Sonntag, Mai 05, 2013

Ausländerinnenfeindlichkeit

von Helke Sander

Bei den sich immer wieder neu formierenden notwendigen Initiativen und Aktionen von Gruppen oder Einzelnen gegen Ausländerfeindlichkeit verliert sich normalerweise der Blick dafür, wer dieser Solidarität teilhaftig wird.

Oft entstehen diese Bürgerinitiativen aus Anlass eines konkreten Falles, wenn wieder jemand zusammengeschlagen oder im schlimmsten Fall tot geschlagen wurde. Es folgen dann umfangreiche Untersuchungen und Statistiken zum Rechtsextremismus in Deutschland. Die Opfer dieser ausländerfeindlichen Gewalttaten sind meist Männer, eine Tatsache, die - so bedauerlich sie ist - den Kommentatoren doch vernachlässigenswert erscheint unter dem umfassenderen Begriff Rechtsextremismus, der sich wiederum aufschlüsselt u.a. in Antisemitismus, Chauvinismus und Sozialdarwinismus. Der Begriff Frauenfeindlichkeit taucht in diesem Zusammenhang nicht auf. Auch geschlagene und getötete Frauen sind weder namentlich noch unter der Kategorie Geschlecht zu finden.

Die von ihren internationalen Händlern und Zuhältern geschlagenen und massenvergewaltigten und von deutschen Männern sexuell benutzten ausländischen Frauen spielen gewissermaßen in einer anderen Liga. Die Verbrechen an ihnen werden jedenfalls nicht der Kategorie Ausländerfeindlichkeit zugeordnet. Ob das so richtig ist, möchte ich zur Diskussion stellen:

Von den nach offiziellen Schätzungen 400.000 in der BRD arbeitenden Prostituierten sollen 63 Prozent (ca. 268.000) Ausländerinnen sein. Davon stammen 70 Prozent aus Zentral- und Osteuropa, 15 Prozent aus Asien, zehn Prozent aus Lateinamerika und nur fünf Prozent aus Afrika. Dies ergab eine neue, von der EU-Kommission mitfinanzierte Studie des renommierten Amsterdamer Instituts Tampep zur “Prostitution in Europa”. Viele sind Opfer von Diskriminierung, Gewalt und dem Zwang, auf Kondome zu verzichten….

Nach einer empirischen Untersuchung von Dieter Kleiner und Doris Velten aus dem Jahr 1994 sind 18 Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland zwischen 15 und 74 Jahren zu den regelmäßigen Prostitutionskunden zu rechnen. oder anders:
....etwa 1,2 Millionen Männer (in der BRD) nehmen täglich sexuelle Dienstleistungen in Anspruch… oder noch anders: Statistisch gesehen geht jeder erwachsene deutsche oder eingedeutschte Mann fast 1 x im Monat zu einer Prostituierten – von denen wohlgemerkt ein übergroßer Teil durch Frauenhandel nach Deutschland kommt.

.....Als Frauenhandel wird das Anwerben, Entführen oder Verschleppen von Frauen aus ihren Heimatländern bezeichnet, um diese im Ausland mit Hilfe von Gewalt, Bedrohung oder Drogen für sexuelle Handlungen zu missbrauchen. Dies bedeutet vor allem Zwangsprostitution, aber auch Arbeit als Stripteasetänzerin und Kinderpornografie.

Europa ist einer der größten Handelsplätze des Frauenhandels. Die Menschenhändler kommen zu meist aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks und verkaufen die Frauen weiter an serbische oder mazedonische Zwischenhändler, die wiederum die Frauen immer weiter westwärts schaffen. Dort verkaufen sie die Frauen an albanische, ukrainische oder tschechische Zuhälter. Die Zielländer sind überall dort, wo sich viel Geld mit Prostitution machen lässt: Tschechien, Deutschland, Italien, Holland, Türkei, Dubai, Israel, Spanien oder Frankreich. Während sich die Einreisebestimmungen innerhalb Europas systematisch lockern und auflösen, haben es die Frauenhändler immer leichter, ihrem Geschäft nachzugehen.
(Quelle: http://www.amnesty-maf.de/themen/Frauenhandel-index.htm)

.... Kriminalkommissare und Staatsanwälte stöhnen: „Deutschland ist zum Eldorado für Zuhälter und Bordellbetreiber geworden.“ Nur eine verschwindend geringe Zahl von Prostituierten ist heute versichert. Dafür erfreuen sich die Bordellbetreiber glänzender Profite. Großbordelle wie das Pascha in Köln oder das Paradise in Stuttgart schießen wie Pilze aus dem Boden. Der Trend geht zu Flatrate-Clubs, wo Männer ab 69 Euro so viel Sex haben können, wie sie wollen. Einige Bordellbesitzer riesiger Sexburgen in Grenznähe planen gerade ihren Börsengang. Wo Prostitution legal ist, explodiert der Menschenhandel. Quelle: http://www.wdr.de/tv/bab/sendungsbeitraege/2012/1212/frauenhandel.jsp

....Das “Bundeslagebild Menschenhandel 2004” des Bundeskriminalamtes (BKA) geht in Deutschland davon aus, dass durch ein Opfer in der Prostitution jährlich zwischen 35.000 - 100.000 Euro Umsatz erzielt werden.

Die höchsten Profite im Bereich des Menschenhandels werden aus Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft und der sexuellen Ausbeutung gezogen. Weltweit beziffert die ILO die Opfer von Menschenhandel mit 2,4 Millionen und die Profite durch Menschenhandel mit 32 Milliarden Dollar jährlich (vgl. ILO (Internationale Labour Organisation): “Zwangsarbeit und Menschenhandel - die Kehrseite der Globalisierung”). (Quelle: http://www.solwodi.de/421.0.html)

Nun gibt es sicher Männer, die nicht zu Prostituierten gehen, die es verabscheuen, die vielleicht auch zu geizig sind oder andere Gründe für ihre Abstinenz haben.

Was es aber nicht gibt, ist ein öffentlicher Protest dieser Männer als Männer, die das Verhalten ihrer Geschlechtsgenossen menschenverachtend finden und es nicht mehr dulden wollen und die Verbindung ziehen zwischen Ausländerfeindlichkeit (die sie bekämpfen) und Frauenhandel – an dem sie teilhaben, indem sie zumindest zu den Verbrechen an den Frauen schweigen.

Normalerweise haben Männer kein Problem, sich namentlich an Organisationen gegen Ausländerfeindlichkeit zu beteiligen. Sie greifen z.T. mutig ein, wenn wieder ein Schwarzer oder Vietnamese oder sonst in irgendeiner Weise Auffälliger angegriffen wird.

Um es zu wiederholen:
Es gibt eine ganze Anzahl deutscher Männer und Frauen, die sich gegen Missstände offen und öffentlich engagieren und sich dabei häufig auf die Verbrechen der deutschen Vergangenheit berufen.
Darunter gibt es auch Menschen, die, obwohl schon ganz anderen Generationen angehörend, sich wegen dieser Verbrechen schämen, Deutsche zu sein und das mit einem gewissen Stolz auch noch verkünden, obwohl das meiner Meinung nach eine eher dumpfe Reaktion auf die Vergangenheit ist. Aber gab es jemals einen Mann, der – ohne direkt an der Frauenausbeutung beteiligt zu sein – schon einmal gesagt hätte, dass er sich schäme, ein Mann zu sein?

(Ich habe vor einigen Jahren dazu mal ein paar Umfragen gemacht und jedes Mal vollkommen entgeisterte Reaktionen bekommen. Die Frage wurde meist nicht einmal verstanden).

Frauen dagegen haben weniger Hemmungen, politische Überzeugungen mit ihrem Geschlecht zu verbinden. Aber auch das war mal eine neue Form der politischen Äußerung. „Mein Bauch gehört mir“ war eine vollkommen neue Kampfansage –  und wurde damals auch von vielen Frauen als unpolitische und ein bisschen eklige politische Parole zurück gewiesen.

Männer outen sich namentlich und mit Adresse als Deutsche, als Waffengegner, Atomkraftgegner, Tierschützer, Verbraucherschützer, Antifaschisten usw. und stecken häufig viel Arbeit in ihr Engagement. Aber nie kommt es vor, dass sie sich als Mann gegen Untaten, die andere Männer begehen, auflehnen. Es gibt eine mir bekannte Ausnahme:

Es handelt sich um eine Geschichte, in der tatsächlich Männer als Männer eine politische Aktion gemeinsam beschlossen und dann offenbar vor Schreck über ihre eigene Courage von ihrem Vorhaben wieder abließen:

Vom 13.-15. März 1987 gab es in Köln vom „Komitee für Demokratie und Grundrechte“ einen Kongress zur sexuellen Gewalt. Es kam dort jede Art der sexuellen Gewalt zur Sprache und wurde jeweils durch Fachleute belegt. Besonders eindrücklich in Erinnerung sind mir noch die Fotos sexuell missbrauchter Babys und Kleinstkinder. Der Kongress war ähnlich organisiert wie die Russell-Tribunale und wurde mit einer Frauen- und einer Männerjury besetzt, die die vorgelegten Gewaltfälle jeweils für sich analysieren und daraus Handlungsanweisungen entwickeln sollten. Eine größere Rolle in der Debatte spielten damals die sogenannten „Bumsbomber“ nach Thailand und Kenia, die vollbesetzt mit Männern vom Frankfurter Flughafen aus abflogen, um es in den betreffenden Ländern besonders mit Kindern und jungen Frauen billig zu treiben.

Interessanterweise kamen beide Jurys in geheimer Sitzung zum gleichen Schluss:
Die Frauenjury argumentierte, dass Männer sich persönlich zu den Verbrechen anderer Männer äußern und als Männer diese Gewalttaten ansprechen, analysieren und verhindern sollten. Die Männer beschlossen tatsächlich dasselbe, was von allen als absolut sensationell empfunden wurde und es auch war. Die Männerjury nahm sich vor - was zum Abschluss auch öffentlich bekannt gegeben wurde -  an einem noch festzulegenden baldigen Termin als Männer vor dem Abflug dieser Bumsbomber auf dem Frankfurter Flughafen zu demonstrieren, ihren Abscheu über die Absichten der Fluggäste zu äußern und zu diesem Zweck verschiedene Papiere und Aufklärungsaktionen vorzubereiten.

Nach einigen Wochen, in denen nichts von dieser geplanten Aktion in den Zeitungen stand, fragte ich mehrmals beim Komitee an (ich war damals Mitglied der Frauenjury), wann denn mit dieser Männerdemonstration zu rechnen sei. Ich bekam nie eine Antwort, und die Sache verlief im Sande.

Ich kann nur spekulieren, was passiert war. Vermutlich war es den Männern, die so vorgeprescht waren, hinterher peinlich. Diese Nichtreaktion passt zu einer anderen Geschichte, die ca. 20 Jahre zurückliegt.

In meiner Filmklasse befassten wir uns damals u.a. mit Interviewführung. Die Vorgabe war, PolitikerInnen zu befragen. Damit diese möglichst keine vorgestanzten Antworten geben könnten, sollten die Studierenden die Interviewten fragen, was für die Einrichtung eines Männerministeriums spräche.

Die Politiker sollten also ihre Meinung dazu äußern, ob Männer als Männer eine Problemgruppe seien und daher ein eigenes Ministerium brauchen. Ministerien werden eingerichtet, zusammengelegt, abgeschafft. Ein Ministerium wird dann eingerichtet, wenn sich Probleme auf einem bestimmten Gebiet verdichten, einzelne oder gesellschaftliche Gruppen oder die Regierung dies bemerken und darauf mit einem eigenen Ressort reagieren.

So ist das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen entstanden und wieder abgeschafft worden, das Familienministerium hat je nach Legislaturperiode in seinen Namen noch die Jugend, die Frauen, die Senioren und die Gesundheit oder den Sport aufgenommen. Das Umweltministerium ist mit den Grünen geschaffen worden, das Verbraucherministerium mit der BSE-Krise usw.

Die Studierenden machten erstaunliche Erfahrungen:

An ein Frauenministerium hatten sich alle gewöhnt. Beim Männerministerium aber wurde gelacht. Es wurde bis auf eine Ausnahme durchweg als Witz verstanden. Die Ausnahme war ein Bundeswehroffizier, der sinngemäß sagte, dass so eine Einrichtung überfällig sei, denn die Männer hätten große Probleme mit ihrer Männlichkeit und nirgendwo würde das im großen Maßstab diskutiert. Warum also das Lachen? Ein Frauenministerium soll im Bewusstsein der meisten Frauen und Männer etwas Defizitäres ausgleichen. Es wird gelacht, weil sich die Kategorie „Männer” nicht als defizitär erlebt. Frauen brauchen Hilfe, wie auch Jugendliche und Senioren, sie brauchen den besonderen Schutz der Gesellschaft. Aber wer ist dann diese Gesellschaft, wenn mehr als 80% ihrer Mitglieder — Frauen, Alte und Jugendliche — vom Rest besonders geschützt werden muss? Wer bleibt noch übrig als Gesellschaft?

Unausgesprochen aber logisch bleiben dann wie bei den Taliban Männer übrig, die nicht zu jung und nicht zu alt und nicht krank sind. Die „Gesellschaft” besteht nach dieser Definition aus 20% Männern zwischen Volljährigkeit und Rentenbeginn.

Ein Männerministerium würde Männer selber zum Objekt des Nachdenkens machen. Es würde „von Staats wegen” zu untersuchen sein, warum es in erster Linie Männer sind, die sich durch die Welt bomben, Mädchenhandel treiben, Frauen zum Heiraten zwingen, usw.

Das Fazit wäre in jedem Fall, dass ein Männerministerium (angesiedelt im Verkehrsministerium) den Mann zum politischen Thema machen würde und die Gendertheorien vom Kopf auf die Füße stellen könnte. Es gäbe der Politik die vermissten und immer wieder eingeforderten Impulse oder den „Ruck”.

Der Skandal der Versklavung von hauptsächlich ausländischen Frauen in Deutschland verlangt geradezu nach Männern, die mit persönlichem Einsatz die Kategorien mal richtig stellen, den Begriff Ausländerfeindlichkeit auch auf Frauen anwenden und es möglicherweise sogar schaffen, die sogenannten Fernsehphilosophen auf diese Thematik aufmerksam zu machen.


05.05.2013 | 2 Kommentare | | Permalink

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Hedwig Dohm