Franziska Nietzsche

geboren am 2. Februar 1826 in Pobles bei Lützen, Sachsen
gestorben am 20. April 1897 in Naumburg

deutsche Pfarrfrau; Mutter von Friedrich und Elisabeth Nietzsche
190. Geburtstag am 2. Februar 2016


BiografieZitateLiteratur & Quellen


Biografie

Wohl kaum eine Frau ist in der fachwissenschaftllichen Literatur so falsch dargestellt worden wie Friedrich Nietzsches Mutter Franziska.

Sie habe ihre Kinder Friedrich und Elisabeth lieblos und kalt von sich gestoßen, sie einer strengen, christlich–erwecklichen Erziehung unterworfen, in einer dunklen Ecke hockend und unablässig Gebete und Bibeltexte vor sich hinmurmelnd.

Das Wegstreben beider Kinder aus der engen Heimatstadt in die Welt des Geistes (und des Imperialismus) erscheint als Konsequenz starker Charaktere, die nur aus der Abgrenzung gegen die dumpfe Mutterwelt Profil und Bedeutung gewinnen konnten.

Nein, so war es nicht, obwohl bis heutigentags sich ernstnehmende Professoren weiter an dieser liebgewordenen Legende häkeln und stricken. Freilich, die Kinder haben dieser Interpretation Vorschub geleistet.

Friedrich bezeichnet seine Mutter als “giftiges Gewürm” und “Höllenmaschine”, Elisabeth spricht von ihr als einer “Frau ohne Charakter”.

Die sorgfältige Sichtung und Auswertung der in Fülle vorliegenden Dokumente zu Franziska Nietzsche ergibt ein anderes und differenzierteres Bild.
Sie entstammte einer weltzugewandten, lebensfrohen Pfarrersfamilie. Der Vater, ein aufklärerisch gesinnter Mann, sah neben seinem geistlichen Amt seine Aufgabe auch darin, das materielle Wohl und die Bildung seiner Gemeindeglieder zu fördern. Die Mutter regierte energisch den kinderreichen Haushalt und schuf durch gute Wirtschaftsführung die Voraussetzung für die Ausbildung der Söhne. Die Mädchen erfreuten sich an Tanzvergnügungen und sommerlichen Ausflügen für junge Damen aus gutem Hause, sollten aber möglichst bald heiraten, um versorgt zu sein. Eine Berufsausbildung war für sie nicht vorgesehen.

Franziska gelang eine standesgemäße Partie, die noch dazu auf beiden Seiten eine Liebesheirat war. Doch nach der Hochzeit mit dem jungen Pfarrer Carl Ludwig Nietzsche geriet sie in eine ganz andere geistige Welt. Der Ehemann gehörte der Erweckungsbewegung an, die sich durch ihre pathetische Predigtkultur und glühende Frömmigkeit und ihre reaktionäre politische Haltung sehr von der heiteren Welt ihres Elternhauses unterschied.
Schon wenige Jahre nach der Hochzeit machte sich auch die schwere Erkrankung ihres Mannes bemerkbar, der er 1849 erlag.

Unversorgt, mit zwei kleinen Kindern, ohne Erwerbsmöglichkeiten, erwarteten Franziska nun Jahre der Abhängigkeit von ihrer besser versorgten Schwiegermutter und gelegentlichen frommen Stiftungen.

Franziska behielt ihre Lebensfreude und Weltzugewandtheit. Sie pflegte ihren Freundes- und Familienkreis. Es gelang ihr, ihren Kindern - geschlechtsspezifisch – eine gute Bildung zu verschaffen.

Friedrich wurde schon in jungen Jahren Professor für klassische Philologie in Basel, Elisabeth gründete mit ihrem Mann Bernhard Förster die Kolonie Neu–Germanien in Paraguay. Beide behaupten einen Platz in der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte, wobei freilich Elisabeths Nachgiebigkeit während der NS–Zeit nicht als Ruhmesblatt gewertet werden kann.

Als Friedrich zunehmend einer Geistesverwirrung verfiel, holte seine Mutter ihn in ihr Haus. Während Elisabeth durch unermüdliche publizistische Tätigkeit seinen Ruhm vermehrte und durch die Sammlung aller Lebenszeugnisse des Bruders die Grundlage für seine Weltgeltung legte, pflegte Franziska ihn geduldig und liebevoll bis zu ihrem Tode. Ihre Briefe an Friedrichs treuen Freund Franz Overbeck, in denen sie über ihren mühevollen Dienst an ihrem kranken Sohn berichtet, gehören als authentisches Zeugnis wahrhaft christlicher Humanität zu den schönsten Beispielen bürgerlicher deutscher Briefkultur.
(Text von 2000)

 

Marianne Goch

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Zitate

“Sah bis spät die Briefe der Mutter Nietzsches durch. Ergriffen und gedankenvoll.” (Thomas Mann)

“Ich habe meine Mutter sehr geliebt, weil sie gut ist.” (Friedrich Nietzsche)

“Ein namenloses Weh durchzieht oft meine Seele, doch muss ich dem Allbarmherzigen innig danken, dass er mich dabei gesund erhält, was sollte nur aus dem armen armen Kinde werden, dem die mütterliche Liebe so wohltut…” (Franziska Nietzsche)

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Literatur & Quellen

Goch, Klaus. 1985. “Elisabeth Förster-Nietzsche (1846-1935): ‘Ein biographisches Portrait”, in: Pusch, Luise F. Hg. 1985. Schwestern berühmter Männer: Zwölf biographische Portraits. Frankfurt/M. Insel TB 796. S. 361-413.

Goch, Klaus. 1994. “Franziska Nietzsche (1826-1897)”, in: Pusch, Luise F. Hg. 1994. Mütter berühmter Männer: Zwölf biographische Portraits. Frankfurt/M. Insel TB 1356. S. 325-401.

Goch, Klaus. 1994. Franziska Nietzsche. Frankfurt/M. Insel TB.

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Hedwig Dohm