele ihrer Leserinnen ihr auf diesem Weg nicht mehr folgen. Eine Kostprobe aus Pure Lust (1984): »…sehen die Webfrauen Stamina als Selbstzweck. Hier ist denken zugleich danken. Die Wunderinnen weben Wunder«. (Kongenial übersetzt von der verstorbenen feministischen Philosophin Erika Wisselinck). »Erratic, Ecstatic, Eccentric« – so die feministische Linguistin Julia Penelope über Dalys Wickedary von 1987 – ein Wortspiel aus wicked »boshaft« und dictionary. Das normal-patriarchalische dictionary heißt bei Daly nur dicktionary (von dick »Pimmel«).
Von der bedeutendsten feministischen Philosophin Amerikas gibt es keine Biographie, und ihre Autobiographie Outercourse von 1992 beschäftigt sich auch eher mit ihren Werken und deren Entstehung als mit ihrem »sonstigen« Leben. Der Fall erinnert an Deutschlands größte feministische Theoretikerin Hedwig Dohm (1831-1919). Sie wurde erst 50 Jahre nach ihrem Tod wiederentdeckt – und noch 20 Jahre später mit der ersten von bisher zwei Biografien gewürdigt.
(Text von 2008)
Luise F. Pusch
Zitate
‘God’s plan’ is often a front for men’s plans and a cover for inadequacy, ignorance, and evil.
Links
about.com: Mary Daly Quotes. Zitate (engl.).
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Albers, Ilka: Zusammenschau des Werkes von Mary Daly. PDF-Datei, zehn Seiten.
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dieStandard.at (2008): Schreiben gegen die Phallokratie
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Gianoulis, Tina: Daly, Mary (1928-2010). Umfangreiche Biografie (engl.). glbtq.
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Google Bücher: Bücher von Mary Daly
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Internet Archive: Free Download: The Fringe on KDVS - April 5 2006. Mit Interview mit Mary Daly.
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Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: Daly, Mary (1928-2010)
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No Man’s Land. An interview with Mary Daly by Susan Bridle (1999)
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Nositschka, Gudrun: Die politische Relevanz von Frauenfreundschaften bei Mary Daly sowie Das Labyrinth unserer eigenen Entfaltung/unseres eigenen Werdens ent – decken. Eine FEMMAGE an Mary Daly (1928 – 2010) und Würdigung ihres Werks. PDF-Datei, 24 Seiten.
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Nositschka, Gudrun (2010): Mary Daly und ihr Traum in GRÜN. Eine FemmageWolfsmutter.com.
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O’Mealey, Nancy: Mary Daly – Radical Feminist Philosopher. Erinnerungsseite.
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Literatur & Quellen
Werke (englischsprachige Ausgaben)
Daly, Mary (1973): Beyond God the Father. Toward a philosophy of women’s liberation. Boston. Beacon Press. (Beacon paperback)
(Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Daly, Mary (1992): Outercourse. The be-dazzling voyage; containing recollections from my logbook of a radical feminist philosopher (be-ing an account of my timespace travels and ideas - then again now and how). San Francisco. Harper. ISBN 0-06-250207-7.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Daly, Mary (1978): Gyn/Ecology. The Metaethics of radical feminism. With a new intergalactic introduction by the author. Reprint. London. The Women’s Press. 1995. ISBN 0704338505.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Daly, Mary (1999): Quintessence… realizing the archaic future. A radical elemental feminist manifesto. London. Women’s Press. ISBN 0704346303.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Daly, Mary (1984): Pure lust. Elemental feminist philosophy. Reprint. London. The Women’s Press. 2001. ISBN 0704339358.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Daly, Mary (2006): Amazon grace. Re-calling the courage to sin big. 1. ed. New York. Palgrave Macmillan. ISBN 1403968535.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Daly, Mary; Caputi, Jane (1987): Websters’ first new intergalactic wickedary of the English language. Boston. Beacon Press. (Beacon paperback, 770) ISBN 0-8070-6706-7.
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Werke (deutschsprachige Ausgaben)
Daly, Mary (1970): Kirche, Frau und Sexus. (=The Church and the second sex) . Aus dem Amerikanischen von Dietgard Erb. Olten, Freiburg im Breisgau. Walter.
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Daly, Mary (Pure lust): Reine Lust. Elemental-feministische Philosophie. Aus dem Amerikanischen von Erika Wisselinck. 1. Aufl. München. Frauenoffensive. 1986. ISBN 3-88104-151-6.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Daly, Mary (1973): Jenseits von Gottvater Sohn & Co. Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung. (=Beyond God the Father. Toward a philosophy of women’s liberation) . Aus dem Englischen von Marianne Reppekus. 5., erweiterte Auflage. München. Frauenoffensive. 1988. ISBN 3-88104-154-0.
(Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Daly, Mary (1991): Gyn/Ökologie. Eine Metaethik des radikalen Feminismus. Aus dem Englischen von Erika Wisselinck. 5., erweitere Auflage. München. Frauenoffensive. ISBN 3881042156.
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Daly, Mary (1994): Auswärts reisen. Die strahlkräftige Fahrt. Darin Erinnerungen aus meinem Logbuch einer radikalen feministischen Philosophin. (=Outercourse) . Aus dem Amerikanischen von Erika Wisselinck. 1. Aufl. München. Frauenoffensive. ISBN 3-88104-253-9.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Weiterführende Literatur
Cortiel, Jeanne (2001): Passion für das Unmögliche. Befreiung als Narrativ in der amerikanischen feministischen Theologie. Essen. Die Blaue Eule. (Arbeiten zur Amerikanistik, 30) ISBN 3-89206-052-5.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Fröse, Marlies (1988): Utopos – kein Ort. Mary Daly’s Patriarchatskritik und feministische Politik. Bielefeld. AJZ. ISBN 3-921680-71-9.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Hoagland, Sarah Lucia (Hg.) (2000): Feminist interpretations of Mary Daly. University Park. Pennsylvania State University Press. (Re-reading the canon) ISBN 0-271-02019-9.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Korte, Anne-Marie (1999): Deliver us from evil. Bad versus better faith in mary daly’s feminist writings. Essen. LAUD. (Paper / Linguistic Agency, Universität Duisburg-Essen : Ser. A, General & theoretical papers, No. 496)
(WorldCat-Suche)
Nutt, Aurica (2010): Gott, Geschlecht und Leiden. Die feministische Theologie Elizabeth A. Johnsons im Vergleich mit den Theologien David Tracys und Mary Dalys. Berlin. Lit. (Theologische Frauenforschung in Europa, 24) ISBN 978-3-643-10312-3.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Penelope, Julia: “Erratic, Ecstatic, Eccentric”. Mary Daly’s Wickedary. In: The Women’s Review of Books, December 1987. S. 5f.
Pusch, Luise F. (1990): Mary, please don’t punish us anymore! Mary Daly, die Sprache und die deutschsprachige Leserin. In: Pusch, Luise F.: Alle Menschen werden Schwestern. Feministische Sprachkritik. Erstausg., 1. Aufl. Frankfurt am Main. Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 1565). ISBN 3-518-11565-0S. 104–111.
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Bildquellen
die Standard
Cambridge Forum Speakers
The Boston Globe
marydaly.org
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