28.06.2009

Sel’ge Base

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiunddreißigste Lektion.

Eine Base ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Ännchens berühmte Arie aus dem Freischütz beginnt mit den Worten:

Einst träumte meiner sel’gen Base…

Das ist noch nichtmal 200 Jahre her, und schon sind fast alle Wörter Ännchens nicht mehr in Gebrauch. Heute müsste sie stattdessen singen:

Meine verstorbene Tante hat mal geträumt …

Früher bedeutete Base “Schwester des Vaters” (Muhme war die Schwester der Mutter, so genau nahm man das damals). Dann übernahm Muhme auch die Funktion der “Base”, und die “Base” verjüngte sich zu “Tochter eines Geschwisters der Eltern”. Dann kam die Base aus der Mode und musste der Cousine weichen.

Es träumt uns auch nichts mehr, sondern wir träumen selber, und die Seligen sind für uns nur noch Verstorbene.

Noch in den 50-er Jahren wurde ich von meiner Tante angehalten, ich sollte statt der “undeutschen” Bezeichnungen “Cousin” und “Cousine” besser “Vetter” und “Base” sagen. Zum Glück verlangte sie nicht, mit “Muhme” angeredet zu werden. “Vetter” wäre ja noch angegangen, aber “Base”, das klang mir doch furchtbar verschroben. In ihrer Familie hatte ich neben den fünf Vettern nur eine “Base”, und so kam das Problem nicht so oft in den Blick…

Heute sehe ich den Rat meiner seligen Tante wieder mit anderen, eher feministischen Augen. “Base” hat gegenüber “Cousine” den Vorzug, dass es ein eigenständiges Wort ist, nicht aus einem Maskulinum (Cousin) abgeleitet. Eine Tante möchte ja auch nicht Onkelin genannt werden, und schon gar nicht will der Onkel Tanterich heißen. Und weshalb ein “Vetter” akzeptabler sein soll als eine “Base” ist auch nicht einzusehen.

*****
Die verachtete und längst vergessene Base begegnet mir plötzlich auf Schritt und Tritt, überall sind Reklametafeln aufgestellt, in denen für sie geworben wird:

Frauenbild

Base ist eine Marke des deutschen Mobilfunknetzbetreibers E-Plus, die zur Zeit so aggressiv beworben wird, dass sie sogar mir auffiel.

Die 5 Männer, die als Geschäftsführer von Base firmieren, werden vermutlich an alles andere gedacht haben als ausgerechnet an Base wie Cousine. Die Base alten Stils ist ihnen vermutlich so fremd, dass ihnen die Übereinstimmung nichtmal eingefallen ist. Auf ihrer Webseite jedenfalls befindet sich eine Schaltfläche, auf der steht “Mein Base”.

Warum haben sie ihre Firma nicht Tante genannt? Da es sich um ein Telekommunikationsunternehmen handelt, wäre doch “Klatschtante” genau so stimmig gewesen wie “Klatschbase”.

FrauenbildNein - genau wie die Flat-Rate, auf die Base so stolz ist, orientiert sich auch Base am Englischen und soll vermutlich englisch ausgesprochen werden und nicht treudeutsch - treudoof. Base wie Database und Basics undsoweiter.

Und was ist mit den Raketenbasen und Militärbasen? Am besten abschaffen, mögen auch sie schleunigst zu sel’gen Basen werden. Solange das nicht geplant ist, sollten wir Klatschbasen uns diesen Missbrauch einer altehrwürdigen weiblichen Verwandtschaftsbezeichnung verbitten. Ab sofort heißt es “Raketen-” und “Militärvettern”.

 

 


# | Luise F. Pusch am 28.06.2009 um 12:13 AM • Permalink

20.06.2009

Šarka

Sie sind auf der Suche nach einem schönen Namen für Ihre Tochter? Wie wäre es mit Šarka (gesprochen Scharka)?

1names.de meldet: “Šarka ist auf Platz 111 der beliebtesten weiblichen Vornamen von insgesamt 21397 weiblichen Namen. Für den Namen wurden bereits 250 Stimmen abgegeben.”

Und ein Thomas gesteht auf derselben Seite: “Meine Freundin hat diesen Namen. Er gefiel mir vom ersten Augenblick an, es war Liebe auf den ersten Blick.”

So erging es auch dem Helden Ctirad mit Šarka, und er zahlte dafür mit dem Leben. Denn die Šarka der tschechischen Sage vom “Mädchenkrieg” war eine listenreiche und unerbittliche Rächerin.

Aber der Reihe nach:

Im Mai saß ich wegen einer hartnäckigen Erkältung mit einem Tuch über dem Kopf am Tisch und inhalierte die heißen Dämpfe der Kamille. Zur Unterhaltung hatte ich mir Smetanas “Ma Vlast” (deutsch unschön übersetzt mit “Mein Vaterland”) aufgelegt, eine 25 Jahre alte Aufnahme mit Kubelik, mitgeschnitten aus dem TV.

Fernsehen mit einem Tuch überm Kopf? Natürlich - bei so alten Orchester-Aufnahmen gibt es ja nichts Schönes zu sehen, keine einzige Frau spielt da mit!

Smetana ist 1884 gestorben; 1984 brachten sie zum 100. Todestag diese Aufnahme mit dem Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks. 25 Jahre später, zum 125. Todestag am 12. Mai, haben sie sie wieder hervorgekramt.

1984 fühlte man sich noch dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verpflichtet. Der Zyklus “Ma Vlast” ist Programm-Musik, und das Programm wurde jeweils getreulich verlesen. Heute gälte das das wohl als zu “wortlastig”.

Die ersten beiden Sätze, Vyšehrad und Die Moldau, waren schon majestätisch bzw. poetisch vorbeigerauscht, da belehrte mich der Sprecher über den dritten Satz, “Šarka” betitelt. Er benutzte Smetanas eigene Erläuterungen:

In dieser Komposition ist nicht die Gegend festgehalten, sondern die Handlung, die Sage von der Maid Šarka, die in leidenschaftlichem Zorn über die Untreue des Geliebten dem ganzen männlichen Geschlecht bittere Rache schwört. Aus der Ferne dringt Waffenlärm. Ctirad ist mit seinen Knappen im Anmarsch, um die streitbaren Mädchen zu bezwingen und zu bestrafen. Er vernimmt schon von weitem das (nur listig vorgeschützte) Klagen einer Maid, erblickt Šarka an einen Baum gebunden und ist von ihrer Schönheit bezaubert. Er entbrennt in heißer Leidenschaft zu ihr und befreit sie. Šarka versetzt mit einem bereitgehaltenen Trunke Ctirad und die Knappen in Rausch und zuletzt in tiefen Schlaf. Auf ein gegebenes Hornsignal, das die Gefährtinnen Šarkas in der Ferne erwidern, stürzen diese aus dem Wald und richten ein Blutbad an. Ein schauerliches Gemetzel, blindes Wüten der ihre Rache stillenden Šarka beschließt das Stück.

Die Vortragsbezeichnung des Schlusses von “Šarka” lautet “frenetico”.

Nachdem ich das mitreißend komponierte und dirigierte Blutbad überstanden hatte, kam ich mit rot erhitztem Kopf unter meinem Handtuch hervor und musste mich erstmal fassen. Wieso hatte ich denn von dieser Sage und dem Šarka-Satz aus “Ma Vlast” noch nie etwas gehört? Vyšehrad, Die Moldau, Aus Böhmens Hain und Flur, ja sogar Tábor und Blanik kannte ich, die beiden letzten allerdings eher nur dem Namen nach - aber Šarka war mir gänzlich neu. Und das ist sicher kein Zufall, denn es ist ein unverblümt, ja geradezu lustvoll männerfeindliches Stück, das der männliche Kulturbetrieb wohl lieber unter Verschluss hält und unter den Teppich kehrt.

Ich besitze etliche sogenannte Konzertführer. In denen schlug ich nun nach und fand, dass über “Šarka” meist mit tadelndem Unterton berichtet wird:

Die blutrünstige Fabel lag Smetana nicht sonderlich. Die Begebenheiten lassen sich aus der Musik zwar bei gutem Willen “heraushören”, aber man bleibt innerlich unbeteiligt (Reclams Konzertführer, 11. Auflage, 1978).

Mann bleibt sicher nicht so unbeteiligt wie er tut, und frau fräut sich bestimmt, dass die Maid Šarka den Spieß mal umdreht. Und überhaupt habe ich anderswo gelesen, dass Smetana den Stoff sehr wohl mochte und dies Stück ihm sehr am Herzen lag!

… Hornrufe erklingen. Es ist der Ruf Šarkas an die Amazonen. Sie überwältigen die Ritter … und bringen ihnen in ihrem Wahn ein schmähliches Ende. (Harenberg Konzertführer, 1998)

Wieso Wahn? Das lief doch alles präzise nach Plan ab.

Auch Tim Ashley vom Guardian diagnostiziert Wahnsinn bei Šarka, “der psychotischen Amazonenkriegerin”.

Die haben wohl eher Kleists Penthesilea im Sinn, die ihren Geliebten Achill im Wahn zerfleischte.

Übrigens: Wirklich wahnsinnig wurde Smetana, und Kleist, seelisch auch nicht sehr gesund, beging Selbstmord. Ob das etwas zu tun hat mit ihrem untypischen Einsatz für Amazonen? Wie die arg fremdelnde Rezeption beweist, hat die Herrenkultur auf sowas null Bock.


# | Luise F. Pusch am 20.06.2009 um 04:34 PM • Permalink

13.06.2009

Das Hemdchen

Eine Neuheit aus dem Bereich Damenunterwäsche ist anzukündigen. Regelmäßig schickt mir die Firma Tchibo ihre aufregenden Infos; vor kurzem bekam ich diese Mitteilung:

Die Sprache der Verführung

Liebe Frau Pusch,
diese neue Wäsche-Kollektion spricht für sich! Tolle Basics, transparente Wäsche, wilde Animal Prints, Bodyforming- und Seamless-Wäsche in drei klassischen Farben zeigen ihre ganze Schönheit in all ihren atemberaubenden Facetten.
Ihr Tchibo.de-Team >zum Shop

Ich hätte erwartet, dass die “tollen Basics” etc. MEINE Schönheit in all ihren atemberaubenden Facetten zeigen sollten, aber die Unhöflinge von Tchibo hatten das “ihre” klein geschrieben. Also meinten sie wohl nur die atemberaubende Schönheit ihrer Tchibo-Dessous.
Dennoch konnte ich der Sprache der Verführung nicht widerstehen und klickte mich in den Shop.

Dort sah ich sie: Die HEMDCHEN! Erst ein “Hemdchen, schwarz”:
Frauenbild

Darunter, liegend, eine schöne Dame im “Hemdchen, weiß”. Ich klickte auf den Text “Hemdchen, weiß” und fand neben allerlei Infos in der schon oben vorgeführten heißen Tchibo-Sprache den nüchternen Hinweis: Ähnliche Produkte finden Sie unter folgenden Begriffen: “Unterhemd” “Top”.   

“Unterhemd” - wie prosaisch! Trotzdem klickte ich auf “Unterhemd” - und fand sie -  die ganze glorreiche Parade der Hemdchen. Ein Klick, und Sie können sie auch bewundern.

Meine vergleichenden Studien ergaben: Ein “Unterhemd” reicht bis zum Beinansatz, ein “Hemdchen” nur knapp über den Bauchnabel. Ein Hemdchen lässt das ganze Höschen sehen, möglichst ein ganz heißes Höschen natürlich.

Das, was wir früher “Hemdchen” nannten, nämlich ein Unterhemd für Babys und Kinder, heißt hier “Kinder-Unterhemd”.

Ein Hemdchen macht die Frau zum Baby, zur Kindfrau. “Kindmann”? Gibt es nicht. Stattdessen haben wir den Sohnemann. “Tochterfrau?” Gibt es nicht.

Die Lücken in unserem Wortschatz zeigen froh die Richtung an: Der Sohnemann soll sich schon als Hemdenmatz stark fühlen wie ein Mann, das Töchterchen aber soll am besten ewig Kind bleiben und noch als erwachsene Frau im “Hemdchen” ihre “atemberaubende Schönheit” zu Markte tragen.


# | Luise F. Pusch am 13.06.2009 um 02:01 PM • Permalink

07.06.2009

Deutsche Meister

Ende März berichtete der “Hochschwarzwald-Kurier” über die “Internationale Deutsche Meisterschaft der Bartträger” in Schluchsee.

Ja ist denn das Barttragen eine Sportart? Da wäre ja sogar eine Meisterschaft der Langschläfer sinnvoller: Wer am längsten schlafen kann, wird Meister. Gleich kommt uns der Tod in den Sinn, ewig währt am längsten. Der Tod ist ja auch ein Meister - aus Deutschland, dem Land der Meister und Gartenzwerge. Tatsächlich sehen die Bartträger des Vollbartclubs Groß-Schluchsee, die sich für die Meisterschaft stolz ablichten ließen, aus wie eine Riege Gartenzwerge.

Die Zeitung behandelt das haarige Thema als liebenswerte Skurrilität und zitiert aus dem launigen Grußwort des Vollbartvereinsvorsitzenden: “Auch in Zukunft werden wir die Leitlinien unseres Vereins: Pflege der Geselligkeit, das Heranführen der männlichen Jugend zur sinnvollen Gestaltung der Gesichtsbehaarung und zur Pflege des Bartes ohne Schädlinge, streng befolgen.”

Darum möchten wir Damen aber auch herzlich bitten.

Alles gut und schön, aber warum nur sagen sie “Meisterschaft”, statt “Wettbewerb” wie in “Schönheitswettbewerb”? “Meister” und “Meisterin” verwenden wir heute überwiegend für Sport und Handwerk. Mann wird erst Deutscher Meister im Weitsprung und dann Friseurmeister. Frau wird Deutsche Tennismeisterin und dann Maurermeisterin. Erst muss hierzulande gefälligst was geleistet werden, dann gibt’s eventuell den MeisterInnentitel. Was aber leisten Bartträger? Wenn er nichts dagegen unternimmt, ist jeder Mann ein Bartträger. Daraus eine Meisterschaft abzuleiten, wirkt im Land der Tüchtigkeit geradezu subversiv.

Deutsche “Schönheitsköniginnen” und “-könige”, die ebenfalls nichts Nennenswertes leisten, sondern nur die Geschenke vorführen, die Mutter Natur ihnen beschert hat, werden “Miss Deutschland” und “Mister Deutschland” genannt. Auch ziemlich blöd, aber nicht so blöd wie “SchönheitsmeisterIn”.

Wir haben auch keine deutschen Cellomeister oder Klaviermeisterinnen. Nichtmal unsere Anne-Sophie Mutter nennt sich Geigenmeisterin, obwohl sie dauernd Meisterklassen gibt. Violinweltmeisterin - das klänge für eine Anne-Sophie Mutter wahrscheinlich einfach zu popelig, zu sehr nach Sport. Sie macht schließlich Kunst.

Wie wäre es mit einer Meisterschaft der Haarträger, Brillenträger, Prothesenträger? - Das Maskulinum ist beabsichtigt: Selbst der so weiblich dominierte Schönheitswettbewerb ist ja eine Erfindung der Männer. Es heißt, Frauen seien weniger konkurrenzfreudig als Männer. Liegt es vielleicht daran, dass die Frau es in sich hat, während der Mann es außen hat?

Es ist ja bekannt, dass Penisträger auch gern hinsichtlich Leistungskraft und besonders Größe des Organs miteinander wetteifern. Im Kindesalter geschieht es noch ganz offen. Wer hat den längsten und wer kann am weitesten pinkeln? Die Mädchen jedenfalls nicht. Und das ist schon mal wohltuend für das zarte männliche Ego.

FrauenbildDer erwachsene Mann muss auf diese prickelnde Konkurrenz in der Öffentlichkeit aus Schicklichkeitsgründen verzichten. Die meisten weichen auf andere Gebiete aus, um sich und den Konkurrenten ihre Potenz zu beweisen. Kindlichere Gemüter abstrahieren nur ein klein wenig, die Verschiebung (im Freudschen Sinne) ist noch sehr durchsichtig. Statt der Länge und Pracht des Penis wird eben die Länge des Bartes gemessen, die Pracht des Haarwuchses verglichen und gegebenenfalls bewundert. Googeln Sie mal nach “Bartträger” - Sie werden sich wundern.

Es ist für einen Mann zwar keine Leistung, sich einen Bart stehen zu lassen - aber wir begreifen allmählich: Der Bart steht für etwas anderes, für das Organ, mit dem - nach männlicher Auffassung - die Leistung schlechthin vollbracht wird, sozusagen der Vater aller Leistungen.

Wenn Goethe seinen Penis “Meister” nennt und sein alter ego “Wilhelm Meister” - dann ist auch eine Meisterschaft der Bartträger geradezu naheliegend.

(Dank an Theresia Sauter-Baillet für den Hinweis auf den Artikel über die “Deutsche Meisterschaft der Bartträger” im Hochschwarzwald-Kurier vom 25.3.2009, S. 11!)


# | Luise F. Pusch am 07.06.2009 um 12:22 PM • Permalink

Seite 1 von 1

Seitenanfang

Hedwig Dohm