28.05.2011

Der Büchnerpreis der Deutschen Akademie für Männersprache und Männerdichtung

Schreiben Männer hierzulande wirklich neunmal besser als Frauen? In England samt ehemaligen Kolonien schreiben sie anscheinend nur doppelt so gut wie Frauen: Sie bekamen seit 1969 “nur” doppelt so häufig den Man Booker Preis (15:30). In den USA schreiben Männer seit Bestehen des Pulitzerpreises für Fiction (1948) nur knapp zweieinhalbmal besser als Frauen (17:41). In Frankreich seit Bestehen des Prix Goncourt (1903) dafür sogar elfmal besser (9:99). Ob das an der Gleichsetzung von “égalité” mit “fraternité” liegt? Wie auch immer, Französinnen haben es in Sachen männlicher Anmaßung nicht nur mit DSK zu tun.

Dieser Tage lasen wir in der Presse, dass der Büchnerpreis - wichtigster Preis für deutschsprachige Literatur - an F. C. Delius geht. Freut mich für ihn, ich mag ihn schon seines Namens wegen, war meine ehrwürdige Urgroßmutter doch eine Delius aus Bielefeld. Aber eigentlich war ja Ilse Aichinger endlich mal dran, schließlich wird sie im November 90, allzu viel Zeit bleibt da nicht mehr. Ihr Mann, Günter Eich, bekam den Preis schon vor 52 Jahren, 1959, mit 52 Jahren. Also nun mal los, meine Herren, worauf warten Sie denn noch? Delius ist erst 68, er schätzt Aichingers Werk und hätte ihr bestimmt gern den Vortritt gelassen.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die den Preis jährlich vergibt, lässt in den Jurys kaum mal eine Frau zu (überzeugen Sie sich selbst) und hat infolgedessen in den vergangenen 60 Jahren kaum mal eine Frau ausgezeichnet. Nur sieben an der Zahl fand sie des Büchnerpreises würdig:

1955 Marie Luise Kaschnitz mit 54

folgen 9 Jahre Männerpreise

1964 Ingeborg Bachmann mit 38

folgen 16 Jahre Männerpreise

1980 Christa Wolf mit 51

folgen 16 Jahre Männerpreise

Mitte der neunziger Jahre scheint die Frauenbewegung auch in der Darmstadter Akademie angekommen zu sein (ähnlich wie seit 1991 in der Stockholmer Nobel-Akademie, die zwischen 1991 und 2009 genau so viele Frauen auszeichnete wie in den 90 Jahren davor, nämlich sechs, macht zusammen zwölf). 1996 erhält Sarah Kirsch den Büchnerpreis mit 61 Jahren, und von da an werden die Pausen kürzer:

1998 Elfriede Jelinek mit 52
2001 Friederike Mayröcker mit 77; ihr Gefährte Ernst Jandl bekam den Preis schon 17 Jahre vor ihr mit 59 Jahren.
2005 Brigitte Kronauer mit 65.

Aber nun scheint es nach dem kurzen Frauenfrühling schon wieder männlich-herbstlich zu werden. Seit 2005 kein einziger Büchnerpreis mehr für eine Frau, nichtmal an Nobelpreisträgerin Herta Müller! Böswillig verpasst hat die Akademie auch Hilde Domin; sie starb 2006 mit 96 Jahren, da wäre vorher ja wohl genug Zeit gewesen.

Die beiden neben Kafka berühmtesten deutschsprachigen Schriftsteller, Thomas Mann und Bert Brecht, bekamen den Büchnerpreis nicht. Sie starben vielleicht zu früh; die „geistige Führungsschicht“ Deutschlands schmollte in den fünfziger Jahren noch gegen die Emigranten. Aber die drei männlichen deutschsprachigen Nachkriegs-Nobelpreisträger für Literatur, Böll, Canetti und Grass, sind selbstverständlich auch Büchnerpreisträger. Von den drei Nobelpreisträgerinnen, Nelly Sachs, Elfriede Jelinek und Herta Müller, bekam nur Jelinek den Büchnerpreis.

Drewitz und (unverzeihlich!) Haushofer haben sie verpasst, desgleichen Fleißer und Reinig. Das ist nicht schön von ihnen. Sie könnten einen Teil der Schande abwaschen, indem sie Ilse Aichinger und Gabriele Wohmann ehren, solange sie noch unter uns sind. Wohmann wird nächstes Jahr 80 und hätte den Preis längst bekommen müssen. Gebürtige Darmstädterin, Mitglied der Akademie und wohnhaft in Darmstadt, muss sie Jahr um Jahr erdulden, dass der Preis vor ihren Augen an andere verliehen wird. Frau darf gespannt sein und sollte die Akademie schon mal vorsorglich mit Pro-Wohmann- und Pro-Aichinger-Emails eindecken (.(Javascript muss aktiviert sein, um diese Mail-Adresse zu sehen)), mit Spruchbändern vor der Akademie aufmarschieren und in Sprechchören skandieren: „Wir wollen Aichinger, wir wollen Wohmann, wir wollen Frauen!”

Der Büchnerpreis ist die Eintrittskarte für ein besseres Schriftstellerleben: Weitere lukrative Preise, höhere Auflagen, mehr Einladungen zu Lesungen mit höheren Honoraren, Gastprofessuren, Auslandsstipendien, undsoweiter. Schriftstellerinnen gebührt auch ein Stück von diesem Kuchen, und zwar genau jene Hälfte, die die Männer bisher brüderlich unter sich aufteilten. Leserinnen und Leser würden auch profitieren von einer weniger männerlastigen Literaturlandschaft.

Da unser angesehenster und höchstdotierter Literaturpreis ein Männerpreis ist, obwohl er zur Hälfte von weiblichen Steuergeldern finanziert wird, sollten wir nicht nur eine geschlechtergerechte Besetzung der Jury, sondern überdies die Preisvergabe nach dem Reißverschlussprinzip fordern. Rückwirkend! Bei insgesamt bisher 60 verliehenen Preisen hätten 30 an Frauen gehen müssen, es waren aber nur 7, die restlichen 53 gingen an Männer. Fehlen also noch 46 Frauen, bevor wieder ein Mann dran ist. Zunächst mal kommen Ilse Aichinger, Ruth Rehmann, Angelika Schrobsdorff und Gabriele Wohmann, dann Herta Müller, Monika Maron, Ulla Hahn, Marlene Streeruwitz, Julia Franck, Waltraud Anna Mitgutsch, Kathrin Schmidt, Terézia Mora, Katja Lange-Müller, Birgit Vanderbeke, Sigrid Damm. Postume Preise sollten gehen an die ErbInnen von Nelly Sachs, Irmgard Keun, Marieluise Fleißer, Ingeborg Drewitz, Brigitte Reimann, Maxie Wander, Irmtraud Morgner, Anja Lundholm, Caroline Muhr, Christa Reinig, Marlen Haushofer, Christine Lavant, Christine Busta, Angelika Mechtel, Libuse Monikova. Undsoweiter, wir kriegen die Liste im Handumdrehen voll.


# | Luise F. Pusch am 28.05.2011 um 07:27 PM • Permalink

20.05.2011

Meiler und Keiler abschalten: Fukushima, DSK und was zu tun ist

Es hört und hört nicht auf. Zuerst kam Osama Bin Pornoladen, dann der Fall DSK und die Hotelangestellte, dann Schwarzenegger und die Hausangestellte. Die „großen Männer“ dieser Welt, ob islamisch, jüdisch oder christlich, ob aus der Welt des Terrors, der Politik, der Finanzen oder des Show-Biz - leiden offenbar an derselben Störung wie der sprichwörtliche kleine Mann: Penile Inkontinenz. Mann kann das Sperma nicht halten und das Ding nicht in der Hose lassen.

In den USA beschäftigt Arnies Ehebruch die Gemüter und behindert sein neues Filmprojekt, Frankreich ist in Schockstarre angesichts der Vorwürfe gegen den großen DSK, die Hoffnung der Sozialisten für die nächste Präsidentschaft. Noch zu Ostern beklagte sich meine französische Schwägerin über Ségolène Royal, die ihren Anspruch auf die Präsi-Kandidatur einfach nicht aufgeben wolle, obwohl sie gegenüber DSK chancenlos sei und ihm nur die nötigen Stimmen stehle.

Und nun hat er sich und seine Partei und deren Präsi-Hoffnungen anscheinend ganz ohne fremde Hilfe in die Pfanne gehauen. Und der IWF muss sich eine neue Chefin suchen (bitte nicht wieder einen Chef!)

Es ist zwar nicht bewiesen, dass er getan hat, was die New Yorker Hotelangestellte (infamerweise wird die 32-Jährige fast immer als „Zimmermädchen“ bezeichnet) und mit ihr die Staatsanwaltschaft und die Grand Jury ihm vorwerfen. Aber zuzutrauen ist es ihm offenbar, dafür gibt es immer mehr Anzeichen.

Kleine Ursachen, große Wirkungen. Die kleine Ursache ist das, was man auch den kleinen Unterschied nennt. A bas la petite différence!

Wenn DSK einer der mächtigsten Männer der Welt war, wie die Medien jetzt gern tönen - warum hatte er dann keine Sicherheitskräfte um sich rum, die ihn und die Hotelangestellte vor seinem kleinen Unterschied hätten beschützen können? Jetzt hat er eine Fußfessel - aber sein Fuß war doch wohl unschuldig! Was not tut, ist eher eine elektronische Penisfessel, die Frauen vor Männern und Männer vor sich selber schützt.

Mit Fukushima ist das Zeitalter der Atomenergie am Ende. Nicht sofort, aber das Umdenken hat weltweit begonnen.

Diese Woche des Triumvirats Pornoladen, DSK und Sperminator könnte und sollte das Ende der männlichen Hegemonie einläuten. Wir brauchen Stresstests nicht nur für die Meiler, sondern auch für die Keiler. Aber da gibt es ein Problem, ähnlich wie bei den Meilern: Eigentlich taugen sie alle nichts, denn sie sind eben so, gefährlich von Natur. Wie eine vor 5 Jahren von der katholischen Kirche in Auftrag gegebene 2-Millionen-Dollar-Studie soeben herausgefunden hat, lassen sich bspw. pädokriminelle Priester nicht von harmlosen Priestern unterscheiden:

Die Forscher befanden, dass es für die Kirche, oder für sonst irgendjemand, nicht möglich war, Missbrauchspriester im Voraus zu identifizieren. Missbrauchspriester haben keine besonderen „psychologischen Eigenschaften“, „Entwicklungsgeschichten“ oder Gemütskrankheiten, die sie von Priestern, die keine Kinder missbrauchten, unterschieden.
Quelle: New York Times, 18.5.2011

Mit anderen Worten: Es waren einfach „ganz normale Männer“.

Na gut. Aber wie schützen wir uns und unsere Kinder vor ihnen?

In den Medien lesen wir sensible Analysen über die Gefühlskälte und den Stress in Spitzenjobs, da könne einer schon mal ausrasten. Oder über den Narzissmus und Größenwahn, den Leute an der Spitze entwickeln, weil sie nur Speichellecker um sich haben. All diese Faktoren scheinen einen verheerenden Einfluss auf den kleinen Unterschied zu haben und nur auf ihn, denn von Frauen in Spitzenpositionen sind solche Entgleisungen nicht bekannt, die eine ganze Nation beschämen wie jetzt Frankreich oder wie damals die USA, als Bill Clinton „did not have sex with that woman!“ Ich habe Clinton nie verziehen, weil ich überzeugt bin, dass wir seinem Oral Office letztlich die acht furchtbaren Bush-Jahre verdanken. Der Jesusanhänger und „wiedergeborene“ Bush kam den US-Amerikanern damals gerade recht als totales Gegenteil von Clinton.

Kurz und gut, männliche Heterosexualität an der Spitze ist heutzutage für einen Staat ein untragbares Sicherheitsrisiko, siehe auch Berlusconi oder Israels wegen Vergewaltigung verurteilter Ex-Präsi Katzav. Galten früher Schwule als erpressbar und somit als Sicherheitsrisiko (man erinnere sich an den Fall des Generals Kiessling), so gilt dies inzwischen offenbar in weit größerem Ausmaß für männliche Heterosexuelle.

Fazit: Wir können uns Männer in verantwortungsvollen (Priester!) oder gar Spitzenpositionen einfach nicht mehr leisten. Die Gefahren, die sie mit ihrem kleinen Unterschied heraufbeschwören, sind unkalkulierbar. Wenn wir sie vom Netz nehmen, ist außerdem gewährleistet, dass nach zigtausend Jahren Männerherrschaft ausgleichende Gerechtigkeit einkehrt. Wenn die Männer von ihren Spitzenjobs entlastet sind, finden sie sicher die Zeit, eine funktionstüchtige kleine Penisfessel, elektronische Triebkontrolle oder dergleichen zu basteln.

Wenn es ihnen dann gelungen ist, ihren kleinen Unterschied zu bändigen, reden wir weiter.

(Herzlichen Dank an Joey Horsley, Helke Sander, Anne Beck, Barbara Rudolf, Karin Becker und Lila Hess für wichtige Anregungen, Diskussionen und/oder Links zu Artikeln)

 


# | Luise F. Pusch am 20.05.2011 um 04:23 PM • 1 TrackbacksPermalink

14.05.2011

Die Hebamme - der Film und das Wort

FrauenbildAm vergangenen Montag zeigte das ZDF den Film „Die Hebamme - Auf Leben und Tod“ von Dagmar Hirtz. Dass das deutsche Fernsehen überhaupt imstande ist, einen so radikal feministischen und künstlerisch so hinreißenden Film hervorzubringen, hätte ich nie für möglich gehalten. Regie, Fotografie, Drehbuch, alles stimmte. Und die SchauspielerInnen! Allen voran Brigitte Hobmeier in der Titelrolle - eine Offenbarung. Wie überhaupt dieser ganze, unglaubliche Film.

FrauenbildDagmar Hirtz wird Ende Mai 70 Jahre alt -  möge sie jetzt schnell viele Preise einheimsen und noch viele großartige Filme wie ihren jüngsten finanziert bekommen. Denn die Finanzierung ist, wie wir wissen, wie eh und je das Haupthindernis für anspruchsvolle Projekte guter Regisseurinnen (vgl. hierzu die Biografische Zwiesprache der Regisseurinnen Iris Gusner & Helke Sander, 2009).

Der Film beschreibt eine dramatische Zeit (vor zweihundert Jahren) im Leben der Tiroler Hebamme Rosa Koelbl (Brigitte Hobmeier), die mit Talent, Erfahrung, Intelligenz und Mut versucht, “ihre” Schwangeren vor den unermüdlichen Anfeindungen der Kirche, der Medizin und der Gockelgesellschaft zu retten.

In einer Zeit, in der Ärzte das Kindbettfieber von der Pathologie in die Kreißsäle schleppten, in der die Kirche bei Gefahr für das Kind auf einer „Nottaufe“ im Mutterleib mittels der sogenannten Taufspritze und (meist verkeimtem) Weihwasser bestand und in der die Männer Gehorsam bis in den Tod von den Frauen verlangten, war das keine leichte Aufgabe.
(So urteilt eine Rezensentin namens Jury bei Amazon - mit Ergänzungen und Korrekturen von mir)

Kaufen Sie sich die DVD oder sehen Sie sich den Film an, wenn er in Ihrer Stadt oder im Fernsehen gezeigt wird. Er hat sämtliche Oscars verdient und alle Grimme-Preise sowieso.

Die Hebammen (Englisch midwives) und „weisen Frauen“ wussten viel von alters her. Wie an den sehr alten Bezeichnungen ablesbar, sind das sehr alte Berufe, sicher viel älter als das sogenannte „älteste Gewerbe“. „Hebamme“ hat nichts mit „Amme“ zu tun, sondern geht zurück auf das althochdeutsche hev(i)anna (Hebe-Ahnin): ältere, erfahrene Verwandte, die das Kind auffängt oder greift. „Midwife“ hat nichts mit „wife“ (Ehefrau) oder mit „mid“ wie in „midnight“ zu tun. Die midwife ist eine Frau, die der Gebärenden beisteht (she is with (mid) her). Das lateinische Wort für Hebamme bzw. midwife ist obstetrix. Dazu meldet etymonline.com:

obstetrics
1819, from obstetric (adj.), 1742, from Mod.L. obstetricus “pertaining to a midwife,” from obstetrix (gen. obstetricis) “midwife,” lit. “one who stands opposite (the woman giving birth),” from obstare “stand opposite to” (see obstacle). The true adjective would be obstetricic, “but only pedantry would take exception to obstetric at this stage of its career.” [Fowler]

Wie so oft, ist auch hier die Sprache ein getreues Abbild der Machtverhältnisse. Das Wort obstetrics “Geburtshilfe als Fachdisziplin der Medizin” ist seit 1819 belegt; der Film spielt um 1813 und zeigt genau die Übergangszeit, als die Männer sich der Hebammenkunst bemächtigten: Ein Medicus führt ohne Not einen Kaiserschnitt durch, nur zum Ruhme der Wissenschaft bzw. zu seinem eigenen Ruhm. Die Hebamme versucht verzweifelt, es zu verhindern, denn sie weiß: noch jede Frau, die einen Kaiserschnitt durchlitt, ist daran gestorben. So auch diese. Mengele lässt grüßen.

Als die Männer die Hebammenkunst besetzten, übernahmen sie nicht die weibliche Bezeichnung. Eine männliche Hebamme ist auf Deutsch weder Hebamme noch Hebammer noch Hebammerich, sondern Geburtshelfer, auf Englisch ist die männliche Hebamme keine midwife, erst recht kein midman, natürlich auch keine obstetrix, sondern ein obstetrician. Die lateinische weibliche Endung -trix ist nur noch für Eingeweihte erkennbar. Sie wurde für den Mann tragbar gemacht durch die Anhängung von -ian.

In ihrem berühmten Buch Gyn/Ökologie behandelt Mary Daly die US-amerikanische Gynäkologie als einen Teil des „Sado-Rituellen Syndroms“ und als nahtlose Fortsetzung der Nazimedizin und wirft ihr „Frauenmord durch die heiligen Geister der Medizin und Therapie vor“. Wer ihrer radikalen Analyse nicht folgen mag, braucht sich nur den Film „Die Hebamme“ anzusehen. Dort werden Folter und Frauenmord im Dienste des „Heiligen Geists der Medizin“ vorgeführt, wie sie schon 120 Jahre vor den Nazis stattfanden.

Was neu ist, ist die Tatsache, dass diese grauenvolle Wahrheit inzwischen in einem Mainstream-Medium wie dem ZDF zur besten Sendezeit verkündet, dokumentiert und millionenfach verbreitet wird. Das lässt wirklich hoffen.

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Schönes Interview mit Dagmar Hirtz über ihren Film, die histor. Vorlage, die Drehorte, die SchauspielerInnen, den Kameramann… Mit vielen weiteren Links zu Gesprächen mit Brigitte Hobmeier, anderen SchauspielerInnen, einer Medizinhistorikerin, dem Drehbuchautor ...


# | Luise F. Pusch am 14.05.2011 um 09:08 PM • FilmkritikPermalink

08.05.2011

Inspektion der Herrenkultur. Teil 1: Dresden

Am vergangenen Wochenende trafen sich sechs Feministinnen in Dresden. Drei von uns langjährigen Freundinnen, die Ende der achtziger Jahre noch alle in Hannover wohnten und von dort etliche feministische Projekte gestartet hatten, u.a. den Kalender Berühmte Frauen (1987ff) und die Trilogie Wahnsinnsfrauen (1992-99), waren im vergangenen Jahr 70 geworden, und das wollten wir gebührend feiern. Wir residierten fürstinnenlich im nach der Wende wieder aufgebauten Taschenberg-Palais und gingen zweimal in die Semper-Oper: zunächst in Verdis Otello (nach Shakespeare); auch das Libretto ist von einem Mann (Boito). Der Inhalt ist für jede Feministin eine Zumutung (aber welche Oper wäre das nicht?): Ein Mann glaubt lieber einem tückischen Untergebenen als seiner eigenen Frau und ermordet sie schließlich im Eifersuchtswahn.

Am 1. Mai besuchten wir die Konzertmatinee in der Semperoper. Christoph Eschenbach leitete die Sächsische Staatskapelle. Es wurden Stücke von drei Männern gespielt, Schumann, Staud und Brahms. Der Solist in Schumanns Cellokonzert war Leonard Elschenbroich.

Das männerlastige kulturelle Angebot der Stadt verdross uns zwar, aber wir nahmen es gutwillig hin, da alle ihre Sache hervorragend machten und wir in Feierlaune waren. Aber das feministische Herz darbte, obwohl in der Sächsischen Staatskapelle erfräulich viele Frauen mitspielen dürfen.

War nun vielleicht die weltberühmte Frauenkirche ein Ausgleich? Nicht wirklich: anders als in einem Frauenkloster trieben sich dort auch reichlich Männer herum.

Vor dem Rathaus, immerhin ein exponierter Platz, steht ein Denkmal für die Trümmerfrau. Dafür steht oben auf dem Rathausdach, der Trümmerfrau sozusagen haushoch überlegen, der Rathausmann in Gold; die Hand hat er wie zum Hitlergruß erhoben. Was er da soll, konnte uns der Mann von der Stadtrundfahrt nicht erklären.

Ebenfalls weltberühmt ist Dresdens „Gläserner Mensch“, von dem ich im Vorfeld immer wieder gelesen hatte - unbedingt müsste man sich den ansehen. Der Mann von der Stadtrundfahrt verkündete uns im Vorbeifahren: „Im Hygienemuseum befindet sich die berühmte Gläserne Frau - wohl die einzige Frau, die man völlig durchschauen kann.“ Das Publikum lachte höflich. Ich war völlig platt - dass dieser „Gläserne Mensch“ eine Frau war, hörte ich da zum ersten Mal. Der Stadtrundfahrtsmann hatte es auch wohl nur verraten, um seinen durchschaubaren „Witz“ anzubringen.

Dresden steht natürlich ganz im Zeichen Augusts des Starken, frau begegnet ihm auf Schritt und Tritt. Die Stadt, das Schloss, der Zwinger und zahlreiche andere Gebäude und Schlösser in der Umgebung sind voll von den Schätzen, die er ansammelte oder in Auftrag gab. Wir nahmen an einer Führung durch das Schloss teil und erfuhren dabei allerlei über die Mätressenwirtschaft Augusts, über hochhackige Schuhe (eine Erfindung der Männer, um ihre Waden kräftiger erscheinen zu lassen), breite Reifröcke (praktisch, um die Notdurft in den Schlossecken unter sich zu lassen, denn Toiletten gab es nicht. Die hätten wir in der Semperoper gebraucht, denn dort gab es auch (fast) keine Toiletten). Vor allem aber zeigte sich unser Museumsführer angetan von Augusts Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger, der für teures Geld einzigartige Kunstwerke geschaffen habe. Tatsächlich beeindruckten sie uns sehr. Was ich während der launigen Führung nicht erfuhr, wurde ein paar Tage später in einer nächtlichen MDR-TV-Sendung über Dinglinger en passant nachgeliefert: Der Mann zeugte (mindestens) 26 Kinder, viele von ihnen starben schon im Kindesalter. Damit überrundet er sogar seinen Zeitgenossen Johann Sebastian Bach, der es auf 20 Kinder brachte, von denen 11 früh verstarben. 1728 heiratete Dinglinger zum fünften Mal, alle vier Ehefrauen davor waren im Kindbett gestorben - der geniale Juwelier hatte neben seiner „besessenen Arbeit“ noch die Zeit gefunden, sie allesamt zu Tode zu schwängern. Wie es der fünften erging, verriet der Film nicht.

Das Taschenbergpalais wurde laut Wikipedia ursprünglich als Liebesgabe von August dem Starken für seine Mätresse Constantia von Cosel erbaut. Von dieser Mätresse, die 1713 in Ungnade fiel und verbannt wurde, wusste ich vor der Anreise nicht viel, und vor Ort hörte ich auch nichts über sie. Wieder in Hannover, holte ich Gabriele Hoffmanns Constantia von Cosel und August der Starke von 1984 aus dem Regal und erfuhr erst jetzt ihre haarsträubende Geschichte:

Neun Jahre umgab der König die Mätresse mit Pracht und Glanz, und sie war die mächtigste Frau in Sachsen. Dann stürzte sie, und er sperrte sie in eine Festung ein. Neunundvierzig Jahre lang lebte sie als Gefangene, von sechsundvierzig Soldaten bewacht, die Hälfte dieser Zeit in strenger Isolationshaft. Es gab keine Anklage, keinen Prozess, kein Urteil. […] Dreißig Jahre nach seinem Tod saß sie noch immer im Turm der Festung.

Ziemlich genau zweihundert Jahre zuvor war Johanna die Wahnsinnige etwa genau so lange eingesperrt worden. Peter der Große, Zeitgenosse des starken August, hatte sich auf dieselbe Weise seiner älteren Schwester Sofia Alexejewna entledigt und sie bis zu ihrem Tod eingesperrt. Der Prinzessin von Ahlden ging es ähnlich, nachdem sie es gewagt hatte, ihren Gatten durch einen Liebhaber zu kompromittieren. Von Fürsten wurde geradezu erwartet, dass sie sich Mätressen hielten. Tröstete sich die Fürstin mit einem Geliebten, kam sie auf Lebenszeit in den Turm.

Und was hatte die Cosel verbrochen? Das muss ich erst noch genauer erforschen. Wikipedia meint: „Die Vorhersage des politischen Scheiterns des sächsischen Kurfürsten durch Anna Constantia kränkte diesen Mann in seiner Ehre, erst recht, als ihre Warnungen sich bewahrheiteten.“

Gar nicht schön, was wir da über den starken August und seinen Hofjuwelier hören müssen. Selber schuld, wenn wir fragen: „Und was war mit den Frauen? Was haben wir Frauen von dem ganzen Zirkus?“ Ohne diese penetrante Frage wäre uns Dresden so heiter, strahlend und glanzvoll erschienen, wie es das Städtemarketing uns einreden will.

Trotzdem wollen wir uns nächstes Jahr wieder in Dresden treffen. Wir werden dann auf den Spuren der Cosel sowie Heinrich Schützens und seiner Ehefrau wandeln und die gläserne Frau durchschauen gehen. Über sie gibt es Erstaunliches zu lesen:

Ein Besuch im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden bedeutet vor allem eines: Spiel, Spaß und Spannung für Jung und Alt. Die gläserne Frau ist die wichtigste Bewohnerin dieser Ausstellung, denn diese zeigt uns, wie unser Körper innen aufgebaut ist.

Schön wär’s ja, wenn der menschliche Körper innen so aufgebaut wäre wie der einer Frau. Mutter Natur hätte sich eine andere Fortpflanzungsmethode ausgedacht. Frauen wären nicht im Kindbett gestorben. Johanna Dinglinger hätte nicht eine einzige Frau zu Tode gebracht. Auguste die Starke und Constantia von Cosel wären das Traumpaar ihres Jahrhunderts gewesen.

Die Reihe wird fortgesetzt.

Zum Thema Gräfin Cosel empfehlen Freundinnen auch:

Viola Roggenkamp. Die Frau im Turm. S. Fischer. 2009


# | Luise F. Pusch am 08.05.2011 um 04:29 PM • Permalink

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Hedwig Dohm