Henriette Lustig

(Marie Frederique Adelaide Bock, genannt Henriette, verh. Lustig. „Mutter Lustig“)

geboren am 3. Februar 1808 in Köpenick
gestorben am 23. November 1888 in Köpenick

deutsche Wäscherin, Unternehmerin
205. Geburtstag am 3. Februar 2013


Biografie


Biografie

Henriette Lustig, eine der populärsten Figuren der Köpenicker Lokalgeschichte, wurde als „Mutter Lustig“ über die Grenzen des damaligen Städtchens hinaus bekannt, ihre Rolle als Begründerin des Wäschereigewerbes in dem heutigen Berliner Stadtbezirk immer wieder gern kolportiert. Das Bild dieser frühen Unternehmerin verblasst jedoch neben dem des weltweit bekannt gewordenen Hauptmann von Köpenick.

Henriette Lustig wurde 1808 in Köpenick als Marie Frederique Adelaide Bock geboren. Ihren Rufnamen Henriette verdankt sie wahrscheinlich der erstgeborenen, früh verstorbenen Schwester. Das elterliche Wohnhaus am Alten Markt 4 steht noch. Ein Großvater soll Henriette Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht haben. In den wenigen offiziellen Schriftstücken, an denen sie mitwirkte, beispielsweise zur Testamentsfestlegung, unterzeichnete sie jedoch immer mit drei Kreuzen. Andererseits ist nachweisbar, dass sie das Haus am Alten Markt 4 im Jahr 1859 für 2.150 Taler von ihrem Vater kaufte und es 1879 an ihren Schwiegersohn für 21.000 Mark weiter verkaufte. Aus den wenigen Dokumenten, die über das Leben der Henriette Lustig bekannt sind, ergeben sich immer noch viele Fragen.

Französische Einwanderer sorgten schon im 18. Jahrhundert - mit der Zucht von Seidenraupen und dem Betrieb von entsprechenden Manufakturen – in Köpenick für eine Nachfrage nach Wäschereien. Es ist nicht auszuschließen, dass schon vor 1835 kleine Lohnwäschereien an der Köpenicker Spree arbeiteten. Geeignet war der Standort auf jeden Fall, da das Wasser hier einige Härtegrade weniger hatte als jenes aus den Wasserleitungen. Die Wiesen boten sich an zum Bleichen und Trocknen in der Sonne.

1835 zog der Schlächtermeister Friebe, für dessen erkrankte Ehefrau Henriette Lustig schon seit Jahren wusch, nach Berlin – und er legte Wert darauf, dass sie weiter für ihn arbeitete. Damals soll die Wäscherin mit der Kiepe auf dem Rücken zu Fuß losgezogen sein bis nach Charlottenburg, die schmutzige Wäsche nach Köpenick geschleppt haben, sie dort mit ihren Mitarbeiterinnen gereinigt und sie ebenfalls zu Fuß zurückgebracht haben. Die wieder weiß strahlenden Fleischerschürzen sorgten für einen wachsenden Berliner Kundenkreis. Später wurde die Wäsche mit einem Hundewagen transportiert, noch später mit einem Pferdegespann..

Inzwischen wuchs in Köpenick kräftige Konkurrenz. 1855 arbeiteten schon 200 kleine und mittlere Wäschereien im Ort. Deren Zahl wuchs weiter, um 1900 gab es hier 4.000 Lohnwäscherinnen und 87 Wäschereien. Der Name Spindler verbindet sich mit einem der bekanntesten Beispiele für die Industrialisierung der Branche. Bis heute ist ein Ortsteil Köpenicks nach dem hier seit 1871 als Wäschereiunternehmer bekannten Julius Spindler benannt. 1882 hatte dessen Unternehmen bereits 1.500 Arbeiter und betrieb 35 Filialen in ganz Deutschland. Kleinere Wäschereien schlossen sich, auch in Köpenick, zu Genossenschaften zusammen.

Offensichtlich konnte Henriette Lustig hier nicht mithalten. Es ist nicht bekannt, in welchem Maße sie die Neuerungen zur Wäschepflege, die im 19. Jahrhundert aufkamen, in ihrem kleinen Betrieb einsetzte. Dazu gehörten neben Seife aus tierischen Bestandteilen neue Produkte der Chemieindustrie wie Soda, Stärke oder Bleichmittel, außerdem Handbügeleisen und Mangeln.

Henriette Lustig zahlte Lohn an ihre „Waschmädchen“. Nach einer 1939 veröffentlichten Reportage berichtete eine Enkelin darüber: Henriette Lustig steckte alle Einnahmen lose in ihre Schürzentasche, gab am Lohntag jeder Frau nacheinander zehn Taler – so weit konnte sie angeblich gerade zählen.

Die ersten „Waschmädchen“ brauchte Henriette Lustig, als die Schar ihrer Kinder immer größer wurde. 17 Kinder soll sie geboren haben. Bei der Testamentsfestlegung 1871 sind noch acht erwachsene Kinder vermerkt, allesamt Handwerker und Arbeiter, die Töchter verehelicht und ohne eigenen Beruf genannt. Anlässlich des Todes von Martin Lustig sind noch sechs Kinder aufgezählt.

In diesem Zusammenhang könnte die erste „Kinderbewahranstalt“ Köpenicks eine wichtige Rolle gespielt haben. Deren Leiterin, Auguste Statenow, soll auch die kleinsten Kinder von Henriette Lustig betreut haben und ihr außerdem zinslos Geld zum Kauf von zwei Pferden geliehen haben. Den dazugehörigen Lieferwagen entwarf Henriette Lustig offensichtlich selbst. Er hatte neben einer großen Ladefläche auch eine wettergeschützte Kabine.

Das einzige erhalten gebliebene Foto von Henriette zeigt sie angeblich 1879, am Tag ihrer Goldenen Hochzeit. Nach dem kirchlich vermerkten Hochzeitstag kann diese Jahreszahl nicht stimmen. Auf jeden Fall schaut Henriette Lustig auf diesem Bild, das auch nur eine Kopie aus einer schon brüchigen gedruckten Vorlage zeigt, recht grimmig drein. Spätere Darstellungen fielen wohl immer nach den Vorstellungen der jeweiligen Epoche aus: Ein 1906 gemaltes Bild, das lange in den Räumen einer Wäscherei-Genossenschaft in Köpenick hing, zeigt eine stämmige, ernste Frau mit Stock in der Hand und einer schweren Kiepe auf dem Rücken. Eine Plastik mit dem Titel „Wäscherin“ steht in Köpenick am Frauentog, einer kleinen Bucht der Spree. Sie wurde Anfang der 80er Jahre aufgestellt. Zu sehen ist die fast grob wirkende, hockende Gestalt einer kräftigen Frau. Interpretiert werden kann die Figur als erdverbunden und weiblich, aber auch proletarisch – was eher zu den Absichten der sozialistischen Auftraggeber gepasst haben dürfte.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in dem Haus am Alten Markt 4, Ecke Katzengraben, eine Wäscherei. Das Geschäft wurde offenbar nach Henriette Lustigs Tod von einer ihrer Töchter weitergeführt. Sogar noch bis 1965 soll eine Enkelin eine Wäscherei im Stadtbezirk betrieben haben.

Welchen Ansprüchen Henriette Lustig in ihrer Zeit zu genügen hatte, geht nicht nur aus späteren Berichten über sie hervor, in denen sie als rüstige und wackere Hausfrau gelobt wurde. Ein Sittenbild hinterließ auch ihr Zeitgenosse, der Romantiker Adalbert von Chamisso mit dem Gedicht „Die alte Waschfrau“. Darin heißt es von der „rüstigsten der Wäscherinnen“:

„So hat sie stets mit saurem Schweiß
Ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen
Und ausgefüllt mit treuem Fleiß
Den Kreis, den Gott ihr zugemessen.“

Ulrike Henning

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Hedwig Dohm