Suzanne Valadon

(Marie-Clémentine Valadon [Geburtsname])

geboren am 23. September 1865 in Bessines-sur-Gartempe, Haute-Vienne
gestorben am 7. April 1938 in Paris

französische Malerin
150. Geburtstag am 23. September 2015


BiografieZitateWeblinksLiteratur & QuellenBildquellen


Biografie

Suzanne Valadon hatte – anders als die aus bürgerlichen Familien stammenden Künstlerinnen ihrer Generation – keinerlei Aussicht auf Ausbildung. Dafür führte sie ein außergewöhnlich freizügiges Leben und schuf aus dieser Unabhängigkeit ein großes Werk (erhalten sind etwa 300 Zeichnungen und Drucke, fast 500 Gemälde). Besonders in ihren Frauenporträts und teilweise gewagten Aktbildern überschritt sie die Grenzen, die der Kunst von Frauen in ihrer Zeit gesetzt waren.

Marie-Clementine, später erst Suzanne genannt, Valadon wurde 1865 als uneheliche Tochter einer Wäscherin (»Vater unbekannt«) geboren und wuchs im Pariser Stadtteil Montmartre auf. Mit elf verließ sie die Schule, nahm verschiedene Aushilfsarbeiten an, ihr Traum von einer Karriere als Zirkusartistin endete jäh mit einem Sturz vom Trapez.

Suzanne Valadon

Mit 15 begann sie, ihren Lebensunterhalt als Künstlermodell zu verdienen. Die auf der »Butte« konzentrierten Maler und Bildhauer (es sollen zu der Zeit 14.000 gewesen sein) hatten einen enormen Bedarf an (Akt-)Modellen, und Suzanne – leuchtend blaue Augen, lange dunkelblonde Haare – war sehr begehrt. Dass die meisten ihrer Auftraggeber auch ihre Liebhaber wurden, gehörte sozusagen zum Berufsbild – ob es ihren eigenen sexuellen Bedürfnissen entsprach, wie zumeist in den Biographien dargestellt, darf zumindest bezweifelt werden (Puvis de Chavannes, einer der Ersten, für die sie mit 15 Modell stand, war immerhin 56 Jahre alt). Mit 17 wurde sie – wie konnte es anders sein – schwanger und brachte knapp 18-jährig ihren Sohn Maurice (Utrillo) zur Welt.

Suzanne Valadon

Während das Kind vorwiegend von Mutter Madeleine versorgt wurde, ging Suzanne weiter ihrer Modelltätigkeit nach. Nach dem symbolistischen Maler Puvis de Chavannes schufen vor allem Auguste Renoir und Toulouse-Lautrec Porträts und Aktbilder von ihr. Was die Maler zunächst nicht wussten – die junge Suzanne sah ihnen bei der Arbeit konzentriert auf die Finger, längst hatte sie begonnen, selbst zu
zeichnen, in erster Linie realistische, ungeschönte Darstellungen von Menschen aus ihrer Nachbarschaft, Porträts ihrer früh gealterten Mutter, Aktstudien ihres Sohnes, wiedergegeben mit einem klaren, kräftigen Strich, die Körper zumeist umfangen von einer einzigen dunklen Konturlinie, die später auch ihre Gemälde unverwechselbar machen sollte.

Suzanne Valadon

Toulouse-Lautrec erkannte als Erster ihr außergewöhnliches Talent und vermittelte ihr den Kontakt zu Edgar Degas, der viele ihrer Arbeiten kaufte und sie in Drucktechniken unterwies. 1896, Valadon war inzwischen 31, heiratete sie den wohlhabenden Bankkaufmann Paul Mousis und zog mit ihm, ihrer Mutter und dem 13-jährigen Maurice in die ländliche Umgebung der Hauptstadt, von wo sie täglich in ihr Pariser Atelier pendelte.

Die Hoffnung, das geregelte Familienleben würde besonders ihrem Sohn guttun, erfüllte sich nicht. Bereits als Jugendlicher entwickelte Maurice eine schwere Alkoholabhängigkeit, begleitet von schizophrenen Schüben. Auch in der Malerei, mit der er auf Anregung seiner Mutter begann, fand er keine Befreiung.

Suzanne Valadon

Die Begegnung mit Andre Utter, Freund und Malerkollege ihres Sohnes, 21 Jahre jünger als die inzwischen 44-jährige Valadon, änderte das Leben aller Beteiligten. Valadon trennte sich von ihrem Ehemann, stürzte sich in die Malerei. In den folgenden Jahren entstanden ihre bedeutendsten Gemälde, wie die skandalträchtige Paradiesszene Adam und Eva (1909), in der sie sich selbst und ihren Geliebten als Akt in einer Landschaft voll leuchtender Farben darstellte (Adams Geschlechtsteile mussten für die Ausstellung später mit einer reichlich unmotiviert wirkenden Weinrebe übermalt werden), oder Das blaue Zimmer (1923) – auf einem blauweißen Sofa liegt entspannt eine mollige, dunkelhaarige Frau, bequem bekleidet mit Pluderhose und Trägerhemdchen, eine Zigarette im Mund und neben sich zwei Bücher –, eine ironische Neuinterpretation des in der männlichen Malerei so beliebten Odalisken-Motivs.

Suzanne Valadon

Das Leben mit Utter war für Valadon sehr anregend. Zum ersten Mal besuchte sie systematisch Museen und Kunstausstellungen, reiste viel (und brachte von jeder Reise wunderbare Landschaftsgemälde mit), erwarb ein verfallenes Schloss in St. Bernard, wo sie mit Utter und Utrillo die Sommer verbrachte. Obwohl Valadon regelmäßig bei den Salonausstellungen vertreten war und 1923 von der Galerie Bernheim-Jeune unter festen Vertrag genommen wurde, bezog die Familie das Haupteinkommen für ihr teilweise luxuriöses Leben (Chauffeur, Haushälterin, zahlreiche Haustiere) aus den Verkäufen der Arbeiten von Maurice Utrillo. Dessen Pariser Straßenszenen, geschickt vermarktet von Andre Utter, fanden reißenden Absatz.

In ihrem letzten Lebensjahrzehnt wurde es einsamer um Suzanne Valadon. Die Beziehung zu Utter, schon länger in der Krise, war seit 1931 beendet – in ihrem kühnen Selbstporträt mit nackten Brüsten zeigt die 66-Jährige sich selbst mit einem deutlichen Zug der Verbitterung um den schmaler gewordenen Mund. 1935 ging Utrillo eine Versorgungsehe mit einer wohlhabenden Bankierswitwe ein. Suzanne Valadon starb 71-jährig, an den Folgen einer Herzattacke.

Suzanne Valadon

In den folgenden Jahrzehnten wurde ihrer vor allem als Mutter Utrillos gedacht. Erst in den letzten 20 Jahren gab es große Retrospektivausstellungen für die radikalste französische Malerin der klassischen Moderne.                         

Andrea Schweers

Seitenanfang



Zitate

Die Natur hat mich völlig in ihrer Gewalt. (...) Bäume, Himmel, Wasser und Menschen berühren mich tief und leidenschaftlich. Formen, Farben und Bewegungen regen mich dazu an mit Liebe und Inbrunst zu malen, um den Dingen, die ich so sehr schätze Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In meinen Gemälden ist nicht ein Pinselstrich, nicht eine Linie die ihren Ursprung nicht in der Natur hat. Wenn ich meine Leinwände aufbaue ersinne ich die Formen, aber die Natur ist der Maßstab an dem ich die Wahrhaftigkeit meiner Gemälde messe, stets angeregt durch meine Zuneigung für das Leben an sich.
(Suzanne Valadon, zitiert in Rose, S. 188)

Seitenanfang


Links

artnet: Suzanne Valadon. Sehr viele Werke (über »Auktionsergebnisse«).
Online verfügbar unter http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/suzanne-valadon/, abgerufen am 27.02.2015.

Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: Suzanne Valadon. Bücher.
Online verfügbar unter https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=118625837, abgerufen am 27.02.2015.

Kopka, Christiane: Der Todestag der Malerin Suzanne Valadon. NDR Info - ZeitZeichen - 07.04.2013. Audiobeitrag.
Online verfügbar unter http://www.ndr.de/info/audio154781.html, abgerufen am 02.03.2015.

Köster, Teresa (2014): Suzanne Valadon: Beständiges WiderstrebenSchirn Kunsthalle Frankfurt.
Online verfügbar unter http://www.schirn-magazin.de/Les_Bloggers_De_Montmartre_Teresa_Koester.html, abgerufen am 27.02.2015.

Kunstaspekte: Suzanne Valadon. Kurzbiografie, Sammlungen, Galerien, Ausstellungen.
Online verfügbar unter http://www.kunstaspekte.de/suzanne-valadon/, abgerufen am 27.02.2015.



Bitte beachten Sie, dass verlinkte Seiten im Internet u. U. häufig verändert werden und dass Sie die sachliche Richtigkeit der dort angebotenen Informationen selbst überprüfen müssen.



Letzte Linkprüfung durchgeführt am 02.03.2015 (AN)

Seitenanfang


Literatur & Quellen

Birnbaum, Paula J. (2011): Women artists in interwar France. Framing femininities. Farnham. Ashgate. ISBN 9780754669784.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Birnbaum 2011 – Women artists in interwar France

Brade 1994 – Suzanne Valadon

Carlier, Buisson 2006 – Suzanne Valadon

Champion 1987 – Die Vielgeliebte

Fabris 2006 – Catalogue du Musée Maurice Utrillo

Hille 2002 – Fünf Malerinnen der frühen Moderne

Brade, Johanna (1994): Suzanne Valadon. Vom Modell in Montmartre zur Malerin der klassischen Moderne. Unter Mitarbeit von Suzanne Valadon. Stuttgart. Belser. ISBN 3-7630-2306-2.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Carlier, Sylvie; Buisson, Sylvie (2006): Suzanne Valadon, Jacqueline Marval, Émilie Charmy, Georgette Agutte. Les femmes peintres et l’avant-garde 1900 - 1930. Ausstellungskatalog. Paris. Somogy. ISBN 2-7572-0015-1.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Champion, Jeanne (1987): Die Vielgeliebte. Kunst und Leben der Suzanne Valadon. (=Suzanne Valadon ou la recherche de la vérité)
Ins Deutsche übersetzt von Sybille A. Rott-Illfeld. 1. Aufl. München u.a. Knaus. ISBN 3-8135-0594-4.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Fabris, Jean (2006): Catalogue du Musée Maurice Utrillo - Suzanne Valadon, Sannois - Val d’Oise - France. Sannois. ISBN 9782952721301.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Hille, Karoline (2002): Fünf Malerinnen der frühen Moderne. [Suzanne Valadon, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter, Sonia Delaunay, Ljubow Popowa]. 1. Aufl. Leipzig. Reclam. (Im Porträt) ISBN 3-379-00797-8.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Köster 1998 – Sei mutig und hab Spaß

Krininger 1986 – Modell

Maiwald 1999 – Von Frauen enthüllt

Peyramaure 1999 – Die Malerin vom Montmartre

Restellini (Hg.) 1994 – Les peintres de Zborowski

Restellini 2009 – Valadon

Köster, Magdalena (1998): »Sei mutig und hab Spaß dabei«. Acht Künstlerinnen und ihre Lebensgeschichte. Weinheim. Beltz & Gelberg. (Programm Beltz & Gelberg) ISBN 3-407-80849-6.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Krininger, Doris (1986): Modell - Malerin - Akt. Über Suzanne Valadon und Paula Modersohn-Becker. 2. Aufl. Darmstadt. Luchterhand. (Sammlung Luchterhand, 588) ISBN 3-472-61588-5.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Maiwald, Salean Angelika (1999): Von Frauen enthüllt. Aktdarstellungen durch Künstlerinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Grambin. Aviva-Verl. ISBN 3-932338-05-7.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Peyramaure, Michel (1999): Die Malerin vom Montmartre. Roman. Aus dem Französischen von Matthias Wolf. München. Lichtenberg. ISBN 3-7852-8135-8.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Restellini, Marc (Hg.) (1994): Les peintres de Zborowski. Modigliani, Utrillo, Soutine et leurs amis. Fondation de l’Hermitage. Fondation de l’Hermitage Lausanne. ISBN 2-85047-244-1.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Restellini, Marc (2009): Valadon - Utrillo. Au tournant du siècle à Montmartre - de l’impressionisme à l’Ecole de Paris. Ausstellungskatalog. Paris. Pinacotèque de Paris. ISBN 978-2-3586-7001-2.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Rose 1998 – Mistress of Montmartre

Sigismund 1981 – Montmartre

Sigismund 1997 – Suzanne Valadon

Valadon, Berthon et al. 2011 – Valadon, Utrillo

Vesper 2007 – Schreckliche Maria

Warnod 1989 – Suzanne Valadon

Rose, June (1998): Mistress of Montmartre. A life of Suzanne Valadon. London. Cohen. ISBN 1-86066-070-3.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Sigismund, Ursula (1981): Montmartre. Das Leben Suzanne Valadons, der Mutter Utrillos. Wien. Zsolnay. ISBN 3552033122.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Sigismund, Ursula (1997): Suzanne Valadon - Modell und Malerin. Roman. Darmstadt. Kranichsteiner Literaturverl. ISBN 3-929265-06-0.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Valadon, Suzanne; Berthon, Laurence et al. (2011): Valadon, Utrillo, Utter. La trinité maudite 1909 - 1939 entre Paris et Saint-Bernard ; peintures, dessins, photographies. Ausstellungskatalog. Villefranche-sur-Saône. Musée Paul-Dini. ISBN 9782905048202.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Vesper, Elke (2007): Schreckliche Maria. Das Leben der Suzanne Valadon ; Roman. Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verl. (Fischer, 17807) ISBN 978-3-596-17807-0.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Warnod, Jeanine (1989): Suzanne Valadon. Neue erg. Ausg. München. Südwest-Verl. (Meister der Modernen Kunst) ISBN 3-517-01161-4.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)



Quellen
Doll, Valeska (2001): Suzanne Valadon (1865 - 1938). Identitätskonstruktion im Spannungsfeld von Künstlermythen und Weiblichkeitsstereotypen. Univ., Diss.—München, 2001. München. Utz. (Kunstwissenschaften, 5) ISBN 3-8316-0036-8.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Marchesseau, Daniel (1996): Suzanne Valadon. Ausstellungskatalog. Martigny. Fondation Pierre Gianadda. ISBN 2-88443-035-0.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Doll 2001 – Suzanne Valadon 1865

Marchesseau 1996 – Suzanne Valadon

Rosinsky 1994 – Suzanne Valadon

Rosinsky, Thérèse Diamand (1994): Suzanne Valadon. New York, NY. Universe Publ. (Universe series on women artists) ISBN 0-87663-777-2.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Seitenanfang


Bildquellen

artnet

Wikipedia

Seitenanfang

Sollten Sie RechteinhaberIn eines Bildes und mit der Verwendung auf dieser Seite nicht einverstanden sein, setzen Sie sich bitte mit Fembio in Verbindung.

Share Tweet Mail Druck

Seitenanfang

Hedwig Dohm