20.02.2011

Literatur als Platzverweis: Die Lesbe bei Bachmann, Wohmann und Hellman

Was ist das Gegenteil von Lebenshilfe, fragte ich mich auf der Suche nach einem passenden Titel für diese Glosse. Lebensbehinderung? Vielleicht. Die Literatur aber, mit deren schädlichen Wirkungen ich mich befassen will, brachte noch etwas mehr zustande als bloße Behinderung. Sie wies mir meinen Platz zu, einen Platz außerhalb der Gesellschaft. Und so kam es denn zu dem obigen Titel. Todeshilfe wäre ein anderes passendes Antonym.

Ich weiß, wir sollen Literatur nicht als Lebenshilfe benutzen - die Kritik sagt dazu „missbrauchen“. Die meisten von uns VerbraucherInnen verbrauchen sie aber trotzdem in dieser Weise, besonders wenn wir noch jung und unfertig sind und überall nach Orientierung suchen. Explizit zu diesem Zweck der Orientierungshilfe gibt es denn auch endlos viele Bücher für die Jugend.

Als ich noch jung war, wollte ich natürlich keine Jugendliteratur lesen. Für mich kam nur was Besseres in Frage, die neuste Literatur, über die mich meine Freundin, Tochter eines Verlegers, und ihre Mutter auf dem laufenden hielten.

Kurz und gut, ich las mit 17 Jahren Ingeborg Bachmanns soeben gedruckte Geschichte „Ein Schritt nach Gomorrha“*, in der die verheiratete Pianistin Charlotte sich gegen die Zudringlichkeiten der Musikstudentin Mara zur Wehr setzt. Zwar lässt sie sich von Mara küssen, aber der Kuss bringt ihr nichts, ist eben kein richtiger Kuss wie von einem Mann. Eher wie ein Katzenschnäuzchen wirkt Maras Mund auf Charlotte:

Charlotte hatte als Kind manchmal aus Überschwang ihre Katze geküßt, auf die kleine Schnauze. […] eine fremde Gegend für Küsse. So ähnlich feucht, zart, ungewohnt waren die Lippen des Mädchens. An die Katze musste Charlotte denken und die Zähne zusammenpressen. Und zugleich versuchte sie doch zu bemerken, wie diese ungewohnten Lippen sich anfühlten.
So also waren ihre eigenen Lippen, so ähnlich begegneten sie einem Mann, schmal, fast widerstandslos, fast ohne Muskel – eine kleine Schnauze, nicht ernst zu nehmen.

Ich las die Geschichte, eine der ganz wenigen in der damaligen Literatur, die sich überhaupt mit Lesben „abgibt“, mit roten Ohren und wurde zutiefst enttäuscht. Die allseits (auch von mir) verehrte Dichterin Ingeborg Bachmann hielt also gar nichts von „Lesbierinnen“, wie wir damals genannt wurden. Lesben waren abartige Personen, und wenn eine „normale Frau“ so eine und ihren fehlgeleiteten Liebesdrang mal gewähren ließ, ja dann hatte sie nichtmal was davon. Nur ein kätzchenhaftes, nichtiges Gestubse.

Ich hatte damals noch nie „richtig“ geküßt, deswegen hatte ich keine Vergleichsmöglichkeit, ob mein Kuss auch „nicht ernst zu nehmen“ sein würde.

Ich ließ mich nicht völlig entmutigen, aber es dauerte noch drei Jahre, bis ich endlich feststellen konnte, dass Bachmanns Urteil jedenfalls für mich nicht zutraf.

Bachmann, die später zur Ikone der Frauenbewegung wurde, blieb mir wegen dieses frühen und verherrenden Leseeindrucks immer etwas suspekt. Ja wenn sie das nur gewusst hätte - hätte sie bestimmt was Bekömmlicheres über mich und meinesgleichen geschrieben. (Normalerweise deklariere ich meine Scherze nicht, aber hier ist es vielleicht nötig? Also: Der letzte Satz ist ironisch gemeint.)

Obwohl bekümmert und verstimmt, war ich Bachmann damals aber trotzdem dankbar, dass sie das Thema überhaupt aufgriff und es ziemlich ernsthaft, wenn auch herablassend, behandelte. Denn üblicherweise kam die Lesbe während meiner Jugend in den 50er und 60er Jahren in der Literatur nicht vor, und wenn doch einmal, wurde sie verspottet.

Beißenden Spott hatte Gabriele Wohmann, gerade mal 12 Jahre älter als ich, für Lesben auf Lager. 1957, mit 25 Jahren, veröffentlichte sie die Erzählung „Eine großartige Eroberung“. Sie handelt von dem Frauenpaar Tilli und Pullmann und beginnt so:

Mathilde war emanzipiert und weiblich. Pullmann war emanzipiert und unter einem starken Busen männlich. […] In ihrem starken weiblichen Körper steckte der Mann, der in Tillis mageren Leib nicht einziehen sollte.
[…] (Tilli) liebte Pullmann, redete sich ein, diese sei nicht bloß Ersatz.

Tilli und Pullmann fahren nach Italien; dort beginnt ein Gigolo Tilli nachzustellen. Um ihm zu entkommen, reist frau weiter nach Süden, aber er reist ihnen nach. Fast möchte Tilli seiner schmierigen Werbung nachgeben, ringt sich aber mühsam zur Treue durch. Stolz auf ihren Sieg über „die schläfrige Ekstase der Nacht“, die sie nun nicht mehr „ansteckt“, besorgt sie eine Schüssel Eiskrem, um sich und Pullmann damit zu verwöhnen. Als sie ins Hotel zurückkehrt, ertappt sie Pullmann, „schwanzlos wie sie, verschrullt wie sie, aber anders“, in einer Umarmung mit dem „glutäugigen Gauner“. Sie geht in ihr Zimmer zurück, setzt sich auf ihr Bett und stellt „das kühle Porzellan zwischen ihre auseinandergespreizten Schenkel. Langsam beknabbert sie die eine Waffel, Pullmanns Waffel.“

Ende der Geschichte. Die Sexualsymbolik braucht wohl nicht weiter kommentiert zu werden. Zwar bringen hier die „verschrullten, schwanzlosen“ Lesben eine Art Ehe mit Mann-Frau-Gefälle zustande, verfallen aber letztlich beide einem „richtigen“ Partner, und sei er auch nur ein „schmieriger Don Juan“.

Diese Geschichte habe ich zum Glück nicht als Dreizehnjährige gelesen, sondern erst vor ein paar Wochen. Aber die Botschaft des Textes, dass Lesben „verschrullt“ sind, hatte ich sowieso schon mitbekommen, dank vielfältiger Botschaften meiner Umgebung. Ja ich wußte sogar schon ziemlich gut, dass solche wie ich schlimmer als Verbrecher waren und besser nicht existieren sollten.

1958 - ich war 14 - kam der Film „Mädchen in Uniform“ mit Romy Schneider und Lilli Palmer in die Kinos, ein Remake des gleichnamigen Films von 1931 nach dem Stück von Christa Winsloe - von dem ich natürlich noch nie gehört hatte. Das Thema „Schülerin schwärmt für Lehrerin“ sprach mir aus der Seele, war ich doch im richtigen Leben auch gerade damit beschäftigt. Romy will nicht mehr leben, weil sie Lilli Palmer, die Lehrerin, nicht lieben darf, wird aber gerettet. Keine aufbauende Botschaft für das heranwachsende Lesbengemüt, aber wenigstens sah ich hier meine Gefühle ernst und tragisch gespiegelt. Ich liebte den Film und habe ihn immer wieder angesehen.

Damit komme ich zum eigentlichen Anlass dieser Glosse. Dieser Tage sendet das Fernsehen mehrfach** den alten William-Wyler-Film „Infam“ (1961, dt. 1962) nach einem Broadwaystück von Lillian Hellman aus dem Jahre 1934. Meine Freundin Eva leitete dazu eine Mail ihrer Freundin Christina an mich weiter:

Liebe Frauen,
am übernächsten Sonntag sendet arte den Spielfilm “Infam” mit Shirley MacLaine und Audrey Hepburn.
Die beiden sind Lehrerinnen und werden verdächtigt lesbisch zu sein…
Den Film sah ich, als ich 16 war, er hat mich ziemlich aus der Bahn gehauen.

Und Eva kommentierte: „Mich hat er auch aus der Bahn gehauen! Ich habe ihn damals dreimal gesehen.“

Eine der beiden Heldinnen von „Infam“, gespielt von Shirley MacLaine, erhängt sich, weil sie möglicherweise zu viel für ihre Freundin und Kollegin empfindet, was ihr allerdings selbst erst klargeworden ist durch die böswillige Anschuldigung einer Schülerin, die beiden Lehrerinnen hätten was miteinander.

Als ich den Film sah, war ich 18 und wußte, wie gesagt, inzwischen schon bescheid, dass es eine todeswürdige Untat kosmischen Ausmaßes für eine Frau ist, wenn sie statt eines Mannes eine Frau liebt. Wir alle, die „Infam“-Konsumentinnen von anno dunnemals, sind inzwischen um die siebzig, aber die Schläge haben anscheinend gesessen und uns dermaßen umgehauen, dass wir uns bis heute daran erinnern. Klarer Fall von PTSD (posttraumatisches Stress-Syndrom).

Schon der Anflug eines Gefühls wurde in den damaligen Kulturerzeugnissen, besonders im Film, gern mit dem Tode bestraft. Insofern dürfen wir Wohmann und Bachmann vielleicht sogar noch dankbar sein. Anders als ihre Vorgängerinnen Winsloe und Hellman aus den dreißiger Jahren schickten sie die Lesben nicht in ihren - wenn auch anklagend als tragisch geschilderten - Tod. Wohmanns und Bachmanns Lesben traten mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf den Plan, wurden aber von den Autorinnen als befremdlich bis lächerlich vorgeführt.

Kurz und gut, das Thema Liebe zwischen Frauen war eigentlich verboten, tabu. Wollte frau es dennoch behandeln, so ging das nur, wenn es lächerlich gemacht oder mit dem Tode bestraft wurde. Damit die Frauen nicht auf dumme Gedanken kämen und wüssten, wie sie sich zu benehmen haben.

Ich habe es überlebt. Aber meine Partnerin beging 1976 Selbstmord. Ich schrieb ein Buch über unsere zehn Jahre verzweifelten Widerstands im Versteck*** - und bekam den Vorwurf: „Schon wieder eine Lesbengeschichte, die mit Selbstmord endet.“ Drehen wir uns ewig im Kreise?

Nein, denn da ist schon ein Unterschied: Erstens haben Sonja und ich als Lesben GELEBT und nicht nur von der Liebe geträumt, zweitens sind wir keine Witzfiguren, drittens wäre das Buch nie geschrieben worden und hätte auch keinen Verlag gefunden, wenn nicht inzwischen die Frauenbewegung mit Macht altes lesbophobisches Denken “umgehauen” hätte.

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*aus dem Erzählungsband Das dreißigste Jahr, 1961.
** z.B. am 22.2. um 14:45h und am 2.3. um 1:45h auf arte
***Sonja - Eine Melancholie für Fortgeschrittene, 1981

 


# | Luise F. Pusch am 20.02.2011 um 10:57 PM • 0 TrackbacksPermalink

15.02.2011

Mubarak, Guy Deutscher und die Maskulinguistik - ein Vergleich

Als wir am Donnerstagabend Mubaraks Rede an das ägyptische Volk hörten, die seine letzte sein sollte, dachten wir nur „out of touch“ - der Mann hat jeglichen Kontakt mir der Wirklichkeit Ägyptens verloren. 20 Stunden später war er weg vom Fenster, und die unerträgliche Anspannung auf dem Tahrir-Platz explodierte in Jubel.

Wie lange noch, so fragte ich mich auch bei der Lektüre des Buches Im Spiegel der Sprache: Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht, wie lange noch kann die Maskulinguistik es sich leisten, dermaßen „out of touch“ zu sein wie der Verfasser Guy Deutscher? Seit 30 Jahren (wie Mubarak) ignoriert sie geflissentlich die Forschungsergebnisse und sprachpolitischen Forderungen der feministischen Linguistik. Sie hat es nicht nötig, meint die Maskulinguistik, sich um die Frauen zu kümmern, die von unseren europäischen Männersprachen systematisch ausgemerzt werden: 99 Sängerinnen und ein Sänger sind auf Deutsch zusammen 100 Sänger. Die 99 Sängerinnen sind verschwunden unter einem männlichen Etikett und können selbst zusehen, wo sie geblieben sind. In anderen Genussprachen geht es ihnen genau so.

Die Frau ist offenbar nicht der Rede wert. Sie muss eine beständige Beschädigung ihrer Würde und ihrer Identität hinnehmen, aber das kümmert Herrn Deutscher nicht die Bohne.

Ich hatte mir das Buch mit dem vielversprechenden Titel zu Weihnachten gewünscht, weil ich erwartete, mit seiner Hilfe auf den neusten Stand der Diskussion über die Sapir-Whorf-Hypothese gebracht zu werden, die in etwa besagt, dass das Denken der Menschen durch die Struktur ihrer Sprachen beeinflusst wird.

Diese Hypothese ist in zwei Varianten in Umlauf. In der ursprünglichen Variante besagt sie, dass die Menschen durch ihre Muttersprachen quasi vorprogrammiert sind zu bestimmten Denkweisen und Vorstellungen. In der gemäßigten Variante besagt sie, dass den Menschen durch ihre Sprachen bestimmte Denkweisen nahegelegt werden, die sie allerdings durch Reflexion, Kontakt mit anderen Sprachen oder auch durch sprachpolitische Maßnahmen ablegen / überwinden können. Dies ist die Variante, die ich für plausibel halte, und Guy Deutscher auch.

Die gemäßigte Form der Whorfschen Hypothese ist für die feministische Linguistik von großer Bedeutung. Feministische Linguistinnen meinen, dass Formulierungen wie „Wer wird Millionär?“, „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“, „Wer wird der nächste Bundespräsident?“ „Tausende von Demonstranten auf dem Tahrir-Platz“ den Gedanken an Frauen nicht eben nahelegen. Obwohl uns doch immer versichert wird: Das Maskulinum ist geschlechtsneutral und schließt Frauen ein.

Feministische Linguistinnen haben diese Problematik in zahllosen Werken wissenschaftlich analysiert*, sie haben in Universitätsseminaren rund um den Globus Studierende darüber aufgeklärt, auf Kongressen Gegenstrategien erörtert, die von der feministischen Sprachpolitik in die Öffentlichkeit getragen wurden, von feministischen Politikerinnen zusammen mit Frauenbeauftragen in Richtlinien und Erlasse umgesetzt wurden undsoweiter. Wir können feststellen: Das Maskulinum ist dank dieses Einsatzes nicht mehr das, was es einmal war.

Nun - von dieser Debatte, die seit drei Jahrzehnten in ganz Europa tobt und die beispielsweise Anfang 2009 dazu führte, dass der US-amerikanische Kongress sämtliche offiziellen Texte penibelst in wirklich geschlechtsneutrale Formulierungen umschreiben ließ - von dieser Debatte hat Guy Deutscher anscheinend noch nie etwas gehört. Jedenfalls kommt das Thema in seinem Buch nicht vor, nicht einmal in dem 25 Seiten langen, neckisch betitelten Kapitel „Sex und Syntax“, in dem er sich mit dem Einfluss des Genus auf die Vorstellungen der Menschen befasst. Ich muss sagen, ich war vollkommen platt. Das hätte ich denn doch nicht erwartet von einem Linguisten, der uns darüber unterrichten will, wie die Grammatik unser Denken beeinflusst. Denn für dieses Thema gibt es keinen gesellschaftspolitisch relevanteren und aussagekräftigeren, kurz keinen wichtigeren Gegenstand als den, den die feministische Linguistik seit Jahrzehnten bearbeitet: den perfiden Einfluss des als “geschlechtsneutral” verkauften Maskulinums auf unser Denken über Frauen - und Männer.

Statt sich auf den zentralen Gegenstand zum Thema zu stürzen, ignoriert Deutscher ihn und beschäftigt sich lieber mit Mätzchen wie dem, dass „das Bett“ in seiner Muttersprache Hebräisch ein Femininum ist und er deshalb einfach nicht anders kann, als sich sein Bett als weiblich vorzustellen, und das mit Genuss. Oder er wärmt die alte Geschichte von den Übersetzungen des Heineschen Gedichtes über die Sehnsucht des nördlichen Fichtenbaums nach der südlichen Palme wieder auf. (Vgl. dazu auch meine Glosse “Meine Freundin, die Baum”.)

Wie lässt sich das kolossale Ausmaß seines Sexismus durch Weglassen (sexism by omission) in etwa anschaulich machen? Vielleicht so: Stellen Sie sich ein Buch über die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert vor - aber die DDR käme darin gar nicht vor. Was für ein Hohn, würden wir sagen - wie kommt denn so was überhaupt in die Buchläden? Ja, das frage ich mich auch. Es muss von einem Wessi sein, der völlig out of touch ist vor Überheblichkeit.

Guy Deutscher - völlig out of touch vor maskulinguistischer Arroganz.

„Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher.“ Dieser Satz wurde inzwischen auf Betreiben der feministischen Linguistik aus unseren Personalausweisen getilgt. Heute heißt es dort „Unterschrift der Inhaberin / des Inhabers“. Wie frau sieht, können wir sehr gut ohne „Deutscher“ auskommen. Deutscher ist einfach zu sexistisch und nicht mehr zeitgemäß.

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*Einen umfassenden Überblick über Theorie, Praxis und Erfolge der feministischen Linguistik bringen Hadumod Bußmann und Marlis Hellinger in ihrem dreibändigen Standardwerk Gender Across Languages: The Linguistic Representation of Women and Men. Amsterdam; Philadelphia 2001-2003. Benjamins. Das Werk, in dem u.a. dokumentiert wird, wie sehr die feministische Sprachkritik 30 verschiedene Sprachen in den letzten 30-40 Jahren beeinflusst hat, ist in Deutschers Bibliographie nicht verzeichnet, genau so wenig wie meine sechs Bücher zum Thema (1984-2011).


# | Luise F. Pusch am 15.02.2011 um 12:36 AM • Permalink

also available in English

06.02.2011

Demikratiebewegung: In Ägypten revoltieren junge Männer gegen alte Männer.

Vorbemerkung:
6 Stunden nachdem ich diesen Text ins Netz gestellt hatte, machte mich Sarah Horsley auf eine 2stündige Videosendung auf der Webseite “Democracy Now” aufmerksam. Etwa nach der 90. Minute wird ein außerordentliches Video abgespielt, das am 18. Januar von einer jungen Ägypterin, Asmaa Mahfouz, auf Facebook veröffentlicht wurde. Darin ruft sie alle Ägypterinnen und Ägypter auf, am 25. Januar zum Tahrir-Platz in Kairo zu kommen und für ihre Rechte zu demonstrieren. Amy Goodman von “Democracy Now” sagt, dies Video werde allgemein als Auslöser der ägyptischen Revolution angesehen, nachdem es sich wie ein Lauffeuer in Ägypten verbreitet hätte. Viele, die am 25. Januar auf den Tahrir-Platz gingen, taten es wegen Asmaa Mahfouz’ Aufruf zur Revolution.
Ob Asmaa Mahfouz/Machfus mit Nagib Machfus, dem ägyptischen Literaturnobelpreisträger von 1988, verwandt ist?

Hier geht es zu Asmaa Mahfouz’ Aufruf. Er beginnt, wie gesagt, etwa bei der 90. Minute.
Warum habe ich in den Malestream-Medien bis heute nichts von ihr gehört?

Hier noch ein Interview mit der bekannten Journalistin Mona Eltahawy über die Rolle der Ägypterinnen im Widerstand gegen das Regime.

Und hier gibt es 128 Fotos von Frauen der ägyptischen Revolution, “die in den ersten Tagen übersehen/versteckt wurden von/vor den Augen der Weltöffentlichkeit!”

Hier ein offener Brief von Helke Sander an die deutschen Medien: Mehr Infos über ÄgypterINNEN, bitte! Bitte unterstützen und weit verbreiten!

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Ein Bild aus der New York Times mit der Unterschrift „Hundreds of Thousands of people packed Tahrir Square on Friday.“

Frauenbild

Besteht „das ägyptische Volk“ nur aus Männern? Frauen sehe ich unter diesen Hunderttausenden „people = Leuten/Menschen“ nicht eine einzige. Auch auf den vielen anderen Bildern, die uns erreichen, sehen wir keine Frauen, oder nur ganz wenige. Aber alle Welt spricht von einem Aufstand, einer Revolution des ägyptischen Volkes und von einer Demokratiebewegung. Was für ein Etikettenschwindel. Demos (griech.) heißt “das Volk”. Womit wir es hier zu tun haben, ist höchstens eine Demikratiebewegung (von frz. demi “halb”)

Treibende Kraft der Unruhen sind junge Männer, hören wir. Männer, die keine Arbeit haben und keine Aussichten, ein lebenswertes Leben zu führen. Wenn nicht alle Mädchen abgetrieben oder umgebracht worden sind, müsste diese Aussage auf genau so viele junge Frauen zutreffen: Arbeitslos und ohne Chancen. Warum gehen die nicht auf die Straße? Die Männer, die wir in den westlichen Medien zu sehen bekommen, wurden von Frauen geboren, die ihrerseits auch Mädchen geboren haben. Wo sind all diese Frauen und Mädchen?

Das Erschütterndste aber ist, dass das eklatante Fehlen der Frauen fast niemals in den westlichen Nonstop-Berichten über die Unruhen in Ägypten thematisiert wird. Ähnlich wie ja den meisten Menschen im Westen das eklatante Fehlen der Frauen in fast allen Machtpositionen auch kaum auffällt.

Die eine Ausnahme ist, wieder mal, Alice Schwarzer. Sie macht den Mund auf und warnt, wie immer, vor blauäugiger westlicher Revolutionsseligkeit. Sie erinnert an den Iran: wie damals vor 32 Jahren auch ein verhasster Diktator vom Volk gestürzt wurde, und wie danach die Islamisten ihren hundertmal schrecklicheren Gottesstaat errichteten. Haben wir Marjane Satrapis Film „Persepolis“ alle schon wieder vergessen, der genau diese Pervertierung der iranischen Revolution zum Thema hat?

Schwarzer erinnert daran, dass die Gefahr auch jetzt wieder besteht - und verurteilt die Einäugigkeit der westlichen Berichterstattung, die von “Demokratiebewegung” spricht, obwohl die Hälfte des Volkes ihr fernbleibt oder ferngehalten wird. Aber der Etikettenschwindel hat ja Tradition. Im alten Griechenland, gern “Wiege der Demokratie” genannt, durften nur wenige privilegierte Männer wählen. Die Schweiz, die erst 1971 das Frauenwahlrecht einführte, gilt bei uns als “Mutterland der Demokratie”.

Es heißt, dass die ägyptische Frau in der Öffentlichkeit unerträglichen sexuellen Belästigungen ausgesetzt ist. Vergessen wir auch nicht: Ägypterinnen sind fast zu hundert Prozent Opfer von Genitalverstümmelung. (Quelle: Wikipedia)

An der französischen Revolution von 1789 und der „friedlichen“ Revolution im Ostblock 200 Jahre später waren Frauen in gleicher Weise beteiligt wie Männer. Nach dem Erfolg dieser Revolutionen wurden die Frauen zwar an den Rand gedrängt mit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und in “Expertenrunden”, in denen ausschließlich Männer saßen - aber immerhin haben wir jetzt eine Kanzlerin aus ebendiesem ehemaligen Ostblock.

Bei der ägyptischen Demikratiebewegung hingegen sind Frauen von vornherein kaum auszumachen - wenn die Revolution erfolgreich ist, werden sie vielleicht ganz hinter den Mauern des Privatlebens verschwinden.

Die Muslim-Bruderschaft weckt mit ihrem Namen auch wenig Vertrauen. Das Militär ist eine weitere Kraft, mit der zu rechnen ist. Gibt es da Frauen? Gesehen hab ich keine.

Trotzdem: Nehmen wir uns ein Beispiel an dem Aufstand der jungen Männer in Ägypten. Wenn die den alten Mubarak stürzen können, indem ein bis zwei Millionen demonstrieren gehen - was könnten Abermillionen von Frauen weltweit nicht alles erreichen, wenn sie mal überall, auf allen Straßen der Welt, für ihre Rechte demonstrieren würden!

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Nachtrag am 9. März 2011:
Ägyptische Frauen wollten zum Weltfrauentag für ihre Rechte demonstrieren und wurden von ihren Landsmännern brutal daran gehindert. Freiheit soll es wohl vorerst nur für Männer geben. Ein Bericht der neuseeländischen Journalistin Glen Johnson, die dabei war:

http://mondediplo.com/blogs/tahrir-square-8th-march-not-a-good-day-for-women


# | Luise F. Pusch am 06.02.2011 um 03:49 PM • Permalink

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Hedwig Dohm