Else Kienle

(Else Ida Pauline Kienle [Geburtsname]; Else LaRoe [Ehename]; Else Kienle-Jakobowitz [Ehename])

geboren am 26. Juni 1900 in Heidenheim
gestorben am 8. Juni 1970 in den USA

deutsche Ärztin, Kämpferin für Frauenrechte und Geburtenkontrolle


BiografieZitateWeblinksLiteratur & QuellenBildquellen


Biografie

Es waren die Stuttgarter ÄrztInnen Else Kienle und Friedrich Wolf, deren Verhaftung im Februar 1931 wegen »gewerbsmäßiger Abtreibung« die Kampagne gegen den Paragraphen 218 in eine riesige Massenbewegung verwandelte. In ganz Deutschland kam es zu Demonstrationen, Protestmärschen und Kundgebungen, die die Freisprechung der ÄrztInnen und die Abschaffung des »Schandparagraphen« forderten. Anders als der Kommunist und berühmte Schriftsteller Wolf, der bald auf Kaution freigelassen wurde, verbrachte die noch unbekannte Else Kienle sechs Wochen in Untersuchungshaft, bis sie durch einen siebentägigen Hungerstreik ihre Freilassung erzwang. Der Höhepunkt der ganzen Bewegung war im Berliner Sportpalast am 15. April 1931, wo Kienle vor über zehntausend Menschen redete.

Else Kienle war das erste Kind eines strengen schwäbischen Realschullehrers und einer konventionell denkenden, nachgiebigen Mutter. Die Eltern erkannten die ungewöhnliche Begabung ihrer Tochter und schickten sie aufs Gymnasium, wo sie, das einzige Mädchen, Klassenbeste wurde. Der Vater hielt ein Medizinstudium für »unweiblich«, doch die Großmutter war dafür, und Else wurde Ärztin.

1928 heiratet sie den Bankier Stefan Jacobowitz, der ihr nicht nur ein Pferd und zwei Autos schenkt, sondern auch eine eigene Praxis mit kleiner Klinik. Hier führt sie Operationen auf dem Gebiet der Wiederherstellungschirurgie durch und behandelt Frauen, die ungewollt schwanger sind.

Kienles während der Haft begonnenes Buch Frauen – Aus dem Tagebuch einer Ärztin (1932) berichtet über ihre Laufbahn als Ärztin und erklärt ihre Einstellung zur Abtreibungsfrage. Wie die meisten hält sie den »Gebärzwang« unter den sozialen und wirtschaftlichen Umständen massiver Arbeitslosigkeit für unverantwortlich. Anders als die anderen betont sie den patriarchalischen Charakter der Gesetze: »Unser heutiges Recht ist überall und ganz besonders in diesem Punkte ein männliches Recht.« Kienle sieht die Kampagne gegen den Paragraphen 218 auch als Kampf für die Selbstbestimmung der Frau: »Was nützte ihr das Stimmrecht, wenn sie trotzdem eine willenlose Gebärmaschine bleiben sollte?«

Elsa Kienle und Friedrich Wolf

Im Herbst 1932 muss sie wieder befürchten, verhaftet zu werden und flieht nach Frankreich. Die Ehe mit Jacobowitz wird geschieden. Bis zu Jacobowitz’ Lebensende 1946 bleiben beide freundschaftlich verbunden. An der Riviera lernt sie den amerikanischen Geschäftsmann George LaRoe kennen, er wird ihr zweiter (von insgesamt vier) Ehemännern. Sie reisen nach New York und Kienle bemüht sich zielstrebig, als Ärztin wieder Fuß zu fassen. 1935 eröffnet sie ihre Praxis, spezialisiert sich mehr und mehr auf plastische Chirurgie. Sie hat beruflich Erfolg, wird aber nie mehr als Sexualreformerin tätig.

(Text von 2000)

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Zitate

Damals war es einfach undenkbar, dass eine Tochter aus gutem Hause einen Beruf ergriff, vom Medizinstudium ganz zu schweigen. Das zwanzigste Jahrhundert ... [hatte] zwar schon angefangen, doch die meisten von uns lebten immer noch in der Vergangenheit…., in der alles seinen angestammten Platz hatte, und an dem Platz, der den Frauen zugewiesen war, ließ sich nicht rütteln. Da ich Ärztin werden wollte, musste ich zuerst eine Rebellin werden.

(Else Kienle)

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Links

Katalog der Deutschen Nationalbibliothek – Else KienleKatalog der Deutschen Nationalbibliothek: Else Kienle. Bücher.
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Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch – PionierinnenMuseum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Pionierinnen: Else Kienle (1900-1970)
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Wikipedia – Else KienleWikipedia: Else Kienle. Gut zu lesender, umfangreicher biografischer Artikel.
(Link aufrufen)



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Literatur & Quellen

Grossmann 1995 – Reforming sex

Janssen-Jurreit (Hg.) 1986 – Frauen und Sexualmoral

La Roe 1968 – Mit Skalpell und Nadel

Grossmann, Atina (1995): Reforming sex. The German movement for birth control and abortion reform, 1920 – 1950. New York, Oxford. Oxford University Press. ISBN 0-19-505672-8.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Janssen-Jurreit, Marielouise (Hg.) (1986): Frauen und Sexualmoral. Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verlag. (Fischer-Taschenbücher Die Frau in der Gesellschaft, 3766) ISBN 3596237661.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Kienle, Else (1932): Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin. Mit historischen Erläuterungen von Maja Riepl-Schmidt. 2. Aufl. Stuttgart. Schmetterling. 1989. ISBN 3-926369-10-8.
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Kubik, Georg (1993): Gegen § 218. Zwei Stuttgarter Ärzte in der Weimarer Republik. Frankfurt/Main. Wissenschaft und Sozialismus e.V. (Wissenschaft & Sozialismus e.V.)
(Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

La Roe, Else Kienle (1957): Mit Skalpell und Nadel. Das abenteuerliche Leben einer Chirurgin. (=Woman surgeon)
Rüschlikon-Zürich, Stuttgart, Wien. Müller. 1968.
(Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Steinecke, Verena (1992): Ich musste zuerst Rebellin werden. Trotz Bedrohung und Gefahr – das gute und wunderbare Leben der Ärztin Else Kienle. Biografie. 1. Aufl. Stuttgart. Schmetterling. ISBN 3-926369-16-7.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

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Bildquellen

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien

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Hedwig Dohm