19.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 3

[Für die, die Teil 1 und 2 dieser Abhandlung nicht gelesen haben: Es geht - ausgelöst durch den Frauen- und Mädchenmord in Winnenden - um Antworten auf häufige Fragen und Vorwürfe in der Debatte um die epidemische Gewalt von Männern gegen Frauen, die immer brutaler wird. Wer oder was ist schuld? Was können wir tun?
Das sind natürlich Fragen gewaltigen Ausmaßes; ihre Erörterung bedarf vieler DenkerInnen und könnte Bände füllen. Dennoch brauchen wir für Argumentationszwecke oft schnell eine kurze, überzeugende Antwort. Dafür sind diese Vorschläge gedacht. (Zum schnellen Auffinden: Die Kurzfassung der Antworten ist jeweils fettgedruckt.)]

4. “Es gibt doch so viele Männer, die jede Gewalt ablehnen. Die stoßt Ihr mit eurer ungerechten, pauschalen Anklage nur vor den Kopf. Das Problem der Männergewalt können Frauen nur mit Männern gemeinsam lösen. Versöhnen statt spalten!”

Ein Plädoyer für mehr Ausgewogenheit!

Talkshows lieben Ausgewogenheit: Wird die evangelische Kirche eingeladen, so auch die katholische, gerne auch ein Jude, neuerdings immer öfter auch ein Muslim. Wird die CDU eingeladen, so auch Vertreter der anderen Parteien. Frauen? Fehlanzeige. Dass Frauen meist fehlen, von Ausgewogenheit also keine Rede sein kann, fällt den Organisatoren und den meisten ZuschauerInnen in unserer ausgewogenen Herrenkultur oft nicht einmal auf.

Dieser Punkt ist entscheidend für die zwei Ansichten unseres Problems. Die einen sehen da etwas, was für die anderen so normal ist, dass es ihnen nicht auffällt. Werden sie darauf hingewiesen, sagen sie gern: “Nun sei doch nicht so verbissen!” Oder: “Versöhnen statt spalten!”

Nicht so üblich ist es, wegen der Ausgewogenheit zusammen mit Schwulen auch Neonazis zur Talkshow einzuladen. Dass Schwule nicht mit Neonazis über ihr Existenzrecht diskutieren wollen, können wir ihnen kaum verdenken. Die Aufforderung “Versöhnen statt spalten!” ist hier unangebracht. Mit einem Gegner, der meine Vernichtung propagiert, gibt es keine Versöhnung.

Wir sehen, “Ausgewogenheit” gilt nur unter der Annahme eines übergeordneten verbindenden Wertekonsenses. Die Vertreter der Kirchen und Parteien, so hoffen wir, treten nicht nur alle tapfer für die Menschenrechte ein, sondern bestellen sich nach der Talkshow auch keine Zwangsprostituierte ins Hotel…

Diejenigen, die in der Debatte um die Männergewalt gegen Frauen für mehr Ausgewogenheit plädieren, sehen beide Parteien unter demselben Wertekonsens. Für sie sind die Täter immer “die anderen”, irgendwelche wildgewordenen Elemente, die gemeinsam in Schach gehalten werden müssen. Diejenigen, die die Diskussion aufkündigen bzw. ablehnen, sehen keine gemeinsame Basis mehr, sie denken z.B. eher an die täglich 1,2 Millionen Bordellbesuche “stinknormaler” deutscher Männer. Für sie sind zudem alle Männer, ob sie es wollen oder nicht, Teil des verantwortlichen Tätersystems. Ähnlich wie der gesamte Adel in der französischen Revolution als Unterdrücker angeklagt war, obwohl er für seine adlige Geburt nichts konnte und die einzelne Adlige vielleicht sogar zeitlebens segensreich gewirkt hatte.

Für beide Positionen gibt es gute Gründe, und ich denke, wir brauchen auch beide, um voranzukommen. Ein Politiker wie Obama braucht die zornige und kompromisslose Basis, um in der Rassenpolitik voranzukommen und wichtige Forderungen mit ihrer Rückendeckung durchsetzen zu können. Wäre Obama aber von vornherein zornig und kompromisslos, “spaltend statt versöhnlich” aufgetreten, wäre er nicht Präsident geworden. Auch Hillary Clinton hat während des Wahlkampfs selten über Frauenrechte geredet, um für Männer wählbar zu bleiben.

**********

Während der Nazizeit gab es nur im Ausland Konsens über die Naziverbrechen. In Nazideutschland wurden diejenigen, die die Verbrechen der Nazis als solche bezeichneten, geköpft.

Was nun die Männerherrschaft betrifft, so gibt es leider kein “Ausland”. Es gibt nur “inländische” Widerstandskämpferinnen, wenige - und noch viel weniger Widerstandskämpfer. Sie leben gefährlich. Daher ist die Forderung an Männer nach Widerstand gegen die Gewaltverbrechen ihrer Geschlechtsgenossen nicht einmal unter Frauen weit verbreitet.

Es stimmt - es gibt Männer, die jede Gewalt ablehnen. Dabei ist allerdings fraglich, ob sie einen “harmlosen Bordellbesuch” überhaupt als Gewalt einordnen. Und wenn sie angesichts der Klagen von Frauen beleidigt reagieren, haben sie noch nicht viel begriffen. Denn, wie die große Schweizer feministische Theoretikerin Iris von Roten schon 1958 (sinngemäß) feststellte: “Jeder Mann ist Mitglied des herrschenden Kollektivs - ob er will oder nicht.”

Mit anderen Worten: Es herrscht hier strukturelle Männergewalt, und sie wird von vielen Männern als Aufforderung gesehen, ihr Herrenrecht auszuüben, sei es zu Hause, im Bordell oder im Beruf.

Was ich von einem “gewaltfreien” Mann erwarte, ist aktives Engagement gegen Männergewalt, also Widerstand. Männer, die sich “nur” passiv verhalten oder gar auf Proteste der Frauen beleidigt reagieren, sind bestenfalls “Mitläufer”. Mit so einem würde ich zwar (ungern) auf einer Talkshow oder in meinem Blog reden, aber privat nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.


# | Luise F. Pusch am 19.04.2009 um 04:41 PM • Permalink

11.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 2

Für die, die den ersten Teil dieser Abhandlung nicht gelesen haben: Es geht - ausgelöst durch den Frauen- und Mädchenmord in Winnenden - um Antworten auf häufige Fragen und Vorwürfe in der Debatte um die epidemische Gewalt von Männern gegen Frauen, die immer brutaler wird. Wer oder was ist schuld? Was können wir tun?

Das sind natürlich Fragen gewaltigen Ausmaßes; ihre Erörterung bedarf vieler DenkerInnen und könnte Bände füllen. Dennoch brauchen wir für Argumentationszwecke oft schnell eine kurze, überzeugende Antwort. Dafür sind diese Vorschläge gedacht. (Zum schnellen Auffinden: Die Kurzfassung der Antworten ist jeweils fettgedruckt.)

3. “Wer erzieht denn die kleinen Sprößlinge, na? Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Diese Fragen suggerieren, dass Frauen
a) den Weiblichkeits- und den Männlichkeitswahn wenn nicht gar selbst produzieren, so doch alleinverantwortlich an die nächste Generation vermitteln.
b) selbst schuld sind an der Genitalverstümmelung von Frauen (und ähnlichen Gräueltaten, wie den Mitgiftmorden und der Witwenverbrennung in Indien, der selektiven Abtreibung weiblicher Föten in China und Indien, (früher) dem Füßeeinbinden in China).

Einen Hinweis auf die Antwort finden wir in dem FAQ-File zur Pornographiedebatte: Einer der Vorwürfe lautete “Wenn die Pornodarstellerinnen nicht mitmachen würden, gäbe es das ganze Problem nicht.” Die Antwort darauf: “Es stimmt, manche Frauen verdienen ein wenig in der Pornoindustrie. Aber wir wollen doch nicht vergessen, dass der Profit in der Pornoindustrie überwiegend an die Produzenten und die Verteiler geht. Wenn wir unseren Ärger auf die Darstellerinnen lenken, ist das so, wie wenn wir die MindestlohnempfängerInnen bei McDonald für die Schäden verantwortlich machen, die die Fast-Food-Industrie verursacht.”

Hier half also die alte Frage “Cui bono?” (Wem nützt es? Wer profitiert davon?), um die eigentlich Schuldigen, die Drahtzieher hinter den Kulissen, zu identifizieren.

Nützt der Weiblichkeitswahn, wonach die Frau passiv ist und der Mann aktiv, die Frau für den “Innendienst”, die Pflege des Haushalts, des Mannes und der Kinder zuständig ist und der Mann für den “Außendienst”, den Broterwerb und den Schutz seiner Angehörigen bis hin zur Verteidigung mit der Waffe oder im Krieg - nützt diese Lehre den Frauen?

Wohl kaum, denn seit die Frauen überhaupt die Wahl haben, stimmen sie massenhaft dagegen: Sie wählen die Berufstätigkeit und lassen sich scheiden in einem bis vor kurzem ungekannten Ausmaß (zwei Drittel der Scheidungen werden von Frauen eingereicht), und sie bekommen umso weniger Kinder, je besser sie ausgebildet sind. Die Männer hingegen bleiben dem Männlichkeitswahn weitgehend verhaftet: Sie reißen sich keineswegs um Hausarbeit und Kindererziehung, und die Jungmänner markieren weiterhin den starken Mann und versuchen, ihre Probleme durch Gewalt zu lösen.

Die Geschlechterhierarchie und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, kurz Weiblichkeits- und Männlichkeitswahn, nützen eher den Männern, und dementsprechend ist eher der Mann dafür verantwortlich.

Zugleich bin ich mit Margaret Mead (Sex and temperament in three primitive societies, 1935) und Simone de Beauvoir (Le deuxième sexe, 1949) davon überzeugt, dass wir nicht als Frauen und Männer geboren, sondern dazu gemacht werden. Nur: Wer oder was macht uns dazu?

Meads Antwort: Die Kultur, in der wir aufwachsen. Wir übernehmen ihre Regeln genau so “bewußtlos” wie die Sprache unserer Umgebung - und werden diese Prägung nicht mehr los. Frauen und Männer versuchen das zu werden, was ihre Kultur, die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, von ihnen erwartet.

Was Mead über den Einfluss des Geschlechts auf das menschliche Verhalten herausfand, sagt sie am besten selbst:

Wir haben ... die jeweils typischen Männer und Frauen bei drei primitiven Völkern untersucht. Wir haben festgestellt, dass bei den Arapesh Männer und Frauen eine Persönlichkeit entwickeln, die wir ... unter dem Elternaspekt mütterlich und unter dem Aspekt der Sexualität weiblich nennen würden. Männer und Frauen werden dazu erzogen, hilfreich, friedfertig und verständnisvoll gegenüber den Bedürfnissen anderer Menschen zu sein. Die Sexualität ist weder für Männer noch für Frauen eine treibende Kraft. In deutlichem Gegensatz hierzu haben wir bei den Mundugumor den Typus rücksichtsloser, aggressiver, stark sexueller Männer und Frauen vorgefunden, bei dem mütterliche Neigungen kaum vorhanden sind. Männer wie Frauen näherten sich einem Persönlichkeitstyp, der in unserer Kultur nur von undisziplinierten, äusserst gewalttätigen Männern verkörpert wird. (...) Bei den Tchambuli fanden wir die Haltung der Geschlechter in unserer eigenen Kultur geradezu auf den Kopf gestellt, da die Frau der herrschende, sachliche und lenkende, der Mann der weniger verantwortliche und gefühlsmässig abhängige Teil ist. (...) (Es besteht also) überhaupt kein Grund mehr, derartige Verhaltensweisen für geschlechtsbedingt zu halten. (...) Die Formung so gegensätzlicher Typen ist nur durch die Wirkung einer Fleisch und Blut gewordenen Kultur zu erklären…
Mead schließt ihr Fazit mit dem berühmten, immer wieder zitierten Satz: “Wir werden zu der Folgerung gezwungen, dass die menschliche Natur ausserordentlich formbar ist…” (Mead, “Leben in der Südsee” 1965: 533f)

Die Kultur wird von vielen Kräften geformt, weiblichen wie männlichen. Aber es ist klar, dass diejenigen, die in einer Kultur das Sagen haben, die Kultur maßgeblich formen und für sie in erster Linie verantwortlich sind. In unserer Kultur sind das die Politik, die Kirchen, die Wirtschaft, die Justiz, das Militär, die Wissenschaft, nicht zuletzt das Kapital. Vielleicht habe ich die eine oder andere Institution vergessen, das macht nichts. Auffällig ist vor allem eins: In all diesen Machteliten unserer Kultur kommen Frauen fast gar nicht vor.

Frauenbild

Obwohl Frauen also in unserer Männerkultur nur wenig Einfluss haben, versuchen doch viele, ihre Kinder demokratisch und partnerschaftlich zu erziehen und müssen ohnmächtig erleben, wie sie trotzdem zu kleinen Machos oder Modepuppen werden, um den Erwartungen unserer Kultur zu entsprechen. Oder, wie Undine im FemBio-Blog es so anschaulich schildert:

Die Mütter erziehen also die Kleinen? Kann ich nicht bestätigen. Die Väter, auch wenn sie sich beim Windelwechseln selten blicken lassen, tun doch ziemlich viel für ihre und anderer Leute Kinder: dümmliche Kinderfilme produzieren zum Beispiel, dümmliches Kinderspielzeug, dümmliche ‘Erwachsenen’-Filme, ständiges Wiederkäuen von einfach lächerlichen Klischees, bis die lieben kleinen es schließlich glauben und für gegeben hinnehmen ... Es gibt kaum ein Entkommen, Fernsehen abschaffen ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bitte, nicht die erzieht das Kind, die ihm das Essen mit Messer und Gabel beibringt. Der erzieht das Kind, der die Umwelt formt, in der dieses Kind dann groß wird. Mütter können da im besten Falle Schadensbegrenzung erreichen - dass das liebe Kleine nämlich trotz der geballten Ladung Gewalt und Kriminalität, die es täglich bereits schon auf dem Spielplatz serviert bekommt, eben kein durchgeknallter Erwachsener wird. Dass soviele Mütter bei dieser Schadensbegrenzung scheitern, sollte ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden…

Ich fasse zusammen: Frauen und Männer werden zu dem, was ihre Kultur von ihnen erwartet. Die Kultur bestimmen und formen weitgehend diejenigen, die die Macht haben. Bei uns sind das zu 95 Prozent Männer. Mütter können höchstens versuchen gegenzusteuern.

Kommen wir nun zum zweiten Teil der Eingangsfrage: “Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Obwohl die Antwort sich aus dem eben Gesagten herleiten lässt, möchte ich doch gesondert auf diese entsetzliche, oft lebenslange Folter eingehen, der Millionen von Frauen in Afrika unterworfen sind.

Zu den unaussprechlichen Gräueln im Krieg im Kongo gehören die Vergewaltigungen, zu denen Soldaten männliche Verwandte von Frauen mit Waffengewalt zwingen. Weigert sich der Bruder, wird er erschossen. Manche lassen sich erschießen, manche folgen dem sadistischen Befehl und vergewaltigen ihre Schwester, Tochter oder Mutter - und werden danach zusammen mit ihrem Opfer ermordet.

Solche “Alibi-Folterer” (Mary Daly) würde wohl niemand schuldig sprechen. Schuld sind vielmehr diejenigen, die die Verbrechen mit vorgehaltener Waffe erzwungen haben.

Zur Genitalverstümmelung stellt Mary Daly in Gyn/Ökologie* fest: “Der Gedanke, daß solche Prozeduren oder auch nur Teile davon von Frauen erdacht sein könnten, ist nur denkbar in der Vorstellungswelt der Phallokratie, denn in Wirklichkeit ist es undenkbar.” (S. 186).

Diese Einschätzung leuchtet sofort ein, wenn wir folgendes erfahren:

Ein Teil der Prozedur besteht darin, dass eine der Frauen, die die Infibulation durchführen, den Bräutigam vor der Heirat besucht. Zweck dieses Besuches ist es, die genauen Maße seines ‘Gliedes’ zu bekommen. Danach geschieht folgendes: ‘Nach den Maßen macht sie eine Art Phallus aus Ton oder Holz, und mit dessen Hilfe schneidet sie die Narbe bis zu einer gewissen Länge auf und lässt das in einen Lumpen gewickelte Instrument in der Wunde, um zu verhindern, dass die Ränder wieder zusammenwachsen.” (Daly S. 186; sie zitiert Montagu). Daly kommentiert: “So bekommt der Herr seine Braut maßgeschneidert, damit sie zu seinem ‘Glied’ paßt. … Das ganze Ritual ist auf den Mann bezogen. Die Männer sind es, die diese weibliche Kastration verlangen, und in ihrer Gesellschaft ist für eine Frau Voraussetzung zum Überleben, dass sie eheliches Besitztum ist. Die scheinbar aktive Rolle der Frauen, die selbst verstümmelt sind, ist in Wirklichkeit rein passiv und instrumental. … Diese weiblichen Alibi-Folterknechte werden von den Männern benutzt, um die (männliche) treibende Kraft hinter der Genitalverstümmelung zu verschleiern.

Dass den Männern die Verschleierung gelingt, sehen wir an der Frage, die zum Ausgangspunkt dieser Überlegungen wurde: “Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Und nicht nur das “Dem-Opfer-die-Schuld-geben” (Blaming the victim) gelingt den Männern. Sie erzeugen gemäß dem Prinzip “Teile und herrsche” mit dieser Qual, deren wahre Verursacher den Mädchen verborgen bleiben, auch einen elementaren Hass der Mädchen auf Frauen, also letztlich auf sich selbst:
“Diese Verwendung von Frauen schwächt die Schwesterlichkeit, nachdem sie bereits die Macht des Selbst blockiert hat.” (Daly 186-7)

**********
Ich schreibe dies am Karfreitag 2009. Der Leidensweg Christi wird beweint und besungen auf allen Kanälen. Eine urige Arie aus der Matthäuspassion will mir nicht aus dem Sinn:

Buß und Reu, Buß und Reu
Knirscht das Sünderherz entzwei.

Von Sünderinnen ist da keine Rede. Immerhin wird dem Sünder ein Herz attestiert. Aber von Buße, Reue und Zerknirschung über uns zugefügte Leiden hören wir Frauen fast nie etwas.

Diese enttäuschende Bilanz führt uns direkt zum dritten Teil. Darin geht es nächste Woche um folgenden Vorwurf:

4. Es gibt doch so viele Männer, die jede Gewalt ablehnen. Die stoßt Ihr mit eurer ungerechten, pauschalen Anklage nur vor den Kopf. Das Problem der Männergewalt können Frauen nur mit Männern gemeinsam lösen. Versöhnen statt spalten!

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*Daly, Mary. 1981 [1978]. Gyn/ökologie: Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus [= Gyn/ecology: The Meta-Ethics of Radical Feminism]. Aus dem am. Englisch von Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive.

Mead, Margaret. 1965. Leben in der Südsee: Jugend u. Sexualität in primitiven Gesellschaften [=From the South Seas]. Aus d. am. Englisch v. Gitta Carnegie. Enthält die dt. Übers. folgender Werke: Coming of age in Samoa (1928); Growing up in New Guinea (1930); Sex and temperament in three primitive societies (1935). München. Szczesny.

Montagu, M.F. Ashley. 1945. “Infibulation and Defibulation in the Old and New Worlds”, in American Anthropologist, n.S. 47, 1945, S. 465F. Zitiert nach Daly S. 186.


# | Luise F. Pusch am 11.04.2009 um 03:11 PM • Permalink

05.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 1

img src=“http://vg02.met.vgwort.de/na/4f2dce0895a6455fbe69c00ded5cadee” width=“1” height=“1” alt=”“>Seit ich vor drei Wochen meine und Brigitta Huhnkes Kommentare zum Frauenmord in Winnenden veröffentlichte, tobt auf femBio.org ein heftiger Streit zwischen Frauen und Männern.** Einige wenige Frauen unterstützen die Männer und werfen den anderen Frauen u.a. “Männerhass” und “Steinzeitfeminismus” vor. Leider kann die Steinzeit sich nicht mehr beschweren, dass sie immer für Schimpfworte herhalten muss.

Ich stehe natürlich auf Seiten der weiblichen Mehrheit, die sich aus Feministinnen und anderen nachdenklichen Frauen zusammensetzt. In dem Konflikt habe ich mich allerdings nicht oft geäußert, aus Zeitmangel und weil ich in 30 Jahren feministischer Auseinandersetzung mit Männern gelernt habe, dass feindselige Männer nur stören und nichts dazulernen wollen. Ich achte also, bevor ich reagiere, sehr genau auf den Ton der Kommentare. Gleich der erste Kommentator fand meine Ausführungen “zum Kotzen” und bescheinigte mir Bild-Niveau. Grund genug, nicht zu reagieren. Ich halte mich da strikt an mein ehrwürdiges Vorbild Dorothea Christina Erxleben, Deutschlands erste promovierte Ärztin, die schon vor über 250 Jahren die Richtlinie für den Umgang mit antifeministischen Rüpeln verfasste:

[Der Widersacher] Gewäsche wird mich niemals verleiten…, ihnen zu antworten und dadurch die edle Zeit zu verderben, mich selbst aber in Gefahr zu setzen, ihnen gleich zu werden. (Dorothea Christina Erxleben, Lebenslauf, 1755).

Wenn ich mich mal zu dem “Gewäsche” mancher “Widersacher” geäußert habe, dann mehr, um mich mit den Frauen zu solidarisieren und Literatur zu empfehlen. In meinen Vorträgen bekommen solche Widersacher routinemäßig den Rat, sie möchten sich doch erstmal sachkundig machen.

Da aber so viele Frauen sich ins Zeug gelegt und versucht haben, den Widersachern noch etwas beizubringen, möchte ich im folgenden einige Antworten auflisten, die sich bewährt haben oder die mir kürzlich zu dem ewigen Streit eingefallen sind.

Mein Vorbild dabei ist die hier verlinkte hilfreiche Sammlung von Antworten auf typische Fragen in der Debatte um die Pornographie (englisch). Sie wurde überwiegend für PädagogInnen ausgearbeitet und ist für den Einsatz in pädagogischen Zusammenhängen gedacht. Ich selbst bevorzuge, wie gesagt, die Methode Erxleben, komme aber in Diskussionen oft auch nicht darum herum, mich mit Widersachern auseinanderzusetzen.

Hier nun zwei der stereotyp vorgebrachten Fragen bzw. Vorwürfe und meine Antworten:

1. “Ihr verallgemeinert doch total, wenn ihr behauptet, alle Männer sind Killer und Frauenhasser. Das ist doch total bescheuert. Die meisten Männer tun keiner Fliege was zuleide.”

Meine Antwort: Das mag schon sein, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Die Fluggesellschaften glauben sicher auch nicht, dass alle Fluggäste Terroristen sind, von den Fluggästinnen ganz zu schweigen. Trotzdem werden wir seit dem 11. September 2001 immer rigoroseren Vorsichtsmaßnahmen unterworfen. Neulich war sogar der “Nacktscanner” im Gespräch. Würden Sie den Fluggesellschaften unzulässige Verallgemeinerung vorwerfen, oder sind Sie mit der Behandlung einverstanden, weil sie auch Ihrer Sicherheit dient?

In Ägypten und anderen islamischen Ländern werden immer wieder westliche TouristInnen überfallen und als Geiseln genommen oder im Reisebus in die Luft gesprengt. Nach dem zweiten Attentat gibt das Auswärtige Amt eine Warnung heraus und rät vom Urlaub in diesen Gegenden ab - genau, was die Terroranschläge bezweckt haben. Eine unverantwortliche Verallgemeinerung des Auswärtigen Amtes?
Schließlich verbringen ja die meisten TouristInnen, die es dennoch wagen, wunderbare Wochen in Ägypten, vielleicht sogar in Palästina, im Irak und in anderen Krisengebieten.

Kurz: Beim Umgang mit Gefahrenquellen ist Verallgemeinerung die Methode der Wahl. Es genügt ein Todesfall durch Vogelgrippe, ein wahnsinniges Rind, eine Pille mit unerwarteter Todesfolge, ein fehlerhafter Autoreifen, um Millionen gänzlich “unschuldiger” Tiere zu töten oder Autoreifen zurückzurufen, Milliarden von Pillen aus dem Verkehr zu ziehen. Es wird verallgemeinert in unglaublichem Ausmaß, und das ist wahrscheinlich gut so (bei den massenhaft abgeschlachteten Tieren bin ich nicht sicher; ich finde es entsetzlich). Es dient - so die Intention - dem Überleben. Dass der Mann für die Frau eine enorme Gefahrenquelle ist, möchte der einzelne Mann natürlich nicht wahrhaben oder gelten lassen, aber seine Geschlechtsgenossen widerlegen ihn tagtäglich mit Gusto.

Für menschliche Gefahrenquellen gelten andere Gesetze als für infizierte Tiere oder defekte Autoreifen. Sie werden nicht massenhaft gekeult, höchstens mal in Quarantäne verbracht. Sie werden “gescreent” (Flugverkehr) oder weiträumig gemieden (Krisengebiete).  Frau mag daraus ihre eigenen Schlüsse für ihr Privatleben und das Navigieren im öffentlichen Raum und im Internet ziehen. Manche leben gern gefährlich, andere nicht. Die meisten stecken verängstigt den Kopf in den Sand, sonst hätten wir laufend Proteste gegen Männergewalt weltweit.

Positive Verallgemeinerungen werden auch von den Widersachern nicht beanstandet, vermute ich mal: “Die Deutschen sind Exportweltmeister”, hören wir immer und protestieren nicht. Ich persönlich habe noch nie etwas exportiert.

Vielleicht würden die Widersacher lieber hören: Die Männer sind “Gewaltweltmeister” oder “Mordweltmeister”. Soll mir recht sein. Außerdem ist diese Aussage auch unter streng logischen Gesichtspunkten korrekt. Niemand leugnet, dass die meisten Straftaten, die meisten Morde von Männern begangen werden. Wahre Weltmeister.

2. “Es gibt auch gewalttätige Frauen. Ich persönlich kenne mehr unerträgliche Frauen als Männer. Ich bin bisher nur von einer Frau geschlagen worden, meiner Mutter.”

Meine Antwort: Die Gefahr in dieser Gesellschaft (auch für männliche Opfer) geht von den Männern aus, das ist eine unbestrittene Tatsache. Es gibt auch gewalttätige Frauen, aber ihre Anzahl im Vergleich zu der gewalttätiger Männer können wir vernachlässigen.

Der gern vorgebrachte Hinweis auf die gewalttätigen Frauen soll die Aufmerksamkeit ablenken von dem Elefanten im Raum auf die kleine Maus in der Ecke.

Ich meine, Männer haben Grund zu kollektiver Scham - ähnlich wie wir Deutschen Grund zu kollektiver Scham haben wegen unserer schändlichen Verbrechen in der Nazizeit. Kollektive Schuld - nein. Oder höchstens insofern sie nicht gegen die Männergewalt protestieren. Ähnlich wie in der Nazizeit die “MitläuferInnen” sich schuldig machten, weil sie nicht protestierten.
Ich bin 1944 geboren und sehe mich eher als ein Opfer der Nazis, habe keine Schuld-, aber tiefe Schamgefühle, die sich umsetzen in den Wunsch, alles zu tun, damit solche Untaten nicht wieder geschehen. Wenn ich von AusländerInnen, z.B. US-amerikanischen Jüdinnen, Sätze höre wie “Ihr Deutschen habt 6 Millionen Juden umgebracht”, rede ich nicht reflexartig von “unzulässiger Verallgemeinerung”, weise ich nicht darauf hin, dass ich persönlich damit nichts zu tun habe, dass die meisten heute lebenden Deutschen damit nichts zu tun haben, dass auch andere Länder beteiligt waren, schon gar nicht lenke ich den Schuldvorwurf ab auf Juden oder Israelis. Solche Reaktionen fände ich allesamt völlig unakzeptabel. Ich höre erstmal zu und erlebe ein Gefühl ohnmächtiger Trauer, Wut und Scham über das endlose Leid, das wir verursacht haben. Differenzierungen können vielleicht später erörtert werden.

Mit Männern, die sich nicht schämen angesichts der Verbrechen ihrer Geschlechtsgenossen und die nicht den Wunsch zeigen, aktiv etwas dagegen zu unternehmen, rede ich nach Möglichkeit nicht mehr. Es ist zu anstrengend. Sie gehören in dieselbe Sparte wie Neonazis, die die Verbrechen der Nazis leugnen oder schönreden: Verstockt, uneinsichtig, gewaltbereit. Kurz: gefährlich. Ihre Zivilisierung überlasse ich gern einsichtigen Männern.

Fortsetzung folgt, dann geht es um den stereotypen Vorwurf:

3. Wer erzieht denn die kleinen Sprößlinge, na? Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!

••••••••
** Die Debatten sind hier nachzulesen:

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/glossen

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/herr-koma-kommt-der-frauenmord-in-winnenden/

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/winnenden-berichterstattung-foerdert-zukuenftige-gewalttaten/


# | Luise F. Pusch am 05.04.2009 um 02:18 PM • Permalink

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Hedwig Dohm