Maria Reiche

geboren am 15. Mai 1903 in Dresden
gestorben am 8. Juni 1998 in Lima, Peru

deutsche Mathematikerin, Naturforscherin
15. Todestag am 8. Juni 2013


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

“Wir fuhren durch die (peruanische) Wüste auf einen kleinen Lastwagen zu. Eine grauhaarige Dame sprang aus dem Führerhaus. Konnte diese hagere Frau, braungebrannt wie eine Haselnuß, diejenige sein, die, Limas Klatsch zufolge, nackt über die Wüste schritt?” (Morrison).

Warum auch nicht! Schließlich war sie über 40 Jahre allein in der Pampa unterwegs – mit bloßen Füßen in Gummisandalen, weil feste Schuhe Spuren hinterlassen hätten auf dem Jahrhunderte alten “geografischen” Kunstwerk, dass sie erforscht hat und für dessen Erhaltung sie sich einsetzte, bis es von der UNESCO zum Welterbe der Menschheit erklärt wurde: die Linien und Bodenzeichnungen von Nazca. Sie ziehen sich kilometerweit durch die Pampas, schnurgerade, teils über Hügel hinweg oder bilden gigantische trapezförmigen Flächen, geometrische Figuren oder Tierbilder, von denen viele ihrer Größe wegen nur aus der Luft zu erkennen sind.

Als die Linien 1926 entdeckt wurden, studierte Reiche in Hamburg Mathematik, Physik, Philosophie, Geografie und Pädagogik, um Lehrerin zu werden. 1932 verließ sie Deutschland: “Der Gedanke an all den Haß, der erzeugt wurde, widerte mich an.” Sie arbeitete in Peru als Hauslehrerin und Übersetzerin, bevor sie den amerikanischen Wissenschaftler Professor Paul Kosok kennenlernte. Er hatte im Nazca-Gebiet nach Bewässerungsanlagen gesucht. Vor seiner Rückkehr in die USA bat er Reiche, einige Messungen an merkwürdig geraden Linien für ihn anzustellen, die er für eine Art Kalenderanlage für Aussaat- und Erntezeiten hielt. 15 Dollar hat sie für diese Arbeit von Kosok erhalten.

So fing sie an, Ursprung und Bedeutung der Linien zu enträtseln. Sie vermutete, daß darin astronomisches Wissen der Nazca-ZeichnerInnen verschlüsselt war. Sie vermaß und kartographierte sie, um ihre “historische Maßeinheit“ herauszufinden. All dies meist zu Fuß, oft nur mangelhaft ernährt, untergebracht im Zimmer eines Landarbeiterhauses, ohne Wasser und Strom, am Rande der Pampa. Nachts zerfraßen Mäuse ihre Notizen. Jahrelang fegte sie die geröllbedeckten Linien mit einem Reisigbesen behutsam frei, um sie besser erkennbar zu machen. Die nationale Luftbildstelle der Luftwaffe Perus ermöglichte ihr Mitflüge, auch außerhalb der Kanzel, festgeschnallt an den Kufen eines Helikopters, um die Kamera senkrecht nach unten befestigen zu können. Ihre Luftaufnahmen machten Reiche weltberühmt. Sie hielt Vorträge in München und London, um auf die drohende Zerstörung aufmerksam zu machen.

Die rätselhaften Bilder in der Wüste regten Wissenschaftler, Hobbyforscher und Spekulanten zu immer neuen Theorien über den Zweck der Anlage an. Immer mehr Touristen besuchten die Wüste mit den Riesenbildern. Reiche befürchtete zu Recht, daß die Linien zerstört werden könnten. “Die Hotels in Nazca füllen sich mit Leuten, die die Pampa ansehen (und zertrampeln), trotzdem will niemand etwas für die Erhaltung tun“, schrieb sie in einem Brief an ihre Mutter. “Die vielen Wagenspuren auf der Pampa tun mir weh. Die Spinne ist ganz zertrampelt. Ich werde jetzt den Präsidenten dazu bringen, im Hubschrauber über die Pampa zu fliegen, damit er sich endlich von der Notwendigkeit überzeugt, die Sache unter Denkmalschutz zu stellen.“

Aus den Einnahmen ihrer Bücher und mit Unterstützung ihrer Lebensgefährtin Amy Meredith finanzierte Reiche Wachpersonal und später, zusammen mit ihrer Schwester Renate, die Errichtung eines Aussichtsturms an der Panamericana. Nach langem Kampf erreichte sie 1978, daß das Nazca-Gebiet und die Bodenzeichnungen vom Land Peru unter Schutz gestellt und ihr Betreten verboten wurde. 1994 erklärte die UNESCO die Linien und Bodenzeichnungen zum Welterbe der Menschheit. Mit Ehrendoktortiteln, Staatsbürgerschaft und Altersruhesitz bei freier Kost und Logis im Hotel Los Turistas in Nazca würdigte Peru Maria Reiches Verdienste um seine Kultur und dieses einzigartige Flächendenkmal.

Maria Reiche, 1952

Zitate:
Nazca ist das Land des ewigen Sonnenscheins, und ich sehe vor mir die weiten Horizonte der Pampa, die sich braunrot in der Sommersonne ausbreitet, einsam und geheimnisvoll, ohne eine Spur von tierischem oder pflanzlichem Leben, geschweige denn Menschen, mit den geschwungenen Linien der rötlich zart violetten Berge am nordöstlichen Horizont, wo die Anden sich erheben mit ineinander verflochtenen Bergketten, die zu fernen Gipfeln heraufführen. Für viele ist es zu öde und verlassen, für mich ist es mein Land, und ich fühle mich eins mit dem weiten Himmel, dem dunklen steinigen Boden und der weiten Ebene, auf der ein Mensch sich verliert wie ein kleiner unsichtbarer Punkt in der Ferne. Ich spüre bei der Arbeit nicht Hunger und Durst und älter werden. (Maria Reiche)

Ich meine, ich hatte Dauerferien unter ewig blauem Himmel… Welches Vergnügen, wenn so eine Figur auf dem Zeichenblock entsteht. Bei einer hatte ich ja eigentlich einen Frosch erwartet, da kam der Affe heraus – wie habe ich da gelacht. (Maria Reiche)


Mechthild Winkler-Jordan
Viola Zetzsche

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Literatur & Quellen

Bilderbuch der Wüste

Reiche, Maria. 1968. Geheimnis der Wüste: Vorbericht für eine wissenschaftliche Deutung der vorgeschichtlichen Bodenzeichnungen von Nazca, Peru und Einführung in ihr Studium. Stuttgart. Offizindruck AG.

Morrison, Tony. 1988. Das Geheimnis der Linien von Nazca, Maria Reiches Lebenswerk. Basel. Wiese Verlag AG.

Gerster, Georg. 1977. “Das Rätsel von Nazca: Ein Bilderbuch für Götter?” in GEO 7/1977. Hamburg. Gruner + Jahr.

Schulze, Dietrich & Viola Zetzsche. 2005. Bilderbuch der Wüste: Maria Reiche und die Bodenzeichnungen von Nasca. Halle (Saale). Mitteldeutscher Verlag.

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Hedwig Dohm