Jeanne Immink

(Jeannette Friederike Hermine Immink, geb./née Diest)

also available in English

geboren am 10. Oktober 1853 in Amsterdam
gestorben am 20. August 1929 in Mailand

niederländische Bergsteigerin. Die erste Frau im schweren Fels
85. Todestag am 20. August 2014


BiografieZitateWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

Jeanne Immink gelangte in der Männerdomäne des Alpinismus zu Ruhm und Ehren. Das Bergsteigen war im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert eine ausschließlich männliche Angelegenheit. Die Holländerin zeigte jedoch, dass Frauen sehr wohl fähig sind, sich mit Risiken und Gefahren auseinanderzusetzen. Jeanne Immink gilt als Erfinderin des Klettergurts, sie präsentierte sich als erste Frau in sportlicher Bekleidung – Hose statt Rock – und erhob das Bergsteigen zum Lebensinhalt. Man kann sich heute kaum vorstellen, wie revolutionär ihr Verhalten damals war.

Jeanne Immink, geborene Diest, aus deutsch-jüdischer Familie, nahm schon früh ihr Schicksal in die eigene Hand. Der jung verstorbene Vater Diest, Kommissionär, hinterließ Frau und vier Töchter, die im damals verarmten Amsterdam völlig auf sich gestellt waren. Jeanne absolvierte das Gymnasium, sie war eine gute Schülerin. Die Universität blieb ihr verschlossen – Frauen hatten keinen Zugang – und ein weiblicher Berufsstand existierte nicht.

Um der Misere zu entkommen, heiratete sie den Geschäftsmann Karel Immink. Das frischgebackene Paar wanderte nach Südafrika aus und ließ sich in Pretoria nieder. Die Lebensbedingungen in der Hauptstadt Transvaals waren jedoch genau so beschränkt wie in Amsterdam.

Die Ehe hatte keinen Bestand. Jeanne konnte mit ihrem ersten Kind, einem Jungen, nicht warmwerden. Wenige Monate nach der Geburt flüchtete sie in eine Affäre mit dem britischen Dragonerkapitän Henry Douglas-Willan, der nach der Strafexpedition gegen die Zulu kurzfristig in Pretoria Station machte. Als sein Regiment nach Indien verlegt wurde, reiste Jeanne mit ihm und entzog sich auf diese Weise einem von Karel Immink eingeleiteten Gerichtsverfahren wegen Ehebruchs. Ihr Baby brachte sie bei Bekannten in Pretoria unter.

Jeanne blieb nicht lange in den unruhigen Nordwestterritorien Indiens. Die Schwangerschaft bedeutete das Ende der Liaison. Ein britischer Offizier durfte vor seinem dreißigsten Lebensjahr nicht heiraten, und Kinder waren im Umfeld der Truppe unerwünscht. Jeanne kehrte nach Europa zurück und brachte in der Schweiz ihr Kind, einen Sohn, unehelich zur Welt. Sie nannte ihn Louis Immink. Dank großzügiger Alimente ihres Kavaliers war sie fortan unabhängig. Henry Douglas-Willan stammte aus einer angesehenen Militärsfamilie. Er stieg zum Regimentsoberst auf und leitete später die Bewachung von Windsor Castle.

FrauenbildIn der Schweiz lernte Jeanne die Berge kennen. Sie gab sich als Witwe von Karel Immink aus, reiste mit ihrem Söhnchen in den Alpen umher und bestieg bald die schwierigsten Gipfel. Während der Belle Epoque entwickelte sich das Bergsteigen zu einer Art von mannhaftem Lebensstil. Auch Jeanne Immink entdeckte, obwohl für eine Frau durchaus nicht schicklich, diese sportlich-abenteuerliche Betätigung als Mittel zur Selbstentfaltung. Ihr waghalsiges Tun war zwar gesellschaftlich verpönt, innerhalb der Bergsteigerszene wurde die Kletterin jedoch als gleichberechtigt aufgenommen. Die Männer konnten sie wegen ihrer Ausdauer und Gewandtheit nicht ignorieren.

Aufsehen erregte sie 1891 mit der Besteigung der Fünffingerspitze. Der Dolomitenberg war das Nonplusultra des Klettersports. Als Robert-Hans Schmitt, der waghalsigste Kletterer seiner Zeit, einen später nach ihm benannten Kamin am Berg durchstieg und so zum ersten Mal den Gipfel erreichte, verkündete er, dass wohl niemand ihm das jemals nachmachen würde. Kaum ein Jahr später versetzte Jeanne Immink die alpine Welt in Staunen, als sie mit ihren Führern das Kunststück wiederholte. Sie hatte das Unternehmen sorgfältig geplant, denn sie wusste genau, dass der berüchtigte Schmittkamin ihre Reputation dauerhaft festigen würde.

Jeanne Immink war stets darauf bedacht, Besteigungen in Angriff zu nehmen, die im Mittelpunkt der Diskussion standen. Sie vollbrachte die schwierigsten Eis- und Felstouren in den Walliser Alpen, darunter zwei Überschreitungen des Matterhorns, und die neusten Kletterrouten in den Ostalpen. „Madame Immink“ – wie sie ihre Eintragungen in den Führerbüchern signierte – überwand ständig Höhenunterschiede von zwei-  bis dreitausend Höhenmetern, was heute kaum nachvollziehbar ist. Ihre Kondition war sprichwörtlich. Die Italiener nannten sie „La Donna Instancabile“, die Unermüdliche.

Sie war eine gebildete, sympathische Erscheinung, scheute jedoch keineswegs kritische Konfrontationen. Sie kannte ihre Amsterdamer Stadtgenossin Wilhelmina Drucker, die erste große holländische Frauenrechtlerin, persönlich und benutzte ihre spitze Feder als Stichwaffe. Nach einer ihrer Erstbesteigungen schrieb sie: „Da ich zufällig die einzige Person bin, welche alle Wege auf den Berg kennt, so erlaube ich mir zu sagen, dass meine Route unbedingt die schwierigste ist.“ Oft provozierte sie regelrecht. „Ich fordere die Herren Alpinisten auf, meinen Schritten zu folgen“, lautet ihr Text auf einem Gipfelzettel.

FrauenbildDie Publikationen von Theodor Wundt machten Jeanne Immink erst richtig berühmt. Der deutsche Berufsoffizier und bahnbrechende Bergfotograf veröffentlichte 1893 die ersten Bilder einer kletternden Frau. Seine Aufnahmen von Jeanne Immink im senkrechten Fels der Kleinen Zinne sind eine strahlende Dokumentation der Ebenbürtigkeit von Frau und Mann im Gebirge.

In einer Zeit, als die Alpenvereine den weiblichen Bergsteigern mit Argwohn begegneten oder sie sogar ausschlossen, war Jeanne Immink Mitglied gleich zweier Klubs. Sie gehörte dem bis heute exklusiven Österreichischen Alpenklub an und wurde ebenfalls von dem Club Alpino Italiano aufgenommen. Jeanne Immink ergriff die Initiative zu Neutouren, bediente sich dabei junger, ehrgeiziger Bergführer und verhalf ihnen zum beruflichen Durchbruch. Vor allem mit Sepp Innerkofler, dem späteren Südtiroler Kriegshelden, gelang ihr eine Anzahl erstrangiger Felsfahrten. Jeanne Immink war die erste Frau, die den vierten, damals obersten Schwierigkeitsgrad beherrschte. Nur ganz wenige Männer konnten mit ihr mithalten.

Um 1890 entstand die Devise „Der Weg ist das Ziel“. Es ging nicht mehr an erster Stelle um das Erreichen des Gipfels, sondern um die Logik und Ästhetik der Linienführung. Auch in diesem Bereich war Jeanne Immink Vorreiterin. Mit dem famosen Bergführer Antonio Dimai aus Cortina d’Ampezzo öffnete sie einen Weg in der Nordwand des Cusiglio in der Palagruppe, der quasi als erste Sportkletterroute gilt. Jeanne Immink initiierte das Winterbergsteigen im steilsten Fels. Sie war schon vierzig, als sie die eisüberzogene Nordwand der Kleinen Zinne bewältigte.

Die Bedeutung von Jeanne Immink liegt in der Individualität ihrer Aktivität. Sie liebte das Extreme, bestimmte die Ziele und führte die Regie, unbeirrt von den Konventionen ihrer Zeit. Die Felsgeherin zeigte den Frauen einen neuen Weg in die Berge.

Zwei Bergspitzen wurden nach Jeanne Immink benannt. Die Gipfel heißen Cima Immink und Campanile Giovanna (Jeannes Turm). Sie stehen nebeneinander in den Dolomiten und bilden somit eine Visitenkarte, die kein anderer Alpinist vorzeigen kann.

Harry Muré

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Zitate

„Die Kraft einer Frau ist keineswegs so gering, wie man gewöhnlich glaubt“ (Jeanne Immink)

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Links

www.jeanne-immink.at

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Literatur & Quellen

FrauenbildGrabner, Martin: Der Berg ist eine Frau. diestandard (30. Juli 2010)

Muré, Harry: Jeanne Immink. Die Frau, die in die Wolken stieg. Tyrolia, Innsbruck 2010.

Richter, Eduard: Die Erschließung der Ostalpen. Verlag des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Berlin 1894.

Wundt, Theodor: Wanderungen in den Ampezzaner Dolomiten. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1895.

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Hedwig Dohm