Lydia Tschukowskaja

geboren am 24. März 1907 in St. Petersburg
gestorben am 7. Februar 1996 in Peredelkino  

russische Schriftstellerin, Kinderbuchautorin, Dichterin und Dissidentin
105. Geburtstag am 24. März 2012


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Sechs Jahrzehnte mutiges Engagement der Dissidentin spiegeln sich in der Entstehungs- und Publikationsgeschichte von Lydia Tschukowskajas erster Erzählung Sofia Petrowna, verfasst unter Lebensgefahr in drei Monaten 1939-40 während des allgegenwärtigen stalinistischen Terrors von Lügen, Verfolgung, Deportation, Vernichtung. 1937 waren viele ihrer KollegInnen im Kinderbuchverlag verhaftet und/oder umgebracht worden; auch ihr Mann wurde ermordet. Verbunden war sie Anna Achmatowa, die nie ihre Gedichte notierte und sie nur dem Gedächtnis von FreundInnen übergab: Lydia bewahrte ihr berühmtes “Requiem”. Anna bewunderte die Freundin wegen ihres Mutes: “unter dem Fallbeil” dieses Zeugnis niederzuschreiben und fast wider besseres Wissen nicht zu vernichten. Es ist fast das einzige nicht im Rückblick verfasste literarische Dokument dieser Zeit.

FrauenbildNach Verbannung und Flucht vor dem Geheimdienst – er erfuhr von der Existenz des Petrowna-Manuskripts - findet Lydia ab 1947 gelegentlich wieder Arbeit und beginnt mit den Notizen zu ihrer zweiten Erzählung (Untertauchen) über die Zeit der erneuten Unterdrückung. Erst das Tauwetter ermöglicht mehr Veröffentlichungen und den offeneren Einsatz für eine liberalere Kulturpolitik. Doch die politisch konservative Kehrtwende 1962 verhindert die Drucklegung der Sofia. Breschnjew kommt an die Macht.

Lebenslang beschworenes Symbol gegen totalitären Terror und die Diktatur des verordneten Vergessens bleibt für Lydia “das Jahr 1937”. Das Wort als Brücke zwischen den Zeiten ist ihre Waffe: “Bei uns herrscht Planwirtschaft ... was im Gedächtnis fest zu verwurzeln, was auszumerzen ist. Ich aber werde die Leute daran hindern, in die Besinnungslosigkeit zurückzufallen. Selbst wenn nie mehr eine einzige Zeile von mir veröffentlicht wird ... ich werde niemandes Hand mehr erlauben, die Namen der Umgekommenen und ... ihres Untergangs auszumerzen. Niemandem, niemals.”

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Weiterhin unterstützen ihre Artikel und offenen Briefe verfolgte Schriftsteller wie Brodsky, Pasternak, Sinjawski, Daniel oder Sacharow. Mit ihrem Eintreten für Solschenizyn (ihre Tochter Elena arbeitet in Moskau als Sekretärin für ihn wie sie damals für Achmatowa) erzwingt sie 1974 den signalhaften Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, nimmt das Publikationsverbot in Kauf. Allerdings sind nun in der SU viele Arbeiten im Samisdat im Umlauf; in Paris wird 1976 eine Tamisdat-Fassung der Sofia veröffentlicht. Erst die Perestroika bringt den Durchbruch: 1988 erscheinen in Moskau Untertauchen und in Leningrad die Sofia Petrowna. Woraufhin sie der Veröffentlichung (1989-1993) ihrer Aufzeichnungen über Achmatowa zustimmt. Wir warten auf die Veröffentlichung ihrer Autobiographie. 
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Swantje Koch-Kanz

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Literatur & Quellen

Quellen:

Julius, Annette. 1995.  Lidija Tschukovskaja. Leben und Werk. Arbeiten und Texte zur Slavistik 60. München. Sagner. = Diss. Köln

Lichnoe delo Anny Akhmatovoy / The Anna Achmatova File. 1989.  Directed by Semyon Aranovich. Leningrad. Lenfilms Studio. 65 Min. [mit Anna Akhmatova und Lidiya Chukovskaya. Musik: Sofiya Gubajdulina, Aleksandr Knaifel]

Rylkova, Galina. 1999. No Room of Her Own. The Case of L. D. Blok vis-à-vis Anna Axmatova, Nadeschda Mandelschtam and Lidija Tschukovskaja. Chicago.

Salys, Rimgaila. 1999. Sof’ja Petrovna: the Little (Wo)man of St. Petersburg in the Crucible of History. Chicago.

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Hedwig Dohm