Social Media

15.07.2012

Facebookspeak: Civilians - Die neuen ZivilistInnen

Wir sehen hier in Boston regelmäßig die NewsHour von PBS (Public Broadcasting Service). Deren sechsköpfige Redaktion ist übrigens ethnisch ziemlich und gendermäßig komplett paritätisch besetzt. Vorgestern sprach NewsHour-Redakteur Ray Suarez mit den GründerInnen der neuen Website „Daily Download“, Lauren Ashburn und Howard Kurtz, über „Wahlkampf und Facebook: Alte Medien in der Neuen Welt“. Wie üblich sagten alle viel Interessantes, Neues und Wichtiges, das ich wie üblich leider bald wieder vergaß. Aber eins blieb mir im Gedächtnis hängen und beschäftigt mich seither: Die neue Bedeutung des Wortes „civilians“ (ZivilistInnen), der ich hier zum ersten Mal begegnete.

Ray Suarez fragte, ob sich nach der Rede Mitt Romneys vor der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) vor allem „civilians“ so lautstark im Netz geäußert hätten, oder ob sich auch die beiden Wahlkampagnen, Obamas und Mitt Romneys, beteiligt hätten. Lauren Ashburn antwortete, es seien schon überwiegend „civilians“ gewesen, und Howard Kurtz ergänzte, JournalistInnen und AktivistInnen hätten sich aber auch beteiligt. Allen Dreien schien das Wort „civilians“ in dieser Bedeutung völlig geläufig. (Übrigens können Sie das interessante Gespräch hier ansehen - und überhaupt lohnt sich ein Besuch der Newshour-Webseite immer.)

Unter ZivilistInnen verstand ich bisher Menschen, die „nicht dem Militär angehören und kein Mitglied einer anderen Kampforganisation sind“, wie es das deutsche Wiktionary formuliert. Das Wort „ZivilistInnen“ kommt heute in fast jeder Nachrichtensendung vor (natürlich heißt es immer „Zivilisten“), und zwar immer im Kontext von erlittener Gewalt: „Gewalttaten gegen Zivilisten“, „unschuldige Zivilisten getötet“, „Massaker an Zivilisten“.

Üblicherweise sind ZivilistInnen also Opfer, die ohne Absicht in kriegerischen Auseinandersetzungen in Mitleidenschaft geraten sind. Die Opfer Hitlers und des Bombenkriegs waren überwiegend ZivilistInnen. Die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien, von denen wir täglich hören müssen, sind überwiegend ZivilistInnen.

Nun könnte man annehmen, der Bedeutungsbestandteil „unbeteiligt“ hätte halt zur Ausdehnung des Gebrauchs von „Zivilisten“ geführt - ähnlich wie „Luftschiffe“ auf „richtige Schiffe“ zurückgehen und „Flughäfen“ auf „richtige Häfen“. Aber mich macht es trotzdem nervös, wenn ich plötzlich zur „Zivilistin“ werde, nur weil ich mich ohne politische oder wirtschaftliche Agenda im Internet bewege.

Längst kooperieren soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter mit Wirtschaft, Politik, Kirche und Militär, die nur zu gern die neuen Informationsströme nutzen, die Facebook- und Twitter-UserInnen über sich verbreiten. Wir, die an politischen und wirtschaftlichen Machtkämpfen „Unbeteiligten“, sind per definitionem die ZivilistInnen. Das sollte uns gründlich zu denken geben, denn es gilt: Je unbeteiligter, desto gefährdeter. Machthaber sorgen immerhin für ihre Armeen, aber nicht für deren unschuldige Opfer.

Die Bezeichnung „ZivilistInnen“ für uns „unschuldige“ NutzerInnen macht aber auch überdeutlich, welches Bild die Gegenseite von sich hat. Wirtschaft, Politik, Finanzwesen sind Kampfmaschinen. Zumindest verbal machen sie ja auch schon lange kein Hehl mehr daraus. Schier endlos ist die Liste der militärischen Begriffe, die nahezu flächendeckend unsere Lebenswelt erobert haben. Die Wirtschaftslenker heißen nicht mehr „Manager“ wie in gemütlicheren Zeiten, sondern „CEOs“ (chief executive officers). Sie starten permanent Offensiven oder feindliche Übernahmen. Die Werbung bombardiert uns mit ihren Werbekampagnen. Die Politik liebt ebenfalls Kampagnen und ist permanent im Wahlkampf, denn nach der Wahl ist vor der Wahl. AnhängerInnen werden rekrutiert.

Die, die sich noch nicht haben rekrutieren lassen, sind ZivilistInnen, und es wird ihnen schlecht bekommen. Höchste Zeit für zivilen Ungehorsam.

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# | Luise F. Pusch am 15.07.2012 um 07:51 PM • Laut & LuiseKomische WörterSocial Media2 TrackbacksPermalink

03.09.2011

Friends/Freunde: Facebookspeak & Gender, Teil 2

Facebook ist ein „Tool“, das „Freunde“ miteinander verbindet und vernetzt. Wie schön! Aber da gibt es zwei Probleme:
1) Was ist mit den Freundinnen?
2) Wird die Bedeutung von „Freund“ nicht völlig verwässert, wenn jedeR Hunderte davon haben kann?

Zu 1) Ich bin erst gut drei Wochen bei Facebook und habe schon 144 “Freunde” gefunden. D.h., die meisten von ihnen haben mich gefunden. Ich bekam laufend Emails von Facebook: „xy möchte mit dir auf Facebook befreundet sein“ bzw. „xy wants to be friends on Facebook“. Ich klickte jeweils hin zum Profil der Anfragenden, und wenn ich feststellte, dass sie mit Frauen, die ich kannte, auf Facebook befreundet war, habe ich sie „als FreundIn hinzugefügt“. FrauenbildSo die entsprechende Formel auf Facebook, mit dem großen I schon fast feministisch. Ganz feministisch wäre es ohne großes I gewesen, einfach „Freundin“ hätte ja genügt. Denn Facebook weiß wahrscheinlich, ob eine Person weiblich ist, weil wir das ja beim Ausfüllen unseres Profils meist mitteilen. (Zu der von Facebook vorgesehenen Wahl zwischen “weiblich” und “männlich” gab es neulich heftigen und berechtigten Protest der Transgender Community, die sich bezüglich des Geschlechts nicht festlegen wollen. Erweiterungen wie “transgender”, “intersex” etc. wären also sinnvoll.)

FreundIn hin oder her: Meine sog. 144 „Freunde“ sind zu 99 Prozent Freundinnen. Statt „Freunde“ also „FreundInnen“ zu sagen, dazu konnte Facebook sich anscheinend noch nicht durchringen. Aber ich denke, das wird noch kommen, je mehr Frauen bei Facebook mitmachen und sich beschweren, dass ihre Freundinnen zu Freunden verunkenntlicht werden. Und je mehr Hetero-Männer nicht als Schwule verkannt werden und mit Mega-Zahlen von Freundinnen prahlen wollen.

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Eben meldete Facebook: „Jenny möchte Deine Freundin sein.“ Nummer 145. Ich habe freudig zugestimmt und bekam prompt die Bestätigung: „Jenny und du seid jetzt Freunde.“ Nicht mehr Freundinnen? Wie schade! Aber ich bin überzeugt, das kriegen die bei Facebook auch noch hin.

Kommen wir von den grammatischen Fragen zu den inhaltlichen: Droht der Begriff der Freundschaft durch inflationären Gebrauch zu verwässern?

Die Facebook-Konventionen haben zur Folge, dass ich mich jetzt mit Frauen duze, die ich nur per Facebook kenne, schließlich sind wir ja alle Freundinnen. Dafür sieze ich mich weiter mit vielen Menschen, die ich schon lange und besser kenne, z.B. beruflich. Mit manchen verkehre ich auf Facebook per Du und in Emails per Sie. Verkehrte Welt. Oder: anglisierte/amerikanisierte Welt. Das Englische kennt als Anredeform nur you, Nähe und Distanz werden durch den Gebrauch des Vornamens oder Nachnamens geregelt. Aber selbst wenn eine Elektrikerin ins Haus kommt, die ich noch nie gesehen habe, sind wir doch umgehend per „Peggy“, „Joey“ und „Luise“ statt „Ms Gonzales“, „Ms Horsley“ und „Ms Pusch“. Letzteres käme allen Beteiligten steif und lächerlich vor.

US-amerikanische Hemdsärmeligkeit (die maskuline Anmutung ist intendiert) überrennt deutsche Förmlichkeit - nicht schlecht!
Die Facebook-Software lädt mich ein, mit Hilfe ihres „automatischen Freundefinders“ noch mehr „Freunde“ zu finden, d.h. sie wollen meine Email-AdressatInnen daraufhin beäugen, ob die eine oder der andere unter ihnen schon bei Facebook ist, um mir dann vorzuschlagen, sie zu „meinen Freunden hinzuzufügen“. Bisher habe ich die Erlaubnis zur Durchschnüffelung meiner Email-Adress-Datei noch nicht erteilt. Facebook aber scheint zu denken: Man kann doch gar nicht genug Freunde haben!

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sangen die Comedian Harmonists. Und jetzt? Mit 145 Freunden? Sind 145 Freunde noch das Beste, was es gibt auf der Welt? Oder ist auch hier weniger mal wieder mehr?
Zu der sentimental-heroisch-innigen deutschen Vorstellung von Freundschaft hat vor allem Schiller mit seiner „Ode an die Freude“ und der „Bürgschaft“-Ballade beigetragen. In der Ode heißt es:

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

Auf der einen Seite Schillers hohes Männer-Freundschaftspathos, wonach der Freund noch über dem Bruder steht, etwa auf derselben Stufe und einzigartig wie das holde Weib -
Auf der anderen Seite Facebooks „automatischer Freundefinder“. Dazwischen liegen Welten. Und was ist nun besser?

FrauenbildIch votiere entschlossen für die Verwässerung des Freundschaftsbegriffs, oder nennen wir es freundlicher Ausweitung, Demokratisierung - Amerikanisierung halt. “Freund oder Feind?” - so lautet die wichtigste Frage in Zeiten der Bedrohung. Freund ist alles, was nicht Feind ist - ja warum eigentlich nicht?

Durch die Hintertür können wir den exklusiven Schillerschen Freundschaftsbegriff ja auch bei Facebook wieder einschmuggeln. Es gibt da unter „Konto“ die Funktion „Freunde bearbeiten“. Dort kann ich meine “Freunde” in Gruppen einteilen. Ich habe derzeit folgende Gruppen: Kontakte, Bekannte, Business, Kolleginnen, Freundinnen, gute Freundinnen, Familie. Die „guten Freundinnen“ wären wohl Freundinnen im klassisch-Schillerschen Sinne? Nicht unbedingt - denn Schiller sieht den Menschen nur als Mann unter Brüdern mit liebem Vater droben, ausgestattet mit einem Freund und einem holden Weib. Von einer Freundin - oder gar Freundinnen - ist keine Rede. Auch da ist Facebook, obwohl insgesamt noch etwas unbeholfen im Deutschen, doch mit „Jenny will deine Freundin sein“ schon ein gutes Stück weiter. 

 


# | Luise F. Pusch am 03.09.2011 um 06:01 PM • Laut & LuiseGenderSocial MediaPermalink

28.08.2011

Share/Teilen: Facebookspeak & Gender, Teil 1

Unter jeder Facebook-Nachricht finde ich drei Schaltflächen, die ich anklicken kann:
„Gefällt mir“, „Kommentieren“ und „Teilen“ - auf Englisch: „like“, „comment“ und „share“.

Wenn ich dergestalt eine Nachricht, Fotos oder Web-Fundstücke mit anderen „teile“, geht mir nicht die Hälfte davon flöten, anders als einst dem heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Er schnitt ihn mit seinem Schwert in zwei Teile, so die Sage, und gab dem Bettler die eine Hälfte und behielt die andere. Nicht besonders selbstlos, und nicht mal praktisch gedacht, was soll ein halber Mantel schon nützen? Aber doch irgendwie edel, und die Tat machte ihn denn auch zum Heiligen, nach dem die Martinsgans, Martin Luther und schließlich auch Martin Luther King benannt sind.

„Share“ ist verwandt mit „Schar“ und mit „Schere“. „Schere“ leuchtet sofort ein, denken wir nur an die XXL-Schere des heiligen Martin. Und „Schar“ auch, haben doch die meisten Facebook-NutzerInnen ganze Heerscharen von „Freunden“ (das Wort kommt natürlich auch bald dran), denen sie ihre Einfälle, Gefühle, Meinungen usw. mitteilen können und mit denen sie ihre Webfundstücke teilen können.

Wenn ich solcherart meine Unmengen von „friends“ an den Wechselfällen meines Lebens beteilige, betreibe ich Propaganda für mich selbst und/oder mein Geschäft (beides oft kaum voneinander zu unterscheiden) in einer Weise, die bis zum Aufkommen von Facebook unmöglich war. Jeder sein eigener PR-Agent (das Maskulinum ist intendiert). Und „share“ wäre für diese Tätigkeit am besten mit „verbreiten“, „unters Volk bringen“ übersetzt.

Der Shareholder ist ein Aktionär bzw. Anteilseigner, und wir wollen von ihm nichts wissen, es sei denn, wir sind selber Shareholder. Aber hat schon mal eine von „einer Shareholder“ gehört? Eben.

Apropos „share“ = „Anteil“. Wir haben den schönen Ausdruck „jemand Anteil nehmen lassen“, und das ist wohl in etwa das „sharing“ auf Facebook, jedenfalls soweit es meine „Statusmeldungen“ betrifft. Ich melde etwa: „War grad beim Zahnarzt, und es geht mir sowas von beschissen!“. Ich lasse meine Freunde Anteil nehmen an meinem Leid, und ja, sie nehmen Anteil, meiden den „Gefällt-mir-Knopf“, den jetzt zu drücken einfach herzlos wäre, und kommentieren in Scharen  :-((. Und das tut gut, denn:

Geteiltes Leid ist halbes Leid, 
Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Dieser altmodische Spruch, diese Lebensweisheit ist übrigens das einzige deutschsprachige Beispiel, in dem „teilen“ mit „sharing“ voll übereinstimmt. Ein eher sehr weibliches Sharing/Teilen, denn unsere Kultur gewöhnt den armen Männern ja frühzeitig und rigoros ab, Freud und Leid mit anderen zu teilen.

Deshalb bin ich mit der „Fehlübersetzung“ des „share“ mit „teilen“ durchaus einverstanden. Möge es den Shareholders nahelegen, nicht nur mehr Anteile zu kaufen und ihre message flächendeckend zu verbreiten, sondern auch mehr Anteil zu nehmen, an sich selbst und an anderen. 


# | Luise F. Pusch am 28.08.2011 um 09:15 PM • Laut & LuiseGenderSocial Media0 TrackbacksPermalink

21.08.2011

Follower: Twitterspeak und Gender, Teil 1

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechsundfünfzigste Lektion.

Vorgestern habe ich meine zweite Twitter-Seite (nach @luisepusch) eröffnet. Sie heißt @Hexikon und soll ein Sammelbecken für Wortschöpfungen, Wortspiele und Neudefinitionen der Frauenbewegung werden. Gerade habe ich meine 97. Tweet (Zwitsch?, Nachricht, Eintrag) getweetet: Mary Dalys Wortspiel dicktionary (von dick „Penis“ und dictionary „Wörterbuch“).
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Das Hexikon hat auch schon 29 Follower. Für diejenigen unter euch, die keinen Twitter-Account haben: Follower sind Leute, die sich für eine Twitterseite (in diesem Falle: @Hexikon) interessieren und sie abonnieren (sich als Follower anmelden), um jeweils sofort die neuen Hexikon-Tweets auf ihre eigene Twitter-Seite serviert zu bekommen.

Kaum hatte ich den Eintrag zum EMMA-Wortspiel „PorNO“ gezwitschert, hatte ich als Follower eine Pornoseite am Hals. Zum Glück kann frau Follower/Stalker auch blockieren.

Das Wort Follower gehört übrigens höchstens zwecks Reparatur ins Hexikon. Es ist ein Ausdruck der Männersprache, der es in sich hat.

Eigentlich müsste es ja followers heißen: „Ich habe 29 followers“ sagen wir als gebildete und des Englischen kundige Deutsche. Aber das Deutsch, das meine Seite ziert, haben sich andere ausgedacht, und so heißt es da eben „29 Follower“. Meine Follower sind natürlich fast ausschließlich Followerinnen. Aber das kümmert die Macher des Twitterdeutsch nicht.

Die „Follower“ sind eigentlich AbonnentInnen oder LeserInnen. „Folger“ gibt’s im Deutschen nicht, wir kennen höchstens „Verfolger“ und „Nachfolger“. „Folgende“ wäre gegangen und noch dazu wie aus dem feministischen Lehrbuch (vgl. Studierende statt Studenten). „Gefolge“ wäre sowohl geschlechtsneutral als auch noch witzig gewesen. “Gefolgschaft” hätte ich aus demselben Grund nett gefunden, zumal Gefolgschaft gerne mal aufgekündigt wird, was im Zusammenhang mit dem Folgenden (Wortspiel beabsichtigt) nicht unwichtig scheint:

Im Dritten Reich sagten Hitlers Follower: „Führer befiehl, wir folgen dir“. Sie wurden aber nicht Folger genannt oder gar Follower, sondern Anhänger. Männer mit Sendungsbewusstsein versammeln Anhänger um sich, oder Jünger, oder Gläubige bis hin zu den Fanatikern (abgekürzt: Fans). Diese sind “folgsam” und „folgen“ ihnen aufs Wort. Aber wehe, sie folgen noch jemand anderem als dem Führer. Im Übrigen geht das auch gar nicht: Wenn ich einem Führer folge, kann ich nicht zugleich einem anderen Messias folgen, es ist physisch unmöglich, ich kann mich nicht in zwei Hälften teilen. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, heißt es gleich im ersten der Zehn Gebote. Wenn die Herde dem Hirten folgt, folgt sie nicht zugleich einem anderen Führer. Sollte es einem schwarzen Schaf doch einfallen, auszuscheren, wird es in die Herde zurückgepfiffen. Falls das nicht reicht, kommen Hütehund, Gestapo oder Inquisition zum Einsatz.

FrauenbildBei Twitter ist es aber so, dass die meisten ebenso vielen Personen folgen, wie sie Follower haben. @DailyEngHelp, ein Lehrer, der über die englische Sprache zwitschert, hat 5.932 Follower und folgt 4.530 Personen. Was kann bei diesen Zahlen das „Folgen“ noch bedeuten?

Es ist eigentlich mehr eine Art Sichten, Beobachten -  und kann auch zum Überwachen dienen: „Mal sehen, was die Konkurrenz treibt.“ Eine Überwachungskamera kann sehr viele Menschen gleichzeitig ver“folgen“. Diese Einsatzweise des „Following“ erinnert ungut an die Teilnahme von Männern an feministischen Veranstaltungen. Was da gesagt wird, interessiert sie meist nicht. Aber durch offizielle Teilnahmerlaubnis behalten sie die Kontrolle über das Gesagte à la „Feind hört mit“.

Und warum heißt es nun Follower statt AnhängerInnen, AbonnentInnen, LeserInnen, InteressentInnen oder BeobachterInnen? Das weiß Twitter allein. Vielleicht erinnert Anhänger sie zu sehr an Schmuck oder Wohnwagen, Trailer - und signalisiert überdies eher Passivität als Dynamik.

Wie dem auch sei - ich werde mir das Wort „Follower“ für die LeserInnen meines Twitter-Hexikons gar nicht erst angewöhnen und lieber von AbonnentInnen sprechen, kurz von Abonnen (im Singular die/der Abonne). Erinnern sie nicht an die guten Bonnen, die unsere Urgroßmütter beim Spielen liebevoll im Auge behielten, als diese noch klein waren? Die Kategorie „Following“ (Seiten, die ich abonniert habe), würde entsprechend durch Abos ersetzt.

Diese kleidsamen Kreationen muss ich gleich mal ins Hexikon eintragen und in die Welt hinauszwitschern.
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Dank an Joey Horsley für prima Ideen und anregende Diskussionen zum Thema.


# | Luise F. Pusch am 21.08.2011 um 11:40 PM • Laut & LuiseGenderSocial Media15 Kommentare0 TrackbacksPermalink

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Hedwig Dohm