FemBio-Special: Frauen aus Hannover

Sophie Charlotte Königin in Preußen

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geboren am 30. Oktober 1668 in Iburg bei Osnabrück
gestorben am 1. Februar 1705 in Hannover

345. Geburtstag am 30. Oktober 2013


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Ihr blieb für all ihre vielfältigen Interessen wenig Zeit. Am 1. Februar 1705 starb Sophie Charlotte im Alter von nur 36 Jahren in Hannover an Lungenentzündung. Eigentlich hatte sie dort mit ihrer Familie den Karneval verbringen wollen. Dem herbeigerufenen Priester erklärte sie ruhig, daß sie seiner nicht bedürfe; sie sei auf den Tod vorbereitet. Sie starb im Kreis ihrer Familie – ihre Mutter überlebte sie um neun Jahre.

Schon als sie am 30. Oktober 1668 auf die Welt kam, hatte die Mutter, Sophie von der Pfalz, verheiratet mit Ernst August, dem späteren Kurfürsten von Hannover, Großes mit ihr vor. Eine schöne, gut ausgebildete Tochter war ein Trumpf auf dem europäischen Heiratsmarkt. Die kleine Prinzessin wurde, den Idealen des Hochbarock folgend, zu bienséance (Schicklichkeit), contenance (Haltung) und gravité (Würde) erzogen, man sprach mit ihr nur Französisch und sie erhielt die gleiche Bildung wie ihre drei älteren Brüder.

Nach einer Reise an den Hof Ludwigs XIV., der als Vorbild für alle europäischen Adelshäuser galt, wurde kurz mit dem Gedanken gespielt, Sophie Charlotte mit dem Sohn des Königs, dem Dauphin Ludwig, zu verheiraten. Der Plan scheiterte. Nebenbei hatte sich das Mädchen aus Hannover in Paris so innig mit Ludwigs Nichte Marie Louise von Orléans angefreundet, daß diese lieber sie als Karl II. von Spanien geheiratet hätte. So weit ging die Liebe zum Rollentausch im Barock dann aber doch nicht.

Friedrich III., der Sohn von Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten und Luise Henriette von Oranien, war dazu bestimmt worden, Sophie Charlotte zur Frau zu nehmen, die 1684 im Mercure galant so beschrieben wurde:

Die Prinzessin von Hannover ist eine sehr liebenswürdige Person. Ihre Taille ist mäßig. Sie hat den schönsten Hals und die schönste Haut, die man sich denken kann, große, sanfte, blaue Augen, eine wunderbare Menge schwarzer Haare, Augenbrauen, als wären sie mit dem Zirkel gezogen, eine gut proportionierte Nase, einen rosigen Mund, sehr schöne Zähne und einen lebendigen Teint. Ihr Gesicht ist weder oval noch rund, sondern hält sich dazwischen. Was den Geist angeht, ist sie sehr begabt und von sehr teilnehmender Einfühlsamkeit. Sie singt gut, spielt Cembalo, tanzt mit viel Würde und weiß, was sehr wenige Menschen auch in fortgeschrittenerem Alter als ihrem wissen. [Senn, S.35.].

Gerade sechzehnjährig zog sie 1684 mit Friedrich nach Berlin. Ende September 1686 gebar sie einen Sohn, der fünf Monate später starb. Da es zwischen Friedrich III. und seiner Stiefmutter Dorothea erhebliche Spannungen gab und er vergiftet zu werden fürchtete, floh er mit Sophie Charlotte über Karlsbad nach Leipzig, Hannover, Marburg und Kassel an befreundete Höfe. Auf der Flucht erlitt Sophie eine Fehlgeburt. Letztlich kehrten sie doch nach Berlin zurück. Dort trat Friedrich III. 1688 die Nachfolge seines Vaters an. Im selben Jahr wurde der Thronfolger Friedrich Wilhelm I., der spätere “Soldatenkönig” und Vater Friedrichs des Großen, geboren.

Sophie Charlotte, erst zwanzig Jahre alt, begann nun, ein eigenes Leben zu führen. Sie knüpfte Kontakte zu Gottfried Wilhelm von Leibniz, dem Freund ihrer Mutter, und John Toland, betrieb systematisch den Bau des Lützenburger Schlosses, das später nach ihr “Schloß Charlottenburg” genannt werden sollte und gründete die Berliner Akademie der Wissenschaften. Hier kamen die von Sophie Charlotte geschätzten und geliebten Hofdamen und berühmte Denker der Zeit zusammen, neben Leibniz und Toland auch Isaac Jaquelot, Thomas Burnett of Kemney, Andrew Fountaine, Bischof Ursinus und Daniel Ernst Jablonski.

Aufrichtige Freundschaft und beständige Zärtlichkeit sollten die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Lützenburg bestimmen, Anstand statt Repräsentation war das Motto. Es entstand eine Gegenwelt zu den soldatischen Vergnügungen des Königs. Neueste Erkenntnisse und Gedanken wurden gemeinsam diskutiert. Aus den persönlichen Zusammenkünften ergaben sich fruchtbare Korrespondenzen. So soll Leibniz’ Theodizee maßgeblich von den Lützenburger Gesprächen und dem Briefwechsel zwischen dem Philosophen und der Königin beeinflußt worden sein.

Friedrich III., der seit 1701 König Friedrich I. in Preußen genannt wurde, vernichtete große Teile des Briefwechsels seiner Frau, weil er fürchtete, daß darin Negatives über ihn berichtet worden sein könnte. Fest steht, daß Sophie Charlotte von den Festlichkeiten ihres Gatten in Berlin so gelangweilt war, daß sie sich wie gelähmt fühlte. Am 11. Juni 1703, dem Geburtstag des Königs, schrieb sie an Leibniz: “Ich entspanne mich dabei, Ihnen von den freudlosen Ermüdungen zu erzählen, die ich in Berlin erdulde, wo ich immer gelähmt wäre. (...) Zeigen sie bitte niemandem meinen Brief, denn ich schreibe Ihnen wie einem Freund, ohne Vorbehalte.” [Senn, S. 188.]

(für Fembio redigiert von Luise Pusch)

Britta Quebbemann

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Literatur & Quellen

Bartoschek, Gerd. Hg. 1999. Sophie Charlotte und ihr Schloß. Ein Musenhof des Barock in Brandenburg-Preußen. New York. Prestel.
Doebner, Richard. Hg. 1905. Briefe der Königin Sophie Charlotte von Preußen und der Kurfürstin Sophie von Hannover an hannoversche Diplomaten. Leipzig. Hirzel.
Ghayegh-Pisheh, Kohra. 2000. Sophie Charlotte von Preußen: Eine Königin und ihre Zeit. Stuttgart. ibidem-Verlag.
Leibniz, Gottfried Wilhelm von. 1877. Correspondenz
von Leibniz mit Sophie Charlotte, geb. Prinzessin von Braunschweig-Lüneburg, verm. Kurfürstin von Brandenburg, vom 18. Januar
1701 bis 1. Februar 1705 Königin von Preußen.
Hannover. Klindworth.
Senn, Rolf Thomas. 2000. Sophie Charlotte von Preußen. Biographie. Weimar. Böhlau.
Varnhagen von Ense, Karl August. 1837. Leben der Königin von Preußen Sophie Charlotte. Berlin. Duncker & Humblot.

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Hedwig Dohm