Kirche

23.02.2013

Auch wir wollen nicht mehr Papst sein!

Als vor bald acht Jahren mit Ratzinger alias Benedikt XVI. der erste deutsche Papst gewählt wurde, titelte die BILD-Zeitung euphorisch: „Wir sind Papst!“ Damit meinte BILD vermutlich „Wir Deutschen“, ähnlich wie wenn sie schreien „Wir sind Weltmeister!“ Aber mehr als die Hälfte der Deutschen, nämlich wir Frauen, gehören nicht zu diesem „Wir“, genau so wenig wie alle Nichtkatholiken.

Dass Frauen vom Papst- und vom Priesteramt ausgeschlossen sind, begründet die katholische Kirche bekanntlich damit, dass Jesus ein Mann war und deshalb nur männliche Stellvertreter haben könne. Jesus war aber auch ein Jude und starb mit 33. Nach dieser Logik dürften nur Juden unter 34 Papst oder Priester werden. Ein echter Stellvertreter müsste sich ans Kreuz nageln lassen, undsoweiter.

Jesus hat auch nicht gesagt: „Meine Aufgabe wird mir zu schwer; ich trete ab und verzichte auf den Tod am Kreuz. Der Nächste bitte!“ Deswegen hat die Kirche mit dem jetzigen Stellvertreter ganz schön zu knacksen. Die Stellvertreter-Doktrin wird angesägt, noch dazu vom Papst selber!

Außer seiner Männlichkeit hatte Jesus noch viele andere Eigenschaften. Z.B. war er ein Mensch. Hätte die Kath. Kirche sich diese Eigenschaft als definierend für das Priesteramt ausgesucht, wäre alles in Butter.

Da die Kath. Kirche sich hinsichtlich der Frage, wer Priester und Papst werden kann, auf die Männlichkeit versteift hat statt auf irgendeine der oben angeführten ebenso plausiblen oder unplausiblen Eigenschaften wie „jüdisch“ oder „jugendlich“ - müssen wir betrübt erkennen, dass sie vor allem anderen eine Institution zur Durchsetzung und Verteidigung der Männerherrschaft ist.

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Vor kurzem wurde in Emily Rooneys TV-Sendung „Greater Boston“ über den nächsten Papst diskutiert. Die Diskutierenden waren sichtlich infiziert vom „Wir-sind-Papst!“-Virus und machten sich Hoffnungen, dass es diesmal vielleicht ein US-Amerikaner werden könnte, der Allererste! Und vielleicht sogar einer aus Boston, nämlich Kardinal O’Malley. Man höre seinen Namen aus „informierten Kreisen“ in dieser Sache immer öfter.

Dann wurde O’Malleys Lob gesungen: Er sei einer, dem in Sachen Missbrauchsskandale, die gerade die Diözese Boston in schwersten Misskredit gebracht haben, partout nichts anzulasten sei. Mutig habe er sich für Buße, Offenlegung und Aufarbeitung innerhalb der Kirche eingesetzt. Oder so ähnlich; ich kann diese Geschichten nicht mehr hören.

Aufgemerkt habe ich allerdings dann bei folgender Anekdote über den tapferen Gottesmann O’Malley: Er habe ja zunächst abgelehnt, dass die Priester am Gründonnerstag die Fußwaschung auch an Frauen vornähmen. Als eine Frau sich aber beschwerte und auch vom Priester die Füße gewaschen haben wollte, habe er sie nicht barsch zurückgewiesen, sondern versprochen, er werde sich beim Heiligen Stuhl erkundigen, ob das erlaubt sei. Und siehe da, der Heilige Stuhl erlaubte es gnädiger- und ausnahmsweise, und so bekam denn auch diese Fußwaschungsbedürftige ihre Füße gewaschen.

Die Frau, die in Emily Rooneys Sendung strahlend davon erzählte, folgerte daraus, dass O’Malley für den Posten des Papstes wie geschaffen sei, denn er habe ein offenes Ohr, setze sich ein für seine Schäfchen und sei ein Mann des Fortschritts.

Ich konnte nicht glauben, was ich da alles zu hören bekam. Bis dahin dachte ich immer, die katholische Kirche ist zwar ein exklusiver Männerclub, aber zwischen weiblichen und männlichen Gläubigen machen sie keine Unterschiede (z.B. sind beide Geschlechter zum Abendmahl eingeladen). Wäre ja auch dumm von ihnen, denn ohne gläubige Katholikinnen wären die Kirchen fast leer.

Und von diesem Fußwaschungsritus am Gründonnerstag hatte ich sowieso noch nie was gehört. Ich bin evangelisch aufgewachsen, und in den Gottesdiensten meiner Kindheit wusch der Pastor niemandem die Füße.

Ich las dann in einigen katholischen Foren herum und stellte fest, dass es seit Jahren heftige Diskussionen darüber gibt, ob die Priester am Gründonnerstag auch Frauen die Füße waschen dürfen. Jesus wusch nach dem letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße zum Zeichen dessen, dass er zwar ihr Herr, aber zum Dienen gekommen sei. Und da er nur Männern die Füße gewaschen habe, dürften seine heutigen Stellvertreter auch nur Männern die Füße waschen. Wie die Kirche herausgefunden hat, dass Frauen beim Abendmahl eine Hostie bekommen dürfen, aber keine Fußwaschung, bleibt ihr Geheimnis.

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All diese Priester sind von Frauen geboren worden. Frauen haben ihnen den Hintern abgeputzt, sie gewindelt und ihre Scheiße entsorgt. Und jetzt wollen diese Schnösel uns nicht einmal die Füße waschen? - Ich finde, Frauen, die für Priester, Bischöfe und Kardinäle Reinigungsarbeiten erledigen, sollten diese Arbeiten ab sofort Männern überlassen.

Sollen sie doch alleine stubenrein und selig werden. Es gibt ja Frauen, die sich katholische Priesterinnen oder eine Frau auf dem Heiligen Stuhl wünschen. Die kleine Geschichte über den „fortschrittlichen“ Frauenfußwascher O’Malley sollte uns restlos klargemacht haben, dass Frauen für derartigen Stuhldrang keinen Grund haben.

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# | Luise F. Pusch am 23.02.2013 um 09:55 PM • Laut & LuiseKirche10 TrackbacksPermalink

12.08.2012

Die Entjunkerung

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenundfünfzigste Lektion.

Heute früh, ich lag noch im Halbschlaf, fiel mir Martin Luther ein. Wegen seiner Bibelübersetzung. Wir hatten nämlich vor ein paar Tagen mal wieder den „Letter to Dr. Laura [Schlessinger]“ zugeschickt bekommen, der seit dem Jahr 2000 im Internet kursiert. Darin stellt ein „Fan“ der homophobischen Laura Schlessinger, die wie viele ihresgleichen mit der Bibel argumentiert, eine Reihe interessanter Fragen, ebenfalls gestützt auf die Bibel. Zum Beispiel möchte er (oder sie), im Einklang mit der Bibel (Exodus 21:7), eine Tochter als Sklavin verkaufen und fragt, was heutzutage wohl ein angemessener Preis für sie wäre, undsoweiter. Im „Brief an Dr. Laura“ wird Homophobie, die sich auf die Bibel beruft, höchst vergnüglich ad absurdum geführt. Viel Spaß damit: http://www.snopes.com/politics/religion/drlaura.asp

Was fällt einer Deutschen beim Stichwort Bibel ein? Luthers Bibelübersetzung. Luther übersetzte die Bibel auf der Wartburg, wo er sich vor seinen Feinden versteckte. Er lebte und arbeitete dort incognito unter einem Decknamen. Wie war doch gleich sein Deckname, dachte ich im Halbschlaf vor mich hin. Mir fiel nur „Jungfer Jörg“ ein - aber das konnte ja wohl nicht stimmen. Ach ja - „Junker Jörg“ nannte er sich.

Junker geht zurück auf Jungherr und ist heute ähnlich veraltet wie Jungfer.

Aber noch immer lebendig, wenngleich überflüssig, sind die Wörter „entjungfern“,  „Entjungferung“, “Jungfernhäutchen” und “alte Jungfer”. Sie alle gehören eigentlich abgeschafft. Solange sie aber noch herumgeistern, brauchen sie männliche Pendants - und die habe ich heute früh im Halbschlaf gefunden.

Manchmal ist wegen dieser Lücke in unserem Wortschatz die Rede von einer „männlichen Jungfrau“ - wäre da nicht Junker das passendere Wort? Und solange Frauen noch „entjungfert“ werden können, brauchen wir auch das Pendant „entjunkern“: Ein Mann bzw. Junker wird entjunkert, wenn er das erste Mal Geschlechtsverkehr hat. Entjunkerungen sind - logischerweise - genau so häufig wie Entjungferungen. Aber bisher gab es kein Wort für sie, und das liegt an unserer patriarchalen Kultur. Dass eine Frau - in der Regel werden Junker ja durch Frauen entjunkert - am Status eines Mannes irgendetwas bewirken könnte, ist in dieser Kultur undenkbar und wird entsprechend behandelt: Es kommt gar nicht erst zur Sprache, und damit existiert es nicht.

Ob wir neben der „alten Jungfer“ auch den „alten Junker“ brauchen? Ich bin eher für die endgültige Abschaffung der „alten Jungfer“, aber für historische Romane und zu Verteidigungszwecken sollten wir den Begriff parat haben.

Früher oblag die Entjunkerung in der Regel dem weiblichen Dienstpersonal und den Prostituierten. Sie sollten die Junker „in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einführen“. Natürlich konnte von Liebe keine Rede sein, gemeint war Sexualität.

Der Status „Jungfrau“ war im Westen früher von ungeheurer Bedeutung, in vielen nichtwestlichen Gesellschaften ist er es bis heute. Die Frau soll „jungfräulich“ in die Ehe gehen. Will sagen, der Ehemann soll sichergehen können, dass er der Erstbenutzer seiner Braut ist. Das Patriarchat unternimmt unglaubliche Anstrengungen, um diese Doppelmoral aufrechtzuerhalten. Nicht mehr intakte „Jungfernhäutchen“ werden von Spezialisten aufwendig wieder repariert oder eingenäht, damit der Eheherr sie wieder durchstoßen kann. Mann geht nicht selten über Leichen, vgl. die sogenannten „Ehrenmorde“, die eigentlich „Schwesternmorde“ heißen sollten.

Schon um die Waage zu unseren Gunsten ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen, sollten wir bei jedem Vorkommen des Wortes „Entjungferung“ die Pendants „Junker“ und „Entjunkerung“ ins Gespräch bringen und zur Not darauf bestehen, dass der Mann „junkerlich“ in die Ehe zu gehen hat.

Die Frage, ob „Junker Jörg“ wirklich noch ein Junker war und vier Jahre später von seiner Ehefrau entjunkert wurde, ließ sich bisher nicht klären. Da er bis 1524, ein Jahr vor der Eheschließung, Mönch war, ist das aber nicht unwahrscheinlich. Wenn ja, heiratete die 26jährige Jungfer Katharina von Bora einen mit 41 Jahren schon fast uralten Junker. Dass die Entjunkerung trotzdem erfolgreich war, bezeugt die große Kinderschar des Ehepaars Luther.

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24.09.2011

Der Papst im Altweibersommer

Was für einen fraulichen Altweibersommer haben wir dies Jahr! Oder würde „altweiblich“ besser passen? Meine 86jährige Nachbarin rief mir im Treppenhaus zu:  „Herrliches Wetter heute! Diese schöne klare Luft! Ich war draußen, Sonne tanken.“ Also meinetwegen auch „herrlich“. Ich sagte zu ihr: „Ja, schöner Altweibersommer, das passt zu uns!“ Darauf sie: „Aber Sie sind doch noch so jung!“ Ich lachte und ging dann auch nach draußen, Altweibersonne tanken.

Warum heißt eine der schönsten Zeiten im Jahr „Altweibersommer“ - als wären alte Weiber in unserer Kultur nicht das Allerletzte? Dazu Wikipedia: 

[Ein] Zeitabschnitt gleichmäßiger Witterung im Spätjahr, oft im September, welcher sich durch ein Hochdruckgebiet, stabiles Wetter und ein warmes Ausklingen des Sommers auszeichnet. Das kurzzeitig trockenere Wetter erlaubt eine gute Fernsicht und intensiviert den Laubfall und die Laubverfärbung.
Der Name leitet sich von Spinnfäden her, mit denen junge Baldachinspinnen im Herbst durch die Luft segeln. Mit „weiben“ wurde im Althochdeutschen das Knüpfen der Spinnweben bezeichnet.

Wiktionary hält noch mehr Ideen zur Herkunft des Wortes parat: Folgende Möglichkeiten werden erwogen:

Das Wort wird seit dem 17. Jh. verwendet, die genaue Herkunft ist unklar.
Eine Möglichkeit ist, als Grundlage der Bezeichnung weiben = weben anzusehen und somit die Spinnweben in den Mittelpunkt zu stellen. Daran wäre schlicht die Jahreszeitbezeichnung Sommer angehängt und das ganze mit dem Adjektiv alt verbunden, um auszudrücken, dass es sich um einen späten, gewissermaßen alten Sommer handelt, der bald in den Herbst übergeht. Das Wort würde sich auf diese Weise als „alter Spinnweb-Sommer“ erklären.
Eine andere Möglichkeit ist, dass der Bestandteil -sommer hier nicht die Jahreszeit meint, sondern mit engl. gossamer verwandt ist, welches „Spinnweben“ bedeutet.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, an eine Übertragung von der (schlecht belegten) Bedeutung „zweite Jugend bei Frauen“ zu denken. So, wie diese „zweite Jugend“ verächtlich als kurzlebig und unzeitig gesehen wird, so ist auch der Spätsommer nicht von langer Dauer.

Das klang vor 35 Jahren im „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ des Duden-Verlags aber noch GANZ anders: Dort finden wir nach Altweibergeschwätz, Altweibergewäsch (törichtes, albernes Gerede), Altweiberklatsch (törichte, üble Nachrede), Altweiberknoten (laienhaft geknüpfter, nicht belastbarer Knoten), Altweibermärchen (unglaubwürdige, alberne Geschichte) schließlich auch den Altweibersommer mit folgender Definition: “(vielleicht nach dem Vergleich einer späten Liebe älterer Frauen): sonnige, warme Nachsommertage”.

Kein Wunder bei dermaßen gehässigen Definitionen des Wortbestandteils “Altweiber-”, dass eine 78jährige Bürgerin sich über den Ausdruck „Altweibersommer“ aufregte und den Deutschen Wetterdienst aufforderte, ihn nicht mehr zu verwenden. Aber ihre Klage wurde 1989 abgewiesen.

Heute würde ihr das Wort vielleicht sogar gefallen, wenn sie das freundliche, aufgeklärte Wiktionary heranziehen würde. Immerhin ist der Altweibersommer, wie gesagt, wohl die schönste Zeit des Jahres, und dass sie benannt ist nach der Gruppe mit dem schlechtesten Image, finde ich gut.

Bleibt noch die Frage zu klären, warum der Papst für seine Reise nach Deutschland den Altweibersommer wählte. Der Begriff passt gut zum fortgeschrittenen Alter des Papstes und anderer katholischer Würdenträger und zu ihren weiblichen Outfits - bei der Vigil in Freiburg saßen sie da alle aufgereiht wie alte Bäuerinnen im schönsten Sonntagsstaat. Aber Wikipedia verweist auf eine noch schlüssigere Antwort:

Da das Wetter im Altweibersommer für Freiluftveranstaltungen besonders günstig ist, wurde das Oktoberfest in München im Laufe der Zeit vom Anfangstermin Mitte Oktober zum Septemberende hin vorverschoben.

Als waschechter Bayer kennt Ratzinger sich aus. Und was fürs Oktoberfest gilt, gilt auch für seine Massen-Gottesdienste im Freien. Warum nicht beim nächsten Besuch beides einfach zusammenlegen? Statt des Messweins und der Oblaten zur Abwechslung mal eine Maß Bier und eine Brezn, der Papst im Papamobil auf dem Autoscooter, dann die Predigt hoch oben von der Achterbahn oder vom Riesenrad - das könnte eine Riesengaudi werden. Ein echt zeitgemäßes und supergeiles Crossover-Event, wenn schon die Ökumene nicht klappen will. 

Keine gute Idee? Macht ja nix. Ist eh nur Altweibergewäsch.

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# | Luise F. Pusch am 24.09.2011 um 08:19 PM • Laut & LuiseEtymologieJahreszeitenKircheKomische WörterWetter4 Kommentare1 TrackbacksPermalink

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Hedwig Dohm