Mary Douglas Leakey

geboren am 6. Februar 1913 in London
gestorben am 9. Dezember 1996 in Nairobi

englisch-kenianische Archäologin und Paläoanthropologin
100. Geburtstag am 6. Februar 2013


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Mit dem Namen Leakey verbindet sich ein ganzer Archäologenclan, dessen kollektiver Beitrag zum Wissen über die menschliche Vor- und Frühgeschichte unübertroffen ist. Die zentralen Figuren waren Louis Leakey und Mary Leakey – nicht Louis und Mary Leakey – betont ein Kollege, um die Individualität der beiden hervorzuheben. Ihre monumentalen Sammlungen und Analysen von Fossilien trieben die Forschung über die Frühsteinzeit maßgeblich voran und präsentierten Belege für die These, daß die ältesten Spuren der Menschheit in Afrika und nicht in Asien zu finden sind.

Mary entdeckte schon als Kind ihre Begeisterung für Archäologie. Felsmalereien, die sie erstmals in Höhlen in Frankreich sah, faszinierten sie und wurden eilends auf Papier nachgezeichnet. Ihr Vater war Maler und förderte ihr künstlerisches Talent. Sein Tod war für die Dreizehnjährige das schlimmste Ereignis ihres Lebens. Alle Bemühungen der wohlmeinenden Mutter, der störrischen Tochter eine halbwegs “standesgemäße” Erziehung und Bildung angedeihen zu lassen, scheiterten: Gouvernanten wurden weggeekelt, und den Nonnen im Konvent entkam Mary durch Inszenierung einer Explosion im Chemielabor. Sie lernte zeitlebens nur, was sie interessierte, und das mit großer Hingabe.

Mary nahm in London an einigen Vorlesungen in Archäologie und Geologie teil. Diese waren aber recht trocken im Vergleich zur archäologischen Feldarbeit, die Mary völlig in ihren Bann zog. Nicht Louis, sondern eine Frau, Dorothy Liddell, lehrte Mary bei Ausgrabungen in Devon drei Sommer lang die Techniken, Methoden und die rigorose Präzision, die ihr Lebenswerk so einzigartig machen sollte.

Als Mary und Louis sich 1933 kennenlernen, lehrt er Archäologie in Cambridge. Er hält ihre Buchillustrationen von Steinwerkzeugen für die besten, die er je gesehen hat, und engagiert sie vom Fleck weg als Illustratorin. Trotz dringender Warnungen vor dem notorischen “Frauenheld”, die Jane Goodall, Dian Fossey und andere später sicher bestätigt hätten, beginnt Mary eine Liebesbeziehung zu Louis, während seine Frau Frida ihr zweites Kind erwartet. Die “wilde Ehe” mit Mary und die Scheidung von Frida sind ein gesellschaftlicher und familiärer Skandal, der Louis’ wegen eines wissenschaftlichen Irrtums eh gefährdete Aussicht auf eine Professur zerschlägt. Zielstrebig organisiert Mary ihre Beteiligung an Louis’ nächster Ostafrikaexpedition, womit auch der Beginn einer lebenslangen, wenn auch nicht immer unproblematischen professionellen Partnerschaft markiert ist.

Es folgen mehrere Jahrzehnte Pionierarbeit in Kenia und Tansania. Die Teams von Mary und Louis stoßen auf dramatische Fossilienfunde, die die archäologischen Erkenntnisse der Zeit revolutionieren. Zu Marys größten Funden gehören Proconsul africanus, Zinjanthropus boisei, und Homo habilis, Fragmente von hominiden Schädeln und Tierknochen, aus denen sie eine frühere Datierung der Vorfahren der Menschheit ableiten kann als bis dahin angenommen. Sie findet die ältesten Stein- und Knochenwerkzeuge der Welt und dokumentiert eine Kontinuität wie niemand zuvor.

Die Arbeitsteilung war, grob gesagt, “She did the stones – he did the bones”. Jeder Fund wird ausgiebig diskutiert, wobei es mitunter zu heftigen Kontroversen und Konkurrenzkämpfen kommt, in die später auch Richard, einer der drei Söhne, verwickelt ist. Durch und durch Wissenschaftlerin, versucht Mary, durch akribische Puzzlearbeit “die Wahrheit” zu ergründen, wenn nötig auch interdisziplinär mit Hilfe anderer KollegInnen. Louis hingegen tendiert zur Selbstdarstellung: Er will jeden neuen Fund am liebsten sofort ausposaunen und geht mit der Nomenklatur, Datierung und Interpretation der Fossilien zuweilen recht leger um. Mary gelingt es, sich mit ihren sauber recherchierten Studien über die Olduvai-Schlucht in Tansania eine unabhängige Reputation zu schaffen. Die Forschungsgelder der National Geographic Society und anderer Sponsoren werden auch nach Louis’ Tod 1972 bereitgestellt.

Mary LeakyIhren größten Coup landet sie, nachdem Sohn Richard ihr – erfolglos – den Ruhestand nahegelegt hatte: ihr Team findet auf dem Laetoli-Plateau (50 km südöstlich von Olduvai) Fußspuren aus dem Pliozän, die viel größer und älter sind als alle bis dahin bekannten: weit über 3 Mio. Jahre. Anschließende Forschung gelangt zu dem Schluß, daß drei Wesen, einander festhaltend und aufrecht (!) bei leichtem Regen über die noch nicht ganz verfestigte Asche des Ngorongoro-Vulkans gingen, möglicherweise auf der Flucht vor einem erneuten Ausbruch ... Zumindest war Mary Leakeys Artikel im Frühjahrsheft der Zeitschrift Nature (1979) eine Eruption in der Welt der Archäologie.

Mit 70 schloß sie die aktive Feldarbeit ab, schrieb und publizierte unablässig weiter und entspannte sich wie schon in den vergangenen fünfzig Jahren mit Scotch und Zigarillos (wegen der Moskitos…). Ihr Lebenswerk wurde vielfach gewürdigt, z.B. mit Ehrendoktoraten der Universitäten Witwatersrand, Oxford, Yale und Chicago, mit der Linnaeus-Medaille und vielen anderen Auszeichnungen.

Marys Asche wurde über der Olduvai-Schlucht verstreut. Neben Louis wollte sie nicht begraben werden. Sein Grabstein wurde ein Jahr nach der Beisetzung heimlich von einer früheren Freundin aufgestellt.

Zitate:

(Sie verlangte absolute Konzentration. Als ihre afrikanischen Assistenten mit Gesängen Abwechslung in die monotone Klopferei bringen wollen, fährt sie schroff dazwischen, ohne den Widerspruch zu bemerken:) Das ist hier keine Schule. Bei mir herrscht Ruhe!

(Am besten kam sie mit sich selbst und ihren Dalmatinern zurecht:) Mehr als alles andere will ich in Ruhe gelassen werden, um mit meiner Arbeit voranzukommen. Ich suche mir meinem Besuch selbst aus, wenn ich überhaupt welchen empfangen will.

Die Frauenbewegung interessiert mich nicht, obwohl viele Leute das von mir erwarten. Was ich in meinem Leben gemacht habe, habe ich gemacht, weil ich es wollte und es mich interessierte. Ich bin zufällig eine Frau, und ich glaube nicht, das das einen Unterschied gemacht hat. – (Für die Frauen der Society of Women Geographers, deren Auszeichnung sie entgegennahm, machte es sicherlich einen Unterschied.)

Marion Kremer

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Literatur & Quellen

Heiligman, Deborah. 1995. Mary Leakey: In Search of Human Beginnings. New York. Freeman.

Leakey, Mary D. 1979. Olduvai Gorge: My Search for Early Man. London. Collins.

Leakey, Mary D. 1984. Disclosing the Past: An Autobiography. Garden City, NY. Doubleday.

Leakey, Mary D. 1987. Investigating fossil man. Burlington, N.C. Carolina Biological Supply Co.

Leakey, Mary D. & J.M. Harris. Hg. 1987. Laetoli, A Pliocene site in northern Tanzania. Oxford. Clarendon.

Leakey, Mary D. (Mary Douglas). 1983. Africa’s vanishing art: the rock paintings of Tanzania. Garden City, N.Y. Doubleday.

Magori, Cassian C. 1996. Four million years of hominid evolution in Africa: Papers in honour of Dr. Mary Douglas Leakey’s outstanding contribution in palaeoanthropology. Hg. Hessisches Landesmuseum Darmstadt & Technische Hochschule Darmstadt. Darmstadt. Hessisches Landesmuseum.

Morell, Virginia. 1995. Ancestral Passions: The Leakey Family and the Quest for Humankind’s Beginnings. New York. Simon & Schuster.

Poynter, Margaret. 1997. The Leakeys: Uncovering the Origins of Humankind. Springfield, NJ. Enslow.

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