Toni Pfülf

(Antonie Pfülf)

geboren am 14. Dezember 1877 in Metz
gestorben am 8. Juni 1933 in München

deutsche Politikerin (SPD), MdR
80. Todestag am 8. Juni 2013


BiografieZitateWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

Die sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete (1920-1933), Bildungs- und Frauenpolitikerin wählte am 8. Juni 1933 aus Verzweiflung über die Nazi-Herrschaft den Freitod.

Toni Pfülf wurde in eine großbürgerliche Familie geboren. Ihr Vater Emil war Offizier, ihre Mutter Justine „standesgemäß” Hausherrin. Zusammen mit ihrer älteren Schwester Emma wuchs Toni entsprechend behütet, umsorgt und eingebettet in die vorherrschende Meinung über „die Rolle der Frau ihres Standes” auf. Anstatt aber dem Vorbild der Mutter nachzueifern, entschloss sie sich gegen den Willen der Eltern, einen Beruf zu erlernen: Sie verließ mit 20 ihr Elternhaus und begann – völlig auf sich selbst gestellt – ihre Ausbildung zur Lehrerin, die sie mit 24 abschloss. Als bekannt wurde, dass sie auch noch der SPD beigetreten war, kam es zum endgültigen Bruch mit der Familie.

Pfülf erkrankte an Tbc und konnte deswegen ihren Beruf nicht mehr ausüben. 1910 in den einstweiligen Ruhestand versetzt, nahm sie aber 1914 ihre Tätigkeit wieder auf.

1919 wurde sie in die in die Nationalversammlung im Wahlkreis Oberbayern/Schwaben gewählt. Als Bildungspolitikerin setzte sie sich vehement dafür ein, auch Arbeiterkindern den Zugang zu weiterführenden Schulen zu ermöglichen – und zwar unter Berücksichtigung der finanziellen Verhältnisse ihrer Familien. Sie plädierte nicht nur für die Abschaffung des diskriminierenden Schulgelds, sondern auch für finanzielle Unterstützung, falls Arbeiterkinder als „Nebenverdiener” ausfielen. Es ging ihr nicht nur um formale Rechte, sondern um die Schaffung von Rahmenbedingungen, die die Wahrnehmung dieser Rechte überhaupt erst möglich machen würden.

Nationalversammlung in Weimar: Die weiblichen Abgeordneten der Mehrheitssozialisten

Sie musste hier nicht nur gegen politische Gegner, sondern auch gegen viele konservative Genossen argumentieren, die in sogenannten „Frauenfragen” (Frauen in der Politik, Reformierung des Eherechts, Gleichberechtigung von Beamtinnen, Mädchenbildung) reaktionär eingestellt waren. Pfülf engagierte sich auch gegen die Todesstrafe und war bis 1918 in München „Armen- und Waisenrätin” und bis 1933 „Anlaufstelle” für Hilfesuchende aus der Arbeiterschaft.

„Überzogene Vehemenz und Leidenschaft” hat man ihr vorgeworfen. Bei einem Mann hätte dasselbe wohl „Nachdruck und Durchsetzungsvermögen” geheißen – und dessen war sie sich durchaus bewusst.

Sie war von Beginn an – und spätestens seit 1930 – zutiefst beunruhigt über den wachsenden politischen Einfluss der Nationalsozialisten, die von den konservativ-bürgerlichen Parteien geduldet und gefördert wurden, und den mangelnden Widerstand der SPD und der Gewerkschaften, die die braune Gefahr unterschätzten.

Alles, wofür Pfülf gekämpft hatte, war definitiv seit Anfang 1933 bedroht. Terror beherrschte die Straße und das politische Leben; langsam überkam sie die Mutlosigkeit.

Sie traf also 1933 eine persönliche Entscheidung und formulierte vorab sogar ihre eigene Todesanzeige:

„T.P. ist am … heimgegangen. Sie hat das Leben und ihre Freunde geliebt und war ihnen dankbar. Sie ging mit dem sicheren Wissen von dem Sieg der großen Sache des Proletariats, der sie dienen durfte.
München, 17. Februar 1933 – Toni Pfülf”
(Dertinger, S. 57)

Die Emigration zog sie nicht in Betracht. Immerhin hatte sie Freunde in die sichere Schweiz begleitet. Pfülf ging aber trotz des Wissens um ihre eigene Gefährdung nach Deutschland zurück, wo schon Einschüchterungen, Fememorde und Terror an der Tagesordnung waren.

Die SPD hatte dem Ermächtigungsgesetz von 1933 nicht zugestimmt; Pfülf wollte aber auch verhindern, dass ihre Fraktion am 17. Mai 1933 der sogenannten „Friedensresolution” Hitlers als demokratische Kulisse dienen sollte. Die Fraktion war gespalten: Im Reichstag opponieren oder Verweigerung durch Nichtteilnahme. Pfülf wandte sich gegen die „Opportunisten”, die teilnehmen wollten:

„Wie vieler bitterer Erfahrung bedarf es noch, bis Ihr begreift, dass wir hier missbraucht werden sollen. Seht Euch doch um! Hier sind wenig mehr als die Hälfte aller in den Reichstag gewählten Genossinnen und Genossen versammelt. Die Führung ist im Ausland. Viele Freunde sind eingekerkert …”
(Dertinger, S. 115)


Aber sie fand mit ihrer klarsichtigen Einschätzung keine Mehrheit.

Auf ihrer letzten Fahrt von Berlin nach München nahm sie offenbar Schlaftabletten, um ihrem Leben ein Ende zu setzen, wurde aber „gerettet”. Kurz vor ihrem Tod sagte sie zu dem ehemaligen SPD-Reichstagspräsidenten Paul Löbe:

„Ich bin nicht der Mensch, der sich versteckt. Ich habe immer offen gekämpft. Aber nun ist das sinnlos geworden. Und den Weg, den Ihr jetzt geht, mag ich nicht mitgehen.”
(Dertinger, S. 119)

Am 8. Juni 1933 beendete sie ihren eigenen Weg. Die SPD wurde kurz darauf von den Nazis verboten. Der „große Sieg des Proletariats”, den sie in der von ihr selbst formulierten eigenen Todesanzeige noch beschwor, blieb aus; vielmehr kostete die Herrschaft der Nazis Abermillionen Menschen das Leben.

 

Beate Schräpel

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Zitate

Neben mir selbst, sind es nur wenige, die aus geistigen Berufen kommen, zum Beispiel Toni Pfülf, eine fähige und raffinierte Frau, die sehr originell aussieht mit ihrem kurzen, lockigen Haar und ihren kurzen, taillierten Kleidern.
(Adele Schreiber, gefunden hier)

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Links

Friedrich-Ebert-Stiftung – Chronik der deutschen Sozialdemokratie


Friedrich-Ebert-Stiftung: Chronik der deutschen Sozialdemokratie. Personenregister – Pfülf, Antonie (1877-1933).

Gedenktafel und Wohnhaus Fotos


Gedenktafel und Wohnhaus. Fotos.

Google Buchsuche – Toni/Antonie Pfülf


Google Buchsuche: Toni/Antonie Pfülf.

Pfülf, Antonie – Kultur- und Schulpolitik


Pfülf; Antonie: Kultur- und Schulpolitik : Erläuterungen zum Görlitzer Programm. PDF-Datei (3.721 KB). Edocs - Publikationssystem.

SPD München – Münchner SPD gedenkt der Opfer


SPD München: Münchner SPD gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus.

Wikipedia – Toni Pfülf


Wikipedia: Toni Pfülf.

Wolf – Die Parlamentarierinnen in 50 Jahren


Wolf, Hanna: Die Parlamentarierinnen in 50 Jahren Deutscher Bundestag. Rede, gehalten auf der 52. Sitzung des Deutschen Bundestages am 8. September 1999.



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Literatur & Quellen


Quellen

Benz, Pehle 1994 – Lexikon des deutschen Widerstandes

Dertinger, Pfülf 1984 – Dazwischen liegt nur der Tod


Benz, Wolfgang; Pehle, Walter H. (1994): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main. Fischer.


Dertinger, Antje; Pfülf, Antonie (1984): Dazwischen liegt nur der Tod. Leben und Sterben der Sozialistin Antonie Pfülf. Berlin. Dietz.

Huber (Hg.) 1984 – Verdient die Nachtigall Lob


Huber, Antje (Hg.) (1984): Verdient die Nachtigall Lob, wenn sie singt? Die Sozialdemokratinnen. Stuttgart, Herford. Seewald (Frauen in der Politik).


Thönnessen, Werner (1969): Frauenemanzipation. Politik und Literatur der deutschen Sozialdemokratie zur Frauenbewegung 1863 – 1933. Frankfurt am Main. Europäische Verlagsanstalt.


Weiterführende Literatur


Danziger, Gerhard; Kawerau, Siegfried (Hg.) ([1923]): Jugendnot. Vorträge, gehalten auf der 9. öffentlichen Tagung des Bundes entschiedener Schulreformer im Neuen Rathaus von Berlin-Schöneberg am 1., 2. und 3. Oktober 1922. Darin: „Die Auflösung der alten Familie” von Toni Pfülf. Leipzig. Oldenburg. 

Heinemann 2004 – Familie zwischen Tradition und Emanzipation

Hildebrandt 1990 – Bin halt ein zähes Luder


Heinemann, Rebecca (2004): Familie zwischen Tradition und Emanzipation. Katholische und sozialdemokratische Familienkonzeptionen in der Weimarer Republik. Enthält Ausführungen zu Pfülfs Einsatz für die Reform des Eherechts. München. Oldenbourg (Schriftenreihe der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte, 11).


Hildebrandt, Irma (1990): Bin halt ein zähes Luder. 15 Münchner Frauenporträts. Darin: „Nachruf auf eine Unbeugsame – Toni Pfülf, 1877-1933”. München. Diederichs.

Hildebrandt 2005 – Frauen mit Elan

Juchacz 1955 – Sie lebten für eine bessere


Hildebrandt, Irma (2005): Frauen mit Elan. 30 Porträts von Rosa Luxemburg bis Doris Dörrie. Darin: „Nachruf auf eine Unbeugsame – Toni Pfülf”. Kreuzlingen. Hugendubel (Diederichs).


Juchacz, Marie (1955): Sie lebten für eine bessere Welt. Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts. Mit Porträt Toni Pfülf. Berlin. Dietz.


Karl, Michaela: „Wieviel bitterer Erfahrung bedarf es noch, bis ihr begreift …” Zum 125. Geburtstag der SPD-Reichstagsabgeordneten für Niederbayern/Oberpfalz Toni Pfülf. In: Lichtung, Viechtach, H. 15 (2002), S. 9–11. 


Lösche, Peter (1988): Vor dem Vergessen bewahren. Lebenswege Weimarer Sozialdemokraten. Darin: „Toni Pfülf (1877-1933) – Geschichte einer Recherche” von Antje Dertinger. S. 280-298. Berlin. Colloquium-Verl.


Mehringer, Hartmut (Hg.) (1992): Von der Klassenbewegung zur Volkspartei. Wegmarken der bayerischen Sozialdemokratie 1892 - 1992. Darin: „Antonie (Toni) Pfülf - … die Interessen der Frauen zu vertreten” von Eva Maria Volland. S. 187-191. München, London, New York, Paris. Saur.


Meister, Monika (1987): Das Banner bleibt stehen … Leben und Freitod der Sozialistin Toni Pfülf (1877 - 1933). Als Manuskript gedruckt. München. Bayrischer Rundfunk (Land und Leute, 436). 


Panzer, Marita A.; Plößl, Elisabeth (1997): Bavarias Töchter. Frauenporträts aus fünf Jahrhunderten. Darin: „(Antonie) Toni Pfülf (1877 - 1933). Reichstagsabgeordnete der SPD” von Marita A. Panzer. S. 265-268. Regensburg. Pustet.


Pfülf, Antonie (1922): Kultur- und Schulpolitik. Erläuterungen zum Görlitzer Programm. Stuttgart. Dietz. 

Schneider (Hg.) 1988 – Sie waren die ersten


Schneider, Dieter (Hg.) (1988): Sie waren die ersten. Frauen in der Arbeiterbewegung. Mit Porträt Toni Pfülf. Frankfurt am Main. Büchergilde Gutenberg.


Schröder, Michael (1984): Toni Pfülf, 1877-1933. Hrsg. vom Bayerischen Seminar für Politik e.V. München. 

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Hedwig Dohm