30.01.2012

Die Eierschützer der Personhood-Bewegung

In den USA ist in letzter Zeit viel von „Personhood“ die Rede - ein schwer übersetzbares Wort. Letztlich geht es dabei um Versuche der extremen Rechten, das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren eigenen Körper komplett abzuschaffen. Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten unterstützen diese Bestrebungen. Am 19. Januar meldete die Feminist Majority Foundation, Rick Perry, Rick Santorum, Newt Gingrich und Ron Paul hätten auf einem Forum von Personhood USA, der Dachorganisation dieser Bewegung, allesamt versprochen, die Forderung nach dem sogenannten „Personhood amendment“  zu unterstützen. Die Personhood amendments sehen vor, die Verfassungen einzelner Bundesstaten dahingehend zu „ergänzen“ (amend), dass eine befruchtete Eizelle verfassungsmäßige Persönlichkeitsrechte bekommt. Danach soll der Geltungsbereich des Gesetzes auf die Gesamtheit der Vereinigten Staaten ausgedehnt werden.

Personhood Amendments könnten nicht nur die Abtreibung verbieten, sogar in Fällen von Vergewaltigung, Inzest oder wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht. Die Amendments könnten überdies jegliche Empfängnisverhütung unter Strafe stellen und schwangeren Frauen „fötusschädigende“ Krebstherapien untersagen. Kurz, die Rechte der Frauen sollen zugunsten der „Rechte der befruchteten Eizellen“ extrem beschnitten werden.

Das scheint alles unfassbar, aber die USA haben schon viel Unfassbares durchgezogen, im Guten wie im Bösen.

Dem republikanischen Establishment kommen die Eiferer der Personhood-Bewegung gerade recht: Bei den Präsidentschaftswahlen im Herbst werden die entsprechenden ballot questions (“Abstimmung über Wählerinitiativen”) die Ultrakonservativen an die Wahlurnen bringen, die der Wahl womöglich ferngeblieben wären, wenn eine moderater Kandidat wie Romney von seiner Partei nominiert wird. Und wenn die „Personen- bzw. Eierschützer“ sich denn schon mal in die Wahllokale aufgemacht haben, werden sie dort auch den republikanischen Kandidaten wählen.

Ich will auf den Personhood-Wahnsinn hier nicht näher eingehen und mich stattdessen mit linguistischen Aspekten des Themas befassen. „Personhood“ ist wie gesagt, schwer übersetzbar. Es kommen in Frage: Menschsein, Personsein, Personalität, Personenstatus. “Personschaft” (analog zu “Vaterschaft” wie in “Vaterschaftstest”) käme dem Original wohl am nächsten, klingt aber im Deutschen sehr unnatürlich.

An sich hätten die rechtsextremen Fanatiker sicher der Eizelle lieber „manhood“ statt „personhood“ zugesprochen, heißt es ja auch in der Verfassung „All men are created equal“. Aber „manhood“ bedeutet nicht mehr „Menschheit“ oder „Menschsein“, sondern „Männer“, „Mannesalter“ und „Manneskraft“.

Es geht aber bei der „personhood“-Debatte um die Frage, wann aus der “Leibesfrucht” der Mutter ein eigenständiger Mensch wird. Nach jahrhundertelangem Allgemeinverständnis fällt dieser Zeitpunkt mit der Abnabelung zusammen, wenn das Kind selbst atmet und nicht durch die Mutter. Bis dahin ist das Kind als Teil der Mutter zu betrachten, und sie hat allein das Recht, zu entscheiden, was mit diesem - zugegeben: besonderen und besonders wertvollen - Teil ihres Körpers zu geschehen hat. “Mein Bauch gehört mir!”

FrauenbildEin plakativer Ausdruck wie Personhood, der schlagwortartig die ganze widerliche Bewegung zusammenfaßt und symbolisiert, fehlt bei uns und in unserer Sprache (derzeit noch). Würden auf unseren Straßen Menschenmassen aufmarschieren mit Spruchbändern, auf denen bloß „Menschsein jetzt!“, „Personsein“, „Personalität“ oder „Personenstatus jetzt“ stünde, würde das Volk sich verwundert die Augen reiben und fragen „Was ist denn mit denen los?“

Und das ist auch gut so. Manchmal hat Unübersetzbarkeit auch was Gutes. Möge das Wort und mit ihm die extrem frauenfeindliche Ideologie, die dahintersteht, uns weiterhin fremd bleiben. Die Eierschützer sollen sich lieber um ihre eigenen Eier kümmern und unsere in Ruhe lassen.

Zum Weiterlesen:

Kate Harding in “Common Dreams”

Amanda Marcotte in “AlterNet”
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# | Luise F. Pusch am 30.01.2012 um 07:30 PM • Permalink

24.01.2012

“But Mom, the girls LOVE it!”

Vorgestern trafen wir uns mit sieben anderen Professorinnen unserer Bostoner WIG-Gruppe (Women in German) zum monatlichen Netzwerken. Wie üblich diskutierten wir erst über einen wissenschaftlichen Text, den eine von uns verfasst hatte, dann erzählten wir uns die neusten Geschichten aus unserem Leben. Sabine erzählte von ihrem 18jährigen Sohn und seiner Band AER. Neulich hätten sie im Gramercy Theater in New York ein Konzert gegeben, zu dem 600 Fans erschienen seien. 2 Millionen Hits hätte die Band schon bei YouTube, und bei iTunes machten sie mit ihren Songs ein Schweinegeld.

“Oh ja”, sagte ich, “du hattest doch neulich diese Band auch auf Deiner Facebook-Seite ‘geliked’, jetzt werde ich diesen Hinweisen endlich mal nachgehen.”

Sabine warnte, dass uns die Texte ihres Sohnes wahrscheinlich nicht gefallen würden, sie wären oft aggressiv und frauenfeindlich, wie bei Rappern eben so üblich. Und wenn sie ihren David ernsthaft daraufhin anspräche, käme er mit einem Argument, dem wenig entgegenzusetzen sei: „But Mom, the girls LOVE it“. Und sie hätte es selbst erlebt bei jenem Auftritt in New York. Die Girls außer Rand und Band vor Begeisterung, das übliche verzückte Kreischen - allerdings seien die meisten auch vom Alkohol und wer weiß was sonst noch schon ziemlich hinüber gewesen, das Komasaufen griffe ja immer mehr um sich an den High Schools und Colleges.

Wir kamen bald auf anderes zu sprechen. Erst nach dem Treffen fiel mir die Parallele ein zwischen Davids „But the girls LOVE it!“ und dem, was ich morgens in der Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ gelesen hatte, dem monumentalen Geschichtswerk über die erste Frauenbewegung in den USA, verfasst von den Hauptakteurinnen dieser Bewegung: Elizabeth Cady Stanton, Susan B. Anthony, Matilda Joslyn Gage und Ida Husted Harper. [Sie können sich alle 6 Bände bei Amazon/Kindle kostenlos herunterladen.]

Wie oft hören wir nicht dieses Argument, wenn wir irgendeinen patriarchalen Missstand kritisieren, sei es sexistische Sprache, sexistische Filme oder sonst irgendwas aus dem endlosen Vorrat der frauenfeindlichen Kulturproduktion. Nehmen wir das Wort „Fräulein“. Als die feministische Linguistik vor 40 Jahren das Wort als sexistisch ablehnte, hielt mann uns vor, erstens wären wir verbissen und zweitens sähen die meisten Frauen das nicht so verbissen. Überdies gefiele den meisten „Fräuleins“ diese Bezeichnung, und auf gar keinen Fall wollten sie durch die Anrede „Frau“ in der Blüte ihrer Jugend mit alten Frauen gleichgesetzt werden.

Nun, das ist inzwischen ausgestanden - die Anrede Fräulein ist weitgehend ausgestorben und keine weint ihr hinterher, nichtmal die Schweiz, wo sie sich am längsten gehalten hat.

Die besagte Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ nun zeigt uns, dass schon unsere feministischen Vormütter sich mit dem „Argument“ herumschlagen mussten, dass doch die meisten Frauen die Kritik und die Forderungen der Feministinnen ablehnten und ganz mit den Männern übereinstimmten, die den Kampf um Stimmrecht und Gleichberechtigung für Frauen völlig überflüssig fanden.

Es wird gesagt: „Die Frauen, die diese [frauenrechtlerischen] Forderungen stellen, sind nur wenige, und ihre Gefühle und Ansichten sind unnormal und haben kein Gewicht bei der Gesamtbeurteilung der Frage.“ Die Zahl ist größer als es scheint, denn die Angst vor öffentlichem Spott und dem Verlust privater Vergünstigungen seitens derer, die ihnen Unterkunft, Nahrung und Kleidung geben, hält viele davon zurück, ihre Meinung zu sagen und ihre Rechte einzufordern. Die Ignoranz und Gleichgültigkeit der Mehrheit der Frauen in Bezug auf ihren Status als Bürgerinnen einer Republik ist nicht verwunderlich, denn die Geschichte zeigt, dass die Massen aller unterdrückten Klassen, die in äußerstem Elend lebten, stumpf und apathisch blieben, bis die Zuversicht und Begeisterung einiger weniger durch Teilerfolge belohnt wurden.

Die Aufstände auf den Plantagen des Südens scheiterten immer an den Zweifeln und der Zwiespältigkeit der SklavInnen selbst. [...]. Die Apathie der Frau gegenüber dem Unrecht gegen ihr Geschlecht spricht nicht für den Verbleib in ihrer gegenwärtigen Lage, sondern ist das stärkste Argument dagegen. (Introduction S.17-18, übs. LFP)

Das Buch erschien 1881, und gestern, 131 Jahre später, fiel mir noch immer nicht die passende Antwort ein auf das uralte „But the girls love it!“

Wenn es mir, wie schon so oft geschehen, bei einer Veranstaltung wieder begegnet, werde ich wissen, was ich zu sagen habe:

Erstens: „Wahrscheinlich sind es in Wirklichkeit viel weniger, als Sie glauben.“
Zweitens: „Dass die Frauen so denken angesichts schreiender Ungerechtigkeit/Anpöbelungen/Demütigungen, ist nur der Beweis dafür, dass ihre Lage erbärmlich ist und sich ändern muss.”

Die Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ ist eine Punkt-für-Punkt-Anleitung für den schlagfertigen Umgang mit den üblichen Abfertigungen feministischer Kritik. Ich werde sie gleich weiter studieren, um sie immer parat zu haben.

Aber auch die erste deutsche Frauenbewegung wusste schon damals genau, was los war. Auguste Schmidt erkannte schon auf der ersten deutschen Frauenkonferenz im Jahre 1865: „Das Problem der Frauen liegt vor allem im Nichterkennen der eigenen Situation.“

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# | Luise F. Pusch am 24.01.2012 um 10:33 PM • Permalink

16.01.2012

Über das Urinieren auf Leichen und Frauen

Am Mittwoch wurde auf YouTube ein 39 Sekunden langes Video eingestellt, das zeigt, wie vier US-Marines auf tote Taliban-Kämpfer urinieren. US-Verteidigungsminister Leon Panetta und US-Außenministerin Hillary Clinton haben die abstoßende Tat sofort aufs schärfste verdammt, nachdem feststand, dass das Video keine Fälschung war.

Die Taliban selber reagierten relativ gelassen und wiesen darauf hin, dass US-Streitkräfte ihnen schon viel Schlimmeres angetan hätten. Jedenfalls sollen die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban nicht abgebrochen werden.

Wenn ich wählen müsste zwischen Getötet- und Bepinkeltwerden, würde ich allemal die Bepinkelung wählen. Trotzdem reagiert alle Welt auf dieses Vergehen so, als sei das Urinieren der eigentliche Skandal und nicht das Töten. Das militärische Denken hat schon seit Urzeiten das moralische Empfinden aus dem Gleichgewicht gebracht; wir haben uns daran gewöhnt. Für die Sanierung des moralischen Empfindens empfiehlt sich die Lektüre des leidenschaftlichen pazifistischen Aufschreis der 85jährigen Hedwig Dohm „Der Missbrauch des Todes“, den sie mitten im ersten Weltkrieg verfasst hat. Auf Amazon können Sie ihn sich hier kostenlos herunterladen.

Die toten Taliban merkten nichts von ihrer Schändung. Was also bezweckten die Marines mit ihrer Tat? Wollten sie ihre Kameraden beeindrucken, wie sehr sie es dem Feind gegeben hatten? Allerdings verblasst die Untat neben dem, was US-Soldaten ihren lebenden Kameradinnen antun.

Das Bepinkeln von Leichen dürfte eine relativ seltene Handlung sein, wohingegen das Urinieren auf lebende Personen weit verbreitet ist. Bei diesen Personen handelt es sich in der Regel um Frauen, Prostituierte, die in dem immer schärfer werdenden Wettbewerb schon mal was Besonderes bieten müssen und sich immer widerlichere Erniedrigungen gefallen lassen müssen. Das Urinieren auf oder in die Frau wird auf dem Bordell-Menü der sexuellen Leistungen als “Natursekt” bezeichnet. Koten heißt „Kaviar“, in Bordellanzeigen abgekürzt als „KV“. Als noch ekelhafter empfinden aber die meisten, dass sie Sperma schlucken sollen - trotz der AIDS-Gefahr heute eine fast schon routinemäßig geforderte selbstverständliche Leistung/Erniedrigung, genannt “FT = französisch total (mit Schlucken).”

Auch US-Soldaten gehen ins Bordell und gönnen sich die geilsten Menüs. Wieder in der Truppe, besorgen sie es den Kameradinnen. Am 4.1.2012 berichtete die taz über die Sexualverbrechen der US-Soldaten an ihren Kameradinnen:

Schätzungen gehen von insgesamt bis zu 19.000 Fällen im Jahr aus. 90 Prozent der Opfer sind Frauen, 69 Prozent sind zwischen 16 und 24 Jahre alt. Sehr wenige Fälle führen zu disziplinarischen Maßnahmen gegen den oder die Täter. Darüber gibt es keine genaue Zahlen, rund 8 Prozent sollen es sein.

Bei 19.000 Fällen wird den Soldatinnen auch jede Menge „Urinsekt“ und „Kaviar“ eingeflößt worden sein, von „GB = Gesichtsbesamung“ nicht zu reden. Wie wär’s also, wenn Leon Panetta mal die Proportionen zurechtrücken und bevorzugt und prompt gegen die Sexualverbrechen seiner Mannen gegen US-Soldatinnen einschreiten würde?

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# | Luise F. Pusch am 16.01.2012 um 06:33 AM • Laut & LuiseMänner!MilitärPermalink

09.01.2012

Von der Hausfranzösin zur Hauspolin

Obwohl in diesen Tagen Jeanne d’Arc ihren 600. Geburtstag feiert (am 6. Januar), verlagert sich ein Großteil der ihr gebührenden Aufmerksamkeit auf Friedrich den Großen, der am 24. Januar seinen 300. Geburtstag begeht. In den USA allerdings, wo ich mich gerade aufhalte, absorbieren die republikanischen Präsidentschaftskandidaten von Jon, Mitt und Newt bis Ron, Rick und Rick die gesamte Aufmerksamkeit der Medien und somit auch der MedienkonsumentInnen. Der Atem der Geschichte sollte diese Herren bald hinwegpusten, während Jeanne und Frédéric uns sicher noch lange faszinieren werden.

Jeanne und Frédéric waren beide glühende AnhängerInnen der französischen Kultur: Jeanne verteidigte sie gegen die Engländer und verlor dabei ihr Leben; Frédéric huldigte ihr, weil es damals in den deutschen Kleinstaaten üblich war, sich Frankreich zum Vorbild zu nehmen.

Und damit bin ich schon bei meinem heutigen Thema. Es geht um das seltsame Wort „Hausfranzösin“ - so der Titel eines Lustspiels (1744) von Luise Adelgunde Victorie Gottsched (auch genannt die Gottschedin). Ich stieß gestern darauf, als wir unsere Bücher über die Gottschedin und Tillie Olsen (noch eine Jubilarin) aus der Widener-Bibliothek abholten. Die Gottschedin wurde 1713 geboren, ein Jahr nach dem alten Fritz, und feiert mithin im nächsten Jahr ihren 300. Geburtstag. Und ich schreibe für den Kalender „Berühmte Frauen 2013“ eine Kurzbiographie über sie, die Ende April abgeliefert werden muss. Als erstes las ich, noch im Flugzeug, Renate Feyls vergnügliche und bissige Romanbiografie „Idylle mit Professor“ über die Gottschedin und ihren berühmten stieseligen Gatten, Gottsched eben.

Eine „Hausfranzösin“ war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine junge Frau aus Frankreich - daher auch oft Mamsell genannt - die den Kindern ihrer „Dienstherrn“ „feine“ französische Manieren und die französische Sprache beibringen sollte. Multitasking ist also gar nichts Neues: Die Kinder wurden betreut und bekamen „nebenbei“ noch den gerade gültigen gesellschaftlichen Schliff.

Sinn und Zweck des Lustspiels „Die Hausfranzösinn“ ist es nun, die Hausfranzösin und ihren französischen Dünkel auf die Schippe zu nehmen. Aus ihren Veredlungsbemühungen an den ihr anvertrauten Kindern ist nicht viel geworden; sie sind - wie die Hausfranzösin selbst - eitle Dummköpfe, die meinen, sich wegen ihrer überlegenen französischen Kultiviertheit über die anderen, die bloß Deutsch „parlieren“, erheben zu können.

Das ist inzwischen alles ein wenig altbacken, aber die Idee, den Kindern die Sprache und Kultur eines wirtschaftlich überlegenen Landes möglichst früh zu vermitteln, ist wieder hochaktuell. Da die USA, nachdem sie das britische Weltreich abgelöst haben, (noch) die hegemoniale Kultur sind, müssen sich alle, die nicht Englisch sprechen, diese Sprache rechtzeitig aneignen, um im globalen Wettbewerb „mitreden“ zu können. Es ist lustig und erhellend zu sehen, wie noch vor 250 Jahren in Europa das Französische diese Vormachtstellung einnahm. Von Englisch war keine Rede.

Spätere Generationen werden dann möglicherweise das Chinesische als Zweitsprache parat haben müssen… Fast steht zu befürchten, dass die „Hausfranzösin“, die auch nur eine arme Bedienstete war, sich aber auf ihre überlegene „Kultur“ etwas einbilden durfte, dann durch eine billige „Hauschinesin“ ersetzt werden könnte, so wie wir heute fast alle unsere „Hauspolinnen“ haben, nur dass wir von ihnen nichts lernen wollen, weder ihre Kultur noch ihre Sprache, denn die gelten hierzulande noch immer nicht viel. Aber das kann sich ja jederzeit ändern …

Was sich aber anscheinend niemals ändert, ist, dass die undankbare Arbeit einer „Hausfranzösin“ oder „Hauspolin“ von Frauen geleistet wird.

Linguistischer Nachschlag für diejenigen, die es noch genauer wissen wollen:

Männer waren nicht „Hausfranzosen“, sondern „Hauslehrer“, damals auch „Hofmeister“ genannt. Sie waren keine Multitasker, sondern konzentrierten sich auf den zu vermittelnden Lehrstoff. Und aus der “Hausfranzösin” wurde im 19. Jahrhundert die Gouvernante. Das männliche Pendant ist “Gouverneur”.

Die Sprache liefert hier wieder ein deutliches Abbild unserer Herrenkultur.

Frauen sind oder waren „Hausmädchen“, „Hausfrau“ und „Hausfranzösin“ - dem Wortbestandteil nach „Haus“ folgt keine Qualifikations-, sondern eine Gattungs- oder Nationalitätsbezeichnung: Mädchen, Frau, Französin. Ähnlich gebaut sind „Klofrau“, „Aufwartefrau“ und „Putzfrau“. So eine Gruppenzugehörigkeit qualifiziert zu gar nichts bzw. zu allem, denken wir nur an das sprichwörtliche „Mädchen für alles“. Für Männer gibt’s stattdessen in der Regel ordentliche Berufsbezeichnungen nach dem „Haus“: Hausmeister, Hauswart, Hausdiener, Hausknecht. „Hausmann“ gibt es erst seit kurzem - und „Hausfranzose“ (oder „Hauspole“) ist unvorstellbar. Ähnlich gestrickte diskriminierende Bezeichnungen für männliche Ungelernte gehören - wie die „Hausfranzösin“ - fast alle der Vergangenheit an. In den USA gab es den “house boy”, normalerweise ein armer Asiate. Und wir haben, üblicherweise für arme Migranten, noch den „Müllmann“, den „Toilettenmann“ und den „Putzmann“. Für Rentner, die sich etwas hinzuverdienen wollen oder müssen, den “Wachmann”. Ausgestorben sind „Dienstmann“, „Gasmann“ und „Milchmann“. Nur der „Eiermann“ fristet im deutschen Schlager noch sein anzügliches Nischendasein.

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# | Luise F. Pusch am 09.01.2012 um 07:21 PM • Permalink

02.01.2012

Der Star, die Diva und das Top-Model

Vor ein paar Wochen war in der Tagesschau von einem Stararchitekten die Rede, den Namen habe ich vergessen. Kurze Zeit, noch in derselben Tagesschau, redeten sie wieder von einem Stararchitekten, diesmal einem anderen. Den Namen habe ich auch vergessen.

Gibt es denn heutzutage nur noch Stararchitekten? Warum musste die Tagesschau, immerhin eine Sendung, die seriös sein will, diese beiden Architekten sprachlich so hochjubeln, als wären wir im Privatfernsehen und sähen „Deutschland sucht den Superstar“?

Ich dachte dann über die Berufe nach, die manchmal mit dem Etikett „Star“ beklebt werden: Da haben wir den Stardirigenten, den Starverteidiger und den Startenor. Starbässe und Starrichter gibt es hingegen nicht. Auch keine Starschriftsteller, wohl aber Star-Autoren. Unter den Köchen gibt es immer mehr Stars, aber die heißen ulkigerweise Sterneköche. Starabgeordneter oder Starmaler? Fehlanzeige. Ziemlich willkürlich zusammengewürfelter Haufen, diese Stars, scheint mir.

Starfußballer gibt es auch nicht, stattdessen haben wir in der Sparte Showbusiness Fußballstars, Filmstars, Opernstars, Musicalstars und vor allem Popstars. Im Oktober wurde Liszts 200. Geburtstag gefeiert, und immer wieder hieß es dazu, Liszt sei ein echter Popstar des 19. Jahrhunderts gewesen. Auch über Margot Käßmann sagten die Medien gerne, sie hätte Starqualitäten und sei eine Art Popstar der evangelischen Kirche. Und die katholische Kirche hatte mit Johannes Paul II. ihren eigenen Popstar oder Superstar, fast so populär wie Jesus Christ Superstar.

Auch kennen wir Politstars wie einst Joschka Fischer und Karl Theodor zu Guttenplag und heute etwa Klaus Wowereit. Von Obama hieß es auch durchgehend, er fülle riesige Stadien wie ein Popstar. Angela Merkel mag die mächtigste Frau der Welt sein, aber ein Star ist sie nicht, und sie scheint alles zu tun, um den Verdacht von Starqualitäten gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wie denn überhaupt unter den Stardirigenten, Stararchitekten, Starverteidigern etc. etc. die Frauen rar sind. Wenn Frauen einen hohen Grad von Popularität erreichen und ein Starkult um sie betrieben wird, so nennt man sie eher Top-Models oder Diven: Operndiven wie Callas und Netrebko oder Popdiven wie Madonna und Lady Gaga. Ein Divo hingegen war nicht einmal Jesus, ansonsten gab es Divi nur im 18. Jahrhundert zur Zeit der Kastraten.

Und wo soll das alles hinaus? Nun, wir haben gerade Weihnachten hinter uns mit dem Star bzw. Stern von Bethlehem, der den drei Weisen bzw. Königen aus dem Morgenland den rechten Weg wies. Und am 6. Januar ist Dreikönigstag.

Jedenfalls durchleben wir gerade eine Jahreszeit, in der Sterne Hochkonjunktur haben und fast so prominent sind wie Stars oder Promis.

Dass so wenige Frauen als Stars deklariert werden, sollte uns heiter und zufrieden stimmen. Denn welche sparsame Hausfrau erinnert sich nicht noch an die Starfighter, deren Spezialität es war, massenweise abzustürzen und unsere Steuergelder milliardenweise in den Sand zu setzen. Außerdem weiß doch jedefrau: Sterne gibt es wie Sand am Meer. Genauer: etwa 70 Trilliarden.


# | Luise F. Pusch am 02.01.2012 um 01:23 AM • Permalink

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Hedwig Dohm