Ilse Totzke

((Ilse Anny Totzke, Ilse Anni Totzke, Ilse Annie Totzke, Ilse Sonja Totzke, Sonia Totzki, Ilse Sonia Totzki)

geboren am 4. August 1913 in Straßburg
gestorben am 23. März 1987 in Haguenau, Département Bas Rhin, Frankreich.

deutsche Judenretterin, als „Gerechte unter den Völkern“  geehrt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Es ist die Nacht vom 26. zum 27. Februar 1943: In der Dunkelheit waten zwei junge Frauen durch das eiskalte Wasser der Lützel. Das ist ein idyllisches Flüsschen, das am anderen Ufer “Lucelle” heißt. Die Lützel / Lucelle bildet die Grenze zwischen dem Süd-Elsass und dem Schweizer Jura. Die beiden Flüchtlinge klettern über den Drahtverhau, der Nazi-Deutschland von der Schweiz trennt, und suchen sich im Dunkeln ihren Weg in die Freiheit. Ruth Basinski ist Jüdin. Ihre Deportation in ein Konzentrationslager stand unmittelbar bevor, als Ilse Totzke sie überredete, die Flucht zu wagen. Ein paar Monate zuvor schon hat Ilse Totzke zwei andere jüdische Frauen über die Grenze gebracht und ihnen damit das Leben gerettet. Diesmal jedoch misslingt der Fluchtversuch. Die beiden Frauen werden gefasst und nach Deutschland ausgeliefert.

Ilse Sonja Totzke wird ein Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im damals deutschen Straßburg geboren. Ihre Mutter Sofie Wilhelmine Totzke, geborene Huth, ist Elsässerin. Sie stammt aus einer angesehen Künstlerfamilie und ist Schauspielerin. Ihr Vater Ernst Otto Totzke, ein Lehrerssohn aus Westpreußen, ist am Straßburger Stadttheater als Kapellmeister engagiert. Ilse wird protestantisch getauft. Nicht nur der Krieg, sondern auch die Ehemalaise ihrer Eltern und der frühe Tod ihrer Mutter überschatten ihre Kindheit. Noch minderjährig, geht sie gerichtlich gegen ihrer Vater vor und beschuldigt ihn, ihr mütterliches Erbe zu verschwenden. Sie erreicht, dass die Erbschaft ihr zugesprochen und bis zu ihrer Volljährigkeit von einem Vormund verwaltet wird. Im März 1932 schreibt sie sich am Bayerischen Staatskonservatorium für Musik in Würzburg ein. Sie studiert Klavier, Violine und Dirigieren.

1933 übernehmen die Nazis die Macht. Am Konservatorium macht Ilse Totzke keinen Hehl daraus, dass sie den NS ablehnt, und verweigert den Hitlergruß. 1938 oder 1939 wird sie relegiert. Der Kriegsbeginn im September 1939 löst eine Welle von Misstrauen gegen alles aus, was nicht ins braune Raster passt. Bei Ilse Totzke kommt einiges zusammen. Dass sie lieber zurückgezogen im Grünen lebt, macht sie verdächtig, dass sie keinen Wert auf Kontakt mit der Nachbarschaft legt, dass sie keiner geregelten Arbeit nachgeht, dass sie manchmal in Männerkleidung gesehen wird, dass sie offenbar Frauen liebt. Und dass sie jüdische Freundinnen und Freunde hat.

Von Anfang an ist das NS-Regime darauf aus, jüdische MitbürgerInnen aus der „Volksgemeinschaft“ auszugrenzen. Die Nürnberger Gesetze des Jahres 1935 verbieten Ehen zwischen JüdInnen und sogenannten ArierInnen. Im Oktober 1941 werden freundschaftliche Beziehungen zwischen JüdInnen und „Deutschblütigen“ unter Strafe gestellt. Schon im Sommer 1936 gerät Ilse Totzke ins Visier der Gestapo. 1941 wird ihre Post erneut überwacht. Am 5. September 1941 wird sie zur Vernehmung bei der Gestapo vorgeladen. Im Verhör erklärt sie freimütig: „Wenn auf Grund meiner Judenbekanntschaften angenommen wird, daß ich für den Nationalsozialismus nicht viel übrig habe, so erkläre ich, daß ich mich um Politik nicht kümmere. Das Vorgehen gegen die Juden halte ich jedoch nicht für richtig. Mit diesen Maßnahmen kann ich mich nicht einverstanden erklären. Hierzu möchte ich betonen, daß ich keine Kommunistin bin. Mir ist ein jeder anständige Mann recht, ganz gleich welcher Nationalität er angehört.“ Ilse Totzke wiederholt diese Erklärung acht Wochen später, bei einem weiteren Verhör Sie muss sich verpflichten, jeglichen Umgang mit JüdInnen zu unterlassen. Ein Verstoß dagegen werde ihre Einweisung in ein Konzentrationslager zur Folge haben.

Für die Gestapo gilt sie als arbeitsscheu. Da die wehrfähigen Männer zum Kriegsdienst eingezogen sind, wird jede Arbeitskraft gebraucht. Auf Verweigerung stehen harte Strafen. Ilse beruft sich, um sich einer Dienstverpflichtung zu entziehen, auf die Spätfolgen eines Schädelbruchs, den sie bei einem Motorradunfall im November 1935 erlitten hat. Denn den Einsatz für die Kriegsmaschinerie kann sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren.

Einige ihrer jüdischen FreundInnen sind inzwischen emigriert. Denen, die jetzt noch in Deutschland leben, droht die Vernichtung. Im Sommer 1942 erkundet Ilse bei einem Urlaub im Elsass mögliche Fluchtwege und wagt im November zusammen mit zwei Frauen den illegalen Grenzübertritt in die Schweiz. Sie kehrt nach Deutschland zurück, geht in den Untergrund und unternimmt im Februar 1943 den eingangs geschilderten zweiten Versuch, der misslang.

Beim Verhör gibt Ilse Totzke zu Protokoll: „Der Fluchtplan war mein eigener Entschluss, ich wurde von keiner Seite unterstützt (...) Ich möchte nochmals erwähnen, dass ich aus Deutschland flüchten wollte, weil ich den Nationalsozialismus ablehne. Vor allem kann ich die Nürnbergergesetze nicht gutheissen. Ich hatte die Absicht, mich in der Schweiz internieren zu lassen. In Deutschland wollte ich unter keinen Umständen weiterleben.“ Im Juni 1943 wird Ilse Totzke ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Dort wird sie zu Sonia Totzki. Und sie gibt sich als polnische Staatsangehörige aus. Der Grund dafür ist nicht bekannt. Vielleicht will sie unter gar keinen Umständen mehr Deutsche sein. Sie wird zu Forstarbeiten herangezogen, das bedeutet Schwerarbeit mit primitivsten Werkzeugen, unzureichend gegen Wind und Wetter geschützt. Das Lager ist überfüllt, Ernährung und Hygiene sind katastrophal, und in den letzten Kriegsmonaten lässt die SS mehrere Tausend Häftlinge vergasen.

Ende April 1945 wird Ilse/Sonia durch eine Rettungsaktion des Schwedischen Roten Kreuzes aus der Lagerhaft befreit. Nach einem Erholungsaufenthalt in Schweden geht sie nach Paris. Dort schlägt sie sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, ehe sie im August 1954, immer noch als Sonia Totzki, nach Würzburg zurückkehrt, um den Kampf mit den Behörden um eine Entschädigung aufzunehmen. Sie erhält schließlich 8750 Mark - für Jahre der Angst, der Verfolgung, der Gefangenschaft, für ihre zerstörte berufliche Zukunft und ihre ruinierte Gesundheit.

Zu ihrer Familie hat Ilse Totzke keinen Kontakt mehr aufgenommen. Im März 1957 teilt sie dem Bayerischen Landesentschädigungsamt per Luftpostbrief mit, dass sie sich in Pakistan auf Studienreise befinde. Die letzten drei Jahrzehnte ihres Lebens verbringt sie zurückgezogen im Elsass. Laut ihrer Sterbeurkunde, die auf ihren ursprünglichen Namen Ilse Totzke ausgestellt ist, ist sie am 23. März 1987 im elsässischen Haguenau verschieden. Seit 1995 wird sie in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. In Würzburg hat man zu ihrem 100. Geburtstag eine Straße nach ihr benannt.

Jutta Körner und Dorothea Keuler

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Literatur & Quellen

Jutta Körner: „Zerstörter Traum von Freiheit. Ilse Totzke: Mut und Menschlichkeit“. Main-Post, Würzburg, 03.08.2013.

Jutta Körner, Dorothea Keuler: „’Das Vorgehen gegen die Juden halte ich nicht für richtig.’ Ilse Totzke - Von Würzburg nach Yad Vashem“. Bayern 2 Radio, 06.04.2014.

Quellen
Staatsarchiv Würzburg, Gestapo-Akten, Aktenzeichen 16015
Landesamt für Finanzen, Landesentschädigungsamt, München, BEG-11192, Akte „Totzki Ilse Sonia“

Memoiren, in denen Ilse Totzke erwähnt wird
John R. Schwabacher (with Susan Wolfe): Remembering. Lincoln NE: iUniverse Inc. 2003.
Herbert A. Strauss: Über dem Abgrund. Eine jüdische Jugend in Deutschland. 1918-1943.
Frankfurt/ Main und New York: Campus Verlag 1997.

Weitere Literatur
Robert Gellately: Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933-1945. Übers. Karl und Heidi Nicolai. Paderborn: Schöningh Verlag 1993.
Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher. Göttingen: Wallstein Verlag, 2. Aufl. 20005.

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Hedwig Dohm