Maria Theresia Paradis

geboren am 15. Mai 1759 in Wien
gestorben am 1. Februar 1824 in Wien

österreichische Komponistin, Pianistin und Pädagogin
255. Geburtstag am 15. Mai 2014


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Maria Theresia Paradis erhielt eine für ein bürgerliches Mädchen des 18. Jahrhunderts außergewöhnliche Ausbildung: Nachdem sie mit acht Jahren ein Spinett geschenkt bekommen und darauf rasch die erstaunlichsten Fortschritte gemacht hatte, wurde sie von Franz Josef Fuchs und Georg Friedrich Richter auf dem Fortepiano und der Orgel unterrichtet, wobei letzterer ihr „die Geläufigkeit der Finger mittelst Bachischer Anweisungen so eigen machte, dass sie alle Concerte der grossen Meister spielte“. Ihre Fähigkeiten auf den diversen Tasteninstrumenten beeindruckten auch Kaiserin Maria Theresia, die die etwa Elfjährige an der Orgel gehört hatte und daraufhin die Ausbildung des Mädchens mit einer Pension von 200 Gulden jährlich unterstützte. Nun konnten auch renommierte Wiener Pädagogen für die weitere Ausbildung bezahlt werden, Leopold Kozeluch, ein anerkannter, auch am Wiener Hof beschäftigter Klavierpädagoge, Musikverleger und Komponist, der Gesangslehrer Vincenzo Righini und Antonio Salieri als Theorielehrer. Eine solch umfassende und grundlegende Musikausbildung hätte einem künftigen Hofkapellmeister angestanden, und das Lern- und Übepensum der jungen Maria Theresia Paradis verblüfft umso mehr, wenn man erfährt, dass das Mädchen seit seinem vierten Lebensjahr blind war. Abgesehen davon, dass Blindheit im 18. Jahrhundert häufig mit Geisteskrankheit gleichgesetzt und damit Blinden keinerlei geistig-kreative Fähigkeiten zugetraut wurden - wie hat man sich den Musikunterricht eines blinden Mädchens vorzustellen?

Maria Theresia Paradis selbst berichtet: „Ich habe zween vortreffliche Flügel. Man spielt mir die Stücke vor, und ich versuche es gleich nachzuspielen. Man verbessert etwas den Fingersatz, und ich lerne in einer Lection oft anderthalb Soli, ohne viele Mühe. […] Mein Gehör ist ziemlich richtig. Ich kann mich auf selbiges mehr verlassen, als auf die Tactierung mit der Hand. Ich spiele Concerte von P. E. Bach, Reichardt, Wolf, Müthel, Richter, Benda, Schobert etc. Mein Gedächtnis ist dabei die einzige Hilfe, um die mancherlei Stücke nicht zu verwirren.“

Stadtgespräch in Wien wurde Maria Theresia Paradis, als 1777 der Arzt Franz Anton Mesmer versuchte, durch seine Methode des „thierischen Magnetismus“ ihre Blindheit zu heilen. Die umstrittene Behandlung wuchs sich zum Skandal aus, Mesmer musste, nachdem der Heilungserfolg ausblieb, 1778 Wien verlassen. Seine magnetische „Heilmethode“ wird Wolfgang Amadeus Mozart noch 12 Jahre später in seiner Oper Così fan tutte liebevoll karikieren, wenn sich Despina als Arzt verkleidet und Ferrando und Guglielmo einen Magnet auflegt, um sie nach ihrer angeblichen Arsen-Vergiftung wieder ins Leben zurückzuholen.

Maria Theresia Paradis konzentrierte sich nach dem Mesmer-Skandal ganz auf ihre musikalische Karriere: 1783 brach sie, begleitet von ihrer Mutter, zu einer fast dreijährigen Konzertreise auf. Der harmonische Dreiklang aus Musik, Blindheit und weiblicher Zurückhaltung wurde ihr Signet: „Fräulein Therese von Paradis war […] nicht hübsch, aber voll Geist, Herzensgüte und Talent, besonders für Musik, was denn, mit ihrem Unglück zusammengenommen, ihr eine sehr anziehende Persönlichkeit gab.“ In Mannheim lernte sie die Schriftstellerin Sophie La Roche kennen, in Paris Valentin Haüy, den sie zur Gründung des ersten Blindeninstituts in Frankreich anregte. Mozart soll für ihren Auftritt in Paris sein B-Dur Klavierkonzert KV 450 komponiert haben.

1786 wurden erstmals ihre Kompositionen gedruckt, Lieder, Klavierwerke und Kammermusik. Darüber hinaus komponierte sie auch zwei Klavierkonzerte, Kantaten, Singspiele und eine Oper. Ihr Lebensgefährte Johann Riedinger hatte ihr ein Notensetzbrett konstruiert, mit dem sie in einer „fühlbaren Musikschrift“ ihre Kompositionen selbst aufschreiben konnte. 1786 kehrte sie nach Wien zurück und gründete dort 1808 eine Musikschule für blinde Mädchen und Jungen.

 

Melanie Unseld

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Literatur & Quellen

Fürst, Marion. 2005. Maria Theresia Paradis: Mozarts berühmte Zeitgenossin. Köln/Weimar/Wien. Böhlau.

Marion Fürst über Maria Theresia Paradis auf Mugi (Musik und Gender im Internet)

Ullrich, Hermann. „Maria Theresia Paradis’ große Kunstreise“. In: Österreichische Musikzeitschrift XV. 1960. S. 470-480; XVII. 1962. S. 11-26; XVIII. 1963. S. 475-48; XIX. 1964. S. 430-435; XX. 1965. S. 589-597.

Unseld, Melanie. 2005. Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe. Reinbek bei Hamburg. Rowohlt.

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Hedwig Dohm