Männer!

04.03.2012

Mother-Blaming - Rabenmütter, Schwiegermonster und Stiefmütterchen

Ich ging im Walde so für mich hin, da kam mir das Stiefmütterchen in den Sinn. Das Wetter war so frühlingshaft, und Stiefmütterchen sind doch „die ersten Frühlingsboten“. Sehen tat ich allerdings keine. Sie kamen mir nur in den Sinn.

FrauenbildDie liebliche Frühlingsbotin heißt „Stiefmütterchen“, weil „die Blüte aussieht wie ein böses, eben stiefmütterliches Gesicht“. Oder weil die Blütenblätter ungerecht auf die Kelchblätter verteilt sind. Das oberste Blütenblatt sitzt auf zwei Kelchblättern, es wird Stiefmutter genannt. Die beiden Blätter unter ihr, die Töchter, sitzen auf je einem Kelchblatt. Und die beiden untersten Blütenblätter, Stieftöchter genannt, müssen sich ein Kelchblatt teilen und sind außerdem nur einfarbig, während Stiefmutter und Töchter mit zwei Farben geschmückt sind.

Spätestens seit Mutti uns zum ersten Mal „Aschenputtel“, „Schneewittchen“ und „Hänsel und Gretel“ vorlas, wissen wir, was für selbstsüchtige, geradezu teuflische Personen Stiefmütter sind.

Auch vor der eigenen Mutter sind Kinder niemals sicher, das lehrt uns schon der Begriff „Rabenmutter“! Oder die Urfassung von „Hänsel und Gretel“, in der die Kinder noch von der eigenen Mutter ins Verderben geschickt wurden!

Und erst die Schwiegermutter. Haben wir je von einer „lieben Schwiegermutter“ gehört? Nein, sie sind allesamt böse, böse Schwiegermütter, regelrechte Schwiegermonster - so der deutsche Titel einer bekannten Filmklamotte. Auf Englisch heißt der Film „Monster-in-Law“. Mother-Blaming ist ein internationales Projekt.

Woher kommt dieser anscheinend uralte, bis in mythische Vergangenheit zurückreichende Hass auf die Mütter? Wo doch die eigentlichen Monster die Väter sind, von den gewöhnlichen brutalen Schlägern, den Urhebern der sogenannten “häuslichen Gewalt”, über die Missbrauchsväter bis hin zu den katholischen Patres?

Ich vermute, es liegt daran, dass von den Vätern seit jeher nichts Gutes erwartet wird. Wenn sie sich also mies verhalten, so ist das einfach normal, und für das Normale braucht es kein eigenes Wort, frau denke nur an die fehlenden Pendants zu „Damenwahl“ und „Herrenschokolade“. Aber wehe, die Mutter ist nicht lieb, selbstlos, beschützend und nährend, wie sie sein soll - dann ist sie gleich ein Monster.

Während ich dies aufschreibe, treten vor meinem inneren Auge schon die VerteidigerInnen der Väter auf den Plan und werfen mir unzulässige Verallgemeinerung vor. Ihnen empfehle ich die Lektüre der jüngsten Studie zur sogenannten Elternzeit, über die das nicht eben als feministisch verschrieene Wall Street Journal am 29. Februar unter dem Titel “Does paternity leave hurt women?” berichtete. Frauen, das ergab diese Studie, kümmern sich in der Mutterschaftszeit liebevoll um ihre Kinder. Männer dagegen nutzen die Zeit, um gezielt ihre Karriere voranzubringen. Mütter, warnt das Wall Street Journal, geraten im beruflichen Wettbewerb umso mehr ins Hintertreffen, je mehr Männer Vaterschaftszeit nehmen und - zweckentfremden.

Inzwischen brüten die angeschmierten Kinder, vernachlässigt wie sie sich fühlen, schon mal neue Märchen über selbstsüchtige Mütter aus. Denn die Mutter ist schließlich für ihr Wohl zuständig.

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# | Luise F. Pusch am 04.03.2012 um 01:42 PM • Laut & LuiseEtymologieFlora & FaunaJahreszeitenKomische WörterMänner!Permalink

13.02.2012

Liebenswert gleich lesenswert? Jonathan Franzens Ideen über Sympathie, Schönheit und Lesefreude

Im neuen New Yorker Magazine schreibt der US-amerikanische Romancier Jonathan Franzen, Jg. 1959, über die US-amerikanische Romancière (gibt es dieses Wort überhaupt?) Edith Wharton, Jg. 1862, zu deren 150. Geburtstag am 24. Januar. Franzen ist bekannt als ein Autor, der auch Schriftstellerinnen liest und schätzt. Seine enthusiastischen Rezensionen der Werke von Paula Fox und Alice Munro waren für deren Comeback (Fox) bzw. Publikumserfolg sehr förderlich.

Aber auch ein Frauenversteher wie Franzen hat seine Grenzen. Oprah Winfrey befragte ihn nach seinen LieblingsautorInnen, und er produzierte eine Liste mit 27 AutorInnen, 18 Männer und 9 Frauen. Mehr hier:

Nun also hat Franzen sich zu ihrem Jubiläum Edith Wharton vorgenommen und sinniert in seinem Essay „Edith Wharton and the Problem of Sympathy“ über die Frage, warum er ihre Romane mag, obwohl er die Autorin als Mensch eher unsympathisch findet. Die Frage mag ältere LiteraturliebhaberInnen überraschen, haben wir doch alle noch gelernt, das Werk als eigenständig aufzufassen und von seinem Autor (Autorinnen kamen seltener ins Blickfeld) strikt zu trennen. Franzen jedoch bekennt: „Je älter ich werde, umso mehr bin ich überzeugt, dass ein schriftstellerisches Werk den Charakter seiner AutorIn widerspiegelt.“ Und: „Ich vermute, dass Sympathie, oder ihr Fehlen, das literarische Urteil fast aller LeserInnen beeinflusst. Ohne Sympathie, sei es für die Autorin/den Autor oder für ihre Romanfiguren, wird ein fiktionales Werk uns schwerlich etwas bedeuten.“

Bis dahin konnte ich ihm gut folgen - obwohl der Umkehrschluß natürlich nicht funktioniert. AutorInnen mögen sympathisch sein und/oder sympathische Figuren kreieren, aber das garantiert noch lange nicht, dass ihre Werke uns etwas bedeuten (z.B. lese ich weder Rosamunde Pilcher noch Karl May).

Franzen zählt dann auf, weshalb (ihm) Edith Wharton so unsympathisch ist: KeinE US-amerikanische SchriftstellerIn war privilegierter als sie (da war noch ihre jüngere Kollegin Amy Lowell, aber die schrieb Gedichte und Essays, keine Romane). Wharton entstammte der reichen New Yorker Oberschicht, war konservativ und selbstbewusst, Freundschaften mit Frauen hatte sie kaum; sie verkehrte lieber mit geistreichen Männern wie Henry James oder André Gide. Sie hatte allerdings eine Eigenschaft, die diese Nachteile ausbügeln und sie wieder sympathischer machen könnte: Wharton war nicht hübsch.

FrauenbildIch wundere mich über diese höchst seltsame Liste von sympathieabtötenden „Nachteilen“ und schaue mir das mitgelieferte Foto von Wharton an: Nicht hübsch? Wie kommt Franzen denn auf diese Schnapsidee? Also wenn Wharton „nicht hübsch“ ist, dann ist Franzen selbst ein Ausbund an Hässlichkeit, und ich will Quasimodo oder Frankenstein heißen.

Es wird nun immer merkwürdiger. Franzen räsoniert: „Das Seltsame an der Schönheit ist nun aber, dass ihr Fehlen gewöhnlich weniger Sympathie auslöst als andere Formen der Benachteiligung. Im Gegenteil, Wharton könnte uns besser gefallen, wenn sie, neben all ihren anderen Bevorzugungen, auch noch ausgesehen hätte wie Grace Kelly oder Jacqueline Kennedy - und niemand wusste über die Fähigkeit der Schönheit, unser Ressentiment gegen Privilegierung zu überwinden, besser bescheid als Wharton selbst. Im Zentrum jedes ihrer drei besten Romane ist eine Heldin von außerordentlicher Schönheit, die absichtlich so ausgestattet wurde, um das Problem der Sympathie zu komplizieren.“

Auf der Prämisse der angeblich fehlenden Schönheit Whartons baut dann Franzen seine ganze weitere Theorie über die Rolle der Sympathie in der Romankunst im allgemeinen und in der Kunst Whartons im Besonderen auf. Da die Prämisse nicht überzeugt, fällt das ganze Theoriegebäude in sich zusammen. Es ist einfach nicht hübsch.

Dass Franzen so auf Sympathie und Antipathie herumgeigt, wirft natürlich die Frage auf: Wie sympathisch ist er denn selber? Nicht sehr, leider. Was muss sich Wharton posthum von dem Rüpel nicht alles gefallen lassen:
• Mit Teddy Wharton war sie 28 Jahre lang verheiratet. Die Ehe war fast vollständig „sexless“ - und das habe vielleicht weniger an ihrem Aussehen als an ihrer sexuellen Unerfahrenheit gelegen. - Auf die naheliegende Idee, dass es vielleicht an Teddy gelegen haben könnte, an seinem Wesen oder gar an seinem Aussehen, kommt Franzen gar nicht erst.
• Als Wharton sich endlich aus der Ödnis ihrer Ehe befreit hatte und eine Bestseller-Autorin geworden war, reagierte Teddy mit Abdriften in eine Geisteskrankheit und der Unterschlagung eines guten Teils ihres Erbteils. - Franzen scheint zu denken, dass Wharton sowohl an Teddys Geisteskrankheit als auch an seinen Unterschlagungen schuld ist. Und dann hatte sie auch noch die Kälte, ihn seine Schulden abzahlen zu lassen und sich erst dann von ihm scheiden zu lassen! „Whartons Erfolg und Vitalität haben schlussendlich ihren Ehemann zermalmt“, behauptet Franzen allen Ernstes, und wir fragen uns: In welchem Jahrhundert lebt dieser Mann?!

Das Rätsel, dass Whartons Werke ihm etwas bedeuten, obwohl weder die Autorin noch ihre Figuren ihm sympathisch sind, löst Franzen wie folgt: Eine unsympathische Romanfigur wecke für gewöhnlich Sympathie, wenn eine Sehnsucht oder Begierde sie antreibt. Wir können angeblich nicht umhin, gemeinsam mit der Romanfigur das Ziel ihres Begehrens herbeizuwünschen und Hindernisse auf dem Weg zur Erfüllung, sie mögen so sympathisch sein wie auch immer, zu verwünschen. Kronzeuge der Franzenschen Theorie ist das Ekel Raskolnikow, mit dessen Wunsch nach straflosem Verbrechen wir uns nolens volens solidarisieren.

Wharton gelingt laut Franzen derselbe Trick, indem sie ihren unsympathischen Heldinnen Lily Bart (The House of Mirth) und Undine Spragg (The Custom of the Country) einen unstillbaren Wunsch nach Reichtum und gesellschaftlichem Aufstieg mitgibt. Wir identifizieren uns wie willenlos mit dieser ihrer brennenden Begierde, obwohl Lily und Undine zwar bildschön, aber ansonsten oberflächliche und zutiefst unsympathische Frauen sind.

Und was erreicht Wharton damit, warum tut sie das? Entweder, weil sie sich in Schönheit hineindenken und Sympathie dafür entwickeln will, schlägt Franzen vor, oder um sich sadistisch an schönen Frauen zu rächen. Beide Heldinnen erreichen ihr Ziel nicht, und ihre Schöpferin, die ebenso unsympathische wie unschöne Romanautorin Edith Wharton, hat ihren Rachedurst befriedigt? Also wirklich! Ich hoffe doch, das glaubt nicht einmal Franzen.

Und überhaupt, was heißt schon „schön“ und „sympathisch“? Franzen lässt bei seinen Überlegungen außer acht, ist, dass diese Werturteile für Frauen und für Männer sehr unterschiedliche Bedeutung haben und sehr verschieden ausfallen. Er findet Wharton hässlich, ich nicht. Ich finde die meisten Romanautoren hässlich, wenn ich mir das mal genau überlege. Mit zunehmendem Alter werden sie naturgemäß meist noch hässlicher, mit Ausnahme des alten Fontane - aber wen schert das schon? Dostojewsky, Tolstoj, Henry James, Balzac, Hugo, Dickens, große Romanautoren, aber sowas von hässlich! Böll, Grass, Frisch - dass sie besonders hübsch waren oder sind, wird niemand behaupten. Und es interessiert auch niemand, nicht einmal Franzen, denn seinem Schönheitstest unterwirft er nur Frauen.

Die bedeutendste englische Romanautorin des 19. Jahrhunderts, George Eliot, wird (von Männern) immer als hässlich und pferdegesichtig beschrieben, während die Hässlichkeit Balzacs und Flauberts eigentlich kaum mal ein Thema ist. Eudora Welty litt zeitlebens unter ihrer angeblichen Hässlichkeit, desgleichen Eleanor Roosevelt.

Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters - das Maskulinum ist intendiert. Einem Menschen sein Aussehen vorzuwerfen, für das er nichts kann, ist nicht besser als Rassismus. Die neue Frauenbewegung hat dafür den Ausdruck „looksism“ erfunden: Diskriminierung aufgrund des Aussehens. Opfer dieser Diskriminierung sind fast ausschließlich Frauen. Männer fällen die Urteile, Frauen internalisieren sie und werden dadurch oft lebenslang behindert, im Wettbewerb um Männergunst gegeneinander aufgehetzt und dabei aufgerieben.

Franzen hat mich enttäuscht. Er ist mir unsympathisch geworden. Seiner eigenen Theorie zufolge werden mir seine Werke nun nichts mehr bedeuten. Da kann er durchaus recht haben. Statt Franzen werde ich nun erstmal reichlich Wharton lesen.
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Zum Weiterlesen: Sarah Todds erfrischende und gepfefferte Franzen-Kritik in dem Blog “Girls Like Giants”
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# | Luise F. Pusch am 13.02.2012 um 06:05 PM • Laut & LuiseGenderLiteraturMänner!Permalink

16.01.2012

Über das Urinieren auf Leichen und Frauen

Am Mittwoch wurde auf YouTube ein 39 Sekunden langes Video eingestellt, das zeigt, wie vier US-Marines auf tote Taliban-Kämpfer urinieren. US-Verteidigungsminister Leon Panetta und US-Außenministerin Hillary Clinton haben die abstoßende Tat sofort aufs schärfste verdammt, nachdem feststand, dass das Video keine Fälschung war.

Die Taliban selber reagierten relativ gelassen und wiesen darauf hin, dass US-Streitkräfte ihnen schon viel Schlimmeres angetan hätten. Jedenfalls sollen die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban nicht abgebrochen werden.

Wenn ich wählen müsste zwischen Getötet- und Bepinkeltwerden, würde ich allemal die Bepinkelung wählen. Trotzdem reagiert alle Welt auf dieses Vergehen so, als sei das Urinieren der eigentliche Skandal und nicht das Töten. Das militärische Denken hat schon seit Urzeiten das moralische Empfinden aus dem Gleichgewicht gebracht; wir haben uns daran gewöhnt. Für die Sanierung des moralischen Empfindens empfiehlt sich die Lektüre des leidenschaftlichen pazifistischen Aufschreis der 85jährigen Hedwig Dohm „Der Missbrauch des Todes“, den sie mitten im ersten Weltkrieg verfasst hat. Auf Amazon können Sie ihn sich hier kostenlos herunterladen.

Die toten Taliban merkten nichts von ihrer Schändung. Was also bezweckten die Marines mit ihrer Tat? Wollten sie ihre Kameraden beeindrucken, wie sehr sie es dem Feind gegeben hatten? Allerdings verblasst die Untat neben dem, was US-Soldaten ihren lebenden Kameradinnen antun.

Das Bepinkeln von Leichen dürfte eine relativ seltene Handlung sein, wohingegen das Urinieren auf lebende Personen weit verbreitet ist. Bei diesen Personen handelt es sich in der Regel um Frauen, Prostituierte, die in dem immer schärfer werdenden Wettbewerb schon mal was Besonderes bieten müssen und sich immer widerlichere Erniedrigungen gefallen lassen müssen. Das Urinieren auf oder in die Frau wird auf dem Bordell-Menü der sexuellen Leistungen als “Natursekt” bezeichnet. Koten heißt „Kaviar“, in Bordellanzeigen abgekürzt als „KV“. Als noch ekelhafter empfinden aber die meisten, dass sie Sperma schlucken sollen - trotz der AIDS-Gefahr heute eine fast schon routinemäßig geforderte selbstverständliche Leistung/Erniedrigung, genannt “FT = französisch total (mit Schlucken).”

Auch US-Soldaten gehen ins Bordell und gönnen sich die geilsten Menüs. Wieder in der Truppe, besorgen sie es den Kameradinnen. Am 4.1.2012 berichtete die taz über die Sexualverbrechen der US-Soldaten an ihren Kameradinnen:

Schätzungen gehen von insgesamt bis zu 19.000 Fällen im Jahr aus. 90 Prozent der Opfer sind Frauen, 69 Prozent sind zwischen 16 und 24 Jahre alt. Sehr wenige Fälle führen zu disziplinarischen Maßnahmen gegen den oder die Täter. Darüber gibt es keine genaue Zahlen, rund 8 Prozent sollen es sein.

Bei 19.000 Fällen wird den Soldatinnen auch jede Menge „Urinsekt“ und „Kaviar“ eingeflößt worden sein, von „GB = Gesichtsbesamung“ nicht zu reden. Wie wär’s also, wenn Leon Panetta mal die Proportionen zurechtrücken und bevorzugt und prompt gegen die Sexualverbrechen seiner Mannen gegen US-Soldatinnen einschreiten würde?

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# | Luise F. Pusch am 16.01.2012 um 06:33 AM • Laut & LuiseMänner!MilitärPermalink

04.12.2011

Was ist ein Damenstudent?

Meine Freundinnen Anna und Gertrud schickten mir aus Wien einen merkwürdigen Sprachfund. Am 27. Januar findet zum 59. Mal der Wiener Korporationsball statt, zum letzten Mal in der Wiener Hofburg.

Dazu schreibt Die Presse, Wien:

Seit 43 Jahren gehört der Wiener Korporationsball zum Repertoire der Wiener Hofburg: Immer am letzten Freitag im Jänner treffen sich dort vor allem schlagende Couleurstudenten, darunter etwa Mitglieder der vom DÖW [Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands] als rechtsextrem eingestuften Burschenschaft Olympia, zum Tanz. Eine Veranstaltung, die sich selbst als antifaschistisch definierenden Organisationen seit jeher ein Dorn im Auge ist.

Nun tanzen die Burschenschafter bzw. schlagenden Couleurstudenten aber nicht nur miteinander, sondern es sind auch Damen zugelassen. Das entnehmen wir der Preisliste  für die Eintrittskarten: Es gibt Damenkarten und Herrenkarten, die beide dasselbe kosten, nämlich 72 EUR. Also wozu dann die Unterscheidung in Damen- und Herrenkarten, wenn nicht einmal die schöne alte Regel gilt: „Frauen und Kinder die Hälfte“? Stellen Sie sich vor, Sie gingen ins Theater oder Konzert und bekämen dort je nach Geschlecht Damen- oder Herrenkarten!

FrauenbildGibt diese Geschlechtertrennung bei den Karten schon Rätsel auf, so wird es bei den Studenten noch putziger. Da unterscheidet die Preisliste des WKR (Wiener Korporationsring) nämlich zwischen Damenstudenten auf der einen und Herrenstudenten auf der anderen Seite. Wieder zahlen beide Gruppen dasselbe, und zwar 30 EUR.

Von „Damenstudenten“ habe ich noch nie gehört, und meine Freundinnen Anna und Gertrud auch nicht. Nicht einmal Google kennt das Wort.

Was haben wir uns unter einem Damenstudenten vorzustellen? Ein Jurastudent studiert Jura, ein Musikstudent Musik. Demnach studiert der Damenstudent Damen und der Herrenstudent Herren? Aber wir sagen doch „Frauenstudien“ und nicht „Damenstudien“. Und zeitgemäß eher “Geschlechterforschung” bzw. “Gender Studies”.

Neben den Frauenstudien kennt unsere Sprache auch das „Damenstudio“, wo frau sich unbehelligt ihrer Fitness widmen kann. Trotzdem sind die Kundinnen eines Damenstudios keine „Damenstudenten“.

Oder ist es eher so wie mit der Damen- und der Herrentoilette? Die Damentoilette und der Damenstudent sind für Damen da, und auf der Herrentoilette kümmern sich Herrenstudenten um die Herren?

Vielleicht hat der WKR auch einfach nur Mühe mit dem neumodischen sprachlichen Gendern und will nur ausdrücken, dass die „Herrenstudenten“ Herren sind und zugleich Studenten, und die „Damenstudenten“ Damen und ebenfalls Studenten?

Diese Interpretation läge einerseits nahe, andererseits fragt frau sich, weshalb sie dann nicht einfach Studenten und Studentinnen schreiben.

Das mag mit anderen eigentümlichen Sprachgepflogenheiten der Korpsstudenten zusammenhängen. Wenn sie ausstudiert haben, heißen sie nicht etwa Ehemalige oder Alumni, sondern „Alte Herren“. Und die Korpsstudentinnen – ja, die gibt es inzwischen auch - werden nach dem Studium „Hohe Damen“. Außerhalb der schlagenden Verbindungen sind sonst eher „alte Damen“ und „hohe Herren“ gebräuchlich, aber die Burschenschafter mögen es offenbar andersrum lieber.

Ich nehme an, für diese „hohen Damen“ und „alten Herren“ sind die hochpreisigen „Damenkarten“ und „Herrenkarten“ gedacht. Und da sie so viel blechen müssen, haben sie wohl einen Anspruch auf ein wenig persönliche Aufmerksamkeit, gewährt von Damenstudenten und Herrenstudenten. Jede Dame bekommt einen Damenstudenten zugewiesen und jeder Herr seinen Herrenstudenten. Nur so ergibt die pingelige Zuweisung der Eintrittskarten nach dem Geschlecht einen Sinn: Damit alles seine paarweise Ordnung hat.

Es ergibt sich überdies ein Bild raffinierter Nachwuchsförderung: Die Alten zahlen mehr als das Doppelte und bekommen dafür netten Kontakt mit der schneidigen männlichen Jugend. Wie es mit dem Kontakt zur lieblich-weiblichen Jugend aussieht, bleibt einstweilen unklar.

Bekannt ist ja, dass schlagende Verbindungen Männerbünde sind. Frauen haben da sowieso nichts zu suchen. Sollen sie doch ihre eigenen Verbindungen gründen, und manche tun das auch. Aber es wird für einen „normalen“ Ball wahrscheinlich kaum genügend Damen geben. Es könnte also auch so sein, dass die „Damenstudenten“ Drag Queens sind: Studenten, die Damen darstellen. Dann wäre das sogar eine halbwegs passende Bezeichnung: Es sind tatsächlich nur Studenten da, aber die einen kommen als Herren und die andern als Damen.
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# | Luise F. Pusch am 04.12.2011 um 04:04 PM • Laut & LuiseGenderKomische WörterMänner!Permalink

09.10.2011

Die Mutation der Drohne

Drohnen sind männliche Bienen, deren einziger Lebenszweck die Begattung von Bienenköniginnen ist. Sie werden im Bienenstock von den emsigen weiblichen Arbeitsbienen durchgefüttert, bis sie zu ihrem „Hochzeitsflug“ aufbrechen, bei dem sie ihr Leben verlieren, wenn es ihnen gelingt, eine Königin zu „begatten“. Trotz ihrer tragischen Anmutung habe Drohnen einen schlechten Ruf:

Die männlichen Drohnen sind eigentlich für das Bienenvolk zu nichts zu gebrauchen. Sie sind genetisch halbe Portionen, plump gebaut und etwa 13 bis 16 Millimeter lang mit großen Facettenaugen. Drohnen lungern mit ihren großen Augen und Antennen dröge im Bienenstock herum, übernehmen keine Arbeit und lassen sich füttern. Drohnen dienen eigentlich nur zur sexuellen Befriedigung junger und jungfräulicher Königinnen. Bis zu 20 Drohnen begatten eine Königin beim Hochzeitsflug – dann sterben die Drohnen sofort; eigentlich ist das Drohnenleben doch ein kleiner schwarz-gelb gestreifter Männertraum. (Quelle: hier)

Die zweite Bedeutung von „Drohne“ - Nichtstuer und „faule Nesthocker“ - leitet sich ab von dieser abschätzigen Beurteilung des Drohnenlebens.

Nicht geklärt ist, warum die männliche Biene mit dem exklusiv männlichen Lebenszweck ausgerechnet „die“ Drohne heißt - nach männlichem Normalempfinden doch eine ehrenrührige Einordnung. Vermutet wird, dass es einfach eine Angleichung an das Femininum „die Biene“ sei. Die Fachsprache der Imkerei bevorzugt „der Drohn“. Drohne/Drohn ist also ein interessantes Pendant zu der feministischen Erfindung Matrone/Matron.

Die dritte Bedeutung von „Drohne“ ist: unbemannter Flugkörper, der zu Überwachungs- und anderen militärischen Zwecken eingesetzt wird. Militärische Drohnen sind ein rasanter Wachstumsmarkt, die Anzahl der Drohnen und der dafür ausgegebenen Summen wächst seit 9/11 exponentiell.

In Wörterbüchern, die älter als zehn Jahre sind, gibt es die militärische Bedeutung noch nicht. Nur in Online-Wörterbüchern finden sich alle drei Bedeutungen.

Mich interessiert die Frage, wieso die unbemannten Flugkörper, auch UAVs (unmanned aerial vehicles) oder RPVs (remotely piloted vehicles) genannt, nach den männlichen Bienen benannt wurden. Darüber habe ich - außer in Gunhild Simons Blog - nirgends etwas finden können. Sie schreibt:

Drohnen sind im Bienenstaat die einzigen, die keinen Stechapparat haben. Das heißt, sie sind unbewaffnet und wehrlos. Jede Arbeiterin kann sie totstechen.
Drohne klingt deshalb weniger bedrohlich als bewaffneter Roboter für einen unbemannten, bodengesteuerten Waffenträger.
In diesem Zusammenhang ist Drohne ein Euphemismus.
Drohnen heißen die unbemannten Flugkörper offenbar wegen ihrer Objekthaftigkeit, fehlenden Entscheidungsfähigkeit und Fremdgesteuertheit. (Quelle: hier)

Das klingt einleuchtend, aber es gibt noch eine bessere Erklärung: Die ersten Drohnen waren in den 30er Jahren die ferngesteuerten Modellflugzeuge des US-Amerikaners Reginald Denny; er taufte sie „Dennymites“. Sie dienten der Flugabwehr als mobile Ziele zum Training. Ihr Daseinszweck erfüllte sich im Abgeschossenwerden. Außerdem summten sie (engl. to drone) wie Insekten. Was lag also näher, als sie drones zu nennen nach den ebenfalls bei Erfolg todgeweihten männlichen Bienen, den „drones“?

Inzwischen wurde die Drohne mächtig aufgerüstet. Ferngesteuert wird sie weiterhin, z.B. von Nevada aus, während sie in Afghanistan versehentlich Zivilisten oder im Jemen Al-Kaida-Führer tötet. Aus dem alten heroischen Kampf Mann gegen Mann ist also ein ziemlich heimtückisches und für den Angreifer risikoloses Morden geworden. Der Unterschied zu den Massenmorden mit Giftgas im ersten und den Massenmorden mit Bombenteppichen und Atombomben im zweiten Weltkrieg ist der, dass die mit High-Tech-Instrumenten und -Waffen bestückte Drohne ihr Ziel präziser einkreist, ortet, erkennt und trifft. Außerdem kann sie bis zur Unsichtbarkeit miniaturisiert werden.

Kurz, die plumpe, todgeweihte Drohne, der „faule Nesthocker“, ist zum Ungeheuer mutiert, das auf dem besten Weg ist, der Fluch des 21. Jahrhunderts zu werden.
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Zum Weiterlesen: P.W. Singer. 2009. Wired for War: The Robotics Revolution and Conflict in the 21st Century.

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# | Luise F. Pusch am 09.10.2011 um 05:59 PM • Laut & LuiseFlora & FaunaKomische WörterMänner!MilitärPermalink

30.09.2011

Wie Mutter Natur uns hilft, Männer erfolgreich zu vergrämen

Vor ein paar Tagen präsentierte Google Mail mir in der rechten Spalte eine Anzeige, die ich nicht nur wahrnahm, sondern sogar im Gedächtnis behielt. Sie lautete: „Taubenabwehr / Vergrämung“. Ich klickte nicht, aber ich bekam die „Vergrämung“ nicht aus dem Kopf, forschte schließlich im Internet und erfuhr, dass es ein Ausdruck der Jägersprache ist. Er bezeichnet laut Wikipedia

das dauerhafte Vertreiben (Verscheuchen) oder Fernhalten von Wild – entweder unfreiwillig (z. B. durch Lärmen oder weiße Kleidung im Revier) oder als gewollte, möglichst nichttödliche Methode, um Wildtiere zu einer entsprechenden Verhaltensänderung zu bewegen. Vor allem Kormorane, Tauben, Marder, Maulwürfe und Wildkatzen werden gezielt vergrämt. Dabei spielt das Ausnutzen angeborener Verhaltensweisen…, z. B. durch Vortäuschen natürlicher Feinde, eine zunehmende Rolle. […] Verstänkerungsmittel werden eingesetzt um Wildschweine zu vergrämen.

Ist ja alles gut und schön, aber unser eigentliches Problem ist doch weniger die Belästigung durch Wildschweine als vielmehr die konstante Belästigung durch Männer bis hin zur Vergewaltigung. Die Frage lautet also: Wie lassen sich Männer nachhaltig und umweltschonend vergrämen? Lärmen und das Tragen weißer Kleidung im Revier bewirkt ja nichts, und Verstänkerung ist unpraktisch, weil es uns selbst auch vergrämt.

Was nottut ist eine liebevolle Rückbesinnung auf die natürlichen Mittel, die Mutter Natur uns zur Vergrämung der Männer geschenkt hat:

Da ist als erstes das Altern zu nennen. Je älter ich werde, umso vergrämter reagieren die Männer auf mich. Gut so! Es fing an, als ich etwa 35 war. Richtig gemütlich wurde es ab Mitte vierzig. Und nach dem 50. Lebensjahr hast du deine Ruhe.

Als Teenager hatte ich bereits die meisten Männer erfolgreich vergrämt, einfach weil ich eine Brille trug. Dies Mittel kommt auch immer wieder in Filmkomödien vor. Die Frau mit Brille vergrämt die Männer weit besser als die ohne Brille. Warum die Brille die Männer so gründlich vergrämt, ist noch nicht erforscht. Ich vermute mal, dass die Brille fortgeschrittenes Alter oder Intellekt oder sogar beides signalisiert, und das können die Männer bei Frauen nicht verknusen.

Es hilft auch, mehr zu wiegen als der weibliche Durchschnitt. Damit hatte ich auch keine Mühe.

Im Studentenheim hatte ich die meisten Männer aus Nordeuropa baldigst vergrämt. Sie warfen einen Blick auf mich und zogen vergrämt ab, auf Nimmerwiedersehen. Bei Männern aus Südeuropa, Afrika und dem mittleren Osten wirkten meine Vergrämungsmittel nicht. In meiner Jugend fühlte sich jeder Italiener verpflichtet, einer Frau nachzustellen, selbst wenn sie rundlich war und eine Brille trug. Dass ich blond war, half auch nicht grade. Meine blonden Haare waren das Signal, auf das überwiegend Afrikaner, Syrer und Ägypter reagierten, Brille hin oder her. Ich musste ein stärkeres Vergrämungsmittel einsetzen: Vortäuschen natürlicher Feinde. Ich erfand einen kräftigen Verlobten, der sich die vergrämungsresistenten Belästiger demnächst mal vornehmen würde.

Jetzt bin ich 67, immer noch mit Brille und übergewichtig - und habe alle brünstigen Männer so erfolgreich vergrämt, dass ich ein gänzlich unbeschwertes Leben führen kann, frei von jeder unliebsamen Belästigung. Ich weiß natürlich, dass selbst hohes Alter nicht vor Vergewaltigung schützt. Für diesen Extremfall müssen wir uns also noch was ausdenken, die ultimative Vergrämung sozusagen. Habt Ihr Ideen, was am besten wirkt? Pfefferspray? Wen-Do? Tranchiermesser? Verstänkerung? Gegen Marder soll „Marder weg“ helfen:

FrauenbildNeu: Marder weg!
8,90 €
Sofort wirkendes Vergrämungsmittel gegen Marder.

Rein natürliche Vergrämungsmittel. Die Gewohnheit bestimmte Bereich aufzusuchen, Gegenstände zu beschädigen oder zu markieren wird nachhaltig durchbrochen, da der Geruchs- und Geschmackssinn der Tiere durch Wabe Vergrämungsmittel  gestört wird. Die Tiere meiden die zu behandelnden Bereiche.
• Langzeitwirkung
• Keine Gefährdung der Tiere
• Umweltfreundliches Pumpsprühsystem

Vielleicht lässt sich „Marder weg“ zu „Mörder weg“ fortentwickeln???

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09.09.2011

9/11: Überlegungen zum „sexuellen Missbrauch“ und zum „Krieg gegen den Terror“

Gestern geriet ich in die zweite Hälfte der Sendung über „sexuellen Missbrauch“ von Gert Scobel, Titel: “System Missbrauch
Wie Verschweigen und Verharmlosen funktioniert”. Wiederholt wird sie leider nicht, so dass ich hier nur aus dem Gedächtnis schildern kann, was mir dabei auffiel.

An der Gesprächsrunde nahmen zwei Frauen und zwei Männer teil: Christine Bergmann, unabhängige Beauftragte zur Aufklärung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kathrin Radke, Sprecherin der “Bundesinitiative der Betroffenen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch im Kindesalter”, Michael Osterheider, Experte auf dem Gebiet der Pädokriminalität und Mitglied beim “Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch” der Bundesregierung. Und Gert Scobel als Moderator der Sendung. Mehr über die Beteiligten der Gesprächsrunde hier.

Was mir auffiel, war, dass Scobel, Osterheider und Radke das Thema „TäterINNEN“ über Gebühr betonten und Christine Bergmann immer wieder dazu zwangen, die Proportionen zurechtzurücken. Tatsache ist, dass 90 Prozent der sexuellen Missbrauchstaten von Männern begangen werden. Das betonte Bergmann tapfer wieder und wieder, bei jedem erneuten Infragestellen. Besonders Scobel wollte wissen, ob nicht die Vorstellung des sexuellen Missbrauchs durch die Mutter so unfassbar und daher tabuisiert sei, dass die Untaten der Mütter eben im Dunkeln blieben, die Dunkelziffer mithin gewaltig sein müsse. Nein, konterte Bergmann, da sei, nach dem gesamten Aufbrechen der Thematik vor zwei Jahren, inzwischen eigentlich nichts mehr tabu, alles käme auf den Tisch. Und da sei es nun einmal so, dass Frauen an dem Delikt nur verschwindend wenig beteiligt seien. Ihr Anteil fiele eigentlich kaum ins Gewicht. Die drei anderen machten immer wieder Anläufe, diese Aussage zu relativieren - Bergmann blieb jedoch standhaft.

Warum diese heftigen Bemühungen, die Frauen als Schuldige mit ins Boot zu holen? Der Grund liegt auf der Hand: Wenn beide Geschlechter sich an diesen Verbrechen beteiligen, dann haben wir es nicht mit einem Massenverbrechen von Männern gegen Schwächere zu tun, sondern mit einer gesellschaftlichen Pathologie. Die Männer wären, um es platt zu sagen, aus dem Schneider. Und alles Augenmerk könnte sich wieder beruhigt den Opfern zuwenden, so wie es immer war, bevor die Schandtaten der katholischen Priester an die Öffentlichkeit kamen. Diesen saftigen Skandal und Quotenbringer konnten sich die Medien natürlich nicht entgehen lassen, und plötzlich waren die Täter das Thema, eben weil es prominente und unwahrscheinliche Täter waren. Bis dahin, solange es „nur“ Väter, Brüder, Großväter und Onkel waren, blieben die Täter öffentlich-medial weitgehend unbehelligt, wurden kaum mal zum Thema. Denn schließlich sind Medienmänner ebenfalls Väter, Brüder, Großväter und Onkel, gehören also zur Gruppe der prinzipiell Tatverdächtigen. Da empfahl sich also eher Stillschweigen. Das geht nun nicht mehr, und so wird die zweite Strategie der Ent-Schuldigung herangezogen: Nicht das übliche „Die anderen waren es“ - das wäre denn doch zu abenteuerlich, die Taten den Frauen zur Last zu legen. Wohl aber kann mann die Strategie „Wir alle waren es“ zwecks Nivellierung einsetzen, und das taten die Beteiligten gestern Abend auch, mit Ausnahme von Bergmann. Warum Radke auch diese Strategie wählte, ist mir nicht ganz klar. Aber die Entlastung der Männer durch Frauen ist ja durchaus nichts Ungewöhnliches, sie wird ja auch oft belohnt.

Apropos Täter: Da kommen uns zum zehnten Jahrestag von 9/11 natürlich jene anderen Täter in den Sinn und Bushs Versuch, sie und ihr Netzwerk mit seinem „Krieg gegen den Terror“ auszumerzen. Zehn Jahre krankt die ganze Welt schon an diesem Wahnsinn. Hier wurde ganz auf die Strategie: „Die anderen waren es!“ gesetzt. Und so gab es denn auch keinerlei Hemmungen, die Gruppe der Täter auf „die Muslime“ auszuweiten und bewusstlos zu verfolgen. Verbrecherische Regimes, endlich hinweggefegt im „arabischen Frühling“, wurden viel zu lange hofiert, weil sie Verbündete im „Krieg gegen den Terror“ waren.

Auffällig für die feministische Beobachterin ist der so typisch unterschiedliche Umgang mit den Tätern. Samthandschuhe und, immer noch, Versuch der Abwälzung der Schuld auf „die Gesellschaft“ beim “Kampf gegen den sexuellen Kindesmißbrauch”. Folter und Auslöschung des „Gegners“ im „Krieg gegen den Terror“. Wobei Al Qaeda mit Sicherheit ungefährlicher ist und viel weniger Opfer zu verantworten hat als das globale männliche Terrornetzwerk der Kinderschänder, Vergewaltiger, Lustmörder, Triebtäter, Frauenhändler, Pornografiehersteller, etc. etc.

Was können wir also tun? Einfach die Täter unbeirrt benennen ist von zentraler Wichtigkeit gegen die Taktiken des “Verharmlosens und Verschleierns”, um die es in der Sendung angeblich ging. Dank an Christine Bergmann für ihr großartiges Beispiel.


# | Luise F. Pusch am 09.09.2011 um 03:56 PM • Laut & LuiseMänner!TV-KritikPermalink

10.04.2011

Hilde Domin und ihr Bremsklotz

Frauenbild
In der letzten Woche habe ich Marion Tauschwitzs Hilde-Domin-Biographie gelesen, die den vielsagenden Untertitel trägt: „Dass ich sein kann, wie ich bin“.

Das Buch ist inkl. Anhang über 600 Seiten stark - dass ich es trotzdem fast in einem Zug durchlas, liegt einerseits an der Kunst der Biographin, andererseits an dem aufwühlenden Stoff: dem „Jahrhundertleben“ der Hilde Domin von 1909 bis 2006. Die Langlebigkeit war auch nötig, möchte frau - nur scheinbar unsinnigerweise - hinzufügen, denn Domin wurde von ihrem tyrannischen Gatten, dem Kunsthistoriker und verhinderten Dichter Erwin Walter Palm, dermaßen ausgebeutet und aktiv behindert, dass sie ihren ersten Gedichtband erst 1959, mit fünfzig Jahren, veröffentlichen konnte. In dem Alter hatten andere große deutsche Dichterinnen - Bachmann, Droste, Kolmar - ihr Lebenswerk bereits vollbracht. Sie hatten nicht geheiratet.

Domins Verleger fand, es sei marketingtechnisch ungünstig, ein Erstlingswerk als Fünfzigjährige herauszubringen, deshalb machte mann die Dichterin kurzerhand drei Jahre jünger. Sie wurde dann ja allmählich doch noch berühmt und im Alter immer berühmter, so dass die gewaltigen Ehrungen zu ihren runden Geburtstagen immer einer Frau galten, die in Wirklichkeit schon drei Jahre älter war. Der Irrtum wurde erst zu ihrem 90. Geburtstag aufgeklärt.

Was die Lektüre der Tauschwitz-Biographie so faszinierend, aber auch schwer erträglich macht, ist die Geschichte der 56jährigen Ehe zwischen Hilde Domin und Erwin Walter Palm, der der Meinung war, seine Ehefrau habe nicht zu dichten, sondern ihm zu dienen, nicht nur als Bettgefährtin und Haushälterin, sondern auch als wissenschaftliche Assistentin und Agentin. Zeit seines Lebens setzte sie sich für ihn ein, aber als sie einmal ihn brauchte, nach dem Tod ihrer geliebten Mutter, blieb er lieber auf Reisen. In der Situation, als Jüdin im Exil, vom Mann im Stich gelassen, entdeckte sie endlich ihre wahre Heimat, das Wort.

Als Erwin Walter Palm ihre Gedichte erstmals sah, war er klug genug, deren Rang zu erkennen, auch zu erkennen, dass seine Frau ihm überlegen war - und dafür musste sie bestraft werden.

Der erbitterte Kampf darum, wer in dieser Ehe schöpferisch tätig und erfolgreich sein durfte und wer zu dienen hatte, prägte die Zeit von 1950 bis zu Palms Tod 1988: „Erwin Walter Palm ertrug es nicht, dass seine Frau Gedichte schrieb - ‚als ob die Katze auf einmal Eier legte.‘ Wollte sie schreiben, so sollte sie das in einer ‚Menstruationshütte‘ tun; ihr Wunsch zu schreiben, galt ihm als ‚unrein‘, die Dichtkunst sollte Männerdomäne bleiben.“ (S. 221)

Die Frage, warum Hilde Domin sich das alles und obendrein die zahlreichen Seitensprünge und Bordellbesuche ihres Gatten bieten ließ, beschäftigt die Leserin beständig, wird aber nicht zufriedenstellend beantwortet. Vielleicht kann sie nicht beantwortet werden. Oft genug wollte Erwin Walter Palm aus der Ehe aussteigen, oft genug blieb er monatelang auf sogenannten Forschungsreisen. Aber Hilde Domin ließ ihn nicht los; sie klammerte. Einmal heißt es: „‚Erwin ist einer der zehn gebildetsten Menschen auf der Welt‘, pflegte Hilde Domin zu sagen, ‘das Leben mit ihm war nie langweilig.‘ Und das schätzte sie.“ Ein andermal erfahren wir: „Die Schlüsselerkenntnis hatte sie bereits 1952 formuliert - und sie schien weiterhin Bestand zu haben: ‚Die Crux besteht darin, zum Teil, dass wir aus dem Quälen und Gequältwerden Gefühle beziehen, die zwar terribel, aber erotisch ergiebig sind. Die Angst, die wir voreinander haben, ist eine wahre Plage, aber irgendwo deliziös.‘“ (S. 408)

Hilde Palms Pseudonym Domin wird meist auf ihr Exilland, die Dominikanische Republik, und deren Hauptstadt Santo Domingo zurückgeführt. Tauschwitz vermutet überdies eine Anspielung an den Schauspieler Friedrich Domin, den Hilde Domin in München, wo sie längere Zeit lebte, kennengelernt haben dürfte. Nicht erwähnt wird die in die Augen springende Identität mit dem lateinischen Wortstamm domin-, wie in domina, dominus und dominare (dominieren).

„Pauvre petit [armer Kleiner]“, so beginnt eine der erschütterndsten Notizen Hilde Domins an ihren Mann, „bitte, bitte: Die Frage ist doch verkehrt. Es gibt doch keine Wahl zwischen meinem Werk und Dir. Mein Werk, alles was ich tun muss, das bin doch ich. Du sagst doch auch nicht: ‚Komm zum Frühstück ohne Arme. Entscheide Dich zwischen mir und Deinen Armen.‘ Du weißt doch, dass dies so ist. Sei nicht traurig, es gibt ja keine Wahl. Jeder ist, der er ist. Ein Dichter zu sein ist nichts Schlechtes. Du weißt es doch. H.“ (S. 375f)

Er wird ihr zugestimmt haben, dass ein Dichter zu sein nichts Schlechtes ist. Aber sie ist eine Dichterin! Als sie einmal Lust äußert, ein Theaterstück zu schreiben, sagt er: „Dann werf ich dich endgültig raus.“ Sie hat keins geschrieben.

Die Unterwürfige mag sich unterwerfen so viel sie will, sie ist die Stärkere, sie dominiert trotzdem, nicht nur ihren schwächlichen Tyrannen, sondern am Ende sogar die extrem frauenfeindliche, intrigante bundesdeutsche Literaturszene.

Es sollte einmal eine Geschichte der Ehefrauen im Exil geschrieben werden, die ihre Männer, monströse Bremsklötze, durchfütterten, ja buchstäblich am Leben erhielten und dafür ihre eigenen Projekte aufgaben oder hintanstellten. Sie nahmen jegliche Art von Arbeit an, um dem Göttergatten seine intellektuelle Arbeit weiter zu ermöglichen, da er sich für alles andere zu schade war. Für Erwin Walter Palm waren sogar Umzugsarbeiten unter seiner Würde. Er zog jeweils ins Hotel, bis seine zierliche Frau alles zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte!

In so einer Sammlung über Frauen im Exil, die den Laden schmissen, und ihre Männer, die einfach nur schmissen, dürften z.B. die Gatten von Katia Mann, Mascha Kaleko, Helene Weigel und Karola Bloch nicht fehlen. Aber die Palme hat sich eindeutig Erwin Walter Palm verdient.

Marion Tauschwitz. 2010. Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie. Mainz. VAT Verlag André Thiele.


# | Luise F. Pusch am 10.04.2011 um 03:02 PM • Laut & LuiseBuchkritikFrauen!Männer!0 TrackbacksPermalink

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Hedwig Dohm