27.03.2010

Mein Feuchtgebieter: Über “Arabella” von Strauss und Hofmannsthal

Als deutsche Bildungsbügerin bin ich immer bestrebt, mich fortzubilden, wo ich gehe und stehe. Oder sitze.
Zur Zeit höre ich mich im Badezimmer durch alte Musicassetten. Dabei stieß ich vor kurzem auf Arabella, genauer gesagt auf ein musikalisches Selbstporträt von Lisa della Casa aus dem Jahre 1958. Mitte der 90er Jahre war es mal wieder gesendet worden; aus dieser Zeit stammt meine Aufnahme.

Ich putzte mir versonnen lauschend die Zähne, da hörte ich die della Casa singen:

Du wirst mein Geliebter sein
Und ich dir untertan.

Trotz der betörenden Musik war ich not amused und ging der Sache nach Beendigung der Morgentoilette auf den Grund. Die “Arabella” hatte ich vor rund 40 Jahren zuletzt gesehen; sehr präsent war sie mir nicht mehr. Es ist ein operettenhafter Stoff, “letzte reife Frucht” der überaus fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten Dr. Richard Strauss (so unterschreibt er immer, und so wird er von seinem Librettisten auch angeredet) und dem Dichter Hugo von Hofmannsthal.
Und was diese reifen Früchtchen ausgebrütet haben, ist folgende Story: Graf Waldner hat sein Vermögen durchgebracht und kann sich nur retten, wenn er seine schöne, vielumschwärmte Tochter Arabella möglichst reich verheiratet. Er schickt seinem alten Regimentskameraden ein Bild der jungen Schönheit. Der Alte ist allerdings schon verblichen; Erbe seiner weitläufigen Ländereien ist der etwas hinterwäldlerische, aber edle und stattliche Mandryka. Der eilt herbei, bezaubert von dem Bildnis Arabellens und möchte sie vom Fleck weg heiraten. Nach ein paar Verwicklungen klappt das auch, und alle sind happy.

Zuvor aber müssen wir uns folgende Entgleisungen anhören:

ARABELLA (zu ihrer Schwester über einen ihrer Anbeter)
Er ist der Richtige nicht für mich!
Er ist kein ganzer Mann. Ich könnt mich halt vor ihm nicht fürchten.
Wer das nicht ist, der hat bei mir verspielt!
[…]
Ich kann ja nicht dafür, dass ich so bin.
Ein Mann wird mir gar schnell recht viel
und wieder schnell ist er schon gar nichts mehr für mich!
[…]
Ganz ohne meinen Willen dreht sich dann mein Herz
und dreht sich los von ihm. Ich kann ja nichts dafür -
aber der Richtige - wenn’s einen gibt für mich auf dieser Welt -
der wird auf einmal dastehen, da vor mir
und wird mich anschaun und ich ihn
und keine Zweifel werden sein und keine Fragen
und selig werd ich sein und ihm gehorsam wie ein Kind.

Eine Ideologie selig-verblendeter Unterwerfungs-Erotik wird da verbreitet - was sage ich - wird besungen und zelebriert mit den schönsten Eingebungen des alten Strauss, dass sich uns der Magen umdreht.
Die Unterwerfungsorgie wurde 1933 in Dresden uraufgeführt: passend zum Führerprinzip die Oper über den edlen starken Mann hinterwäldlerischer Herkunft, der der Richtige ist, weil man bzw. frau sich vor ihm fürchten kann, und von dem sie sich, “gehorsam wie ein Kind”, selig führen lassen kann:

Und du wirst mein Gebieter sein und ich dir untertan
dein Haus wird mein Haus sein, in deinem Grab will ich mit dir begraben sein -
so gebe ich mich dir auf Zeit und Ewigkeit.

Diese schönen Zeilen - Herzstück der Oper und eine der berühmtesten Strauss-Arien - singt Arabella für ihren Führer, nachdem er ihr folgendes versprochen hat:

Darum kann ich erst leben wenn ich etwas Herrliches
erhöhe über mich, und so in dieser Stunde
erhöh ich dich, und wähle dich zu meiner Frau
und wo ich Herr bin, wirst du Herrin sein
und wirst gebieten, wo ich der Gebieter bin!

Unheimlich, diese Parallele zwischen dem führertrunkenen, vom Führer “erhöhten” deutschen Volk, und der unterwerfungssüchtigen Arabella.

Beim Zähneputzen hatte ich die Worte der berühmten Arie nicht richtig verstanden. Arabella singt nicht “Du wirst mein Geliebter sein”, sondern “mein Gebieter”. Nachdem der Führer ihr zuvor die Mitherrschaft über seine Ländereien/Gebiete, über die er gebietet, versprochen hat, “gibt” sie sich ihm “auf Zeit und Ewigkeit”, macht ihn zum Gebieter über ihre Feuchtgebiete, denn andere Gebiete hat sie nicht zu bieten. Das gemeinsame Grab wird auch schon beschworen, ein Feuchtgebiet ganz eigener Art.


# | Luise F. Pusch am 27.03.2010 um 01:37 PM • Permalink

20.03.2010

Man als Lesbe: Lange L-Nacht in Hannover

Gestern gingen wir mit fünf Freundinnen in die “Lange L-Nacht”, zu der die Stiftung “Leben und Umwelt” eingeladen hatte. Was doch so ein kleiner Buchstabe ausmacht: “Leben und Umwelt” wurde nicht zu “L und Umwelt”, nur “Lesbennacht” zur “L-Nacht”.

Es wurde für uns mehr ein überfüllter Abend als eine lange Nacht. Alle großen und kleinen Ls aus Hannover und Umgebung waren herbeigeströmt, besetzten sämtliche der eng gestellten unbequemen Stühle oder ließen sich an der weiträumigen Bar von dem einzigen anwesenden Herrn bedienen; er bediente später auch die widerspenstige Elektrik. Von den dunkel bemalten Wänden sahen überlebensgroße Männergesichter der Rock- und Popwelt auf uns herab.

Zuerst sangen uns die Leineperlen was vor, Hannovers beliebter Lesbenchor, der ersichtlich Freude am Singen und an sich selbst hatte. Was dem nach norddeutscher und nach Lesbenart eher reservierten Chor an Schwung fehlte, glich das Publikum mit seiner Begeisterung wieder aus. Wir waren hergekommen, um uns mitreißen zu lassen.

Nach den Leineperlen trat das hochkarätig besetzte Podium in Aktion, Thema: “Rolemodels in der lesbischen Community”. Ja, auch Lesben können Englisch. Moderatorin war Renate Steinhoff von der Stiftung Leben und Umwelt, die gerade eine Stunde bei den Leineperlen mitgesungen hatte -  sie schien etwas mitgenommen, hielt aber durch bis zum Schluss. Links von ihr in Lesbischwarz die Politlesben Anja Kofbinger, Berliner Landtagsabgeordnete für B90/Die Grünen, und Gabriele Bischoff von der LAG Lesben in Düsseldorf. Rechts von der Moderatorin die Kulturlesben Manuela Kay, Chefredakteurin des L-Mag, Berlin, und Karen-Susan Fessel, Autorin von 27 Büchern für Kinder und Erwachsene, wie sie uns einschärfte, und Mitautorin von “Out”, dem “Who ist Who der Lesben und Schwulenbewegung”. “Stehst du da auch drin?” fragte mich Juanita. “Ja”, sagte ich.

Kay und Fessel vertraten die dritte lesbische Moderichtung an diesem Abend. Die Glamour-Lesben à la L-Word bzw. Will&Meckel waren dem Ereignis ferngeblieben, die Leineperlen waren nach dem Motto “Hauptsache bequem” angetreten, dem auch die Mehrheit des Publikums anhing (ich auch), die Politlesben in elegant-korrektem Lesbischwarz, und Kay und Fessel führten den maskulinen Lesbenschick vor, Kay eher in der Holzfällervariante, Fessel eher wie Mackie Messer. Fessel lächelte meist amüsiert, Kay sah eher missmutig ins erwartungsvolle Publikum und blühte erst auf, wenn sie redete. Die Politlesben dagegen - echte Profis im Umgang mit dem Publikum, durchgehend zugewandt, humorvoll und freundlich, ob sie redeten oder zuhörten.

Die äußere Anmutung der Diskutanten und -onkels auf dem Podium war also schon sehr spannend, vielfältig und aufregend - wie viel mehr erst das, was sie dann so sagten. Hauptthema waren ja die “Rolemodels” und die Frage, warum haben wir so wenige davon, warum kommen die alle nicht raus, verdammt nochmal. Kay äußerte sich dazu am entschiedensten, sie fände es nicht in Ordnung, wenn man als Lesbe im Versteck lebte, wenn man als Lesbe nicht die Zivilcourage zum Coming Out aufbrächte. Sie verwies auf ihre eigene Aufmachung und lachte: “Na seht mich doch an! Manche können halt nicht umhin, wie ein lebendes Klischee auszusehen.” Tatsächlich war schon ihre Kleidung ein unmissverständliches Coming-Out.

Dann ging es neiderfüllt um die offen schwule Politprominenz, von Beust über Wowi bis hin zu Westerwelle. Kofbinger plauderte aus dem Berliner Nähkästchen, natürlich gäbe es in der Regierung auch Lesben. “Doch nicht etwa Merkel höchstpersönlich?”, hörte ich eine erschreckt aufjapsen. “Neinnein”, beruhigte Kofbinger, “aber auch schön blond und bieder, lebt mit Partnerin mitten in Berlin - aber mal ein kleines Coming Out wagen? Ist nicht drin!”

Gut, in der Politik sind wir vielleicht mit Rolemodels nur knapp bestückt, aber dafür haben wir ja in der Sparte Kultur so allerlei, hieß es: Anne Will, Maren Kroymann, Ulrike Folkerts, Hella von Sinnen. Aha - Kultur wird also hier mit Fernsehen gleichgesetzt, dachte ich, ist ja ulkig. Keine offenen Lesben in der Literatur-, Kunst-, Theater- oder Musikszene? Genannt wurden sie jedenfalls nicht. Ein Besuch auf der FemBio-Seite “Frauenbeziehungen” hilft da garantiert weiter. Die meisten der dort mit Links zu ihren FemBiographien aufgeführten Lesben aus Kunst, Literatur, Politik, Musik und Sport sind zwar historisch, aber Lesben werden ja mit zunehmendem Alter nicht schlecht, sondern immer interessanter.

Gut, kommen wir zum Sport. Da ist ja lesbisch mächtig was los, aber alles schön unterm Teppich. Kay von L-Mag berichtete, sie löchere seit Jahren unsere Frauen-National-Elf, ob sie nicht mal im L-Mag ihr Coming-Out machen wollten. Keine wollte jemals. “Ja, wenn man als Lesbe nichtmal dafür den Mumm aufbringt”, sagte Kay…

Bischoff machte einen genialen Vorschlag: “Dann schreib doch einfach über die Heten in der Frauen-Nationalelf. Kay lachte: “Ich fürchte, da finde ich keine.”

“Wenn man als Lesbe derartig feige ist, das ist schon zum Weinen”, hörte ich.

Nach der Diskussion und vor Verabreichung der Häppchen (“in der Nähe der Toiletten”) sprach mich eine ältere Lesbe an: “Wie reden die denn hier? Man als Lesbe - geht’s noch? Da wird einer ja schlecht. Sind die noch zu retten?”

Aber ganz so konservativ waren die hannöverschen L-Mädels auch wieder nicht. Als die Moderatorin scheinbar sagte “Wenn der eine oder der andere…” fielen ihr einige lautstark ins Wort und schrien “die eine oder die andere, bitte!” “Lasst mich ausreden”, sagte die Moderatorin ruhig: “Also wenn der einen oder der anderen noch was dazu einfällt, bitte melden.”

Merke: Der Dativ ist NICHT der Frauensprache ihr Tod. Er klingt nur so.

Also was femilesbe alles so durchmacht … Und erst femilinguistin!


# | Luise F. Pusch am 20.03.2010 um 06:05 PM • Permalink

14.03.2010

Brauchen wir Opfer?

Ostern ist nahe und damit die Zeit des Osterlamms, das manche zur Erinnerung an Christus, das Lamm Gottes, zu Ostern verspeisen. Das Lamm, traditionell ein beliebtes Opfertier der HirtInnenvölker, symbolisiert dabei sowohl die Unschuld Christi (“Unschuldslamm”) als auch seinen Opfertod (“Opferlamm”).

An Opfer denken wir alle angesichts der nicht abreißenden Enthüllungen der Missbrauchs-Opfer mehr als uns lieb ist. - Allerdings ist “Opfer” ein kompliziertes, vieldeutiges Wort, wie der Vergleich mit anderen Sprachen klarmacht:
Das “Musikalische Opfer” von Johann Sebastian Bach heißt auf Englisch “The Musical Offering”, auf Französisch “L’Offrande Musical” und auf Italienisch “L’Offerta Musicale” - nicht etwa “The Musical Victim”, “La victime Musical” oder “La vittima musicale”.

Sicher gibt es zahllose “musikalische Opfer” im Sinne Wilhelm Buschs, der feststellte: “Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden” -  aber das lassen wir jetzt mal beiseite. Was mich interessiert, ist zum einen die Doppelbödigkeit des Wortes “Opfer”, zum anderen die denkwürdige Tatsache, dass die lateinische Bezeichnung für “unfreiwilliges Opfer” mitsamt ihren romanischen Abkömmlingen ein Femininum ist: victima / la victime / la vittima / la victima / la vítima.

Das Duden-Synonymenwörterbuch gliedert die Bedeutungen von “Opfer” wie folgt:

1. a) Opferung.
    b) Opfergabe.
2. Einsatz, Hingabe, Preisgabe, Verzicht; (gehoben): Aufopferung, Darangabe.
3. Geschädigter, Geschädigte, Leidtragender, Leidtragende, Toter, Tote; (gehoben): Beute.

Als feministische Linguistin stelle ich mit Befriedigung fest, dass neben den Maskulina der Bedeutung (3) (“Geschädigter” usw.) immer auch das Femininum genannt wird, wenngleich an zweiter Stelle, was der alphabetischen Anordnung - und wohl auch der faktischen Besetzung der Opferrolle - widerspricht.

Das Schillern des Opferbegriffs liegt daran, dass auch Menschen zur “Opfergabe” werden können, freiwillig oder gegen ihren Willen.

Wir ehren das freiwillige Opfer: es ist in der christlichen Ethik einer der höchsten Begriffe: Christus, der Schuldlose, opferte sein Leben für uns, die Schuldigen, und wir sind aufgerufen, ihm nachzueifern, so gut es eben geht. Viele Nazi-Opfer opferten ihr Leben im Widerstand, auch im christlichen, und gehören deshalb zu unseren NationalheldInnen, wie etwa die Geschwister Scholl.
Wir trauern um die unfreiwilligen Opfer (victims) - von Erdbeben, Unfällen, von Gewalttaten, um die Opfer von Kriegen, Krankheiten, Todesopfer ganz allgemein. Die meisten Nazi-Opfer wurden einfach kollektiv abgeschlachtet oder vergast, für sie gibt es keine Denkmäler, sondern Mahnmale.
Wir verabscheuen die Opfer, die zugleich Täter sind und als Selbstmordattentäter oder Amokläufer andere mit in den Tod reißen.

Die Frage ist natürlich, weshalb Opfer überhaupt notwendig sind. Am Ursprung der rituellen Opferungen steht ja die archaische Idee zorniger Götter, die durch Opfergaben besänftigt werden müssen, und wenn es der eigene Sohn ist, der dafür herhalten muss. Die Götter sind also sadistisch bis korrupt, der alttestamentarische etwa erfreute sich an der Angst Abrahams und Isaaks, die Götter der Maya verlangten Unmengen grausam gemordeter Menschen als Opfer, andere lassen sich durch Geschenke bestechen wie unsere korrupten Politiker.

Opfer müssen - wie jede Bestechung - kostbar sein, um zu wirken, und am kostbarsten sind Menschenleben. Bei Tieropfern sind natürlich die weiblichen Tiere in der Regel kostbarer als die männlichen:  “Unter zwei huntert kalben soll man nicht uber zwei stierlein behalten”  heißt es im Grimmschen Wörterbuch.
Dieser Sachverhalt erklärt vielleicht die Weiblichkeit von lat. victima. Bevorzugt als Tieropfer - weil eben das größere Opfer - waren die weiblichen Exemplare der Gattung.

Der Opferbegriff spaltet sich auf ins Heroische auf der einen und Schreckliche auf der anderen Seite. Wenn ich mich selbst opfere, bin ich eine Heldin, wenn ich andere gegen ihren Willen opfere, mache ich mich schuldig, mache ich sie zum Opfer, viktimisiere ich sie.

Eine Möglichkeit, das eigene Leben zum Opfer zu bringen ist, es einem “höheren Zweck” zu weihen, z. B. der katholischen Kirche (“Priesterweihe”). Priester und Nonnen weihen ihr Leben der Kirche, sind Opfernde und Opfer zugleich, und während sie als Opfernde heroisch sein mögen, vergehen sie sich an sich selbst, indem sie sich einer überholten und moralisch fragwürdigen Institution “weihen”, d.h. ausliefern.

Die Wörter “Weihe” und “victima” gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel *wig zurück. Von hier zu der bekannten verhängnisvollen Karriere des Opfers, das zum Täter wird, ist es nur ein kleiner Schritt. Die männlichen zu Tätern mutierten Opfer vergehen sich eher an anderen, die weiblichen eher an sich selbst. Aber auch Frauen sind zu allem fähig, wie die Geschichte der irischen Magdalen Asylums für “gefallene Mädchen”gezeigt hat, über die Peter Mullan den erschütternden Film “Die unbarmherzigen Schwestern” (2002) gedreht hat.

Aber schuld, so scheint mir, ist die schädliche Idee des Opfers selbst, insbesondere die Idee des heroischen Selbstopfers. Sie bedarf im Zeitalter der Selbstmordattentäter und Missbrauchspriester einer gründlichen Revision.

 


# | Luise F. Pusch am 14.03.2010 um 11:23 PM • Permalink

08.03.2010

Opfer und Täter

Zum Weltfrauentag am 8. März und zur Erinnerung an die Opfer von Tim K., Winnenden (11. März)

In letzter Zeit reden wieder alle vom “sexuellen Missbrauch”. Feministinnen kämpfen seit bald 40 Jahren gegen diese unsägliche Formulierung. Sie impliziert, dass es neben dem sexuellen Missbrauch auch noch einen richtigen/akzeptablen sexuellen Gebrauch von Mädchen und Knaben gebe, so wie es neben dem Alkohol- oder Tablettenmissbrauch auch einen korrekten Gebrauch von Tabletten oder Alkohol gibt. Unerträglich ist auch die Implikation, dass die Missbrauchsopfer ein Genussmittel seien, wie Alkohol oder Nikotin.

Trotzdem handelt es sich bei dem sogenannten sexuellen Missbrauch eindeutig um Missbrauch, und zwar um Macht- oder Amtsmissbrauch - bei den Priestern um beides. Wir sollten ab sofort sagen, die Kinder sind Opfer sexuellen Machtmissbrauchs.

Denn der Machtmissbrauch in unserer Gesellschaft ist ja das zutiefst Alarmierende an all den Missbrauchsfällen, die jetzt ruchbar werden - eine katholische oder sonstige sogenannte Eliteschule oder Elite-Institution nach der anderen. Das Schlimme ist, dass diejenigen, denen wir vertraut und Macht über andere anvertraut haben, diese Macht gegen die Anvertrauten und ihnen Ausgelieferten skrupellos missbrauchen, und das jahre- und jahrzehntelang.

Die Fundamente unserer Gesellschaftsordnung sind bei Machtmissbrauch bedroht. Wenn die Politik, die Polizei, das Heer oder die Justiz vom organisierten Verbrechen unterwandert sind, herrscht höchste Gefahr. Wenn die Familien und die Schulen vom sexuellen Machtmissbrauch der Väter und der Lehrer durchseucht sind, sind die “Keimzellen des Staates” befallen.
•••••••••••••••
In meiner letzten Glosse habe ich die Opfer der Missbrauchs-Priester mit Bedacht als Jugendliche bezeichnet und nicht von Jungen oder Knaben gesprochen. Meine Wortwahl geht zurück auf eine öffentliche Debatte in Boston vor etwa 10 Jahren, als dort die Skandale um die Missbrauchs-Priester und ihre Missbrauchs-Oberen, die sie jahrelang gedeckt hatten, aufbrachen.

Bostoner Feministinnen machten sich Gedanken darüber und beschwerten sich lautstark, dass mit einem Mal das Thema Missbrauch so viel Medien-Aufmerksamkeit bekam, weil jetzt die katholische Kirche involviert war, weil auch oder sogar vorwiegend Knaben die Opfer waren und es somit um das Thema Homosexualität ging - viel geiler als der stinknormale “Missbrauch von Mädchen”, das ist ja bloß zum Gähnen, lockt keinen mehr hinterm Ofen hervor. Aber das brisante Gemisch katholische Kirche, Knaben als Opfer und Schwulitäten war neu und trieb die Auflagenziffern und die Einschaltquoten in die Höhe.

Die Bostoner Feministinnen wehrten sich gegen die Einstellung, dass “Missbrauch von Mädchen” etwas Gewöhnliches und “Missbrauch von Knaben” etwas besonders Schändliches sei - etwas, was für Knaben sozusagen schlimmer ist als für Mädchen, denn Mädchen sind ja irgendwie dafür da, missbraucht zu werden, gell?

Aus diesem Grunde also sprach ich bewusst von Jugendlichen, um nicht die weiblichen Opfer des sexuellen Machtmissbrauchs der Priester als “business as usual, nichts weiter Besonderes” außen vor zu lassen.

Nun ermahnt mich der Leser Oliver:

Eine Frage ist, ob man hier betonen sollte, dass möglicherweise mehr Jungen als Mädchen zu den Opfern gehören. Wir sollten es auch betonen, wenn mehr Mädchen als Jungen missbraucht werden - oder getötet, etwa von einem Attentäter. Allerdings kenne ich keine Zahlen - und wäre an solchen interessiert.

Da klingt der Frauenmord des Tim K. in Winnenden an, dessen Stoßrichtung sprachlich fast überall zu einem Mord an “Schülern” verunklart wurde. Ja, an Zahlen wäre ich auch interessiert - aber da ist bekanntlich die Dunkelziffer. Leserin Anne hat recherchiert, dass von den Opfern sexuellen Machtmissbrauchs zwei Drittel weiblich sind - das wird bei dem von Priestern verübten sexuellen Machtmissbrauch nicht anders sein.

Es ist verständlich, dass Oliver sich als Mann für die Unterscheidung zwischen weiblichen und männlichen Opfern einsetzt. Für Frauen primär interessant ist allerdings nicht so sehr, was Männer Männern und Knaben antun, sondern was sie Frauen und Mädchen antun. Was Männer untereinander an Schandtaten anrichten, sollen sie vielleicht zunächst mal untereinander klären. Wir Frauen haben mehr als genug mit den Verbrechen der Männer gegen Frauen und Mädchen zu tun.

Womit ich bei der Überschrift ”Opfer und Täter” angekommen bin. Die Überschrift ist mehrdeutig - ohne Artikel wissen wir nicht, ob “Die Täter und die Opfer” gemeint sind oder “Das Opfer und der Täter”. Was aber klar ist, ist die Männlichkeit des Täters oder der Täter.

Frauen und Männer gemeinsam müssen sich um die Gewalttätigkeit der Männer und ihren Machtmissbrauch Sorgen machen. Auch und gerade im Gesamtbereich Pädagogik. Etwa so alt wie das Geschrei über den sexuellen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche ist das Gewinsel der Männer über die männlichen Bildungsverlierer, die angeblichen Opfer der angeblichen weiblichen Übermacht in den Schulen.

Angesichts des sexuellen Machtmissbrauchs der Männer vor allem in Bildungseinrichtungen, der sich, wie jetzt zur allgemeinen Empörung bekanntgeworden, nicht nur gegen Mädchen richtet, wird das Gewinsel hoffentlich abebben. Die Opfer mögen beiderlei Geschlechts sein - die Täter aber sind männlich, von seltenen Ausnahmen abgesehen.

Frauen haben - ebenfalls schon seit Jahrzehnten - eine Männlichkeitssteuer gefordert, für den Opferschutz und die Prävention, vor allem aber für die Behebung der enormen von Männern angerichteten Schäden. Nun da das Bewusstsein, dass Männer auch Männern schaden, allmählich an Boden gewinnt, ist die Zeit reif, das Thema Männlichkeitssteuer wieder zur Diskussion zu stellen. Eine Kopfpauschale brauchen wir nicht, eine Männerpauschale schon eher.


# | Luise F. Pusch am 08.03.2010 um 09:29 AM • Permalink

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Hedwig Dohm